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Veröffentlicht am 15.02.2019

Der letzte Funke Leben

Leichenblässe
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„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast ...

„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast das Leben gekostet hat, wird das Wiedersehen mit seinem alten Mentor Tom Lieberman in Tennessee, längst nicht so harmlos wie angenommen. Denn obwohl sich Tom aus gesundheitlichen Gründen von der Arbeit zurückziehen möchte, wirkt er an einer aktuellen Mordserie mit und unterstützt mit seinen Entdeckungen die Ermittlungsarbeit der Polizei.

Anscheinend hat ein Serienmörder die Leichen mehrerer Menschen auf spektakuläre Art und Weise vertauscht, so das sich der Verwesungsgrad der Leiche mit ihrem eigentlichen Todeszeitpunkt nicht verträgt. Allerdings fehlt von einem möglichen Motiv jegliche Spur, die einzige Erkenntnis, die Tom und David gewinnen, ist die Tatsache, dass sich der Mörder ebenso gut wie sie selbst, mit den Prozessen der biochemischen Zersetzung lebender Organismen auskennen muss. Ein zwielichtiger Bestattungsunternehmer rückt schnell in den Fokus der Ermittlung, doch die Puzzleteile passen nicht ganz, selbst wenn der potentielle Täter urplötzlich verschwunden ist. Doch während Tom der Aufklärung ein Stückchen näher gekommen ist, ereilt ihn ein Herzanfall und David, muss die Sache alleine weiterführen, ohne zu ahnen, dass er nun selbst zur Zielscheibe eines Verrückten geworden ist, der sein Kunstwerk noch nicht vollenden konnte …


Meinung


Auch in seinem dritten Band der David-Hunter-Reihe punktet der britische Bestsellerautor Simon Beckett mit einer fundierten Mischung aus forensischer Anthropologie, menschlichen Abgründen und mörderischen Aktivitäten. Der Mehrwert dieser Serie beruht nicht nur auf spannenden Mordfällen und grausamen Szenarien, sondern auch auf detaillierten Personenbeschreibungen und realitätsnahen Verhaltensweisen der Protagonisten. Insgesamt ist es genau dieser Mix, der für abwechslungsreiche Lesestunden mit hohem Suchtfaktor sorgt. Der Autor bringt genau die richtige Dosis Privatleben ein und garniert sie mit spezifischem Fachwissen und unwiderlegbaren Ereignissen.

Dabei lockert er den Text immer wieder mit kurzen Auszügen aus den Gedankengängen des Täters auf, ohne dabei zu viel zu verraten. Denn insgesamt bleibt der Leser auf dem gleichen Kenntnisstand wie David Hunter und damit immer ein klein wenig im Nachteil gegenüber dem Täter, obgleich es manchmal ein kurzes Aufflackern gibt, bei dem man denkt, der Wahrheit viel näher gekommen zu sein, bis die nächste unerwartete Wende ihren Lauf nimmt.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen intensiven, konkreten Thriller mit viel informativen Wissen bezüglich der menschlichen Verwesungsprozesse und ihrer Spuren nach dem Tod. Schriftstellerisch wertvoll, da es weder die pure Action, noch der sadistische Wahnsinn sind, die den Verlauf bestimmen, sondern vielmehr ein akribischer Ermittler, der sehr gut im Lesen diverser Spuren ist und trotzdem rein intuitiv und menschlich handelt. Für Fans der Reihe ein absolutes Must-Read, obwohl man hier die Bände auch gut in abgewandelter Reihenfolge lesen kann, da sie immer abgeschlossen sind und auch solo spannende Lesestunden bescheren. Wer ausgereifte Lektüre auf dem Markt der Spannungsliteratur sucht, wird mit Simon Beckett sicherlich fündig.

Veröffentlicht am 29.01.2019

Die unsicheren Konstanten der Einsamkeit

Agathe
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„Doch wie ich hier so saß, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, woraus dieses Leben bestehen sollte. Waren nicht Angst und Einsamkeit die einzigen Konstanten, derer ich mir sicher sein konnte?“


Inhalt


Mit ...

