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Veröffentlicht am 06.05.2019

Debüt mit Tiefgang

Wenn ich blinzle wird es besser
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Erzählbände sind eigentlich immer etwas tolles, wenn man nicht so viel Zeit hat oder einfach nur kurz vor dem Schlafengehen noch etwas lesen möchte. Christoph Strolzs Buch "Wenn ich blinzle wird es besser" ...

Erzählbände sind eigentlich immer etwas tolles, wenn man nicht so viel Zeit hat oder einfach nur kurz vor dem Schlafengehen noch etwas lesen möchte. Christoph Strolzs Buch "Wenn ich blinzle wird es besser" wäre dafür so ein optimaler Kandidat, wenn er nicht so herausfordernd wäre. Und das meine ich in diesem Fall überhaupt nicht negativ, denn ich hatte mit diesem schmalen Buch eine recht intensivere Leseerfahrung.
So geht es zum Beispiel um einen Fotografen, der bereits Madonna porträtiert hat und nun Promo-Aufnahmen von Tailor Swift macht. Eigentlich sollte dies für ihn nun kein Problem sein und doch steckt der Teufel im Detail. Sein Eindruck und Wille das perfekte Bild, das seinen Vorstellungen entspricht, abzuliefern, treibt ihn vor allem in der Nachbearbeitung weit über die Deadline hinaus. Er stellt so beinahe alles was er an ihr sieht infrage und versucht nun krampfhaft das digitale Abbild einer perfekten haut zu erzeugen. "Wenn ich blinzle wird es besser" sagt er sich und irgendwie hat damit dann auch Recht. An anderer Stelle beobachtet ein Mann mit Kamera die Bewohner des gegenüberliegenden Hauses. Er will scheinbar Emotionen einfangen um sie Mara zeigen. Mara ist ans Bett gefesselt und scheint auch außerhalb dessen kein Leben zu haben. Niemand im Haus hat sie bisher bemerkt. Es ist eine Welt zwischen dem Gesehenen und dem Eigentlichen. Und so geht es dann auch andererorts um Lüge und Wahrheit, gar Krankheit oder eine Frau, die plötzlich Schlangengesichter um sich herum sieht und alles hinterfragt oder um eine Putzfrau, den Bus und den Schnee oder...



Ich würde nun lügen, wenn ich sagen würde, diese Geschichten hätten mir außerordentlich gut gefallen... Zu sehr stellten sie nämlich meine Zweifel an der oberflächlichen Realität und der eigenen Beobachtung in den Vordergrund. Das liegt nun nicht am Geschriebenen selbst, denn Christoph Strolz verpackt hier viele Gedanken auf eine recht angenehme und doch eher anspruchsvolle Art. Das hier ist kein Buch für eine Nebenbeiunterhaltung, in ihm steckt nämlich viel, viel mehr. Zumindest hat er es bei mir mit jeder einzelnen Geschichte geschafft den Schein der heutigen Welt infrage zu stellen. Wie viel Perfektion und Wunsch wäre noch gerechtfertigt? Was ist Trug und was ist die Wahrheit der eigenen Gedanken und Wahrnehmung? Vielleicht erinnert es auch einfach nur mich an den steigenden Leistungsdruck, persönlich wirre Gedanken und die eigene Wirkung auf quasi Außenstehende. Jede Erzählung steht für sich selbst, hat eine komplett andere Ausgangslage und doch finde ich sie insgesamt so sehr harmonisch.

Veröffentlicht am 23.09.2018

Wenn andere die Welt bedeuten

Mit der Faust in die Welt schlagen
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“Mit der Faust in die Welt schlagen” – ein Roman der aktueller nicht sein könnte und irgendwie den Kopf auf den Nagel trifft, ohne die großen nazistisch, fremdenfeindlichen Aufmärsche zu fokussieren. Lukas ...

“Mit der Faust in die Welt schlagen” – ein Roman der aktueller nicht sein könnte und irgendwie den Kopf auf den Nagel trifft, ohne die großen nazistisch, fremdenfeindlichen Aufmärsche zu fokussieren. Lukas Rietzschel setzt nämlich früher an. Die Kindheit. Das Aufwachsen. Das Hineinwachsen am Rande von Spaß und Unverständnis.


