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Veröffentlicht am 02.05.2019

Familie ist eine schädliche Einrichtung

Das wilde Leben der Cheri Matzner
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In Tracy Barones Debütroman mit dem albernen deutschen Titel “Das wilde Leben der Cheri Matzner“ geht es um den Radiologen Solomon Matzner und seine italienische Frau Cici, die einen Säugling adoptieren, ...

In Tracy Barones Debütroman mit dem albernen deutschen Titel “Das wilde Leben der Cheri Matzner“ geht es um den Radiologen Solomon Matzner und seine italienische Frau Cici, die einen Säugling adoptieren, kurz nachdem die hochschwangere Cici eine Fehlgeburt und eine Operation erlebt hat, die ihrem Kinderwunsch ein Ende setzen. Das Baby wird zu Beginn des Romans von seiner sehr jungen Mutter im Krankenhaus zurückgelassen. Zeuge dieser Szene ist der Schüler Billy Beal, der dort Sozialstunden ableisten muss und seine Mutter überredet, das Baby als Pflegekind aufzunehmen.
Die Geschichte der Cheri Matzner wird auf zwei Zeitebenen erzählt, 1962 - dem Jahr ihrer Geburt – und 2002. Cheris Verhältnis zu den Adoptiveltern ist sehr gespannt. Die Mutter erstickt sie mit ihrer erdrückenden Liebe, der Vater ist äußerst distanziert, u.a. weil die Adoption sich sehr nachteilig auf die Ehe ausgewirkt hat. Nach den frühen Jahren, in denen Cheri alles versucht, ihre Eltern zu provozieren, z.B. mit Drogenkonsum, gefährlichem Umgang und unzähligen Piercings, hat sie in den mittleren Lebensjahren berufliche und private Probleme. Nach dem unrühmlichen Ausscheiden aus dem Polizeidienst wird sie auch in ihrer akademischen Karriere ausgebremst. Nach dem Tod ihres Mannes Michael muss sie einen Neuanfang wagen und sich mit den losen Enden in ihrem Leben auseinandersetzen, unter denen ihre Adoption nicht das geringste Problem ist. Michaels Vermächtnis sind Informationen eines von ihm engagierten Privatdetektivs über ihre Herkunft. Sie sollen Cheri helfen, endlich ihren Frieden mit ihren Adoptiveltern zu machen und sich selbst zu akzeptieren. Die Autorin schildert diesen Reifungsprozess überzeugend, der die Protagonistin zu einer gewissen Gelassenheit und Demut bringt angesichts der zugleich schrecklichen und schönen Erfahrung, am Leben zu sein.
Der sehr detailfreudige Erzählstil der Autorin führt zu einigen Längen, die die Lektüre mühsam machen. Schon im ersten Teil fragt sich der Leser, warum die Situation der Familie Beal mit dem cholerischen, gewaltbereiten Vater und Ehemann derartig ausführlich ausgebreitet wird. Sie spielt im weiteren Verlauf bis fast zum Schluss keine Rolle, außer dass sie ein weiteres Beispiel für eine dysfunktionale Familie darstellt. Der Originaltitel “Happy Family“ kann nur ironisch verstanden werden, denn glücklich sind die Paare in diesem Roman - wenn überhaupt - nur vorübergehend. Da wird gelogen und betrogen, und Geheimnisse müssen über den Tod hinaus gewahrt werden. Barones Debüt gehört mit der Thematik der dysfunktionalen Familie zu einer wichtigen Untergruppe des amerikanischen Gegenwartsromans. Ich empfehle das Buch mit gewissen Einschränkungen.


Veröffentlicht am 14.04.2019

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem. (Golden Cage 1)
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Die junge Matilda verlässt zwei Jahre nach dem Abitur ihren Heimatort Fjällbacka und geht zum Studium nach Stockholm. Sie will die Vergangenheit abstreifen. Dazu gehört auch ihr Name. Ab sofort heißt sie ...

