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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2019

Leider nicht so berührend wie erhofft

Ein Song bleibt für immer
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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Alice Martineau leidet schon seit ihrer Geburt an Mukoviszidose, einer vererbbaren Stoffwechselstörung, die vor allem zu Problemen mit den Atemwegen und der Verdauung ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Alice Martineau leidet schon seit ihrer Geburt an Mukoviszidose, einer vererbbaren Stoffwechselstörung, die vor allem zu Problemen mit den Atemwegen und der Verdauung führt. Wie lange sie noch zu leben hat, weiß sie nicht. Aber als sie eines Tages ihren Modeljob kündigt, beschließt sie, von nun an ihrem Herzen zu folgen und die ihr verbliebene Zeit zu nutzen, um sich endlich ihren größten Traum zu erfüllen: eine berühmte Sängerin zu werden und die Menschen mit ihrer Musik zu berühren. Eine anstrengende Reise voller Hindernisse und großer Hoffnungen beginnt…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 432
Erzählweise: Ich-Erzählerin, Präteritum und Präsens
Perspektive: aus weiblichen Perspektiven (Mutter und Tochter)
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: +/- Im Buch werden zwar keine Tiere verletzt oder getötet – im Gegenteil, Alice und ihre Familie kümmern sich sehr liebevoll um ihre zwei (juhuu! Endlich mal keine Einzelhaltung) Katzen. Jedoch wird im Buch Pelz getragen und viel Fleisch gegessen.

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang so interessant, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Zudem hat es natürlich auch mein Interesse geweckt, dass Robbie Williams dieses Buch als „Inspirierend“ bezeichnet hat. Nach dem Lesen wurde mir auch klar, warum gerade er am Cover zitiert wird: Er hat selbst eine kleine „Rolle“ im Buch. Ein geschickter Schachzug der Autorin!

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

„Ich lebe seit sechsundzwanzig Jahren mit Mukoviszidose. Wenn ich aufwache, spüre ich meine Lungen und meine Brust und sonst gar nichts. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich immer eine Handvoll Pillen schlucken und bestimmte Wirkstoffe aus Maschinen inhalieren, die mir das Atmen erleichtern. Mein Husten ist immer da. Es ist mein ständiger Begleiter, Tag und Nacht.“ E-Book, Position 162

Der Einstieg ist mir leicht gefallen, da sich die Geschichte sehr flüssig lesen lässt. Jedoch hat es trotzdem lange gedauert, bis ich in der Geschichte angekommen war und sie mich in gewissem Maße fesseln konnte.

Schreibstil & Aufbau (+/-)

Die Geschichte wird hauptsächlich aus Alices Sicht erzählt, doch dazwischen gibt es immer wieder Tagebucheinträge ihrer Mutter zu lesen, die uns ihre Sichtweise der Ereignisse und ihre Sorgen mitteilt. Es muss sehr schwer sein, ein todkrankes Kind zu haben und zu wissen, dass man es in nicht allzu ferner Zeit verlieren wird.

Einerseits ist der Schreibstil sehr einfach, flüssig und angenehm zu lesen. Alice Peterson schreibt anschaulich, aber geht bei ihren Beschreibungen nicht zu sehr ins Detail, wodurch sich die Geschichte sehr schnell lesen lässt. Leider wirkte die Sprache auf mich durch die geringe Komplexität und die einfache, wenig abwechslungsreiche Wortwahl ein wenig oberflächlich. Sie erinnerte mich stellenweise (nicht immer) an diesen „Chick-Lit“-Stil, den ich leider nicht besonders mag. Auch die pathetische, teilweise sehr kitschige Art der Autorin, Vorkommnisse zu schildern trug zu diesem Eindruck bei. Manche Szenen haben bei mir daher zu innerlichem Augenrollen geführt.

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

„Als sie mich auf meine schlanke Figur ansprach, hätte ich ihr erzählen können, dass ein Teil meines Darms entfernt worden ist – inzwischen fehlen mir bestimmt drei Viertel. Ich bin so schlank, weil ich Nahrung nicht richtig verdauen und daher auch nicht ausreichend verwerten kann; dazu kommen das ständige Husten und das mühsame Atmen. Das alles verbrennt in jeder Sekunde meines Lebens Tausende Kalorien.“ E-Book, Position 175

Viele Dinge haben mir, was den Inhalt betrifft, sehr gut gefallen. Zum einen gefiel mir, wie sensibel und doch ehrlich die Autorin das Leben mit dieser furchtbaren Krankheit beschreibt. Dabei konnte ich sehr viel dazulernen. Die Lebensfreude, die Alice und ihre ebenfalls erkrankten Freundinnen trotz allem haben, ist stets spürbar, und Alice Peterson zeigt in ihrem Roman, dass Kranke viel mehr sind als ihre Krankheit: Sie sind ebenso komplex, emotional, humorvoll und launisch wie gesunde Menschen. Im Buch geht es um Liebe, Freundschaft, Hoffnungen und Träume, Familie, den Alltag mit einer tödlichen Krankheit, den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit und den Wunsch, der Nachwelt etwas von sich zu hinterlassen und somit in gewisser Weise unsterblich zu werden.

Alices Kraft und ihren Ehrgeiz, es trotz aller Hindernisse bis ganz nach oben zu schaffen, haben mich sehr beeindruckt! Ihre Hoffnungen, Ängste und Zweifel wurden zudem glaubwürdig und tiefgründig geschildert. Sehr überrascht war ich, als ich am Ende des Buches herausgefunden habe, dass das Buch auf einer wahren Geschichte und Person basiert. Alice Martineaus Lieder kann man sich auf „Youtube“ tatsächlich anhören. Das Ende kam dann überraschend schnell; ich fand es (auch wenn ich mir ein anderes gewünscht hätte) dennoch rund und gelungen.

Leider hat es auch Aspekte gegeben, die mir nicht gefallen haben. Zum einen kam es im Mittelteil durch Alices gesundheitliche Probleme und durch andere Rückschläge immer wieder zu inhaltlichen Wiederholungen, was manche Abschnitte etwas langatmig machte. Hier hätte man kürzen können, um dem Buch mehr Spannung und Tempo zu verleihen. Außerdem fand ich das Buch trotz allem sehr deprimierend, es hat mich beim Lesen runtergezogen, obwohl die Autorin doch eigentlich inspirieren, berühren und die Hoffnung in den Mittelpunkt rücken wollte. (Das das nicht sein muss, auch wenn ein Buch ein deprimierendes Thema behandelt, hat John Green mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ eindrucksvoll gezeigt. Falls ihr es übrigens immer noch nicht gelesen habt (Schande! ;) ) – ich möchte es euch hiermit wärmstens ans Herz legen.) Obwohl das Buch einige traurige und berührende Momente beinhaltet, gab es leider auch Stellen, die mich kaltgelassen haben. Zum Weinen gebracht hat mich das Buch nicht ein einziges Mal, und ich bin eigentlich eine emotionale Leserin. Das Buch konnte mich somit leider nicht durchgehend überzeugen.

Protagonistin und Figuren (+)

„‘Ich möchte etwas hinterlassen, wenn ich sterbe, etwas, das mir wichtig ist und anderen, etwas, bei dem man sich an mich erinnert, etwas, das bleibt…‘“ E-Book, Position 987

Alice hat mir als Protagonistin gut gefallen. Sie ist eine starke, ehrgeizige Frau, die nicht aufgibt, egal wie viele Steine ihr vom Leben auch in den Weg geworfen werden. Zudem habe ich ihren Humor geliebt, der manchmal durchaus recht schwarz ist. Dennoch konnte sie mich nicht ganz erreichen, ständig war da eine gewisse Distanz zu ihr. Leider konnte sie mir daher nicht ans Herz wachsen und zu einer unvergesslichen Heldin für mich werden. Ich habe zwar teilweise mit ihr mitgelitten und um sie gebangt, aber oft auch nur moderat mitgefühlt. Das ist ein schade, hier hätte ich mir mehr erwartet. Genervt hat mich zudem die irritierende Häufigkeit, mit der sie von anderen Personen als „wunderschön“ beschrieben wurde. Ja, wir haben es langsam verstanden – sie ist schön, auch wenn sie krank ist!

