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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.10.2018

Das ist dann wohl Kunst, weil nämlich Kunst ist, wenn es einer sagt, dass es Kunst ist

Wiener Straße
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Anfang der 80er Jahre in Kreuzberg: Wohin man schaut, besetzte Häuser; es herrscht ein Hauch von Anarchie. Man träumt von einem anderen Land: Weg vom Kommerz und einem unterdrückendem Staat; Freiheit für ...

Anfang der 80er Jahre in Kreuzberg: Wohin man schaut, besetzte Häuser; es herrscht ein Hauch von Anarchie. Man träumt von einem anderen Land: Weg vom Kommerz und einem unterdrückendem Staat; Freiheit für Alle und Alles, insbesondere die Kunst.
In dieser Atmosphäre spielt 'Wiener Strasse' und erzählt vom Leben und den BewohnerInnen dort während einer kurzen Zeitspanne im November 1980. Über dem Café Einfall werden vier neue BewohnerInnen einquartiert, die der Inhaber des Cafés, Erwin Kächele, aus seiner eigenen Wohnung raus haben möchte. Immerhin wird er überraschenderweise Vater und braucht für sich und die Mutter seines Kindes Platz und Ruhe. So finden sich die Extremkünstler Karl Schmidt und H.R. Ledigt, der lethargische Frank Lehmann und Kächeles Nichte Chrissie in einer Vierer-WG wieder.
Was für ein Panoptikum an schrägen Gestalten, neben denen Frank Lehmann und die auf Krawall gebürstete 18jährige Chrissie völlig normal wirken. Österreichische Aktionskünstler, die auf Befehl ihres Anführers P. Immel lebende Bilder darstellen, Punks oder als Band Dr. Votz playback spielen. Fernsehteams des ZDF (oder doch SFB?), die erst Versicherungsrechtliches klären wollen, bevor sie besetzte Häuser betreten. Erwin Kächele, der mit Schwangerembauch seinen Geschäften nachgeht. Dazu Situationen, die durch stete Wiederholungen zum Running Gag werden ('Ist schon offen? Ich dachte, ...') oder durch die genaue Beobachtung ihre Absurdität offenbaren (beispielsweise wie Chrissies Mutter durch die DDR reist).
Doch den Schwerpunkt bilden die Künstler (Künstlerinnen scheint es damals nicht gegeben zu haben) und ihre Werke, frei nach dem Motto: 'Das ist dann wohl Kunst, weil nämlich Kunst ist, wenn es einer sagt, dass es Kunst ist!' Auch wenn alles recht überzogen dargestellt ist, fand ich das Lebensgefühl des damaligen Kreuzbergs gut getroffen und habe das Buch mit einem steten Grinsen im Gesicht gelesen. Manchmal war es mir zwar etwas zuviel des Guten, aber dennoch: eine amüsante Lektüre.

Veröffentlicht am 14.10.2018

„Echte Liebesgeschichten gehen nie zu Ende.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Schnee in Amsterdam
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Stella und Gerry sind seit über 40 Jahren ein Paar und man spürt schnell, dass sie von großer Harmonie weit entfernt sind. Gerry trinkt viel zuviel, womit Stella, die Kümmerin und Hauptorganisatorin in ...

Stella und Gerry sind seit über 40 Jahren ein Paar und man spürt schnell, dass sie von großer Harmonie weit entfernt sind. Gerry trinkt viel zuviel, womit Stella, die Kümmerin und Hauptorganisatorin in dieser Ehe, verständlicherweise Probleme hat. So arrangiert sie eine kleine gemeinsame Reise nach Amsterdam, um ihrer Zweisamkeit etwas mehr Schwung und Nähe zukommen zu lassen. Doch tatsächlich scheint sie einen ganz eigenen Plan dort zu verfolgen.