Die junge Matilda verlässt zwei Jahre nach dem Abitur ihren Heimatort Fjällbacka und geht zum Studium nach Stockholm. Sie will die Vergangenheit abstreifen. Dazu gehört auch ihr Name. Ab sofort heißt sie Faye. Sie lernt den Frauenschwarm Jack Adelheim kennen, der aus einer bekannten, ehemals reichen Oberschichtfamilie stammt. Sie verlieben sich ineinander und heiraten. Ihm zuliebe bricht sie ihr Wirtschaftsstudium ab und verzichtet auf eine eigene Karriere. Stattdessen hilft sie ihm und seinem Freund Henrik, das Unternehmen Compare aufzubauen, zu dem sie nicht nur den Namen, sondern ihr beachtliches Fachwissen beisteuert. Als dann auch noch Tochter Julienne geboren wird, ist ihr Hausfrauenschicksal besiegelt. Faye versucht in allen Dingen, es ihrem Mann recht zu machen, versucht die Frau zu sein, die er will. Dass sie in dieser Beziehung nicht nur ihre finanzielle Unabhängigkeit verliert, sondern sich komplett selbst aufgibt, merkt sie erst, als es zu spät ist und er sie gegen seine Jüngere eintauscht. Dann beschließt sie jedoch, mit Unterstützung ihrer Freundin Chris zu kämpfen, wie sie es in ihrer Kindheit und Jugend gelernt hat und plant einen raffinierten Rachefeldzug.
Der Roman hat eine komplizierte Struktur mit zahlreichen Rückblenden in die Vergangenheit, d.h. ihr Leben in Fjällbacka und die erste Zeit in Stockholm, als sie Jack kennenlernte. Immer wieder gibt es Hinweise auf Geheimnisse, von denen niemand etwas wissen darf und auf die dunkle Seite in Fayes Charakter. Der Roman beginnt fast mit dem Ende: dem Verschwinden der Tochter, die sich zuletzt in Jacks Obhut befunden hatte. Diese kursiv gesetzten Passagen berichten über den Fortschritt der polizeilichen Ermittlungen. Das Blut in Fayes Wohnung, in Jacks Auto und auf seinem Boot deuten auf Jack als Täter. Hat Jack seine eigene Tochter ermordet, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen?
Läckbergs Roman ist spannend, obwohl die Auflösung irgendwann absehbar ist. Die Männer kommen mit einer Ausnahme – Johan, der letzte Partner von Chris – schlecht weg in diesem Buch und sind Ehebrecher, gewalttätige Ehemänner und Väter oder Pädophile. Auch die Frauenfiguren nehmen den Leser nicht für sich ein. Die verwöhnten berufslosen Oberschichtfrauen zahlen einen hohen Preis für ihr sinnentleertes Luxusleben. Faye Adelheim ist eine Protagonistin, mit der man sich nicht so leicht identifiziert. Sie lässt auf sich herumtrampeln, gibt alles auf für einen Mann, der sie verachtet und keine Gelegenheit auslässt, ihr zu zeigen, dass er sie nur benutzt und nicht den geringsten Respekt vor ihr hat. Dass Faye mit ihrer Geschäftsidee dann ausgerechnet Frauen anspricht, die alle ähnlich verheerende Erfahrungen mit Männern gemacht haben, lässt sie in einem besseren Licht erscheinen. Insgesamt ist dies ein ganz gut lesbarer Roman, aber kein Meisterwerk.

Veröffentlicht am 07.04.2019

Gene findet seinen Lebenssinn

Die Angehörigen
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Ed und Gayle Donnelly sowie Gene und Maida Ashe kennen sich seit dem College. Beide Paare haben früh geheiratet, ihre Kinder gemeinsam aufgezogen und viele Urlaube im Strandhaus der Donnellys verbracht. ...

