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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.08.2019

Der Lockruf des Westens

WEST
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Wir schreiben das Jahr 1815, als der Maultierzüchter und Witwer Cy Bellman aus Pennsylvania einen Zeitungsartikel in die Hände bekommt, in dem von riesigen Knochen einer unbekannten Tierart die Rede ist. ...

Wir schreiben das Jahr 1815, als der Maultierzüchter und Witwer Cy Bellman aus Pennsylvania einen Zeitungsartikel in die Hände bekommt, in dem von riesigen Knochen einer unbekannten Tierart die Rede ist. Angeblich wurden sie im Westen des Landes gefunden. Die Vorstellung, als Erster diese unbekannten Riesen zu entdecken, lässt ihn nicht mehr los und er beschließt sich auf die Suche zu machen. Seine 10jährige Tocher Bell lässt er in der Obhut seiner freudlosen unverheirateten Schwester Julie zurück.
Auf seinem Weg ins Unbekannte trifft er den Pelzhändler Devereux, der ihm einen jungen Indianer vermittelt, der ihn auf seiner Reise begleiten soll. Der seltsame Name des Jungen ist Alte Frau aus der Ferne. Ohne ihn hätte Bellman keine Überlebenschance, denn der Indianer versteht es zu jagen und selbst im Winter essbare Pflanzen zu finden.
Während der Vater seinem Traum nachjagt, wird Bess langsam zur jungen Frau und die Männer in ihrer Umgebung werden auf sie aufmerksam. Noch ist kein einziger Brief des Vaters eingetroffen, doch Bess gibt die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages womöglich als großer Entdecker zurückkehren wird.
Nach mehr als 2 Jahren, in denen Bellman auch nicht das geringste Anzeichen für die Existenz der unbekannten Tierart finden konnte, dämmert ihm allmählich, was er zurückgelassen hat und welche Chancen er hat verstreichen lassen.
„West“ ist ein dünnes Büchlein, das den Leser vollkommen in seinen Bann zieht. Es kann als Parabel für das Leben interpretiert werden, das vermeintlich woanders immer mehr zu bieten hat. Auch nach Beendigung der Lektüre geht mir die Geschichte nicht aus dem Kopf. Unbedingt lesen!

Veröffentlicht am 05.05.2019

Leben außerhalb der Norm

Mein Leben als Sonntagskind
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Jasmijn Vink ist schon als Kind anders als die anderen. Sie ist am liebsten allein mit ihrer geliebten Hündin Senta, deren Gesellschaft ihr lieber ist als die anderer Menschen. Sie erträgt die vielen Gerüche ...

Jasmijn Vink ist schon als Kind anders als die anderen. Sie ist am liebsten allein mit ihrer geliebten Hündin Senta, deren Gesellschaft ihr lieber ist als die anderer Menschen. Sie erträgt die vielen Gerüche und Geräusche nicht und weiß nie, wie man sich richtig verhalten soll. Deshalb sind der Kindergarten und später die Schule ein Graus für sie. In den Pausen zieht sie sich an einen stillen Ort im Schulhaus zurück, obwohl sie als Teenager in ihren Klassenkameraden Elliot verliebt ist, der sich natürlich, wie alle anderen, im Schulhof oder der Aula aufhält. Jasmijm weiß nicht, wieso sie so anders ist als ihre Klassenkameraden. Erst als Erwachsene erfährt sie, dass sie an Asperger, einer Form von Autismus, leidet. Trotz ihres Andersseins findet Jasmijn während der Schulzeit eine gute Freundin, Kirstin, mit der sie in kleinen Schritten beginnt, die Welt zu erkunden und zum Beispiel auch mal zum Kleiderkauf in ein Einkaufszentrum zu gehen anstatt sich etwas im Katalog auszusuchen.
In diesem Buch begleiten wir Jasmijn von der Kindergartenzeit bis ins Erwachsenenleben und erfahren, wie ein Mensch mit Asperger die Welt wahrnimmt, was eine sehr berührende und interessante Erfahrung ist. Immer wieder habe ich gedacht, mach schon Jasmijn, spring über deinen Schatten und habe mich mit ihr über kleine Erfolge gefreut, wenn sie es schafft, Menschen in die Augen zu sehen oder sich in unbekannte Situationen zu begeben. Ein äußerst lesenswertes Buch, ein dicker Schmöker, der mir bis zur letzten Seite sehr gut gefallen hat.