“Tobi wachte auf und ging zum Schreibtisch, wo er sich einen kleinen Zettel nahm. Er malte einen Panzer, wie er sich einen Panzer vorstellte, und ließ ihn durch eine rote Pfütze fahren. Er schrieb mit dem selben roten Stift >Krieg< darüber. Daneben ein Fragezeichen.”

Eine Provinz in Sachsen, deren Schicksal eigentlich schon nach der Wende klar wurde. Menschen, die sich scheinbar verlassen und im Stich gelassen fühlen. Während die letzten industriellen Werke der DDR schließen, entwickelt sich auch bei den Menschen nach und nach eine Angst vor dem Verlust und der Perspektivlosigkeit. Wir begleiten zunächst eine Familie bei ihrem Hausbau, der vermeintlich für ein besseres Leben stehen soll. Doch schon während der Schulzeit scheinen Philipp und Tobias nach und nach abzudriften und immer mehr mit rechten Meinungen konfrontiert zu werden. Ihr Umgang wird fraglicher, auch wenn es ihnen anfangs vieles noch nicht so bewusst oder mehr wie Spaß erscheint. “Ich bin kein Nazi […] Ich auch nicht […] und Menzel, Ramon und die anderen auch nicht.” Doch als die Situation sich zuspitzt und ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, zeigt die Wut ganz andere Richtungen und der Ton wird rauer. Während Philipp sich zurückzieht, sucht Tobias nach dem Ventil für seine Wut und um ihn herum fällt scheinbar alles zusammen.


“Und jetzt stell dir mal vor, diese sogenannten Menschen werden Lehrer oder Ärzte oder Politiker. Kannst du dir das vorstellen? Weißt du, wie Deutschland dann aussieht? Wie sie uns behandeln werden? Wir wurden alleingelassen. Seit Jahren schon”

Lukas Rietzschel schafft es mit seinem Roman ein großes Feld an Gedanken und Ursprünglichkeiten hervorzurufen und genau das finde ich beinahe großartig, denn heutzutage geht es oftmals hauptsächlich um die Verurteilung der “Fremdenhasser”, statt um den Ursprung ihres Gedankenguts oder Verhaltens. Der Ursprung liegt nämlich oftmals in der Erziehung, der Verdrängung, den Vorurteilen, der Verharmlosung und der Egalität. Und dennoch ist grade dies das fatale an dieser Einstellung. Aus Spaß wird schnell Ernst und aus einzelnen Gedanken und Wut ein großer Schwall an rechtem Gedankengut, das man nicht einfach so ignorieren oder löschen kann. Und gerade dies wächst von unten, langsam, bis das Licht an der Oberfläche das verheerende Ausmaß des Ganzen verdeutlicht. Früher wie heute. Und Schuld? Ja, schuld sind immer die anderen.
Dieser Roman greift für mich einzelne entscheidende Punkte hinter der Oberfläche auf. Leicht distanziert und trotzdem sehr treffend in einem Konstrukt aus Trostlosigkeit und der Suche nach einem Ausweg und der Hoffnung. Sprachlich sehr fein und klar thematisiert und dennoch recht emotional ergreifend. Zumindest ich war beim Lesen häufiger wütend, genervt oder saß unverstehend da, auf der Suche nach dem Sinn und vergleichend mit meinen Gedanken zur heutigen Situation. Alles in allem ein spannendes Buch, in dem nun auf den ersten Blick keine weltbewegenden Szenen vorherrschen oder leicht unterhaltend präsentiert werden, aber dafür weitreichend in den Gedanken nachhallen und weitere Gedanken und etwas Verständnis schaffen.


“Diese Gesellschaft, wo niemand mehr sagen kann, was er will. Wo dir vorgeschrieben wird, was du essen, wie viel du trinken und wie schnell du fahren darfst. Du bist ein Rassist, du bist ein Sexist! Die sollen alle mal die Fresse halten!”

Veröffentlicht am 18.09.2018

"Heimat und Familie" ist mehr als ein Gefühl, es geht durch den Magen und begleitet uns das ganze Jahr

Heimat im Glas
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Wenn ich an Heimat denke, denke ich nicht nur an die ländliche Idylle, den Geruch nach Kuh und an Felder so weit das Auge reicht, sondern auch an die Familie und mit ihnen an die jährliche Gartenarbeit ...