Ed und Gayle Donnelly sowie Gene und Maida Ashe kennen sich seit dem College. Beide Paare haben früh geheiratet, ihre Kinder gemeinsam aufgezogen und viele Urlaube im Strandhaus der Donnellys verbracht. Dann stirbt Maida plötzlich nach 49 Ehejahren, und Gene fühlt sich völlig schutzlos, fast desorientiert. Er soll für die Trauerfeier einen Nachruf auf seine Frau verfassen und weiß zunächst nichts über sie zu sagen. Die Aufgabe stürzt ihn in tiefe Zweifel. War seine Frau glücklich im Leben, in ihrer Ehe? Von seiner Tochter Dary, zu der er immer ein schwieriges, distanziertes Verhältnis hatte, entfernt er sich immer mehr. Immerhin sorgt sie dafür, dass sich eine Zeit lang die Haushaltshilfe Adele um ihn kümmert. Als sich Gene und Adele näher kommen, wird es für eine Weile leichter für ihn. Ihn plagen allerdings immer noch Zweifel auch angesichts der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, von denen alle wussten, nur er nicht. Zwischen Ed und Maida gab es eine tiefe Verbundenheit, genauso wie Ed sich zu Gayle hingezogen fühlte. Haben sie ihn verraten und betrogen? Allmählich werden auch die Selbstzweifel immer stärker. Hat er selbst das Leben gelebt, das er für sich wollte, oder hat er sich immer viel zu sehr den Erwartungen anderer angepasst? Er erkennt, dass auch die Antworten auf all seine quälenden Fragen nichts ändern würden, dass man weder plötzlich ein ganz anderes Leben führen kann als das, das man nun mal hat noch rückwirkend irgendetwas an dem gelebten Leben verändern kann. Irgendwann will er manche Antworten nicht mehr hören. Er kann es sich auch aus gesundheitlichen Gründen gar nicht leisten, seinen Seelenfrieden in dieser letzten Phase seines Lebens zu zerstören, indem er immer weiter nach einer möglicherweise unangenehmen Wahrheit sucht.
Katherine Dion ist ein teilweise berührendes Buch gelungen, das auch den Leser über die angeschnittenen Themen nachdenken lässt, vor allem über die Frage, wie gut wir die Menschen wirklich kennen, die uns eigentlich nahestehen sollten. Dions Debütroman ist interessant, aber nicht besonders spannend, zumal der Leser, der aufgrund des Klappentextes spektakuläre Enthüllungen erwartet, enttäuscht wird. Am Ende der überwiegend ziemlich traurigen Geschichte über Verlust und Trauer wird der Leser durch Genes späte Erkenntnis versöhnt, dass sich sein Leben “nicht als das erträumte erwies, sondern schlicht als jenes, das er geführt hatte.“ ( S. 278). Könnte sein Lebenssinn nichts weiter gewesen sein, als der Wunsch, niemals allein zu sein?

Veröffentlicht am 05.03.2019

Facetten der Wahrheit

Das Echo der Wahrheit
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Mit “Das Echo der Wahrheit“ legt Eugene Chirovici seinen zweiten Roman nach dem auch von mir sehr geschätzten Welterfolg “Das Buch der Spiegel“ vor.
Ein todkranker alter Mann nimmt Kontakt zu dem bekannten ...

