Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.10.2018

Viel zu spät

Deutsches Haus
0

Keine Frage - dass die ersten Prozesse zu den Taten in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus, vor allem in Auschwitz in Bezug auf die Täter vor Ort - diejenigen, die vor Ort befahlen und ausführten ...

Keine Frage - dass die ersten Prozesse zu den Taten in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus, vor allem in Auschwitz in Bezug auf die Täter vor Ort - diejenigen, die vor Ort befahlen und ausführten - erst in den 1960er Jahren stattfanden, das war eine Verzögerung, die aus heutiger Sicht unentschuldbar ist

Zudem auch in diesen Prozessen Verurteilungen nur in recht geringem Umfang und oft mit niedrigem Strafmaß bzw. vorzeitiger Haftentlassung für nachweisliche Folterer, Mörder und Ausführer brutalster sogenannter medizinischer Experimente erfolgten - auch dies wieder aus der Sicht des heutigen politisch und sozial interessierten Menschen vollkommen unverständlich.

In ihrem Roman "Deutsches Haus" beschäftigt sich Annette Hess mit genau diesem Thema und zwar auf eine Art und Weise, die für die meisten Leser sehr gut nachvollziehbar sein dürfte: indem sie mit der jungen Eva Bruhns, die als Dolmetscherin für Polnisch in die Prozesse eingebunden wird, eine Protagonistin wählt, die sich genau wie der Leser in dieses Thema einfinden muss. Und es trifft sie wie ein Schlag - ebenso wie ich als Leserin ist sie vollkommen schockiert von all den Grausamkeiten, die den Lagerinsassen dort widerfahren sind, wobei ich ihr sogar einiges voraus habe: ich setze mich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema auseinander, Eva hingegen wusste kaum etwas über die Grausamkeiten in den Lagern. Und sie ist überzeugt, dass das unbedingt geändert werden muss.

Warum aber ist Jürgen, ihr Zukünftiger, bald ihr Verlobter, so distanziert, wenn es um dieses Thema geht? Und warum will er nicht verstehen, dass sie als Ehefrau weiterarbeiten will? Hat das eine mit dem anderen zu tun?

Und auch Evas Eltern, die in Frankfurt eine sehr beliebte Gastwirtschaft betreiben, blocken ab, sobald es um dieses Thema geht.

Ein wichtiges und schmerzhaftes, aber auch spannendes Thema, mit dem man locker einen Roman füllen kann, zumal es immer noch jede Menge darüber herauszufinden, zu analysieren und zu berichten gibt.

Warum also die vielen Nebenschauplätze, denen sich der Leser stellen muss? Und die teilweise - bspw. wenn es um das Schicksal von Evas älterer Schwester Annegret geht - so gar nichts mit der maßgeblichen Thematik zu tun haben? Mich haben sie durchaus gestört, ich hätte mich sehr gefreut über ein tieferes Eintauchen in den Prozess an sich und das direkte Drumherum.

Und ich muss sagen, obwohl viele wichtige Informationen transportiert werden, die Recherche auf jeden Fall eine tiefgreifende ist, obwohl auch die Botschaft eine besonders dringliche ist, kommt sie für mich längst nicht stark genug hinüber, was sicher zum Teil daran liegt, dass es dem Roman an Sprachgewalt fehlt. Kein Satz, keine Szene, die mir in seiner bzw. ihrer Gesamtheit im Gedächtnis haften bleibt.

Ein vielversprechender Roman, der sich ein wenig selbst ausknockt Ich habe auch einigen logischen Zusammenhängen nicht so ganz folgen können. Trotzdem hat sich die Lektüre gelohnt, vor allem in informativer Hinsicht. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl bei mir zurück: definitiv wurde nicht das ganze Potential ausgeschöpft. Längst nicht. Ich finde das ein bisschen schade.

Veröffentlicht am 14.09.2018

Köln wird aufgedeckt

Feinde
0

Und zwar schonungslos. Zumindest sollte das so sein, so mein Eindruck von diesem sozialkritischen gradlinigem Krimi - ein Thriller ist es definitiv nicht. Doch dazu später:

Die Ermittler Can und Simone: ...

Und zwar schonungslos. Zumindest sollte das so sein, so mein Eindruck von diesem sozialkritischen gradlinigem Krimi - ein Thriller ist es definitiv nicht. Doch dazu später:

Die Ermittler Can und Simone: er mit Migrationshintergrund, sie: lesbisch und egozentrisch, ermitteln in einem Doppelmord - es werden die Leichen zweier Männer gefunden, alles deutet darauf hin, dass es Roma aus Rumänien oder Bulgarien sind.

Zu Beginn kam es mir teilweise vor, als ob es in dieser Reihe schon einen Vorgängerband gegeben hätte, so zögerlich erfolgte die Einführung des gesamten Settings, also der Figuren und ihres Umfelds.

Erzählt wird durchgehend aus Cans Sicht, dem ich mich schon durch die ständigen Probleme mit Migräne sehr verbunden fühlte. Allerdings hilft Ibuprofen kaum gegen so starke und chronische Kopfschmerzen und sollte allein deswegen schon nicht ständig erwähnt werden. Wobei dies jedoch der einzige Punkt war, in dem die Autorin Susanne Saygin nicht akribisch recherchiert hatte.