Wenn ich an Heimat denke, denke ich nicht nur an die ländliche Idylle, den Geruch nach Kuh und an Felder so weit das Auge reicht, sondern auch an die Familie und mit ihnen an die jährliche Gartenarbeit und deren Erzeugnisse. Früher war es beinahe Standard am Wochenende Oma und Opa zu besuchen und im Garten zu helfen, etwas zu ernten oder eben auch Geerntetes zu essen. Gurken, Bohnen, Erbsen, Erdbeeren, Kirschen ... Nur was macht man damit, wenn alles zeitgleich reif wird? So fix kann man nun mal Bohnen und Erbsen oder gar den ganzen Kirschbaum nicht leer essen. Genau man verarbeitet alles. Natürlich kann man hierzu auch gerade wenn Saison ist, alles regional und günstig einkaufen und dieses dann einfrieren, einwecken, verarbeiten und genießen. Nun erschien vor kurzem das Buch "Heimat im Glas" von Daniela Wattenbach, ein Buch auf das ich mich wirklich schon länger gefreut habe.

"Hagebuttensenf, Gänseblümchengelee, Johanni-Nüsse und Fränkische Oliven aus Schlehen" - traditionelle Rezepte neu wiederbelebt.

Ich muss zugeben ich bin nicht der große Küchen-Koch-und-Backfan. Dennoch ist dies mal wieder ein Buch, das in die Richtung Regionalität, gesundes Essen und den bewussten Umgang mit heimischen Erträgen geht. Denn unsere Region und insbesondere die Natur hat so viel zu bieten, was oftmals ungenutzt zurück bleibt und gerade weil dies weder großartig eingeflogen, verpackt oder sonstwie daherkommt, sollten wir dem Regionalen auch wieder mehr Beachtung schenken.

"Heimat im Glas - Vergessene Köstlichkeiten" ist zunächst ein Buch fürs ganze Jahr. Jede Jahreszeit bringt ihres mit sich und gestaltet auch so unsere Ernährung recht bunt. Ich freue mich z.B. aktuell jedes Jahr auf die Kürbis und Steckrübenzeit, auch Spargel finde ich großartig oder die ersten, noch süßen Möhren und Kartoffeln... Mmh. Und wer nun sagt, er könne gerade mit solchen saisonalem Kram nichts anfangen, den kann ich beruhigen, es ist einmal wirklich Angewohnheit und das Essensverhalten ist einem ständigen Wandel unterzogen und dieses Buch bietet viel mehr Ideen, als das klassische Einlegen von Gurken. So erwarten den Leser z.B. im Frühling neben Pesto, Bärlauch, Löwenzahn auch Holunderrezepte, die ich sonst nur von meiner Oma kenne. Im Sommer natürlich Spargel, Früchten, Gurken, Bohnen und Tomaten. Der Herbst mit seinen Birnen, Äpfeln, Quitten, Kürbis, Kohl und Heckenbeeren wartet förmlich aktuell darauf abgeerntet und verarbeitet zu werden. Und zu guter letzt der Winter, in dem Honig oder Lebkuchen nicht fehlen dürfen.
Aber es geht in diesem Buch, finde ich nicht nur um die Rezepte als solches. Zu jeder Jahreszeit gibt es so noch einmal eine kleine Übersicht und kleine persönliche Geschichten. Ich schätze sehr die persönliche Note die hier drinsteckt. Daniela bringt auf diesen wirklich schön gestalteten Seiten ein gewisses Heimat- und Daheimgefühl rüber, das nicht nur beim Lesen spürbar wird, sondern auch in den Rezepten als solches. Ich kann dabei immer nur wieder mit meiner Familie vergleichen, wie jährlich an bestimmten Tagen Marmelade gekocht, geerntet und alles mögliche verarbeitet wird.
Es sind auch nicht diese Sternekochrezepte, sondern liebevolle, von Generation zu Generation weitervererbte und verbesserte Rezepte, die zwar auch Aufwand machen, aber langfristig haltbar Freude bereiten. Heutzutage bekommt alles, was selbst gemacht und ohne Konservierungsstoffe und Färbemittel daherkommt eine ganz besondere Note und gerade dies sollten wir nach und nach wiederentdecken und so möchte ich hier auch dieses Buch gerne weiterempfehlen. Für alle Gartenliebhaber, Naturmenschen oder die, die es werden wollen, ist dies eine Kochbuch-Empfehlung die von Herzen kommt.