Die anderen Figuren sind verschieden gut gelungen. Manche von ihnen bleiben blass und eindimensional, andere werden greifbar und wirken sehr lebendig und echt. Besonders gerne mochte ich Alices Familie. Sie hat wirklich Glück, solche Eltern zu haben.

Liebesgeschichte (+/-)

Alice Petersons Geschichte ist eine Mischung aus Roman und Liebesroman. Sehr gut gefallen hat mir, dass die Liebesgeschichte sich langsam und glaubwürdig entwickelt. Sie ist nicht perfekt, es gibt Streit und Meinungsverschiedenheiten. Gerade das fand ich sehr erfrischend und authentisch. Dennoch ist es der Autorin nicht gelungen, dass ich beim Lesen auch ein Kribbeln spürte und mich ebenfalls in Tom verliebte. Deshalb hielt sich die Begeisterung leider trotzdem in Grenzen.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Auch was diesen Unterpunkt betrifft, hat der Roman seine Stärken und Schwächen. Einerseits enthält die Geschichte sehr spannende Momente und Passagen, bei denen ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Manchmal weil ich Angst um Alice hatte, manchmal weil ich auf den erhofften Durchbruch wartete. Andererseits gab es auch Abschnitte in der Mitte, die sich für mich sehr zogen, weil es inhaltliche Wiederholungen gab oder weil wenig (Neues) passierte. Was die Atmosphäre betrifft, so hatte das Buch, wie schon weiter oben angesprochen, eine deprimierende Wirkung auf mich, die mich beim Lesen eher runtergezogen hat. Daher auch meine Empfehlung: Wenn ihr gerade selbst depressiv oder traurig seid, solltet ihr um dieses Buch eher einen Bogen machen.

Feministischer Blickwinkel (+/-)

Im Zentrum von Alice Petersons Buch steht eine sehr starke und selbstbewusste Heldin, die sich nicht unterkriegen lässt. Zudem werden toxische Beziehungen und Gewalt gegen Frauen thematisiert und scharf kritisiert, was ich toll finde! Jedoch werden Geschlechterstereotypen (die immerhin einen Risikofaktor für Gewalt gegen Frauen darstellen) teilweise (nicht immer!) gefördert, was gar nicht gut bei mir ankommt. Beispielsweise sind es immer die Frauen, die bei jeder Gelegenheit kochen. Warum? Zudem ist die Rollenverteilung in der Familie sehr klassisch: Die Mutter hat ihren Job und ihre Träume aufgegeben, um für ihre Tochter zu sorgen, der Mann ist Anwalt. Sehr problematisch finde ich, dass es so dargestellt wird, als würde der Ehemann überhaupt keine Ahnung vom Haushalt haben. Cool! Also bleibt neben der Pflege der Tochter auch noch der ganze Haushalt (auch am Wochenende) an der Mutter hängen. Ernsthaft? Es wird auch für „berührende Romane“ Zeit, im Jahre 2019 anzukommen.

Mein Fazit

„Ein Song bleibt für immer“ hat durchaus seine gelungenen, emotionalen und berührenden Momente, konnte mich jedoch leider nicht so bewegen und mitreißen, wie ich mir das gewünscht hätte. Taschentücher brauchte ich beim Lesen jedenfalls keine. Auf sensible und doch sehr ehrlich Weise beschreibt die Autorin den Alltag mit Mukoviszidose, einer unheilbaren Krankheit, die zu Alices Tod führen wird. Themen wie Liebe, Freundschaft, große Träume, der Umgang mit der eigenen Sterblichkeit und der Wunsch, der Nachwelt etwas von sich zu hinterlassen, stehen dabei im Zentrum der Geschichte und werden tiefgründig behandelt. Alice ist eine sympathische, lebensfrohe und sehr starke Heldin, die mich dennoch nicht immer erreichen konnte. Die anderen Figuren sind großteils gelungen, die authentisch unperfekte Liebesgeschichte konnte mich nicht ganz überzeugen. Der Schreibstil ist zwar flüssig und angenehm lesbar, leider war er mir aber auch oft zu oberflächlich, kitschig und pathetisch. Nicht so gut gefallen hat mir außerdem, dass das Buch eine sehr deprimierende Wirkung auf mich hatte und mich beim Lesen runtergezogen hat, auch wenn es mich eher inspirieren und mich hoffnungsvoll zurücklassen hätte sollen. Auch inhaltliche Wiederholungen und Spannungseinbrüche führen dazu, dass ich Sterne abziehen muss. Fazit: Insgesamt ist „Ein Song bleibt für immer“ ein Buch mit vielen guten Momenten, aber auch Schwächen, von dem ich mir schlussendlich doch mehr erwartet hätte.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Umsetzung: 3 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Einstieg: 3 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
Protagonistin: 4 Sterne
Figuren: 4 Sterne
Liebesgeschichte: 3,5 Sterne
Atmosphäre: 4 Sterne
Spannung: 3 Sterne
Ende / Auflösung: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3,5 Sterne
Feministischer Blickwinkel: + / -

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir dreieinhalb Lilien!

Veröffentlicht am 26.03.2019

Atmosphärischer Ausflug in einen verwunschenen Wald - leider mit Längen

Waldkind
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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Der Deamhain ist ein verwunschener Wald voller Gefahren, fremdartiger Tiere und Pflanzen – und Magie. Eva, eine toughe Geheimagentin, und Cianna, eine naive Bürgerstochter, ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Der Deamhain ist ein verwunschener Wald voller Gefahren, fremdartiger Tiere und Pflanzen – und Magie. Eva, eine toughe Geheimagentin, und Cianna, eine naive Bürgerstochter, verschlägt es beide aus verschiedenen Gründen in die unberechenbaren Tiefen des Waldes. Ein gefährliches Abenteuer, das beide Leben für immer verändern wird, beginnt…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #2 einer sehr lose verbundenen Reihe um die erfundene Welt Athosia
Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 640
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: aus weiblicher Sicht geschrieben (Eva und Cianna)
Kapitellänge: meist mittel bis lang
Tiere im Buch: - Tiere werden als Nahrungsquelle genutzt, sie werden getötet, teilweise schwer verletzt und leiden Qualen. Für sensible Tierfreund_innen ist das Buch daher nicht immer leicht zu verdauen.

Warum dieses Buch?

Nachdem ich das erste Buch der Autorin, „Frostseelen“, absolut geliebt habe und schon ewig das Erscheinen eines neuen Werkes herbeigesehnt habe, führte an diesem Fantasy-Roman natürlich kein Weg vorbei!

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

Es hat wieder etwas gedauert, bis ich in die Geschichte gefunden habe – aber das war ja auch bei „Frostseelen“ so. Auch dieses Mal brauchte ich wieder einige Zeit, bis ich ganz in die fremde Welt eintauchen konnte.

„‘Halte dich stets vom Finderwald fern / er frisst Kinder und Schafe so gern.‘“ Seite 106

Schreibstil (+)

Das lag bestimmt auch am Schreibstil. Natalie Speer schreibt flüssig und angenehm, ihre Sprache kann als anspruchsvollerer „Fantasy-Schreibstil“ beschrieben werden. Ganz wunderbar fand ich die gelungenen, teilweise sogar poetischen Vergleiche und Metaphern. Die Beschreibungen sind zudem sehr anschaulich, meist unheimlich atmosphärisch und detailliert. Zeitweise ging es mir hier wieder etwas zu sehr ins Detail, dadurch verliert die Geschichte leider an Tempo. Ein paar Kürzungen hätten das Buch noch besser gemacht.