Dieser Regional-Krimi - dies ist aus meiner Sicht die treffendste Bezeichnung, wenn man dem Kind einen Namen bzw. das Buch in ein Genre packen will - zeigt zweifellos viele Zu- und auch Missstände meiner Heimatstadt Köln auf, ebenso schwelgt er jedoch in Klischees. Der Kölner Klüngel, die multikulturelle Gesellschaft in verschiedenen Stadtteilen - das sind nur zwei Beispiele für Themen, die aus meiner Sicht zu einseitig dargestellt werden.

Ich finde es auch schade, dass die Autorin mit erfundenen Bezeichnungen arbeitet - der Fußballverein, die Zeitung: alle trägt ein Pseudonym bzw. einen fiktiven Titel. Schade, finde ich, denn gerade dieser Wiedererkennungswert ist es, den ich bei Regionalkrimis so schätze! So habe ich bspw. bei meinem Urlaub in Ostfriesland gleich einige der Lokalitäten aufsuchen können, die der Autor Klaus-Peter Wolff erwähnt. Möglicherweise hat es mit gewissen Urheberrechten etc. zu tun, ich finde es dennoch extrem schade, da es genügend Beispiele dafür gibt, dass es auch anders geht.

Daher wird nicht so ganz was aus der schonungslosen Aufdeckung aller Belange, die ich aufgrund des Beginns eigentlich erwartet hatte. Dennoch ist dies insgesamt ein durchaus facettenreicher und faszinierender Krimi, der sich aber vor allem aber der Mitte so ziemlich verliert - es gibt keinen richtigen roten Faden mehr und etliche Erzählstränge werden nicht abgearbeitet, was meine Vorfreude auf einen möglichen Nachfolger allerdings nur wenig schmälert.

Veröffentlicht am 05.09.2018

Schmetterlinge können nicht weinen

Der Schmetterling
0

drum wein` auch du nicht mehr um den Einen
heißt es in einem uralten Schlager. Hier ist der Schmetterling ein Rätsel, einer, der vor Jahren jahrelang Geld überwiesen hat an Henna, eine junge Frau, die ...

drum wein` auch du nicht mehr um den Einen
heißt es in einem uralten Schlager. Hier ist der Schmetterling ein Rätsel, einer, der vor Jahren jahrelang Geld überwiesen hat an Henna, eine junge Frau, die brutal ermordet wurde. Eine junge Frau, die ein Leben auf der Sonnenseite führte, mit Mans Sandin, einem erfolgreichen Fussballer verheiratet war und mit ihm zwei Kinder hatte. Gerade hatte Mans seine Karriere beendet und die Familie war aus Florenz, wo er unter Vertrag stand, nach Hudinge in Schweden, Mans`Heimatstadt, zurückgezogen.

Doch wer konnte Henna so übel mitspielen? Die Ermittlungen leitet Johan Rokka, gerade erst aus Stockholm in seine Heimatstadt zurückgekehrt, der Mans noch aus Jugendtagen kennt - sie haben sogar gemeinsam Fussball gespielt. Wie viele andere auch.

Die Ermittlungen führen Rokka, wie er von allen genannt wird, nach Italien, doch dann stirbt in Hudiksvall eine weitere Person, ein Mann, den Rokka ebenfalls von früher kennt. Es ist zweifellos ebenfalls Mord, doch stehen die beiden brutalen Taten, die sich so kurz hintereinander in einem ansonsten friedlichen Ort ereigneten, in irgendeinem Zusammenhang?

Ein spannendes Sujet, ohne Frage! Meine Lesefreude wurde ein wenig getrübt durch die überbordende Lebenslust von Ermittler Rokka und einigen seiner Gefährten. Man könnte auch sagen: die Darstellung ihrer kernigen Männlichkeit. Und das aus der Feder einer Frau...

Dieser Krimi hat so gar nichts von der aus skandinavischen Krimis bekannten subtilen Melancholie und auch zu wenig von deren üblicher Tiefsinnigkeit. Weit entfernt von Mankell und Nesser, aber auch von Läckberg und Sten, was ja eigentlich kein Minuspunkt sein muss. Doch ich empfand sowohl die Ermittlungen als auch das Drumherum oftmals doch als etwas oberflächlich, ja leichtfertig.

Was den Krimi letztendlich für mich gerettet hat, war die spannende Auflösung - auch wenn ein Aspekt aus meiner Sicht sehr absehbar war Aber es war eben nur einer von mehreren.

Ich werde es aber sicher mit der Autorin Gabriela Ullberg Westin, deren Erstling zumindest in deutscher Sprache dies ist, zumindest ein weiteres Mal aufnehmen, Potential ist auf jeden Fall in großer Menge vorhanden!

Veröffentlicht am 01.09.2018

Wie ein Hirte nach Versailles kommt

Königskinder
0

Jedenfalls fast - das beschreibt Alex Capus in seinem Roman "Königskinder". Natürlich geht es darin auch um eine Liebe und - wie es eben auch im bekannten Volkslied der Fall ist - um Hindernisse, die sich ...