Mit “Das Echo der Wahrheit“ legt Eugene Chirovici seinen zweiten Roman nach dem auch von mir sehr geschätzten Welterfolg “Das Buch der Spiegel“ vor.
Ein todkranker alter Mann nimmt Kontakt zu dem bekannten Psychiater Dr. James Cobb auf, der auf Therapien unter dem Einsatz von Hypnose spezialisiert ist. Der reiche Philanthrop bittet ihn, ihm dabei zu helfen, endlich herauszufinden, was etwa 40 Jahre zuvor in einem Hotel in Paris geschah, wo sich der junge Mann mit seinem Freund Abraham Hale aufgehalten hatte. Beide waren damals in die schöne Französin Simone Duchamp verliebt. Nach reichlichem Alkoholkonsum sieht Joshua am nächsten Morgen die Leiche der jungen Frau, die – noch ehe er sie verstecken kann – spurlos verschwindet. Der alte Mann hat sich sein Leben lang mit der Frage gequält, ob er die junge Frau getötet haben könnte oder in irgendeiner Weise an ihrem Tod beteiligt war. Zwei Therapiesitzungen unter Hypnose bringen keine wesentlichen Erkenntnisse, und wenig später ist der Patient tot. Der Psychiater kämpft selbst mit einer unverarbeiteten Geschichte: Er hatte eine verbotene Affaire mit seiner Patientin Julie, die später Selbstmord beging, was ihm eine Menge Ärger einbrachte. James Cobb möchte unbedingt herausfinden, was damals in Paris geschah, engagiert von seinem üppigen Honorar den Privatdetektiv Mallory und geht später selbst den Hinweisen in Frankreich nach, indem er Zeugen und Freundinnen von Simone und ihrer Schwester befragt.
Was dabei herauskommt, ist eine immer verworrener werdende Geschichte mit einer stetig wachsenden Zahl von Beteiligten und einer unerwarteten Auflösung. Nicht alle Wendungen im komplizierten Plot wirken dabei plausibel, vor allem nicht der Schluss. Thematisch erinnert der Roman in mancher Hinsicht an “Das Buch der Spiegel“. Es geht wieder um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, um Wahrheit und Fiktion und die Frage, ob es nicht für jeden eine eigene Wahrheit und Realität gibt – auch ohne dass jemand bewusst lügt. Der Roman liest sich anfangs nicht schlecht, wirkt aber vor allem im letzten Drittel zunehmend konstruiert und wirr. Nur der Psychiater setzt am Ende die Erkenntnis um, dass jeder Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Für mich war das Buch insgesamt etwas enttäuschend nach den hohen Erwartungen, die “Das Buch der Spiegel“ geweckt hat.

Veröffentlicht am 27.01.2019

Warum gibt es so unendlich viele Frauen in einer unendlichen Welt?

Die zehn Lieben des Nishino
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In Hiromi Kawakamis neuem Roman “Die zehn Lieben des Nishino“ erzählen zehn Frauen jeweils aus ihrer Perspektive von ihrer Beziehung zu Yukihiko Nishino. Von frühester Jugend an hat der charmante Nishino ...

In Hiromi Kawakamis neuem Roman “Die zehn Lieben des Nishino“ erzählen zehn Frauen jeweils aus ihrer Perspektive von ihrer Beziehung zu Yukihiko Nishino. Von frühester Jugend an hat der charmante Nishino großen Erfolg bei Frauen. Keine kann ihm widerstehen, egal ob jünger oder älter, verheiratet oder in einer Beziehung zu einer Frau. Die meisten dieser Affairen halten nicht lang, und oft sind es die Frauen, die sich zurückziehen. Sie spüren, dass der Frauenheld Nishino unfähig ist wahrhaft zu lieben und gehen auf Distanz, bevor sie sich zu sehr verlieben und riskieren, verletzt zu werden. Nishino ist zwar überaus höflich und korrekt, aber nicht warmherzig oder zu Empathie fähig. Von ihm geht eine spürbare Kälte aus, manchmal auch Grausamkeit und Härte. Er ist nie treu und bemüht sich nicht einmal, seine zahllosen Affairen geheim zu halten. Einzig sein fast inzestuöses Verhältnis zu seiner 12 Jahre älteren Schwester, die Selbstmord beging, war inniger und hat ihn sein Leben lang geprägt.
Mir hat der neue Roman von Kawakami nicht so gut gefallen wie frühere, z.B. “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“. Die Sammlung von zehn nicht chronologisch erzählten Episoden berührt nicht – zu flüchtig und teilweise zu oberflächlich sind die dargestellten Liebesgeschichten. Liebe ist ein äußerst vergängliches Phänomen, zum Teil auch für die Frauen, die nicht Opfer sind, sondern häufig selbst sehr direkt die Initiative für sexuelle Kontakte ergreifen. Will die Autorin ein Porträt der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft zeichnen? Manchmal kommt es mir so vor. Jedenfalls ist der kurze, schnell zu lesende Romane in jeder anderen Hinsicht charakterisiert von japanischem Ambiente, was Lebensweise, Mentalität, Speisen und Getränke und die Wohnsituation betrifft. Ein interessanter, aber nicht mitreißender Roman.