„Doch wie ich hier so saß, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, woraus dieses Leben bestehen sollte. Waren nicht Angst und Einsamkeit die einzigen Konstanten, derer ich mir sicher sein konnte?“


Inhalt


Mit 72 Jahren begibt sich ein alternder Psychiater auf seinen persönlichen Abschiedsweg aus dem Berufsleben. Er hat sich eine Frist gesetzt, wie viele Gespräche er vor Beginn seines Ruhestands noch führen wird, um dann endgültig die Türen seiner Praxis zu schließen. Fortan zählt er rückwärts und findet die einzige Motivation für den Tag in der immer kleiner werdenden Zahl seiner Verpflichtungen. Die neue Patientin Agathe, eine manisch-depressive Person, die sich bereits jahrelang in psychiatrischer Behandlung befindet, kommt ihm dabei irgendwie in die Quere. Nicht nur, dass sie es schafft sich in seinen Terminkalender zu schmuggeln, obwohl er niemanden mehr aufnehmen wollte, nein, sie ist auch die Einzige, die ihn nach vielen Jahren wieder in seiner Lethargie erschüttert und bei der endlich einmal wieder das Gefühl verspürt, nicht nur ihre Krankheit zu lindern sondern auch Zutritt zu ihrer Seele zu bekommen. Ihre Denkanstöße gehen aber weit über sein normales Praxisniveau hinaus, besonders weil sie ihm zeigt, wie leer und einsam sein Leben ist, wie aufgesetzt seine Freude über den anstehenden Pensionsbeginn, hat er doch dann so gar keine Aufgabe mehr und kann sich tagein tagaus mit seinem immer älter werdenden Körper beschäftigen. Der Psychiater kommt ins straucheln und beginnt, sich neu zu erfinden, denn Agathe hat den Nagel auf den Kopf getroffen – was bleibt ihm denn, außer Einsamkeit und Verdruss?


Meinung


Aufmerksam geworden bin ich auf dieses kleine feine Buch, weil mich die Geschichte an sich sehr angesprochen hat. Allein die Frage auf dem Klappentext, ob es jemals zu spät ist, um Nähe zuzulassen, impliziert einen emotionalen, tiefgründigen Text, der sich auf Zwischenmenschlichkeit und Lebensführung beruft, vielleicht auch auf verpasste Chancen und Neuanfänge. Ein psychologisches, universelles Thema, zu dem man sicher auch eigene Erfahrungswerte beisteuern kann.


Die Autorin Anne Cathrine Bomann arbeitet selbst als Psychologin, was dem Text vielleicht auch diese ganz persönliche Handschrift verleiht. Einerseits ein leichtes, lockeres Buch, basierend auf mehreren Gesprächsführungen ohne viel Nebenhandlungen. Doch dann wieder ein sehr traurig wirkender, melancholischer Monolog, bei dem sich der Hauptprotagonist immer mehr mit seinen Fehlern und Verfehlungen konfrontiert sieht, die ihm zwar durchaus geläufig sind, denen er aber erst jetzt, in Gegenwart seiner Patientin Agathe eine Bedeutung beimisst. Das Augenmerk liegt dabei eindeutig auf der Bewusstseinsfindung, ausgelöst durch eine fremde, anscheinend besondere Person, die ohne speziellen Willen und ein zielgerichtetes Vorhaben Veränderungen hervorruft, die es dem Hauptcharakter des Buches ermöglichen über seinen Schatten zu springen. Und so schafft der Roman beides: er bildet ein auf Einsamkeit ausgerichtetes Menschenleben ab, welches offensichtlich funktioniert aber keine Sinnhaftigkeit besitzt und er setzt diesem ein gestörtes, krankhaftes Bild entgegen, dem es zwar nicht an Erkenntnis mangelt, dafür aber an Freude. Zwei Personen treffen aufeinander, die sich gegenseitig beeinflussen können und das nach anfänglichen Zweifeln auch tun.