Dies ist keine lebhafte Beziehungsgeschichte, in der die Fetzen fliegen, ganz im Gegenteil. Der Autor erzählt in überraschend kurzen knappen Sätzen exakt das, was den beiden Hauptfiguren widerfährt bzw. was in ihnen vorgeht. Dies wird überaus sorgfältig beschrieben, sodass an manchen Stellen eine gewisse Langatmigkeit eintritt. Doch meist zieht einen die Geschichte der Beiden in ihren Bann. Manche der kurzen knappen Sätze offenbaren fast schon Dramen und man beginnt zu ahnen, dass hier nicht nur eine langsame Entfremdung in einer langen Ehe stattgefunden hat, sondern dass die eigentlichen Konflikte viel weiter reichen. Während in kurzen Erinnerungssequenzen die Vergangenheit immer deutlicher wird, nimmt sowohl Gerrys Alkoholgenuss wie auch die Schärfe der Dialoge des Paares deutlich zu. Dennoch gibt es eine Menge zu lächeln, denn trotz aller Differenzen sind sich die Beiden noch immer sehr zugetan, was sich auch in ihren durchaus liebevollen Spötteleien zeigt.

Viel ereignet sich nicht in diesem Kurzurlaub im Winter in Amsterdam - zumindest von außen betrachtet. Doch im Inneren der beiden Hauptfiguren offenbart sich jeweils die Komplexität eines ganzen Lebens. Und die Geschichte zeigt, wie man trotz großer Differenzen noch immer respektvoll miteinander umgehen kann - dank der Liebe.
Laut Klappentext soll das Buch verfilmt werden - ich bin gespannt, wie das realisiert werden wird.

Veröffentlicht am 14.10.2018

Historischer Roman mit ein wenig Krimianleihen

Alchimie einer Mordnacht
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Da ich John Banville als Autor schätzen gelernt habe, dachte ich, ich versuche es mal mit einem seiner historischen Romane, die er unter dem Pseudonym Benjamin Black schreibt.
Prag, 1599: Der junge Christian ...

Da ich John Banville als Autor schätzen gelernt habe, dachte ich, ich versuche es mal mit einem seiner historischen Romane, die er unter dem Pseudonym Benjamin Black schreibt.
Prag, 1599: Der junge Christian Stern aus Regensburg möchte am Hofe Kaisers Rudolf II. Karriere machen. Als er direkt nach seiner Ankunft die Leiche eines jungen Mädchens findet, scheint sein Vorhaben jedoch bereits gescheitert zu sein. Er wird des Mordes verdächtigt und landet umgehend im Kerker. Doch wider Erwarten findet er sich unversehens in den hoheitlichen Gemäuern wieder und wird zum Vertrauten des Kaisers, der ihm den Auftrag erteilt, den Mörder der jungen Frau zu finden.
Wie auch in seinen nichthistorischen Büchern ist John Banville als Benjamin Black ein sehr aufmerksamer Erzähler. Er beschreibt das mittelalterliche Prag zusammen mit seiner Bevölkerung so sorgfältig und präzise, dass ich die Szenerie stets deutlich vor Augen hatte. Bedauerlicherweise kann die Spannung des Krimis nicht mit diesem Niveau mithalten. Zwar sagte er in einem Interview zu seinen historischen Kriminalromanen: "Da zählen die Figuren, der Plot und die Dialoge in einem viel höheren Maß als bei meinen anderen Büchern", doch leider spiegelt sich das in diesem Buch nicht wirklich wieder. Langsam, ganz langsam entwickelt sich die Suche nach dem Mörder, wobei die Lösung dann fast schon hopplahopp präsentiert wurde. Für meinen Geschmack wurde all den Intrigen, die am Hof herrschten, viel zu wenig Gewicht beigemessen, sodass ich lange wie im Nebel herumstocherte, was denn passiert sein könnte.
Zusammengefasst: Ein guter historischer Roman mit etwas Krimiambition - aber ich glaube, Banville kann's auch besser

Veröffentlicht am 14.10.2018

Zwei verwandte Seelen gegen Ende ihrer Leben

Der Narr und seine Maschine
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Der Suhrkamp-Verlag hat wohlweislich gut daran getan, dieses kleine Büchlein mit seinen nicht einmal 140 Seiten nicht in irgendeine Genreschublade zu stecken. Zwar ist der Protagonist (unter anderem) Tabor ...

