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Veröffentlicht am 01.03.2019

Der Herr der menschlichen Spuren

Deine kalten Hände
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Das ist der Bildhauer Jang Unhyong auf eine ganz besondere Art und Weise: denn er fertigt Gipsabdrücke von menschlichen Körperteilen - nur von weiblichen Modellen - ab, die er nachgießt. Mal sind es Hände, ...

Das ist der Bildhauer Jang Unhyong auf eine ganz besondere Art und Weise: denn er fertigt Gipsabdrücke von menschlichen Körperteilen - nur von weiblichen Modellen - ab, die er nachgießt. Mal sind es Hände, mal das Gesicht, mal das Becken. Es hängt davon ab, was ihm jeweils als besonders schön aufgefallen ist.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters: das trifft auf keinen besser zu als auf besagten Bildhauer, der die Frauen gezielt anspricht. Durch seine ebenso zurückhaltende wie sichere Art kommt er meist zum Ziel.

Es ist auffällig, dass die Frauen im Leben des Bildhauers befangen sind, sie sind nicht im Einklang mit sich und vor allem mit ihrem Körper, es hapert bei ihnen am Selbstwertgefühl. Und ausgerechnet Jang Unhyong, der ihnen dieses entgegenbringt, wird von ihnen ausgenutzt, auf bestimmte Art und Weise.

Auf einmal ist er einfach nicht mehr da - ebenso wie sein letztes Modell, eine Innenarchitektin mit einem Makel an der Hand. Einen, der für ihre Mitmenschen nicht mehr ersichtlich ist, unter dem sie aber dennoch leidet.

Auf der Suche nach ihrem Bruder übergibt die Schwester des Bildhauers dessen Aufzeichnungen der Schriftstellerin H. Ob sie wohl fündig wird, fündig werden kann?

Es ist ein Roman über menschliche Spuren, menschliche Werte und die Einsamkeit - sowohl des Menschen an sich als auch die der Spuren, die er hinterlässt. Über (Un)Verbindlichkeiten und Wertschätzung, die eigene wie auch die der anderen. Ein Roman mit einer starken Symbolik, in den sich vieles hineininterpretieren lässt, der aber gleichzeitig viele Fragen aufwirft. In mir hat er viele Emotionen hervorgerufen - einerseits empfand ich ihn als irritierend, ja verstörend, andererseits aber auch als eine Art Ermunterung zur Akzeptanz seiner selbst - gerade als Frau. Han Kang schreibt eindringlich und sehr klar, auch gibt es einen gewissen Spannungsaufbau - mir jedenfalls fiel es hier leicht, am Ball zu bleiben, mehr noch: ich wollte das Buch nicht aus der Hand legen. Dennoch fand ich mich am Ende mehr als verwirrt wieder. Oder wie durcheinander gewirbelt. Vielleicht ist es das, was gute Literatur ausmacht: sie verändert ein winziges Bisschen im Menschen oder gar ein.

Der Vergleich von Han Kang zu Murakami, der des öfteren gezogen wird, passt aus meiner Sicht ganz und gar nicht, denn die koreanische Autorin Han Kang hat mit jedem ihrer Romane etwas ganz Eigenes, Neues, nie Dagewesenes geschaffen, das sich mit nichts anderem vergleichen lässt. Ich empfehle ihn jedem Leser, der offen ist für etwas vollkommen anderes und freue mich selbst schon auf das nächste Mal, wenn ich mich wieder von Han Kang verwirren lassen kann!

Veröffentlicht am 27.02.2019

Eine moderne Christin

Wohin dein Herz mich ruft
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Das ist Julia Bernay im London der 1880er Jahre: sie ist jung, klug, gläubig, hat das Herz am rechten Fleck und ihr Lebensziel sehr genau vor Augen: sie will Ärztin werden und als solche nach Afrika gehen, ...

Das ist Julia Bernay im London der 1880er Jahre: sie ist jung, klug, gläubig, hat das Herz am rechten Fleck und ihr Lebensziel sehr genau vor Augen: sie will Ärztin werden und als solche nach Afrika gehen, an eine Missionsstation. Das ist nicht einfach, denn obwohl es bereits die ersten weiblichen Ärzte gibt, ist dieses Studium noch nicht in Gänze für Frauen freigegeben - nein, es steht sogar ein Prozess aus, bei dem die Schließung der medizinischen Hochschule für Frauen, an der Julia sich immatrikulieren will, erreicht werden soll.

Zufällig ist Julia in einen Unfall der Londoner U-Bahn verwickelt - sie verarztet dort einen attraktiven und freundlichen Mann, Michael Stephenson nämlich, der sich als Anwalt entpuppt und im Moment gerade für die Kläger gegen Julias künftige Schule tätig ist.