So einfühlsam und schön der Text aber auch geschrieben ist, mir fehlt dennoch ein bisschen Hintergrund. Das liegt vielleicht auch daran, das die Namensgeberin des Buches für mich eine sehr schemenhafte, blasse Gestalt geblieben ist, so dass ich nicht restlos nachvollziehen kann, wie es ihr gelingen konnte, den Psychiater (der leider ohne Namen bleibt) so wachzurütteln. Auch die Gedankengänge und die folgenden Handlungern erscheinen mir etwas unpassend vielleicht auch aufgesetzt. Denn die Erkenntnis, das Einsamkeit die Zukunft sein soll, bewegt den Herrn Doktor nun Kuchen für den Nachbarn zu backen und sich ans Sterbebett von Bekannten zu setzen – gut vielleicht ein Anfang, doch hatte ich nicht das Gefühl, das sein anfängliches negatives Weltbild nun wirklich einen positiven Wandel durchlaufen hat. Möglicherweise liegt auch in dem offenen Ende die Schönheit dieser Erzählung, bei der noch alles möglich scheint und nichts beendet – nur vermisse ich an dieser Stelle ein klares Schlusswort.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für einen ansprechenden Roman mit einer sympathischen Geschichte. Ein guter Mix aus Unterhaltungsliteratur und anspruchsvollen Gedankengängen, die dem Leser aber selbst überlassen bleiben. Manchmal war mir der Inhalt zu seicht, dann wieder zu pessimistisch aber vor allem fehlt mir die Bedeutungsschwere, die ich zu Beginn erwartet habe. Für mich ist es eher ein leichtes Wachrütteln bezüglich der Möglichkeit, hin und wieder den Lebensweg zu überprüfen, damit man nicht irgendwann vor verpassten Chancen und endlosen Weiten steht und im Hintergrund die ablaufende Zeit wahrnimmt. Eine Hommage an das Motto: Nutze den Tag und die Menschen, die dir begegnen, um glücklich zu werden.

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Veröffentlicht am 08.01.2019

Wenn die Familie verlorengeht

Grenzgänger
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„Was hast du getan? Das war das Gewicht, das mit einer solchen Wucht auf ihrer inneren Waage aufschlug, dass es das angesparte Referenzgewicht endgültig aushebelte.“


Inhalt


Im Jahre 1970 muss Henni ...

„Was hast du getan? Das war das Gewicht, das mit einer solchen Wucht auf ihrer inneren Waage aufschlug, dass es das angesparte Referenzgewicht endgültig aushebelte.“


Inhalt


Im Jahre 1970 muss Henni Bernhard einen Prozess über sich ergehen lassen, in dem sie der Tötungsdelikte an ihrem Vater und einer Schwester aus dem Kinderheim bezichtigt wird. Ihr beharrliches Schweigen spricht leider nicht für ihre Unschuld, ebenso wenig wie das fehlende Alibi. Nur ihr Mann und die Freundin aus Jugendtagen Elsa Brennecke sind davon überzeugt, dass Henni keine Schuld trifft. Stück für Stück legen sie Teile der Wahrheit frei, befassen sich mit den reellen Bedrängnissen der Vergangenheit und decken verjährte Untaten auf, doch Recht und Gerechtigkeit sind vor dem Gesetz verschiedenen Begriffe …


Meinung


Voller Vorfreude habe ich mir den aktuellen Roman der deutschen Autorin Mechtild Borrmann zugelegt, die mich bereits mit ihrem historischen Kriminalroman „Trümmerkind“ von ihrem schriftstellerischen Können überzeugt hat. Auch in „Grenzgänger“ greift sie auf tatsächliche Begebenheiten aus der jüngeren Deutschen Geschichte zurück, die menschenverachtende Erziehungsmethoden in Kinderheimen thematisieren. Auf hoch interessante Art und Weise kombiniert sie einen bewegenden persönlichen Erfahrungsbericht mit fiktiven Elementen, die dennoch sehr nah an schockierenden Wahrheiten bleiben.


Ungewöhnlich ist jedoch die verwendete Erzählperspektive, die diverse Personen als Beobachter und Betroffene gleichermaßen auftreten lässt. Einerseits entsteht dadurch eine bunte Vielfalt, die den echten Vorbildern der Geschichte gerecht wird, andererseits hat mir diese Interaktion nicht 100 prozentig gefallen. Henni Bernhard, geborene Schöning, war für mich die leuchtende Protagonistin, deren Verhalten bewundernswert und unverständlich gleichermaßen war, doch sie kommt hier nicht ausreichend zu Wort. Die Innensicht dieser kämpferischen, jungen Frau bleibt etwas unbestimmt und ist für mich nicht flächendeckend greifbar, deshalb ziehe ich auch einen Bewertungspunkt ab.