„Dabei ist der Deamhain wie geschaffen für Albträume. Seine Baumwipfel neigen sich bedrohlich über unsere Hügel. Sie sind so hoch, dass einem beim Anblick schwindelig wird, und ihre Äste greifen wie knorrige Knochenfinger nach dem Wind. Nachts schreien Eulen und andere Tiere in den Tiefen des Waldes wie kleine Kinder.“ Seite 34

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+)

Einmal mehr entführt uns die Autorin nach Athosia, eine fremde Welt, die ihren ganz eigenen Gesetzen folgt. Es geht wieder um Magie, aber auch um den Kampf dagegen, um Unterdrückung, Sklaverei, Reichtum auf dem Rücken der Armen, Krieg, um Freundschaft, Familie, alte Wunden, gefährliche Abenteuer und geheime Missionen. Das Worldbuilding überzeugt ebenso wie der sorgsam konstruierte, gelungene Plot, der mit einigen Wendungen aufwarten kann. Es macht Spaß, in die geheimnisvollen, wunderschönen, aber auch ebenso gefährlichen Tiefen des Waldes einzutauchen und diese zu erkunden. Dabei wird es zuweilen sehr brutal, actionreich und düster - die Autorin zögert zudem nicht, auch liebgewonnene Figuren sterben zu lassen. Da in Athosia aber gerade Krieg herrscht, verleiht das dem Buch nur mehr Glaubwürdigkeit.

Wie auch schon im letzten Band werden gesellschaftliche Probleme und Fragen thematisiert, die auch in der realen Welt von Bedeutung sind. Auch mit Gesellschaftskritik wird nicht sparsam umgegangen. Das Ende ist dann offener als erwartet, so dass einem nach dem Schluss des Buches noch einige Fragen im Kopf herumspuken. Insgesamt war ich mich dem vielleicht etwas zu schnell abgehandelten Abschluss aber dennoch zufrieden, da alle wichtigen Handlungsstränge zu einem ansprechenden Ende geführt werden.

Protagonistinnen und Figuren (+/-)

Eine der großen Stärken des Buches ist auch dieses Mal wieder die Charakterzeichnung. Vor allem die beiden Hauptfiguren sind liebevoll ausgearbeitete, runde und komplexe Protagonistinnen, die mit ihrer Persönlichkeit und auch der Entwicklung, die sie durchmachen, überzeugen. Die beiden Frauen zeichnen sich am Beginn der Geschichte vor allem durch ihre Gegensätzlichkeit aus: Während Cianna eine verwöhnte, naive, sensible junge Frau ist, kann Eva als toughe, starke Geheimagentin beschrieben werden, die auch ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Trotz dem Herzblut, das ohne Zweifel in die Konzeption der beiden gesteckt wurde, konnten sie mir beide leider nicht so ans Herz wachsen wie Thea in „Frostseelen“ – woran das genau lag, das weiß ich nicht.

Auch die Nebenfiguren sind, soweit möglich, tiefgründig gezeichnet und wirken mit ihren Schwächen und Stärken lebendig und echt. Manche bleiben allerdings das ganze Buch über geheimnisvoll – dabei hätte ich sie gerne noch besser kennengelernt und ihre Beweggründe erfahren (Beispiel: Luka).

„‘Es gibt Vögel, die noch nie jemand gesehen hat, doch ihre Rufe klingen angeblich wie Kinderweinen. Wir nennen sie Bansei. Der, der ihr Weinen in der Abenddämmerung hört, erlebt die nächste nicht mehr.‘“ Seite 130

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Nun kommen wir zu meinem einzigen richtigen Kritikpunkt, der mir leider auch die Lektüre teilweise ein wenig vermiest hat. Zuerst zum Positiven: Die Atmosphäre im Buch ist wieder großartig gelungen: Der Deamhain wird vor dem inneren Auge lebendig, man hört es im Unterholz rascheln, riecht förmlich seinen Duft und spürt den Wind auf der Haut. Man bekommt den Eindruck, dass der Wald ein Organismus ist, dass er lebt und pulsiert, und fühlt sich, als wäre man selbst mit Cianna und Eva dort. Teilweise wird es zudem richtig unheimlich, immer wieder habe ich eine Gänsehaut bekommen.

Trotz der tollen Atmosphäre fehlte mir leider über weite Strecken die Spannung. Obwohl es durchaus atemlos spannende Momente und unerwartete Wendungen im Roman gibt, kann der Spannungsbogen leider nicht durchgehend gehalten werden, sondern bricht immer wieder ein. Dadurch entstehen Längen, bei denen ich mich zwingen musste, die Seiten nicht nur zu überfliegen. So mitreißend wie „Frostseelen“ war das „Waldkind“ daher für mich leider nicht, was mich ein bisschen enttäuscht hat. Dennoch hoffe ich natürlich, dass die Autorin ein weiteres Werk in dieser faszinierenden Welt ansiedelt und das dann wieder mehr meinen Geschmack trifft.

„‘Was meint er damit: Der Deamhain ist heute ruhig?‘, fragt einer der beiden Neuen mit beklommener Miene.
‚Dass die Chancen gut stehen, dass keiner von uns bis zur Waldbastion gefressen wird.‘“ Seite 104

Feministischer Blickwinkel (♥)

Hier hat die Autorin ein großes Lob verdient! Wir treffen hier auf die verschiedensten Frauen- und Männerfiguren, Männer dürfen weinen, Frauen dürfen tough und kämpferisch sein. Auch das Liebesleben der Protagonistinnen ist sehr unterschiedlich und keine der Frauen wird jemals dafür verurteilt. Zudem haben viele davon wichtige Führungspositionen inne, es gibt viele Soldatinnen und die Misogynie, die es leider zuweilen auch in Athosia gibt, beeindruckt Eva beispielsweise überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie lässt sich nichts sagen und vertraut ihrem eigenen Urteil.

Ein weiterer Punkt, den ich positiv hervorheben möchte, ist die Tatsache, dass es in diesem Fantasy-Roman Diversität und gleichgeschlechtliche Liebe gibt – und zwar ganz ohne Klischees. Zudem wird daraus keine große Sache gemacht, viel eher wirkt es vollkommen normal (was es ja auch ist). Fantasy-Romane sind oft sehr sexistisch und konservativ – Natalie Speer geht hier jedoch einen ganz anderen Weg und kämpft damit für Toleranz. Dafür hat sie ein großes Lob verdient!

Mein Fazit

„Waldkind“ konnte mich leider nicht ganz so begeistern wie „Frostseelen“. Das lag sicher nicht am anschaulichen, schönen Schreibstil (der mir nur manchmal zu sehr ins Detail ging) und auch nicht an den liebevoll ausgearbeiteten Protagonistinnen und Figuren (die mir aus irgendeinem Grund trotzdem nicht ans Herz wachsen wollten). Auch die Konstruktion der faszinierenden Welt, der sorgsam erstellte Plot, die großartige, unheimliche Atmosphäre (der Wald wirkt wie ein lebendiges, pulsierendes Wesen!) und die gesellschaftskritischen, tiefgründigen Themen haben mir sehr gut gefallen. Leider fehlten mir dieses Mal aber immer wieder Tempo und Spannung, sodass mich diese Geschichte leider nicht so mitreißen konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Ich musste mich stellenweise zwingen, die Seite nicht nur zu überfliegen. Ein großes Lob hat die Autorin ohne Zweifel für ihre moderne Darstellung starker, tougher Frauen- und sensibler Männerfiguren und die selbstverständlichen Beschreibungen von gleichgeschlechtlicher Liebe ganz ohne Klischees verdient. Sie kämpft mit „Waldkind“ für mehr Toleranz (auch im Fantasy-Genre) und das ist großartig!

