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Veröffentlicht am 02.03.2019

Mehr als ein "Schweden-Krimi"

1793
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Europa im ausgehenden 18. Jahrhundert: Künstler, Schriftsteller und Philosophen läuten mit Ihren Gedankengebäuden die Zeit der Moderne ein. Die Saat der Aufklärung keimt in vielen Köpfen und trägt mit ...

Europa im ausgehenden 18. Jahrhundert: Künstler, Schriftsteller und Philosophen läuten mit Ihren Gedankengebäuden die Zeit der Moderne ein. Die Saat der Aufklärung keimt in vielen Köpfen und trägt mit der französischen Revolution 1789 grausame Blüten. Menschen wollen nicht mehr hinnehmen, dass nur einige Wenige über die Massen herrschen und sich an Ihnen bereichern dürfen.
In diese Zeit hinein legt der schwedische Schriftsteller Niklas Natt och Dag seinen historischen Roman 1793, der zugleich ein meisterhafter Krimi ist.
Auch in Stockholm greift die Verelendung der Massen genauso um sich, wie im Übrigen Europa auch. Und auch hier bringen Monster nur wieder Monster hervor. Den Menschen geht es nach Kriegen und Missernten so schlecht wie nie. Jeder ist sich in der nach Verwesung stinkenden Stadt der Nächste, denn ein funktionierendes Rechtssystem gibt es nicht. Wer seinem Nachbarn nicht genehm ist, konnte schnell im sogenannten Spinnhaus landen, wo die Ausbeutung unter dem moralischen Deckmantel der Läuterung auf die Spitze getrieben wurde. In diesen Kontext legt der mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnete Autor seine Handlung. Als der kriegstraumatisierte Häscher Jean Michael Cardell die verstümmelte Leiche eines jungen Mannes aus der Stadtkloake zieht, scheint dies erstmal nichts Ungewöhnliches zu sein. Am liebsten würde "Mikkel" Cardell, nichts mit dem rätselhaften Fall zu tun haben wollen. Doch gemeinsam mit dem genialen Juristen Cecil Winge folgt er den Spuren der Leiche und entblättert das Schicksal der Menschen, die die Wege des Mannes gekreuzt haben.
Die ersten Kapitel waren in Ihrer Brutalität für mich eine Zumutung: Fast konnte ich beim Lesen den Gestank der Stockholmer Gassen riechen und die heruntergekommenen Gestalten vor mir sehen. Hier ist nichts Schönes zu finden. Doch genau dadurch entfaltet sich die Sogwirkung des Buches. In der Hoffnung darauf, dass am Ende das Gute siegen möge, habe ich mich durch die knapp 500 Seiten gelesen. Doch Stockholm ist nicht Hollywood und in der Welt von 1793 gibt es nur Grautöne. Am Ende gibt es nur wenig Trost: Die Hoffnung auf ein baldiges neues Werk von Niklas Natt och Dag.

Veröffentlicht am 03.09.2019

Mein Sommerhighlight

Der Gesang der Flusskrebse
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Kya ist sechs Jahre alt, als sich ihre Mutter mit einem Koffer in der Hand, ohne Abschied zu nehmen, aus ihrem Leben davonmacht. Auch ihre älteren Geschwister sind schon vor dem gewalttätigen Vater und ...

Kya ist sechs Jahre alt, als sich ihre Mutter mit einem Koffer in der Hand, ohne Abschied zu nehmen, aus ihrem Leben davonmacht. Auch ihre älteren Geschwister sind schon vor dem gewalttätigen Vater und dem trostlosen Leben in den Sümpfen North Carolinas geflüchtet. Allein auf sich gestellt (auch der Vater wird irgendwann spurlos verschwinden) lernt Kya zu überleben. Mitten in der Natur, mit wenigen Kontakten zu anderen Menschen wird sie erwachsen. Nicht gewohnt mit Menschen umzugehen, fällt sie auf jemanden herein, der sie letztendlich nur ausnutzt. Man leidet mit Kya in jeder Lebensphase mit und freut sich auf der anderen Seite auch über jede ihrer wunderschönen Momente in der Natur.
"Der Gesang der Flusskrebse" wirkt noch lange nach. Selten habe ich ein so fesselndes Hörbuch gehört. Auf sehr gefühlvolle Weise wird hier sowohl eine Geschichte vom Erwachsenwerden, eine präzise Naturschilderung, als auch ein spannender Krimi zugleich beschrieben. Als Extra gibt es dann noch die Liebesgeschichte zwischen Kya und dem Federjungen.
Das Hörbuch wird großartig gelesen von Luise Helm. Mühelos trifft sie den richtigen Ton für die unterschiedlichen Akteure.
Der Gesang der Flusskrebse ist mein Sommerhighlight. Man merkt, dass die Autorin Delia Owens Zoologin ist: Sie teilt ihr wunderbares Wissen mit dem Hörer/Leser in einer poetischen Art und Weise, die an keiner Stelle langweilt. Also: absolute Empfehlung für "Der Gesang der Flusskrebse".

Veröffentlicht am 12.09.2025

Intensives Buch

Spät am Tag
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Spät am Tag ist der Debüt-Roman von Kristin Vego, und ich finde ihn sehr gut gelungen. Wie mit einem leichten Pinsel malt Vego eine Liebesgeschichte, die bei mir den Eindruck eines Gemäldes hinterlassen ...