Der Suhrkamp-Verlag hat wohlweislich gut daran getan, dieses kleine Büchlein mit seinen nicht einmal 140 Seiten nicht in irgendeine Genreschublade zu stecken. Zwar ist der Protagonist (unter anderem) Tabor Süden, der frühere Polizist und Privatdetektiv, doch mit einem Kriminalroman hat dieses Buch nun wirklich nichts zu tun.
Eigentlich wollte Süden es seinen 'Fällen' gleich tun: einfach verschwinden. Doch kurz bevor es soweit ist, erwischt ihn seine frühere Chefin und gute Freundin und bittet ihn, noch einmal einen Auftrag zu übernehmen. Ein früher berühmter Schriftsteller ist verschwunden und seine Freunde sorgen sich.
Weshalb Süden den Auftrag angenommen hat, bleibt unklar - vielleicht, weil er den Autor von früher kennt (und seine Bücher gelesen hat) und es damit für ihn eine Art Reise in die Vergangenheit ist. Als LeserIn folgt man den beiden Männern: dem Schriftsteller, der auf der Suche nach seiner Vergangenheit ist; und Tabor Süden auf der Suche nach ihm. Beide ähneln sich, sowohl in ihrer Art wie auch ihren Absichten: Das bisherige Leben hat ihnen zuviel zugemutet und beide wollen verschwinden, wenn auch auf unterschiedliche Art.
Eine kleine, traurige Geschichte über zwei Menschen, die am Leben leiden und die wenig Hoffnung lässt, dass man über Tabor Süden noch einmal etwas lesen wird.

Veröffentlicht am 31.07.2018

Die gute alte Zeit - Ha! Was für ein Witz!

Der Horror der frühen Medizin
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Wer sich gelegentlich vorstellt, ob es nicht schön gewesen wäre, im 19. Jahrhundert gelebt zu haben, in der Zeit der großen Erfindungen und Neuerungen, die oder der sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen. ...

Wer sich gelegentlich vorstellt, ob es nicht schön gewesen wäre, im 19. Jahrhundert gelebt zu haben, in der Zeit der großen Erfindungen und Neuerungen, die oder der sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen. Ich vermute jedoch, Gedanken dieser Art werden nach dem Lesen keine Chance mehr haben
Die Autorin Lindsey Fitzharris wirft ein helles Licht auf diese dunklen Zeiten, in denen die Elektrizität noch in den Kinderschuhen steckte. Im Mittelpunkt steht Joseph Lister, der Sohn einer Quäkerfamilie, der Chirurg wurde und sich sein gesamtes Leben der Frage widmete, wie die hohe Sterberate in den britischen Krankenhäusern verringert werden könnte. Voller Hingabe und Leidenschaft beschäftigte er sich neben seinem eigentlichen Beruf, der Chirurgie, mit den wissenschaftlichen Untersuchungen, wie Infektionen nach Operationen entstehen und wie sie verhindert werden können. Mit seinem Können und seiner Überzeugungskraft gelang es ihm, nach und nach in vielen Ländern seine antiseptischen Methoden zu etablieren.
Doch dieses Buch ist keine reine Biographie, auch wenn der Umschlagtext sowie mein oben Geschriebenes dies suggerieren mögen. Denn sicherlich die Hälfte der 240 Seiten ist den Schilderungen der damaligen medizinischen Verhältnisse gewidmet. Dass es nicht schön war, ahnte ich schon vor dem Lesen - gewissen Historienfilmen sei Dank. Aber dass es sooo entsetzlich zuging! Fitzharris breitet einzelne Fälle derart präzise aus, dass ich fast das Gefühl hatte, ihre Freude am Detail zu spüren Nun gut, sie ist Medizinhistorikerin - also kein Wunder. Aber auch ihre Beschreibungen der Lebensverhältnisse der Bevölkerung ließen mich beim Lesen heftig schlucken; und bei der Darstellung damaliger Operationen habe ich zwischendurch gelegentlich eine Pause eingelegt.
Ob Lindsey Fitzharris eine gute Autorin ist, wage ich nicht zu beurteilen, denn dieses Buch ist eher eine Fleißarbeit. 23 Seiten weist der Anhang auf, äußerst kleingeschrieben, der in normaler Schriftgröße sicherlich den doppelten Platz eingenommen hätte. Es müssen Unmengen an Literatur gelesen worden sein, wovon die unzähligen Zitate im Buch zeugen.
Alles in allem eine unterhaltsam zusammengefasste Beschreibung einer Zeit und eines Mannes, der dem Überleben vieler Menschen (auch heute noch) einen großen Dienst erwiesen hat und zu Unrecht fast vergessen wurde. Zumindest bei uns. Dabei erinnert uns Listerine jeden Tag an ihn