"Heimatgefühl, Natürlichkeit, Erinnerungen an die Kindheit - darum geht es in diesem Buch. Und vor allem geht es ums leidenschaftliche Sammeln der "Zutaten" und ums Selber(ein)machen."

Allerdings wäre ich nicht ich, wenn ich nicht auch was zu mäkeln hätte. Vielleicht aber auch nur, weil unser Garten früher einfach viel viel größer, als so eine kleine Stadtgartenparzelle, war. Für mich fehlen hier einfach Rezepte für Heidelbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren, weiteres für Gurken oder mal ein Rhabarberrezept. Natürlich geht es hier nur um einen Ausschnitt und sicherlich macht es kaum einen Unterschied welche Beeren nun für etwas genutzt werden, dennoch sind das so klassische Produkte, die ich hier so ein bisschen vermisse und die sicherlich auch in jeder Familie früher und teilweise auch noch heute Anklang gefunden haben.

Veröffentlicht am 24.07.2018

Ida - ein Buch, eine Geschichte, ein Lebensroman

Ida
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Dora, wie Sigmund Freud sie in seiner Hysterie-Analyse betitelte, gilt als eine der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts. Vielleicht weil gerade dieser Fall für die damalige Zeit so überraschend ...

Dora, wie Sigmund Freud sie in seiner Hysterie-Analyse betitelte, gilt als eine der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts. Vielleicht weil gerade dieser Fall für die damalige Zeit so überraschend anders war und für sehr viel Faszination und Aufmerksamkeit sorgte. Vielleicht aber auch, weil Doras Leben nicht gerade einfach war.

Katharina Adler widmet nun der Geschichte ihrer jüdischen Urgroßmutter Ida Adler einen Roman, der das Leben einer ganz besonderen Frau porträtiert. Aufgrund ihrer als Kind unerklärlichen, ständigen Erkrankungen, schickten sie ihre Eltern zu dem damals hoch gelobten Sigmund Freud auf Kur. Alle anderen Ärzte konnten ihr einfach nicht helfen, ihre immer wieder aussetzende Stimme und andere Probleme zu heilen. Freud stellte mit seiner Psychoanalyse für die damalige Zeit einen neuartigen, vielversprechenden Ansatz dar...

"Sie musste sich anhören, wie er ihr unterstellte, sie halte wegen des Papas alle Männer für geschlechtskrank, also auch den Herrn Zellenka, und bringe damit wiederum ihren Ausfluss in Verbindung." "Ob Schachtel oder Schlüssel, alles wurde ihm zum Genital. Und der Bahnhof diene dem >Verkehre<."

Aufgrund dieser dann doch recht fraglichen Therapiemethode war Ida, alias Dora, dann auch die erste, die eine Kur bei Freud abgebrochen hat. Aus dem jungen, eher pflichtbewussten, und artigen Mädchen, wird eine sehr unbequeme, mutige Frau. Sie wird Anhängrin der sozialistischen Partei, wird Ehefrau und Mutter und eröffnet ihre eigene Bridge-Stube und muss aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln und Parteizugehörigkeit nicht nur einmal die Flucht antreten.

"'Glaub mir', Ida hob die Hand vors Gesicht, 'wenn ich etwas die letzten Jahre gelernt habe, dann, wie man sich unsichtbar macht.'"