Was die Erzählung allerdings bestens vermag, ist die zielgerichtete, intensive Auseinandersetzung zwischen Schicksalsergebenheit, Lebensmut, Widerstandskraft und menschlichen Verfehlungen. Dabei steht sowohl der Kampf um Gerechtigkeit als auch der Verlust der Unbeschwertheit im Zentrum der Story– manchmal überwiegt der Schmerz, dann wieder die Zuversicht aber immer die Liebe zur Wahrheit.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen historisch angelehnten Aufarbeitungsroman über die Zwänge und Notstände in Kinderheimen, über elterliches Unvermögen, fehlende Zuneigung und dramatische Ereignisse ohne direkte Schuldige. Für Betroffene eine emotionale Fundgrube, für Interessierte ein Stück Zeitgeschichte, für alle anderen ein perspektivenreiches Lesevergnügen. Frau Borrmann hat den Finger sehr genau auf dem Herzen ihrer Erzählungen und das gefällt mir ausgesprochen gut, weitere Romane der Autorin sind von mir geplant.

Veröffentlicht am 08.01.2019

Zurückgekehrt ist nicht der Deine

Die Frau, die liebte
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„Sie sah, wie sie hilflos auf einer großen Welle der Missverständnisse und verfehlten Gelegenheiten nach vorn getragen wurde und im Begriff war, eine noch größere Sünde zu begehen als die, vor der sie ...

„Sie sah, wie sie hilflos auf einer großen Welle der Missverständnisse und verfehlten Gelegenheiten nach vorn getragen wurde und im Begriff war, eine noch größere Sünde zu begehen als die, vor der sie sich gefürchtet hatte.“


Inhalt

Bertrande de Rols wird bereits als Kind mit Martin Guerre verheiratet, weil die Eltern diese Verbindung gutheißen und sich davon Sicherheit und Wohlstand erhoffen. Sie hat das große Glück, sich sowohl mit ihren Schwiegereltern als auch mit dem Gemahl immer besser zu verstehen. Tatsächlich wird aus der Zweckverbindung eine große Liebesbeziehung, die bald schon mit einem gemeinsamen Kind gekrönt wird. Doch der junge Martin möchte selbstständig handeln und sich nicht mehr hinter die Wünsche und Vorhaben seines Vaters stellen. Eigenmächtig trifft er Entscheidungen, zu denen er nicht befugt ist und bespricht mit seiner Frau, dass er nun zumindest für eine Weile dem elterlichen Hof den Rücken kehren wird, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Bertrande verschweigt ihr Mitwissen und wartet sehnsüchtig auf Martins Rückkehr.

Doch die Jahre vergehen und aus Hoffnung wird Betrübnis, allein muss sie nun den Sohn großziehen und ihr Geliebter ist wahrscheinlich im Kampf gefallen. Als schließlich der Hausherr verstirbt, kehrt plötzlich und unerwartet Martin zurück, merklich gealtert aber voller Elan an der Fortführung seines Haushalts. Mit offenen Armen wird der Zurückgekehrte empfangen, nur Bertrande beschleichen immer wieder Zweifel. Sie erkennt den Mann nicht wieder, ist sich unsicher, ob er es wirklich ist und bringt schließlich mit einer initiierten Gerichtsverhandlung den Stein ins Rollen. Und während die Richter sich alle Zeugenaussagen anhören, wird Bertrande klar, dass jedes Urteil in diesem Fall ihr persönlicher Untergang sein wird …


Meinung


Die 1998 verstorbene amerikanische Autorin Janet Lewis greift in diesem Roman einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf und beleuchtet mit einer fiktiven Geschichte die historischen Überlieferungen. Ein sehr gelungener Mix, der trotz seiner Unglaublichkeit in den Bann zieht. Bertrande de Rols wird dabei als eine starke, entscheidungsfreudige Frau dargestellt, die mit aller Macht an das Gute und an die Liebe glaubt, sukzessive wird dieses Urvertrauen jedoch unterwandert und aus der hoffnungsfrohen jungen Frau wird eine leidgeplagte Mittdreißigerin, die ihren Wünschen und Sehnsüchten nichts zu geben vermag. Die Autorin schafft genau die richtige Basis, damit der Leser sich der Protagonistin entsprechend nahe fühlt, und sich mit Tiefe und Empathie in deren Leben einfühlen kann.


Umso spektakulärer und erschütternder ist nun der Fortgang der Handlung, denn als gottgläubige Frau, die ihrem Gemahl treu ergeben ist, wäre ein Ehebruch eine Sünde und dann auch noch eine selbstverschuldete, da sie den neuen Mann zunächst durchaus willig aufgenommen hat und mit ihm ein weiteres Kind zeugte. Die Seelenqualen und Zweifel der jungen Frau sind spürbar und konsequent, so dass man sich als Leser tatsächlich eine Aufklärung erhofft.