Dennoch kommen sie sich näher - und zwar gibt Michael Julia als Dank für ihren ärztlichen Beistand Nachhilfeunterricht in Latein, um sie auf entsprechende Prüfungen vorzubereiten. Schnell sind sie einander mehr als sympathisch, doch Michael soll eine junge Dame aus dem Adelsstand heiraten, während Julia, die die ärztliche und missionarische Tätigkeit als Berufung und als von Gott so für sie geplant ansieht, weiter ihre berufliche Karriere verfolgt.

Was sich zunächst als neckisches viktorianisch-züchtiges Geplänkel mit christlichen Elementen las, entwickelte sich schnell zu einer handfesten, realistischen und mitreißenden Darstellung der Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei der Blick der Autorin Jennifer Delamere durchaus auch auf die ärmeren Schichten, denen Julia und weitere angehende Ärztinnen ehrenamtlich halfen, fiel. Auch, wenn die Liebe natürlich durchgehend eine wichtige Rolle spielt, ist sie eingebettet in spannende und eindringliche Schilderungen des Umfelds.

Was den historischen Rahmen angeht, hat die Autorin gründlich recherchiert. Doch auch Julias tiefer Glaube, der sich im Handlungsverlauf durchaus wandelt, aber niemals abnimmt, ist glaubwürdig und eindringlich dargestellt. Gerade dieses Element macht den Roman zu etwas ganz Besonderem!

Obwohl ich zu Beginn nicht ganz so leicht hineinkam und mit ein paar Längen zu kämpfen hatte, bin ich im Nachhinein mehr als froh, am Ball geblieben zu sein. Denn sonst hätte ich einen wirklich eindringlichen christlichen historischen Roman von hoher Qualität in jeder Hinsicht verpasst. Sehr zu empfehlen für alle, die Bücher mit starken und eigensinnigen Protagonistinnen ebenso wie den Umstand, dass der christliche Glaube als ein wichtiges Thema Teil des Geschehens ist, zu schätzen wissen!

Veröffentlicht am 21.02.2019

Der Chemo-Apfel

Der Welt nicht mehr verbunden
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Ein interessanter und eindrucksvoller Ansatz zum Umgang mit Depressionen, zumal die Einführung in Vietnam quasi ein déja vu für mich war - ich war dort kurz vor dem Autor und mir ging es ähnlich ...

Ein interessanter und eindrucksvoller Ansatz zum Umgang mit Depressionen, zumal die Einführung in Vietnam quasi ein déja vu für mich war - ich war dort kurz vor dem Autor und mir ging es ähnlich schlecht. Nur habe ich gottseidank nicht zum Chemo-Apfel gegriffen. Was zeigt, dass kurzfristige Handlungen und/oder Gifte eine chronische Erkrankung verstärken oder auch erst "herauslocken" können.

Autor Johann Hari schreibt mutig und ehrlich über seine eigene Depression - eine Krankheit, die ihn seit seinem 18. Lebensjahr begleitet - wissentlich natürlich. Denn eine Depression wird oftmals nicht als Krankheit erkannt. Bei ihm schon und wie viele wurden auch ihm Antidepressiva als Gegenmittel verschrieben. Doch sie halfen auf die Dauer nichts, brachten keine langfristige Lösung. Aus meiner Sicht sind seine Einwände gegen diese Mittel ein wenig zu einseitig, denn es gibt sicher Fälle, in denen sie dringend erforderlich sind, in denen der Patient ohne sie größter Gefahr ausgesetzt wäre. Doch das ist bei einigen der Fall, bei anderen wieder nicht. Das hätte stärker betont werden sollen.

Hari hat im Zusammenhang mit seiner Recherche viel gesehen, viel beobachtet und es ist interessant, dass er in seinem Bericht immer wieder auf Deutschland zu sprechen kommt - offenbar sowohl ein Land, in dem es viele psychisch Kranke gibt, ebenso aber eines, in der diese Problematik besonders intensiv betrachtet wird.

Im Resultat kommt der Autor, ein Journalist, zum Schluss, dass Depressionen, die in vielen Fällen vererbt werden, vor allem durch die Änderung der Lebensumstände geheilt bzw. langfristig eingedämmt werden können. Nichts Neues aus meiner Sicht - wobei ich jemand bin, der sich immer wieder mit diesem Thema beschäftigt, beschäftigen muss. Dennoch sind seine Ausführungen wichtig, denn sie zeigen viele Aspekte auf, die der Leser im Auge behalten sollte. Doch das Wichtigste: Hari schreibt nicht als Fachmann, er schreibt als Betroffener und diesen Umstand sollte man sich während der Lektüre stets vor Augen halten. Dann ist das Buch auf jeden Fall ein Gewinn!