Spät am Tag ist der Debüt-Roman von Kristin Vego, und ich finde ihn sehr gut gelungen. Wie mit einem leichten Pinsel malt Vego eine Liebesgeschichte, die bei mir den Eindruck eines Gemäldes hinterlassen hat. In bunten Farben die Natur, neblig diffus die Szenen, in denen die Protagonistin Johanne auf ihr Leben, insbesondere auf die fast zwei Jahrzehnte mit ihrem Mann Mikael zurückblickt.
Johanne ist Schriftstellerin und zieht aufs Land in eine einsame Gegend. Sie mietet ein Zimmer im Haus von Mikael. Dieser ist Tischler und lebt mit seiner kleinen Tochter in einem schönen Haus auf einem großen Waldgrundstück. Mit auf dem Grundstück lebt in einem separaten Haus Mikaels Ex-Frau, die als Künstlerin arbeitet. Nach kurzer Zeit verlieben sich Johanne und Mikael und teilen den Alltag miteinander. Dazu gehört die Sorge für Mikaels Tochter Maren. Immer konfliktreicher werden die Begegnungen mit Marens Mutter. Die Liebe von Mikael und Johanne wird auf die Probe gestellt.
Kristin Vego hat einen zarten Schreibstil. Behutsam lässt sie Johanne auf die gemeinsame Zeit mit Mikael zurückblicken. Man spürt die Melancholie, die Johanne ergriffen hat. Das Buch hat nur knapp 150 Seiten, auf denen jedoch eine komplette Lebensgeschichte entfaltet wird. Das scheint mir eine große Stärke des Buches zu sein. Ich hoffe auf einige weitere Bücher von Kristin Vego.

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Veröffentlicht am 26.07.2025

Spannend bis zum Ende

Schattengrünes Tal
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Das Naturnähe symbolisierende Cover von Schattengrünes Tal hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemerkt. Ich hatte mir durch die beiden Vögel darauf zwar eine andere Geschichte erwartet, wurde aber nicht ...

Das Naturnähe symbolisierende Cover von Schattengrünes Tal hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemerkt. Ich hatte mir durch die beiden Vögel darauf zwar eine andere Geschichte erwartet, wurde aber nicht enttäuscht. Nachdem ich nun das Buch gelesen habe, machen die zwei Vögel (vermutlich jagt der eine den anderen ) absolut Sinn, was den Inhalt des Buches angeht. Kristina Hauff hat einen psychologischen Spannungsroman geschrieben, der mit jeder Seite weiter in die Dunkelheit führt.
Das Ehepaar Lisa und Simon lebt in einem Tal im Schwarzwald. Simon ist Förster, Lisa arbeitet in der örtlichen Tourist-Information und hilft zudem ihrem Vater im familiengeführten Hotel "Zum alten Forsthaus". Rund um dieses in die Jahre gekommene Hotel spielen sich dann auch die am Ende sehr dramatischen Ereignisse im "schattengrünen Tal" ab. Eine geheimnisvolle Fremde quartiert sich als einziger Gast dort ein und gewinnt schnell das Vertrauen nicht nur von Lisa und ihrer Familie, sondern auch von Lisas Freunden. Bis zur Auflösung des sich sehr früh abzeichnenden Dramas, muss man lesender Weise mit ansehen, wie sich Lisas Leben zu einem Albtraum entwickelt.
Kristian Hauffs neuer Roman ist an Spannung kaum zu überbieten. Als Lesende ist man Hauptfigur Lisa immer ein wenig im Voraus, was die Ereignisse und den Verdacht bezüglich des seltsamen Gastes angeht, und möchte Lisa eine Warnung zurufen. Geschickt baut sich die Geschichte auf, bis der erschreckende Höhepunkt erreicht ist. Am Ende ist nichts so, wie es am Anfang war. Mir hat dieses Lehrstück über Manipulation und trügerische Idylle wunderbar gefallen. Am Ende war ich froh aus dem dunklen Tal wieder ans Licht kommen zu können.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Schicksal einer Familie

Zypressensommer
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Mit Zypressensommer hat Brigitte Riebe, die dieses Buch unter ihrem Psydonym Tersa Simaon verfasst hat, einen aus meiner Sicht gelungenen vielschichtigen Roman vorgelegt.

Julia, eine junge Frau aus Hamburg, ...

Mit Zypressensommer hat Brigitte Riebe, die dieses Buch unter ihrem Psydonym Tersa Simaon verfasst hat, einen aus meiner Sicht gelungenen vielschichtigen Roman vorgelegt.

Julia, eine junge Frau aus Hamburg, reist in die Toskana um den letzten Wunsch ihres kürzlich verstorbenen "Nonnos" (Großvater) nachzugehen. Dieser hat ihr eine Liste mit Stichworten hinterlassen, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. In Lucignano, dem Heimatort ihres Großvaters Gianni, begibt sie sich auf Spurensuche und versucht dem Ganzen einen Sinn zu geben. So soll sie beispielsweise den örtlichen Friedhof besuchen und das Grab einer gewissen Anna aufsuchen.

Julia ist begeistert von der sommlichen Landschaft der Toskana und dem malerischen Dorf. Schnell schließt sie Bekannschaftt mit dem attraktiven Matteo, der ihr bei ihren Nachforschungen hilft. Je mehr sie sich mit ihrem Großvater und seiner familiären Vergangenheit beschäftigt, desto tragischer erscheinen die Ereignisse der Vergangenheit. Ein schreckliches Ereignis aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges scheint auch noch in die Gegenwart auszustrahlen.

Zypressensommer vereint romantische Begegnungen, authentische Darstellung historischer Ereignisse und Landschaftsbeschreibungen auf beste Art und Weise. Das Buch unterhält und informiert zu gleichen Teilen und ist dabei nie langweilig. Ich habe es gerne gelesen und kann es mit gutem Gewissen empfehlen. Insbesondere, da das Ende mit zeitweilig schockierenden Ereignissen versöhnt.

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