Sollte es einen Folgeband geben, werde ich den mit Sicherheit auch wieder lesen. Denn: Ich bin noch nicht bereit, Athosia für immer hinter mir zu lassen. An dieser Stelle seien euch übrigens die "Frostseelen" noch einmal wärmstens ans Herz gelegt! ♥

Empfehlung: Ein Fantasy-Roman für Fans von detaillieren Beschreibungen, einem gelungenen, atmosphärischen Schreibstil und einer eher düsteren Handlung.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne
Worldbuilding: 5 Sterne ♥
Einstieg: 3 Sterne
Schreibstil: 4,5 Sterne
Protagonistinnen: 4 Sterne
(Neben)Figuren: 4 Sterne
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 2 Sterne
Ende: 3,5 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3,5 Sterne
Feministischer Blickwinkel: ♥ !

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir gute dreieinhalb Lilien!

Veröffentlicht am 31.12.2018

3,5 Sterne: Solides Kinderbuch, leider fehlt mir dieses Mal ein bisschen das Herzblut

Die kleine Hummel Bommel und die Zeit
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Inhalt

Oma kommt zu Besuch. Die kleine Hummel Bommel ist vor Vorfreude ganz aufgeregt. Doch die Wartezeit scheint sooo langsam zu vergehen! Bommel wird ungeduldig und fragt sich, warum die Zeit manchmal ...

Inhalt

Oma kommt zu Besuch. Die kleine Hummel Bommel ist vor Vorfreude ganz aufgeregt. Doch die Wartezeit scheint sooo langsam zu vergehen! Bommel wird ungeduldig und fragt sich, warum die Zeit manchmal so rast und manchmal kriecht wie eine Schnecke. Einige andere Tiere verraten daraufhin Tipps, wie sie mit der Zeit umgehen. Am Ende wird der kleinen Hummel klar, dass es vor allem auf eines ankommt: wie man die vorhandene Zeit nutzt.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #4 einer Reihe
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: aus männlicher Perspektive
Tiere im Buch: + Es werden im Buch keine Tiere verletzt.

Warum dieses Buch?

In die kleine Hummel habe ich mich im ersten Buch vollkommen verliebt. Aus diesem Grunde führte auch an diesem Band wieder kein Weg vorbei.

Meine Meinung

Geschichte (+)

Der Ausgangspunkt der Geschichte gefällt mir prinzipiell gut, auch wenn es nicht wirklich logisch ist, dass die kleine Hummel so lange auf die Großmutter am Bahnhof warten muss, dass sie in dieser Zeit so viele Leute und Freunde besuchen und mit ihnen reden kann. Mir gefällt, dass erneut ein wichtiges Thema aufgegriffen wird, das für Kinder in der empfohlenen Altersgruppe (3-6 Jahre) relevant ist: das Konzept der Zeit. Kindgerecht, einfach und verständlich wird die Zeit erklärt und warum diese manchmal rast und in anderen Momenten ganz langsam vergeht. Auch schwierige Themen wie Vergänglichkeit und das Altern werden sehr sanft adressiert, und – ganz wichtig! – ohne die Kinder zu ängstigen oder zu überfordern. Sehr gut gefallen hat mir die wertvolle Botschaft am Ende: Es kommt vor allem darauf an, die Zeit zu genießen und sinnvoll zu nutzen.

Schreibstil (+/-)

Wie auch in den letzten Bänden ist der Text wieder einfach, leicht verständlich und altersgemäß formuliert, sodass hier kein Kind Probleme haben sollte, die Geschichte zu verstehen. Irgendwie kam es mir bei diesem Band jedoch leider so vor, als sei die Luft ein bisschen raus und als hätte man mittlerweile schon ein Schema entwickelt, dem man (ohne übermäßigen Enthusiasmus) folgt. Mir sind weniger kreative Einfälle aufgefallen, es gab dieses Mal keine kunstvollen und charmanten Wortneuschöpfungen, und auch der Humor kam mir etwas zu kurz. Das Buch wirkt routinierter, aber leider auch etwas liebloser.

Illustrationen (+/-)

Dieser Eindruck setzte sich leider auch bei den Illustrationen fort. Sie sind zwar immer noch niedlich und hübsch anzusehen, jedoch gibt es dieses Mal weit weniger liebevolle Details, die zum Entdecken einladen. Vor allem der Hintergrund erschien mir an manchen Stellen etwas leer. Schade! Ich hoffe, dass man dem nächsten Band (der bestimmt folgen wird und den ich mir auch sicher nicht entgehen lassen werde!) wieder mehr Herzblut und Leidenschaft für die Geschichte ansieht. Vor allem nach der Lektüre des süßen Kinderbuches „Der Sternenmann“ von Max von Thun hinterließ die kleine Hummel bei mir dieses Mal ein vages Gefühl von Enttäuschung im Bauch.

Figuren (+)

Auch dieses Mal steht unsere zuckersüße Hummel Bommel wieder im Mittelpunkt der Geschichte. Wieder überzeugt das kleine Wesen mit seiner kindlichen Niedlichkeit und seinem lieben, neugierigen Verhalten. Man spürt auf jeder Seite, was für eine liebevolle Familie Bommel hat und wie gern sich alle haben. Die Nebenfiguren spielen wie immer nur sehr kleine Rollen und sind erneut dementsprechend blass (was aber nicht wirklich stört, da die Seitenzahl im Kinderbuch eben begrenzt ist). Hier hätten detailliertere Zeichnungen den Figuren mit Sicherheit noch etwas mehr Tiefe verleihen können.

Song (+/-)

Ich liebe ja das Konzept, einen passenden Song zum Kinderbuch zu produzieren, weil so das junge Zielpublikum die Geschichte zusätzlich musikalisch erleben und verarbeiten kann. Normalerweise fand ich die Songs von Maite Kelly (wenn sie auch nicht immer meinen Geschmack trafen) für Kinder sehr passend, dieses Mal erscheint mir das Lied trotz der wichtigen Botschaft aber kühl, weniger liebevoll geschrieben und nicht wirklich kindgerecht. Der Beat und die Melodie scheinen eher einen typischen Schlagersong für Erwachsene zu repräsentieren und kein Lied, das Kinder animiert, mitzusingen.

Geschlechterrollen & Vielfältigkeit (+/-)

Was den Aspekt der Vielfältigkeit betrifft, bin ich auch dieses Mal insgesamt zufrieden, da auch eine dunkelhäutige Figur wieder Teil der Geschichte ist. Sicher ist aber noch Luft nach oben.

Die Darstellung von Frauen und Männern im Buch ist dieses Mal sicher besser gelungen als im letzten Band (der letzte Band war diesbezüglich ja furchtbar!), jedoch gibt es auch hier wieder Kritikpunkte, die ich ansprechen möchte: Frauen sollten zukünftig öfter in aktiveren Rollen und weniger stereotyp dargestellt werden. Beispiele: Die Mama redet sanft, Frauen streiten oberflächlich miteinander, sind Keksverkäuferinnen, Kellnerinnen (interessanterweise sind die Jobs von Frauen immer eng verbunden mit „Hausfrauenqualitäten“) oder Mütter, die sich beschweren, dass die Kinder so schnell groß werden, sie stricken und sind liebevoll. Die Männer hingegen haben klischeehafte, aber vielfältige (oftmals angesehene oder sehr wichtige) Berufe: Sie sind Schaffner, Kofferträger, Gärtner, Balkenbohrer und Professoren. Auch Bommels Freunde sind erneut zwei Jungen. Hier würde ich mir einfach wünschen, dass die Autorin endlich sensibler mit dem Thema umgeht, dass sie bewusst mit schädlichen, einengenden Geschlechterstereotypen bricht und starke weibliche Figuren mit angesehen Jobs in die Geschichte einbaut, die jungen Mädchen als Vorbild dienen können. Wie wäre es einmal mit einer Professorin? Mit einer Ärztin? Und wie wäre es einmal mit einem liebevollen Vater, der sich um die Kinder kümmert? Es ist sicher nicht immer einfach, die vorgelebten Rollenbilder zu hinterfragen und kritisch zu betrachten – dennoch erwarte ich gerade das von einer modernen, guten Kinderbuchautorin.