Jedenfalls fast - das beschreibt Alex Capus in seinem Roman "Königskinder". Natürlich geht es darin auch um eine Liebe und - wie es eben auch im bekannten Volkslied der Fall ist - um Hindernisse, die sich ihrer Liebe in den Weg stellen.

Wir befinden uns in der Schweiz im ausgehenden 18. Jahrhundert: Jacob, ein armer Hirtenjunge im Schweizer Gebirge und Marie, Tochter eines - zumindest im Vergleich - wohlhabenden Bauern erliegen einander quasi auf den ersten Blick, aber der Vater des Mädchens tut alles Menschenmögliche, um diese Liaison zu verhindern. Und wie es damals so in solchen Fällen häufig geschah, zieht Jakob davon und wird Soldat, um als gemachter Mann wiederzukehren - allerdings nur für kurze Zeit, denn dann ruft Versailles, bzw. dessen "Vorgarten" Montreuil, wo Elisabeth, des Königs Schwester eine Art Modellbauernhof betreibt. Und Jakob darf wieder Hirte sein, wenn auch fern von zu Hause - und von Marie. Wird er sein "Hemvé"; so nennen die Franzosen Heimweh, ein Wort, das es in ihrer Sprache nicht gibt - überwinden können? Trotz der nahenden Revolution, denn inzwischen schreiben wir das Jahr 1789?

Allerdings ist dies eine Geschichte in einer Geschichte: Max erzählt sie seiner Frau Tina, während sie mit dem Auto während eines Schneesturms in den Bergen steckengeblieben sind. Er besteht darauf, dass sie wahr ist, was seine Frau ihm nicht ganz abnehmen will.

Ein schön geschriebener Roman, dessen Botschaft sich mir aber nicht so ganz erschließen will? Was bezweckt Max mit dieser Geschichte von Jakob und Marie? Und verändert sie, verändert diese Nacht im Schnee etwas in seinem und Tinas Leben? Oder warum erzählt er ihr diese Geschichte, erzählt Alex Capus sie uns? Auch wenn er sich ganz nett und unterhaltsam liest, ist dieser Roman aus meiner Sicht wenig zielorientiert in jeder Hinsicht und eine klare Empfehlung kann ich mir - obwohl eigentlicht Capus-Fan - nicht abringen.

Veröffentlicht am 31.07.2018

Ungewöhnlich

Vier Tage in Kabul
0

ist die Protagonistin dieses Thrillers, Kriminalkommissarin Amanda Lundh. Gut, können Sie sagen, Kommissarinnen gibt es in der Spannungsliteratur noch und nöcher und gerade die skandinavischen, bzw. schwedischen, ...

ist die Protagonistin dieses Thrillers, Kriminalkommissarin Amanda Lundh. Gut, können Sie sagen, Kommissarinnen gibt es in der Spannungsliteratur noch und nöcher und gerade die skandinavischen, bzw. schwedischen, geben sich quasi die Klinke in die Hand. Da muss es schon ganz besondere Alleinstellungsmerkmale geben, um aufzufallen. Das ist hier unbedingt der Fall, denn Amanda Lundh fungiert als Unterhändlerin der schwedischen Regierung in Kabul, Afghanistan.

Obwohl sie in der Regel einem Tagesgeschäft nachgeht und mit der Ausbildung lokaler Sicherheitskräfte beschäftigt ist, ist dies ohne Frage eine besonders brisante Position also und diese Brisanz nimmt noch zu als zwei schwedische Diplomaten vermisst werden - es wird eine Entführung vermutet.

Nun ja, Amanda gerät schnell ins Kreuzfeuer der politischen Mächte und die ganze Geschichte könnte sehr spannend und fesselnd werden - so ist es aber nicht, jedenfalls aus meiner Sicht. Wobei ich gestehen muss, dass Politthriller schon einiges auffahren müssen, um mich dauerhaft begeistern oder zumindest ansprechen zu können und das ist hier definitiv nicht der Fall. Irgendwie war mir der Fall nicht knackig genug, um dauerhaft am Ball zu bleiben mit der Lektüre und so kam ich immer wieder raus und musste mich wieder einlesen.

Nein, ich hatte definitiv keinen Spaß an dieser Lektüre, die aus meiner Sicht auch nicht in einem sonderlich eindringlichen Stil verfasst wurde. Außer der beruflichen Ausrichtung von Amanda gibt es wenig, was mich dazu bringt, mir ein farbiges Bild von ihr als Person auszumalen. Dazu muss gesagt werden, dass ich es gerne mag, wenn das auch das Privatleben der Ermittler eine Rolle spielt, zumindest am Rande. Hier ist es so sehr an den Rand gedrückt, dass es kaum auffällt. Auch wenn es durchaus ab und zu interessant und sogar spannend wurde: Inhaltlich, aber auch stilistisch hat es mich so wenig gepackt, dass ich froh war, als meine persönlichen "Vier Tage in Kabul" endlich ein Ende fanden. Diesen Thriller kann ich daher auch nicht weiterempfehlen.