Am Ende muss ich nun leider sagen, dass ich gar nicht so genau weiß, was ich zu diesem Buch eigentlich noch sagen soll. Aufgrund des Klappentextes hatte ich eine sehr intensive Auseinandersetzung mit der Freudschen Theorie, fernab, des fachlichen "Blablablas" seiner selbst, erwartet. (Wer selbst schon einmal in den Genuss einer Psychotherapie gekommen ist oder sich sogar mit Freud und seinen Theorien beschäftigt hat, weiß vielleicht was ich meine.) Ida, die bekannte Frau, die als eine der wenigen, die vorzeitig eine Kur bei Freud beendete und danach ihr Leben entdeckt... Naja, ganz so war es dann irgendwie doch nicht. Das Hauptaugenmerk lag dann auf viel mehr und zeigte einen viel größeren Ausschnitt aus ihrem Leben - von Kindheit über Freud, dem Sozialismus bis hin zu ihrer Flucht in die USA. Dieses dabei Tagebuchartige ohne direkt Tagebucheinträge zu enthalten gefiel mir sehr. Es sind Lebensphasen von 1892 bis 1945, die hier in einem faszinierenden Wechsel das Leben der Ida Adler mit ihren Höhen und Tiefen darstellen. "Ida ist ein Plädoyer für die Wahrheit der Empfindung und die Vielfalt ihrer Versionen, ein [...] Lebensroman, in den sich ein halbes Jahrhundert mit seinen Verwerfungen eingeschrieben hat.", heißt es und umso länger ich darüber nachdenke, umso mehr fasst es diesen Roman ganz gut zusammen. Für Menschen mit Historien/Freud/Biografie-Faible sicherlich ein nettes Buch, aber allen, die hier einen emotional mitreißenden Roman erwarten, würde ich eher davon abraten.

"Wo geht es zum Ausgang, zum Ausgang müssen wir, oder gibt es nur einen Eingang, einen Eingang, aus dem wir hinausmüssen?"

Veröffentlicht am 05.03.2018

Zwischen Austern und Realität

Kühn hat Ärger
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"Achtsam ist das neue Nachhaltig. Vater holt Glas. Sohn holt Geschenk, beide werden später die Mutter streicheln. Es ist ein großes Gekuschel und Geschmuse hier. Komische Menschen. Oder sollte es vielleicht ...

"Achtsam ist das neue Nachhaltig. Vater holt Glas. Sohn holt Geschenk, beide werden später die Mutter streicheln. Es ist ein großes Gekuschel und Geschmuse hier. Komische Menschen. Oder sollte es vielleicht so sein? Anderswo schlafen die Frauen im Wohnzimmer auf der Couch, und die Nachbarn erpressen Supermärkte."

Martin Kühn, der sich gerade erst von einem Burn-out erholt hat, stellt sich auf dem Polizeirevier und auch im normalen Leben neuen Herausforderungen. Es könnte alles so schön sein, doch irgendwie zieht er die Probleme einfach nur an. Sein Haus steht auf verseuchtem Boden, eine mögliche Beförderung mit mehreren Mitstreitern, ein nerviger Arzttermin, seine Frau verheimlicht ihm irgendwas und in seiner Nachbarschaft geht irgendwas vor sich. Ein Mordfall bringt ihn dann auch noch in die wohlhabenden Gegenden Münchens, wo alles so toll zu sein scheint und auch noch die Limonade besser schmeckt als zu Hause. Kühn hat es nicht leicht zwischen all jenem einen kühlen Kopf zu bewahren, seine Ehe zu retten und den Mordfall zu lösen.

"Eilmeldung! Offenbar wurde heute Nacht in München ein krimineller Flüchtling von aufmerksamen Mitbürgern verurteilt und gerichtet."

Mit "Kühn hat Ärger" erscheint Jan Weilers zweiter Roman um den eher einfachen und bodenständigen Kommissar Martin Kühn. Was ich an diesem Roman mag? Jan Weiler beschäftigt sich hier neben dem Hauptplot mit zahlreichen gegenwärtigen Themen, mit scheinbarer Wohltätigkeit, Rassismus, Karieredruck und einer Menge unvorhersehbarer Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt. Ein Krimi in Romanform, mit viel persönlicher Charakterentwicklung macht dieses Buch so leicht, spannend, menschlich und anders. Kein anderer Roman greift aktuelle Themen in dieser unterhaltenden, hinterfragenden und kritisierenden Form so auf wie dieser. Jan Weiler schafft es die Gesellschaft anzukreiden, ohne dies in den Vordergrund zu stellen.
Tiefgründige Literaten und Gesellschaftskritiker wären mit diesem Buch falsch beraten, aber so für zwischendrin kam dieses Buch für mich genau richtig. Der einzige Minuspunkt, den ich zu vergeben hätte, wäre der Mordfall, dessen Auflösung recht schnell vorhersehbar und für mich am Ende doch etwas zu stark in die Länge gezogen wurde.

"Bei Tageslicht betrachte, ist es niemals langweilig, selbst wenn nichts geschieht. Denn es besteht immer die Möglichkeit, es könne etwas geschehen."