Mein Fazit

„Die kleine Hummel Bommel und die Zeit“ ist ein solides Kinderbuch, das erneut mit seiner niedlichen, kindlich-neugierigen Hauptfigur glänzen kann. Die Geschichte ist kindgerecht geschrieben, bringt dem Zielpublikum auf sanfte Weise die Zeit und die Vergänglichkeit näher, ohne diese zu überfordern oder zu ängstigen. Am Ende steht wieder eine wichtige Botschaft: Es kommt vor allem darauf an, die Zeit, die wir haben, zu genießen und sinnvoll zu nutzen. Obwohl der Schreibstil wieder leicht verständlich ist und die Illustrationen insgesamt schön anzusehen sind, hinterließ dieser Band dennoch ein vages Gefühl von Enttäuschung meinem Bauch: Er wirkt routinierter und leider auch etwas liebloser. Man scheint ein Schema gefunden zu haben, dem man mit weniger Enthusiasmus folgt. Das merkt man sowohl an den Zeichnungen als auch am Schreibstil, am Song und an den Figuren. Für den Folgeband (den ich mir sicher wieder nicht entgehen lassen werde!) würde ich mir wünschen, dass endlich mehr starke, weniger stereotype Frauenfiguren in die Geschichte eingebaut werden und dass man dem Gemeinschaftsprojekt wieder mehr Herzblut und Leidenschaft ansieht.

Bewertung

Idee: 5 Sterne
Geschichte: 4 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Schreibstil: 3,5 Sterne
Personen: 3,5 Sterne
Hauptperson: 5 Sterne ♥
Illustrationen: 3,5 Sterne
Vielfältigkeit: +
Rollenbilder: -

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch erhält von mir solide 3,5 Lilien!

Veröffentlicht am 16.11.2018

3,5 Sterne: Gelungener, innovativ erzählter Roman - warum ich trotzdem ein bisschen enttäuscht bin

Verdammt perfekt und furchtbar glücklich
1

Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ottila McGregor hat immer noch an der Trauer um ihren Vater zu knabbern, und ihr schlechtes Gewissen, weil sie sich ihrer psychisch kranken Schwester ...

Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ottila McGregor hat immer noch an der Trauer um ihren Vater zu knabbern, und ihr schlechtes Gewissen, weil sie sich ihrer psychisch kranken Schwester gegenüber in der Jugend nicht immer sehr freundlich verhalten hat, hält sie nachts wach. Zudem hat Ottila ein Alkoholproblem, ist in eine ungesunde Affäre mit ihrem Chef verwickelt und hat das Gefühl, dass ihr Leben außer Kontrolle gerät. Doch damit soll von nun an Schluss sein. Ottila sucht sich eine Therapeutin, die sie bei ihrem nicht ganz einfachen Vorhaben unterstützt, endlich eines zu werden: verdammt perfekt und furchtbar glücklich…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Blumenbar
Seitenzahl: 400
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: aus weiblicher Perspektive (Ottila McGregor)
Kapitellänge: sehr kurz bis mittel
Tiere im Buch: + / - Tiere werden ohne Reflexion verspeist, manchmal schien es mir sogar so, als würde bei all dem lockeren Geplänkel über Tieropfer vergessen, dass es sich hierbei um fühlende Lebewesen handelt. Das hat mir nicht gerade gefallen. Zudem wird ein Opferritual zusammengefasst, bei dem zwei Ziegenböcke und ein Hund getötet werden. Einmal wird sogar gesagt, dass der einzige Grund, dass Ottila und Thales keine Opferung durchführen, nur sei, dass es illegal ist. Zudem werden die Lammschlachtungen zu Ostern als lustig dargestellt und Murmeln angepriesen, die Stinkkäfer enthalten. Weil auch in der Kindheit der Protagonistin wieder eine Katze alleine gehalten wurde, hier wieder meine Anmerkung: Katzen sind alleine niemals glücklich (sind sind EinzelJÄGER, keine EinzelGÄNGER), sondern sehr einsam und unglücklich. Sie können verschiedene Verhaltensstörungen entwickeln und depressiv und/oder aggressiv werden. Wer seine Katze liebt, schenkt ihr deshalb mindestens einen Gefährten.

Warum dieses Buch?

Wer mich kennt, weiß, dass mich Anneliese Mackintoshs intensiver Erzählband „So bin ich nicht“ vor wenigen Jahren regelrecht umgehauen hat. Ich war wahnsinnig begeistert und schwor mir damals, das nächste Werk der Autorin zu lesen, egal, worum es gehen würde. Diesen Plan habe ich natürlich (wie man an dieser Rezension sehen kann) in die Tat umgesetzt.
Meine Meinung

Einstieg (+)

Den Einstieg fand ich auch dieses Mal sehr stark, da ich mich sofort an „So bin ich nicht“ erinnert fühlte, als ich die betrunkenen, gnadenlos ehrlichen SMS las, die von der Protagonistin an Silvester verschickt wurden. Meine Erwartungen stiegen weiter, als ich den interessanten Aufbau des Buches bemerkte: Die Autorin kreiert eine zusammenhängende Erzählung (und zeichnet ein Gesamtbild von Ottilas chaotischem Leben), die aus vielen kleinen Schnipseln besteht. Das ungewöhnliche, innovative und abwechslungsreiche Leseerlebnis setzt sich zum Beispiel aus SMS, Therapeutengesprächen, Zitaten, Flyern, Listen, Briefen, Tagebucheinträgen, Gästebucheinträgen, Totenscheinen, einem selbstgemachten Scrapbook, Blog-Einträgen und einem Übungsbuch für AlkholikerInnen auf Entzug zusammen – ein sehr interessanter Aufbau, der niemals langweilig oder vorhersehbar wird.

„Morgens probiere ich immer irgendwas zu machen, das mir guttut. Eine Banane essen, meditieren, Fotos von Leberzirrhose googeln. Manchmal schreie ich auch in mein Kissen.“ E-Book, Position 215

Schreibstil (+/-)

Der Schreibstil ist durch die vielen verschiedenen Beiträge verschiedener Menschen nicht einheitlich, die Sprache wird stets auf die verschiedenen Charaktere und ihre spezifischen Sprechweisen angepasst (zum Beispiel werden Orthographie und Stil verändert), was den Eindruck von Authentizität erzeugt. An den Kapiteln, die aus Ottilas Sicht geschrieben sind, gibt es eigentlich nicht viel auszusetzen. Die Sprache ist einfach, dabei jedoch niemals lieblos, flüssig, angenehm lesbar. Auch gibt es wieder manche Formulierungen, die mich entweder schlucken, nachdenklich werden oder schmunzeln haben lassen. Jedoch fehlte mir dieses Mal diese unverwechselbare Intensität, die mich am Vorgängerwerk so begeistern und emotional mitnehmen konnte. Meiner Meinung nach liegen der Autorin kürzere, verdichtete Werke mehr, weil sie da jedes Wort viel bewusster zu setzen scheint. Wow-Momente waren jedenfalls dieses Mal sehr selten.

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+)

Auch dieses Mal zeigt Anneliese Mackinstosh keine Scheu vor schwierigen, ernsten und traurigen Themen und geht wieder in die Tiefe, wenn es um Alkoholismus, Krebs, Sterben, Trauer, psychische Krankheiten, selbstverletzendes Verhalten, Suizid, toxische Beziehungen und Gewalt gegen Frauen geht. Erneut konnte mich die Autorin mit ihrem ehrlichen und gleichzeitig sensiblen Umgang mit diesen Aspekten überzeugen, auch wenn sie mich nicht so emotional mitnehmen und treffen konnte wie mit ihrem Erstling. Das liegt möglicherweise am insgesamt lockereren Ton und einem Humor, der sich leichter zeigt als im Vergleichswerk. Jedoch könnte das Buch für labile Menschen, die gerade selbst mit einer schwierigen Phase oder Depressionen kämpfen, trotzdem schwer zu verdauen sein – daher nähert euch diesem Werk am besten mit Vorsicht. Das Ende fand ich gelungen, es wird mir aber nicht lange im Gedächtnis bleiben. Für mich war das Debüt der Autorin damals sehr nah an der Perfektion und meine Erwartungen an dieses Buch waren dementsprechend sehr hoch. Ich weiß, dass die Autorin es noch besser kann und dass man hier durchaus noch emotional viel mehr herausholen können hätte. Deshalb bin ich hier wohl strenger als ich es bei einem anderen Buch wäre und – ja, leider – auch ein kleines bisschen enttäuscht.