Veröffentlicht am 15.02.2019

Unfertig

Frühling in Utrecht
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ist der Charakter und somit auch das Leben von Klara, einer Mittdreißigerin, die es von Berlin ins niederländische Utrecht verschlägt. Ja, "verschlägt" ist genau das richtige Wort, denn Klara ist eine ...

ist der Charakter und somit auch das Leben von Klara, einer Mittdreißigerin, die es von Berlin ins niederländische Utrecht verschlägt. Ja, "verschlägt" ist genau das richtige Wort, denn Klara ist eine Meisterin darin, die Dinge einfach mit sich geschehen zu lassen.

Das bedeutet: sie gerät in ein gewisses Setting, zunächst in Berlin, nun in Utrecht, und lässt sich dort gewissermaßen treiben, wobei sie mit diesem Merkmal mehr oder weniger für eine ganze Generation steht. Eine Generation, die abwartet, was ihr so geboten wird.

In Berlin war das eine frustrierende Beziehung zu Hauke, mit dem sie mehrere Jahre eine Kneipe betrieben hat. In Utrecht schaut sie erstmal, gerät durch Zufall an einen ganz netten Kneipenjob und darüber, nicht minder zufällig an einen ebenso entten Mann, nämlich Thijs, gut und gerne zehn Jahre jünger als sie, ganz der protestantisch-lutherische Typ. Was das heißen soll? Nun, um das zu erfahren, sollten Sie sich mit den Darstellungen der Autorin Julia Trompeter, bzw. den Gedanken, die sie Klara so in den Mund, vielmehr in den Kopf legt, befassen.

Intelligente Gedanken, die so einiges aus der europäischen und amerikanischen Kultur, vor allem auf die Literatur bezogen, beinhalten.

Wenn sie ein Problem mit Hektik haben: Klara ist keienswegs ein Typ, der in sich ruht. Dessen sollten Sie sich während, am besten bereits vor der Lektüre, im Klaren sein.

Für mich ist dieser Roman die lterarische Antwort auf den Film "Frances Ha" mit Greta Gerwig. Ein Auszug aus einem Leben eben. Nichts Tollkühnes, nichts Aberwitziges, aber dennoch: das pralle Leben. In Utrecht. Welches durchaus (auch) seinen Charme hat!

Veröffentlicht am 15.02.2019

Gebundenes Leben

Die verborgenen Stimmen der Bücher
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Die britische Autorin Bridget Collins entführt ihre Leser mit ihrem Roman "Die verborgenen Stimmen der Bücher" in eine fremde, gewissermaßen ursprüngliche Welt, in der die Bücher eine andere Bedeutung ...

Die britische Autorin Bridget Collins entführt ihre Leser mit ihrem Roman "Die verborgenen Stimmen der Bücher" in eine fremde, gewissermaßen ursprüngliche Welt, in der die Bücher eine andere Bedeutung hatten als diejenige, die uns bekannt ist.

Was für eine genau, das offenbart sich dem Leser erst peu à peu. Der junge Emmett Farmer, ein - Nomen est Omen - junger Farmer, erkrankt eines Tages unheilbar am Buchbinderfieber und muss den Beruf wechseln. Seine Familie schickt ihn weit fort zu einer alten Frau, nämlich Seredith. Dort soll er die Buchbinderkunst erlernen und das in einer Zeit, in alle Menschen - auch seine Eltern - Bücher aus ihrem Leben verbannt haben.

Er lernt schnell, dass Menschen gebunden werden können, doch was bedeutet das genau? Denn sie exisitieren auch danach noch und sehen genauso aus wie vorher. Aber irgend etwas ist anders an ihnen.

In Serediths Haus begegnet Emmett merkwürdigen Menschen, so auch dem ebenfalls jungen Lucien Darnay, der eine gewisse Faszination auf ihn ausübt, aber auch eine bestimmte, nicht näher definierbare Gefahr ausstrahlt - was hat es mit ihm wohl auf sich?

Schneller als gedacht, lange vor Ende seiner Ausbildung, muss Emmett Serediths Haus verlassen und begegnet einem ganz anderen, ausgesprochen befremdlichen Leben, in dem ihm klar wird, dass er sich auf niemanden verlassen kann.

Die Welt der Autorin Bridget Collins ist rund, sie ist aber auch bedrohlich und in eher dunkle Farben gewandet. Es ist spannend, sie zu erobern, doch sie beinhaltet eine ganze Menge roher Gewalt - für meinen Geschmack zu viel davon. Ein komplexes, stellenweise grausames Werk, an dessen Ende Emmett schließlich sich selbst findet.

Empfehlenswert für Leser, die gerne neue Welten kennenlernen, in denen die Uhren ganz anders ticken als in unserem "normalen" Alltag!