Eine moderne Christin
Wohin dein Herz mich ruftDas ist Julia Bernay im London der 1880er Jahre: sie ist jung, klug, gläubig, hat das Herz am rechten Fleck und ihr Lebensziel sehr genau vor Augen: sie will Ärztin werden und als solche nach Afrika gehen, ...
Das ist Julia Bernay im London der 1880er Jahre: sie ist jung, klug, gläubig, hat das Herz am rechten Fleck und ihr Lebensziel sehr genau vor Augen: sie will Ärztin werden und als solche nach Afrika gehen, an eine Missionsstation. Das ist nicht einfach, denn obwohl es bereits die ersten weiblichen Ärzte gibt, ist dieses Studium noch nicht in Gänze für Frauen freigegeben - nein, es steht sogar ein Prozess aus, bei dem die Schließung der medizinischen Hochschule für Frauen, an der Julia sich immatrikulieren will, erreicht werden soll.
Zufällig ist Julia in einen Unfall der Londoner U-Bahn verwickelt - sie verarztet dort einen attraktiven und freundlichen Mann, Michael Stephenson nämlich, der sich als Anwalt entpuppt und im Moment gerade für die Kläger gegen Julias künftige Schule tätig ist.
Dennoch kommen sie sich näher - und zwar gibt Michael Julia als Dank für ihren ärztlichen Beistand Nachhilfeunterricht in Latein, um sie auf entsprechende Prüfungen vorzubereiten. Schnell sind sie einander mehr als sympathisch, doch Michael soll eine junge Dame aus dem Adelsstand heiraten, während Julia, die die ärztliche und missionarische Tätigkeit als Berufung und als von Gott so für sie geplant ansieht, weiter ihre berufliche Karriere verfolgt.
Was sich zunächst als neckisches viktorianisch-züchtiges Geplänkel mit christlichen Elementen las, entwickelte sich schnell zu einer handfesten, realistischen und mitreißenden Darstellung der Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei der Blick der Autorin Jennifer Delamere durchaus auch auf die ärmeren Schichten, denen Julia und weitere angehende Ärztinnen ehrenamtlich halfen, fiel. Auch, wenn die Liebe natürlich durchgehend eine wichtige Rolle spielt, ist sie eingebettet in spannende und eindringliche Schilderungen des Umfelds.
Was den historischen Rahmen angeht, hat die Autorin gründlich recherchiert. Doch auch Julias tiefer Glaube, der sich im Handlungsverlauf durchaus wandelt, aber niemals abnimmt, ist glaubwürdig und eindringlich dargestellt. Gerade dieses Element macht den Roman zu etwas ganz Besonderem!
Obwohl ich zu Beginn nicht ganz so leicht hineinkam und mit ein paar Längen zu kämpfen hatte, bin ich im Nachhinein mehr als froh, am Ball geblieben zu sein. Denn sonst hätte ich einen wirklich eindringlichen christlichen historischen Roman von hoher Qualität in jeder Hinsicht verpasst. Sehr zu empfehlen für alle, die Bücher mit starken und eigensinnigen Protagonistinnen ebenso wie den Umstand, dass der christliche Glaube als ein wichtiges Thema Teil des Geschehens ist, zu schätzen wissen!