„Es gab zwar eine vernünftige Form der Trauer, die ich ausleben konnte. […] Aber es gibt noch eine andere Sorte Trauer, eine unbezähmbare, die immer wieder in mir hochkocht. Eine Trauer, die faucht und beißt. Eine Trauer, die sich an der gesamten Menschheit rächen will.“ E-Book, Position 4689

Protagonistin (♥)

Erneut gelingt es der Autorin, eine Protagonistin zu erschaffen, die man schnell ins Herz schließt. Ottila ist liebevoll ausgearbeitet, eine komplexe, komplizierte Person mit vielen authentischen Schwächen und Stärken und einer schwierigen Vergangenheit. Sie macht im Laufe der Geschichte eine glaubwürdige Entwicklung durch. Ihre Ehrlichkeit ist entwaffnend und schonungslos, ihr Humor oft düster, ihre Versuche, sich zu verändern, und ihr wiederholtes Scheitern dabei ließen mich mitfühlen und mitleiden. Ottila kennt keine Tabus, breitet ihre Fehler und kleinen, charmanten Verrücktheiten vor den LeserInnen aus, ohne sie jemals zu beschönigen oder sich zu rechtfertigen. Vielmehr präsentiert sie sich einfach, wie sie ist, und überlässt es dann uns, zu urteilen. Eine Situation, die sich sehr ungewöhnlich anfühlt! Ottila hat mich mit ihrer impulsiven, leicht verrückten, unbedarften Art ein wenig an Lucy in „Fische“ von Melissa Broder erinnert. Solche ungewöhnlichen Protagonistinnen finde ich einfach wunderbar!

„Meine Zunge wurde ein bisschen taub, und ich wusste, dass ich schon ziemlich betrunken war, weil ich die Augen weiter aufriss als üblich. Das war immer ein sicheres Zeichen. Keine Ahnung, warum ich das machte. Vielleicht ein Flirtversuch mit dem Leben.“ E-Book, Position 1296

(Neben)Figuren & Liebesgeschichte (♥)

Was die Nebenfiguren betrifft, gibt es hier nur Lob auszusprechen. Besonders beeindruckt hat mich die glaubwürdige Zeichnung der psychisch kranken Schwester Mina, die so viele Facetten von ihr einfängt, ihre schwierigen Verhaltensweisen beschreibt und sie dabei niemals unsympathisch oder gar monströs oder klischeehaft erscheinen lässt. Mir gefällt auch, wie hier oft mit Vorurteilen gebrochen wird (auch wenn die psychiatrische Anstalt teilweise auf mich doch sehr altmodisch, stereotypisch und nicht mehr zeitgemäß wirkte). Auch die Mutter, die immer wieder unerwartete Familiengeheimnisse enthüllt, langsam dem Alkohol verfällt und mit ihrem Leben und ihrer Trauer kämpft, empfand ich als sehr dreidimensional.

Die Liebesgeschichte strotzt vielleicht nicht unbedingt vor Chemie und kribbelnden Momenten, aber ich finde sie authentisch und gelungen: Endlich mal keine Insta-Love, sondern die Zuneigung entwickelt sich langsam, ist nicht perfekt, sondern einfach echt und gesund und dabei sehr schön zu lesen.

„Aber die Pfleger lassen sich nicht täuschen, genauso wenig wie ich: Minas Blick ist zwar ruhig, aber ihr Kopf ist hellwach, tüftelt immer neue Möglichkeiten aus, sich umzubringen, und fragt sich, ob sie je den Mut haben wird, es durchzuziehen.“ E-Book, Position 1698

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Auch wenn dieses Buch eine lockerere, positivere, weniger deprimierende Grundstimmung aufweist, so gibt es dennoch auch melancholische Momente, die es zu einer nicht immer leicht verdaulichen Lektüre machen. Obwohl ich neugierig war, wie es mit Ottila weitergeht, und trotz des interessanten Aufbaus hatte das Buch meiner Meinung nach ein paar Längen, genügend Spannung war für mich trotz mancher unerwarteten Wendung nicht immer vorhanden, manche Beschreibungen und Vorkommnisse fand ich im Vergleich zum Vorgängerband auch einfach ein bisschen banal und nicht so mitreißend.

Geschlechterrollen & Vielfältigkeit (♥)

Das Buch enthält sehr viele starke, interessante Frauenfiguren, was mir sehr gut gefallen hat. Die bisexuelle Protagonistin selbst kümmert sich nicht um gesellschaftliche Erwartungen, ist gebildet und eine Feministin, die in der Ehe eine frauenfeindliche, veraltete Institution sieht, die für Frauen nur Nachteile hat. Ihr Partner Thales ist ein moderner, sensibler Mann, der eine gleichberechtigte Beziehung mit Ottila lebt, ebenfalls feministisch eingestellt ist und zum Beispiel auch sehr gerne kocht. Das Buch verstärkt keine schädlichen Gender-Stereotypen, sondern bricht mit ihnen, wenn zum Beispiel die Mutter mit der Tochter einen Angelausflug macht oder mit Mitte 50 ihre Liebe für Paintball entdeckt. Die zwei Stellen, an denen frauenfeindliche Ausdrücke verwendet werden (1x Miststück, 1x Schla+++), kann ich verzeihen, obwohl sie natürlich trotzdem angesprochen werden sollen. So ist dieses Buch, was diesen Aspekt betrifft, sicher nicht perfekt, aber durchaus nah dran.

„Erstens wäre ich als Rapunzel völlig fehlbesetzt, allein schon, weil mein Haar so kurz und splissig ist. Und selbst wenn ich üppige, kräftige blonde Locken hätte, würde ich sie abschneiden und mich selbst aus dem Fenster abseilen, vielen Dank. Ich brauche keinen Man, der mich rettet.“ E-Book, Position 1057

Mein Fazit

Mit ihrem ersten Roman hat Anneliese Mackintosh eine gelungene Geschichte vorgelegt, die sich nicht nur durch die außergewöhnliche, innovative Erzählweise (ganz viele Schnipsel setzen sich zu einer zusammenhängenden Geschichte zusammen) auszeichnet, sondern sich auch durch die humorvolle und gleichzeitig tiefgehende und sensible Behandlung ernster und trauriger Themen wie Trauer, Alkoholismus und psychische Krankheiten von der Masse abhebt. Der Schreibstil zeigt sich einfach und angenehm (dabei niemals lieblos) und hat mich einige Male schmunzeln, nachdenklich werden oder schlucken lassen. Die Protagonistin ist so schonungslos ehrlich, kompliziert und liebevoll ausgearbeitet, dass ich sie sofort ins Herz schließen musste und auch die Nebenfiguren und die Liebesgeschichte wirken sehr „echt“. Trotz dieser positiven Punkte bin ich ein bisschen enttäuscht vom Buch, weil ich weiß, die Autorin kann es noch viel besser. Manche Schilderungen empfand ich als etwas banal, es gab ein paar Längen und obwohl „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ durchaus einige sehr gelungene Momente aufweist, so fehlt ihm die unverwechselbare Intensität des Vorgängerwerkes („So bin ich nicht“). Ich habe mir so viel von diesem Buch erhofft, wollte erneut emotional mitgerissen werden, Worte lesen, die sich anfühlen wie ein Schlag in die Magengrube, so in das Buch verwickelt werden, dass ich mich fast darin verliere. Doch auch wenn die Geschichte gut ist, so steht sie wie die kleine, weniger talentierte Schwester im Schatten des tatsächlich „verdammt perfekten“ Debüts, "So bin ich nicht".