Das besondere an dieser Erzählung ist die Perspektive, die der Leser einnimmt, denn obwohl man sehr genau die Zerrissenheit der jungen Frau wahrnimmt, bleibt das tatsächliche Verschwinden des Martin Guerre ziemlich schwammig. Mir drängte sich stark die Frage auf: „Warum ist er so lange fortgeblieben?“ oder „War es wirklich nur die Angst vor dem Zorn des Vaters, die ihn aufgehalten hat?“ vielleicht auch nur „Warum hat er Frau und Sohn, für die er doch starke Gefühle hegte, so ohne weiteres verlassen?“. Und da diese Hintergründe bis zum Schluss ungeklärt bleiben, komme ich nicht umhin, eine eher negative persönliche Meinung über Martin Guerre zu haben. Und auch das Ende lässt mich betrübt zurück, kann man doch davon ausgehen, dass die Liebe der Bertrande de Rols einfach nicht reichte, um Bestand zu haben.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen höchst interessanten, dramatischen, historisch inspirierten Roman, der sich minutiös mit Gewissensfragen einer geplagten Seele beschäftigt. Der empathisch und ehrlich erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene feste Überzeugung ziehen lassen muss und sich mit bitteren Wahrheiten konfrontiert sieht. Ein kleines, feines Büchlein für schöne Lesestunden, welches zu Fragen über den Bestand der Liebe anregt, über den willkürlichen Verlauf des Schicksals und die Kraft der Wahrheit. Ich kann es getrost weiterempfehlen, es hat mir gut gefallen, sowohl was den Unterhaltungswert anbelangt als auch die erzählerische Dichte.

Veröffentlicht am 07.01.2019

Die Liebe, der Verrat, das Unvermögen

Stella
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„Aus der Entfernung hatten die Deutschen groß gewirkt, aus der Nähe wirkten sie so klein wie ich. Groß waren nur die Kulissen, die Fahnen vor allem. Die deutschen Fahnen waren sehr groß. Ich nahm mir vor, ...

„Aus der Entfernung hatten die Deutschen groß gewirkt, aus der Nähe wirkten sie so klein wie ich. Groß waren nur die Kulissen, die Fahnen vor allem. Die deutschen Fahnen waren sehr groß. Ich nahm mir vor, bald weiterzureisen.“


Inhalt


Friedrich ist Schweizer und nimmt sich entgegen jeder Vernunft vor, im Jahre 1942 die Heimat zu verlassen und sich ins Zentrum Deutschlands, in die Großstadt Berlin zu begeben. Sein familiäres Zuhause hält ihn nicht, denn die Ehe seiner Eltern ist schon viele Jahre zerrüttet, die Mutter ist Künstlerin und darüber hinaus Alkoholikerin, der Vater schwimmt zwar in Geld, lebt aber sein ganz eigenes, irgendwie weltfremdes Leben.

Schon kurz nach seiner Ankunft trifft Friedrich in einer Kunstschule eine junge Frau, die sich an seine Fersen heftet. Sie heißt Kristin und symbolisiert für ihn das blühende Leben, die so lang ersehnte Freiheit. Nicht nur ihr einnehmendes Wesen und die unkomplizierte Art imponieren ihm, nein auch ihr Mut, ihre Raffinesse, ihr Esprit – all jene Charaktereigenschaften, die ihm zu fehlen scheinen. Und aus Kristin und ihm wird ein Liebespaar.

Wenig später aber ist sie verschwunden und steht kurz darauf mit geschorenen Haaren, blauen Flecken und Tränen in den Augen vor ihm, um zu gestehen, dass sie eigentlich Stella heißt, eine Jüdin ist und sich gezwungen sieht für die Gestapo zu arbeiten, wenn sie sich selbst und das Leben ihrer Eltern retten will. Friedrich ist mit dem Geständnis überfordert, denn ihn stört zwar nicht die eingestandene Lüge aber doch, die nun drohende Alltagssituation. Immer wieder verschwindet Stella, geht ihren Aufträgen nach, lässt ihn auflaufen und entzieht sich mehr und mehr seinem Einfluss. Sein Unvermögen gegenüber der neuen Entwicklung treibt Friedrich zur Verzweiflung und ihm wird immer deutlicher bewusst, dass er die Gegenwart nicht mehr ertragen kann, das es eine Zukunft mit der Frau seiner Träume nicht geben wird und das es an ihm selbst ist, sein Leben zu ändern …


Meinung


Meine Erwartungshaltung an diesen Roman war sehr hoch, zum einen weil ich mich vom Schreibstil und der literarischen Umsetzung des Autors bereits in seinem Vorgängerroman „Der Club“ überzeugen konnte, zum anderen weil ich mit Vorliebe Literatur mit dem Handlungsschwerpunkt Nationalsozialismus bzw. Zweiter Weltkrieg lese und da schon sehr oft wahre Perlen gefunden habe.