Leseempfehlung: Fans des Debüts sollten sich diesen Roman natürlich trotzdem nicht entgehen lassen, alle anderen sollten dem Buch einfach eine Chance geben. Wer „So bin ich nicht“ übrigens noch nicht kennt – es sei euch hiermit wärmstens und überschwänglich ans Herz gelegt.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne
Worldbuilding: 3 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 3,5 Sterne
Protagonistin: 5 Sterne ♥
(Neben)Figuren: 5 Sterne ♥
Atmosphäre: 3 Sterne
Spannung: 2-3 Sterne
Ende: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3,5 Sterne
Liebesgeschichte: 4 Sterne
Geschlechterrollen: ♥
Regt zum Nachdenken an!

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3,5 nicht ganz zufriedene Lilien!

Veröffentlicht am 14.09.2018

Stellenweise fasziniert und hellauf begeistert, aber leider nicht durchgehend

Uns gehört die Nacht
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Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ein Mädchen aus der Unterschicht trifft auf den Sprössling einer sehr reichen, einflussreichen Familie. Nach und nach verwandelt sich die obsessive, ungesunde ...

Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ein Mädchen aus der Unterschicht trifft auf den Sprössling einer sehr reichen, einflussreichen Familie. Nach und nach verwandelt sich die obsessive, ungesunde Affäre in eine zarte, aber verbotene Liebe. Wie weit sind Jamey und Elise bereit zu gehen, um ihre Liebe zu verteidigen?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Genre: Roman / Liebesgeschichte
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 464
Erzählweise: Figuraler Erzähler, meist Präsens, selten Präteritum
Perspektive: aus weiblicher Perspektive
Kapitellänge: mittel bis lang
Tiere im Buch: +/- Einerseits behandeln Elise und Jamey ihren Hund Buck sehr liebevoll (er wird sogar zu einer wichtigen Figur), andererseits werden Missstände, was Tiere betrifft, ungeschönt geschildert und nichts wird dagegen unternommen. Der Hund einer armen Familie bekommt nicht die medizinische Betreuung, derer er bedürfte, er wird vernachlässigt, seine Zähne und sein Zahnfleisch sind verfault, ein anderer Hund stirbt röchelnd und erhält keine Hilfe oder Zuwendung. Zudem werden kränkliche Kätzchen beschrieben, die in einem Zooladen verkauft werden und hungrige Streuner. Hier meine Bitte: Kauft niemals Tiere in Zoohandlungen, sie kommen nicht vom privaten, befreundeten Züchter, sondern werden unter schlimmsten, tierquälerischen Bedingungen meist im Ausland „produziert“. Zudem haben sie meist viele Krankheiten, viele weibliche Tiere sind bereits trächtig. Bitte unterstützt diese Tierquälerei nicht, sondern kauft eure Tiere bei seriösen (dies ist bitte genau zu prüfen!) Züchtern oder schenkt einem Tier aus dem Tierheim oder aus dem Tierschutz ein schönes, neues Zuhause. Und noch eine wichtige Information, weil im Buch Katzen mit Milch gefüttert werden: Katzen vertragen keine normale Milch, da sie unter einer Laktoseintoleranz leiden. Um ihnen und sich selbst als BesitzerIn unangenehmen Durchfall und Bauchschmerzen zu ersparen, sollten die Stubentiger nur spezielle Katzenmilch oder einfach laktosefreie Milch erhalten. Allerdings auch nur als Leckerchen, die Hauptflüssigkeitszufuhr sollte aus Wasser bestehen, da Milch einen sehr hohen Fett- und Milchzuckergehalt aufweist – was zu einer Reihe weiterer Probleme führen kann.

Warum dieses Buch?

Dieses Buch ist eines der seltenen Fälle, die rein aufgrund ihres wundervollen Covers und ihres schönen Titels meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Eigentlich lese ich selten Liebesgeschichten, doch diese schien etwas Besonderes zu sein, deshalb wollte ich unbedingt mehr erfahren.

Meine Meinung

Einstieg (♥)

Der Einstieg fiel mir sehr leicht, denn der emotionale Prolog hat es in sich. Elise zielt mit einem Gewehr auf Jameys Brust. Sofort tauchten viele Fragen auf: Wie konnte es so weit kommen? Was ist geschehen? Wird sie abdrücken? Dann springt die Geschichte rund eineinhalb Jahre in die Vergangenheit und nimmt uns mit zu den Anfängen im Januar 1986 und dem ganz und gar unspektakulären Zusammentreffen der zwei Protagonisten.

„Falls der Eindruck entsteht, das Zimmer sei klein, das ist es nicht. Es ist aufgebläht, riesig – es pocht wie eine Milliarde Herzen, so wie ein Raum pulsiert, wenn sich die Menschen darin ihrer Macht bewusst werden. Elise wird die Augen schließen, das Gesicht abwenden und das Gewehr entsichern.“ Seite 9f

Schreibstil (+/-)

Der Schreibstil hat zwei Seiten, besteht aus Schatten und Licht. Manchmal schreibt Jardine Libaire romantisch, emotional, fast märchenhaft, schaut ganz genau hin, wenn Liebe und Schönheit im Leben von Jamey und Elisa aufblitzen, andererseits wird ihr Ton oft auch entwaffnend, ja fast schon schockierend direkt, schmutzig, beinahe vulgär, beschönigt nichts. Eines steht mit Sicherheit fest: Die Sprache ist teilweise wirklich anspruchsvoll. In seinen guten Momenten glänzt der Schreibstil mit wunderbar bildlicher Sprache, gelungenen Vergleichen, Beschreibungen und Metaphern. In seinen schwächeren Momenten wirkt er bemüht, die Metaphern ausufernd, abstrakt, schwer verständlich, die Formulierungen sperrig und nicht flüssig lesbar. Klar ist, dass dieses Buch keinesfalls nebenher gelesen werden muss, die Sprache verlangt die volle Aufmerksamkeit.

„Er braucht eine Weile, aber schließlich grinst er. Dann lacht er – sein goldenes, schmutziges Lachen. Seine Skepsis zerbricht, und aus der kaputten Schale rinnt ein Dotter.“ Seite 273

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Die Geschichte um Jamey und Elise ist in verschiedene Monate unterteilt. Innerhalb der Kapitel werden viele kurze, oft nur eine halbe Seite lange Episoden abwechselnd aus Jameys und Elises Sicht erzählt. Was am Beginn als obsessive, manische, ungesunde Affäre beginnt, entwickelt sich nach und nach, glaubwürdig und langsam zu einer tiefen Liebe. Hierbei geht die Autorin vor allem bei den zahlreichen Liebesszenen teilweise sehr ins Detail und schildert diese nicht gerade poetisch – das wird nicht für jeden etwas sein, auch mir hat das nicht immer gefallen. Jedoch ist es schön zu sehen, wie sich die beiden immer mehr ineinander verlieben, etwas, das vor allem Jamey sehr unerwartet trifft, dem als reicher Erbe eine solche Beziehung strengstens untersagt ist. Aus diesem Grund stellt auch seine snobistische Familie die größte Hürde für das junge Glück dar, mit allen Mitteln wird versucht, Jamey wieder „auf den richtigen Weg“ zurückzubringen.