Und so gelingt es dem begabten Autor leider nicht, mich restlos von „Stella“ zu überzeugen und das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zunächst einmal hat mich hier der nüchterne, eher pragmatische Erzählton gestört, der es mir nicht möglich machte, mich in irgendeine der Personen tatsächlich einzufühlen. Eher im Gegenteil, ich habe mich stellenweise geärgert, wie ruhig und unbeteiligt die vermeintlichen Freunde zusammensitzen und dekadentes Essen genießen, sich ihrer Privilegien durchaus bewusst und nach wie vor zu Späßen aufgelegt. Es gibt ihn nicht, weder den Sympathieträger, noch den Bösewicht, auch nicht die Frau, die beschützt werden muss, noch nicht einmal den Protagonisten, der Ursachenforschung betreibt. Irgendwie schade, denn wenigstens eine Person hätte mich gerne an die Hand nehmen dürfen und durch den Text führen.


Der andere Kritikpunkt ist eine für mich uneinsichtige Argumentation bezüglich der Straftaten, die hier zwar immer wieder mittels Zeugenaussagen fokussiert werden, deren Ausübung oder vielmehr noch die Motive für die Handlungen der Stella Goldschlag aber im Dunkeln bleiben. Demnach lässt mir der Autor zu viel Spielraum für eigenes Ermessen und zu wenig emotionale Beteiligung an den Geschehnissen. Tatsächlich waren es diese Punkte, die inhaltlich wesentlich besser zu dem Roman „Der Club“ passten und ihn zu einem Highlight gemacht haben.


Dennoch mag ich die literarische Umsetzung auch hier, selbst wenn sie nicht meine persönlichen Lesevorlieben trifft. Es sind mehr die moralischen Punkte, die hier bedient werden, die innere Zerrissenheit eines liebenden Mannes, der sehr genau zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann und schmerzlich erfahren muss, dass er sich hier in einem persönlichen Dilemma befindet. Das Buch geht eher der Frage nach, ob man verzeihen kann, oder lieber die Augen verschließt, ob man unverzeihliche Fehler dennoch vergibt, eben weil man liebt oder wie weit die Integrität reicht.


Und ein weiterer Punkt auf der positiven Bewertungsseite ist die Glaubwürdigkeit der Einzelpersonen. Stella hasst den Teil ihrer Selbst, der andere ausliefert, um die eigene Haut zu retten. Tristan von Appen, Freund und Feind gleichermaßen und darüber hinaus ein hohes Tier bei der Gestapo, sonnt sich in seiner Macht und den Vorzügen seiner Stellung, doch würde es den Rahmen nicht geben, wäre auch er ein anderer. Und schließlich Friedrich, der stille Beobachter, der Unbeteiligte, der jederzeit gehen könnte und es doch nicht tut. Der auch später im Leben auf seine Zeit in Berlin zurückblickt und Stella niemals aus der Erinnerung streicht – diese zwiespältigen Verhaltensweisen in Anbetracht der historischen Hintergründe füllen diesen Roman mit einer erzählerischen Dichte, die mir ausgesprochen gut gefallen hat.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen fiktiven doch historisch angelehnten Roman über das Leben der Jüdin Stella Goldschlag und ihrem Wirken im Rahmen des Nationalsozialismus. Eingebettet in tatsächliche Begebenheiten, untermalt mit echten Straftaten und belebt mit einer dramatischen Liebesgeschichte kann man hier in eine andere Zeit eintauchen, psychologische Aspekte menschlicher Verhaltensweisen hinterfragen und sich entspannt zurücklehnen. Etwas mehr Emotionalität hätte der Erzählung aus meiner Sicht gutgetan, ich habe sie aber auch gerne aus der pragmatischen Perspektive betrachtet, für die Wahl des Schauplatzes und der Zeit eine eher sachliche Herangehensweise. Vom Können des Autors bin ich überzeugt, er bringt Leser und Buch zusammen und schildert eindringlich und präzise seine Ausführungen.