Beide Protagonisten versuchen, sich von ihrer Herkunft zu lösen und unabhängig zu werden. Da Elise von ganz unten kommt, eine schwierige Kindheit voller Gewalt und Drogen hinter sich hat, und da Jamey der Oberschicht entstammt, inklusive exzellenter Bildung und Millionen auf dem Konto, treffen sich die beiden irgendwo in der Mitte, wo sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen. Jardine Libaire geht in ihrem erstaunlich handlungsarmen (!) Buch der Frage nach, wie sehr unsere Herkunft unser Leben bestimmt und wie schwierig es ist, ihr zu entfliehen, und behandelt die wenigen anderen Themen wie Eifersucht, Krankheit, Drogen, (falsche) Freundschaft und Opferbereitschaft tiefgründig. Manches bleibt dennoch oberflächlich, wird nur angerissen, hier hätte ich gerne noch mehr erfahren (beispielsweise über Jameys Innenleben) und trotz vieler gelungener Ansätze, konnte mich die Geschichte insgesamt leider nicht so mitreißen, berühren und faszinieren, wie ich es mir erhofft hatte. Das Ende war zwar keine Offenbarung, es hat mir aber gut gefallen.

Protagonisten (+/-)

Elise und Jamey sind beide interessante Hauptfiguren, die von ihrer Herkunft und ihrer Vergangenheit gezeichnet sind. Nach und nach gelingt es beiden, sich immer mehr davon zu befreien, was sehr spannend ist. Beide Figuren erhalten Stärken und Schwächen, Träume und Ängste, es wurde sich bemüht, sie komplex zu zeichnen und ihre Entwicklungen authentisch zu beschreiben. Dennoch blieb beim Lesen leider immer eine gewisse Distanz, ich konnte irgendwie keine tiefergehende Beziehung zu den beiden aufbauen. Manchmal schienen sie mir trotz allem zu stereotyp, etwas zu sehr die klassischen, tragischen Liebenden (der melancholische, reiche Erbe und die impulsive, lebenshungrige Frau aus der Unterschicht) zu sein. Manchmal schien ihre Persönlichkeit nur daraus zu bestehen. Dennoch: Jamey mochte ich eigentlich gern, seine Denkweise, die stets etwas ins depressive geht, fand ich wirklich faszinierend. Es gelang mit zwar nicht immer, mit den Figuren mitzufiebern, aber in manchen Momenten wurde ich doch ins Herz getroffen, berührt und erschüttert.

„Elise hat langgestreckte Glieder und runde feste Brüste. Jungshüften. Ein Windhund, aerodynamisch, geprügelt, schnell wie der Teufel, zum Rennen gemacht, zum Verlieren geboren.“ Seite 14

Nebenfiguren & Beziehungen (+/-)

Die wenigen Nebenfiguren bleiben teilweise blass, sind teilweise aber auch erstaunlich liebevoll gezeichnet, manche konnten mich durchgehend, und auch wenn sie nur kleine Rollen in der Geschichte einnahmen, absolut begeistern und überzeugen. Besonders Matt mit all seinen Unsicherheiten, dem gespielten Stolz und seinem Snobismus hat mir als Figur sehr gut gefallen. Jameys und Elises Familien werden zudem authentisch (wenn auch etwas klischeehaft) beschrieben, jeder Blick, jedes Wort aus ihrem Mund ist hierbei ganz und gar von ihrer Herkunft durchdrungen.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Hier bin ich zwiegespalten, besonders das erste Drittel der Geschichte, die ungeschönten Beschreibungen der dreckigen, aber auch schillernden Seiten von New York und New Haven fand ich wirklich spannend. Wenn ich mit Freunden über das Buch gesprochen habe, dann in einem enthusiastischen Ton, ich hatte das Gefühl, etwas Großartiges in den Händen zu halten. Doch nach und nach nahmen die bemühten, ausufernden, schwer verständlichen Metaphern und Formulierungen zu und der Spannungsbogen baute sich regelmäßig und brach wieder ein. Manche Situationen, die geschildert wurden, waren unspektakulär und banal, und auch wenn das einerseits sicher auch zur Schönheit und Authentizität der Liebesgeschichte beiträgt, so kann es in manchen Momenten auch etwas ermüdend sein. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass man kürzen können hätte, dass das Buch dadurch profitiert hätte und noch besser geworden wäre.

„Der Tag ist warm genug , um die Eiszapfen in den Bäumen zu schmelzen, woraus eine Art Regen entsteht, der fällt, wenn er Lust hat, mehr tierisch als mineralisch, ein Regen mit eigenem Willen, Empfindungen.“ Seite 20

Feministischer Blickwinkel (+/-)

Einerseits ist Elise eine sehr starke, mutige Frauenfigur, die genau weiß, was sie will, sich auf eigene Faust durchschlägt, von ihrer Familie (und Herkunft) befreit und auch in Liebesdingen oft den ersten Schritt macht. Andererseits gibt es einige Beispiele für Sexismus, beispielsweise werden Frauen als „Miststück“ und „Schla+++“, einmal sogar als „Fo+++“ bezeichnet. Zudem wird Jamey vorgehalten, er würde einen „Frauenjob“, also einen minderwertigen Job machen. Auch häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder wird thematisiert, allerdings wird auf diese Weise keinesfalls unkritisch (die Folgen werden aufgezeigt) das Milieu beschrieben, aus dem Elise stammt. Dennoch ist es natürlich frustrierend zu sehen, wie abhängig Elises Mutter von ihrem Schläger-Freund ist, wie viel sie (und andere Frauen) sich gefallen lässt. Auch wenn ich mir hier noch etwas mehr Sensibilität vor allem für das Thema „sexistische Sprache“ wünschen würde, bin ich insgesamt zufrieden mit diesem Buch, nicht nur aufgrund der starken, weiblichen Hauptfigur, sondern auch, weil sich Männer im Haushalt beteiligen, beim Abwaschen beobachtet werden können und Emotionen zeigen dürfen.

Mein Fazit

„Uns gehört die Nacht“ konnte mich insgesamt leider nicht so berühren, mitreißen und faszinieren, wie ich mir das erhofft hatte. Der Schreibstil, der manchmal sehr romantisch ist, zeigt sich an anderen Stellen schockierend direkt, manchmal sogar vulgär und beschönigt nichts. Teilweise konnten mich die bildhafte Sprache und die gelungenen Metaphern hellauf begeistern, manchmal wirkten sie aber auch bemüht, uferten aus, waren so abstrakt, dass sie schwer verständlich waren. Manchmal wirkten die Formulierungen sperrig und waren nicht flüssig zu lesen. Jardine Libaire behandelt nur wenige Themen, viele dafür aber tiefgehend. Im Fokus steht die verbotene Liebesgeschichte zwischen Elise und Jamey und deren Versuche, sich von ihrer Herkunft zu befreien. Obwohl die Figuren glaubwürdige Schwächen, Stärken, Ängste und Träume haben, blieb stets eine gewisse Distanz zu ihnen, ich konnte keine enge Bindung zu ihnen aufbauen, nur manchmal mit ihnen mitfiebern und mitleiden. Teilweise wirkten sie stereotyp und schienen nur aus ihrer Herkunft zu bestehen. Was die Spannung und die Atmosphäre betrifft, so gab es zum einen vor allem im ersten Drittel des Buches viele gelungene Momente und anschauliche Schilderungen der Sonnen- und Schattenseiten New Yorks und New Havens, zum anderen führte die Schilderung von oft unspektakulären, banalen Szenen zu Spannungseinbrüchen. „Uns gehört die Nacht“ ist ein Buch mit viel Potential, das mich stellenweise wirklich begeistern, faszinieren und berühren konnte, aber leider nicht durchgehend.

Leseempfehlung: Wenn euch Cover, Titel oder Klappentext neugierig machen, einfach mal hineinlesen und dann entscheiden! Und jetzt nehmen wir uns bitte noch einen Moment Zeit und bewundern das wundervolle Cover. Danke!

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3,5 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Einstieg: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 3,5 Sterne
Protagonisten: 3,5 Sterne
Nebenfiguren: 3 Sterne
Atmosphäre: 4 Sterne
Spannung: 2,5 Sterne
Ende: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +/-

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3,5 Lilien!