Veröffentlicht am 22.04.2019

Das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen

Das wilde Leben der Cheri Matzner
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Das Ehepaar Sol und Cici Matzner freut sich sehr auf sein erstes Kind, das jedoch wenige Stunden nach der Geburt stirbt. Die junge Cici erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann und fällt in eine ...

Das Ehepaar Sol und Cici Matzner freut sich sehr auf sein erstes Kind, das jedoch wenige Stunden nach der Geburt stirbt. Die junge Cici erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann und fällt in eine schwere Depression.
Nicht weit entfernt hat eine 17jährige ihr Baby anonym entbunden und im Krankenhaus zurückgelassen. Ohne Cici zu fragen, adoptiert Sol das kleine Mädchen, das Cici aus ihrer Depression holt und von ihr vom ersten Moment an abgöttisch geliebt wird.
Durch einen Zufall erfährt Chérie als kleines Mädchen, dass sie adoptiert wurde, was auch erklärt, warum sie so anders ist und aussieht als ihre Eltern. Chérie entwickelt sich zu einem eigenwilligen Kind und Teenager, der sich gegen die gutbürgerliche Welt der Adoptiveltern auflehnt. Zum Entsetzen der Eltern entscheidet sie sich gegen eine akademische Ausbildung und geht zur Polizei. Dort lernt sie ihre große Liebe kennen, doch die Beziehung hält nicht. Auch das Verhältnis zu Sol und Cici ist schwierig. Cici erdrückt sie mit ihrer Liebe und Sol scheint mit seinem Kuckuckskind nicht viel anfangen zu können. Als er versucht, sie besser kennenzulernen, erfährt Chérie etwas über ihn, was sie endgültig entzweit.
Chérie, die mittlerweile studiert hat und an der Universität lehrt, heiratet einen weitaus älteren Mann und wir durchleben mit ihr die Schwierigkeiten, die dieser Altersunterschied mit sich bringt. Über die Jahre entfremden sich Chérie und ihr Mann Michael, erst als Michael schwer krank wird, erkennt Chérie, wie sehr sie an ihm hängt.
„Das wilde Leben der Chérie Matzner“ ist ein Buch, das den Leser durch die Höhen und Tiefen des Lebens mitnimmt. Liebe, Leidenschaft und Entfremdung, Verrat und Vergebung, Einsamkeit, Depression und neue Hoffnung...., es ist eine Achterbahn der Gefühle, die man zusammen mit den Protagonisten dieses beeindruckenden Debütromans durchlebt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.
Was mir nicht so gut gefällt, ist der reißerische deutsche Titel des Romans, der im englischen Original den weitaus passenderen Titel „Happy Family“ trägt. Die Titelillustration ist ebenfalls völlig daneben. Sie zeigt eine mondäne junge Frau à la Marilyn Monroe, im Bikini und mit Palmen im Hintergrund, was vollkommen irreführend ist und mit dem Inhalt rein gar nichts zu tun hat. Offensichtlich wurde die Illustration aufgrund des ebenso irreführenden Titels von jemandem ausgesucht, der den Roman nicht gelesen hat.
Ein Roman für Leser, die Geschichten im Stil von John Irvine schätzen.

Veröffentlicht am 26.03.2019

Perfide und genial

Ein perfider Plan
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Anthony Horowitz wird im vorliegenden Band von dem ehemaligen Polizisten Hawthorne, der mittlerweile als Privatdetektiv und Berater der Polizei tätig ist, gefragt, ob er nicht ein Buch über ihn und seinen ...

Anthony Horowitz wird im vorliegenden Band von dem ehemaligen Polizisten Hawthorne, der mittlerweile als Privatdetektiv und Berater der Polizei tätig ist, gefragt, ob er nicht ein Buch über ihn und seinen derzeitigen Kriminalfall schreiben möchte. Zunächst lehnt Horowitz ab, doch nachdem ihm bei einer Lesung vorgeworfen wird, immer nur über Fiktives und nie über echte Fälle zu schreiben, nimmt er den Auftrag doch an.
Diana Cowper, eine wohlhabende Witwe aus London, geht zu einem Bestattungsunternehmen, um ihre eigene Beerdigung bis ins Detail zu planen. Noch am selben Tag wird sie ermordet, erdrosselt in ihrem eigenen Haus. Da keinerlei Einbruchspuren vorhanden sind, scheint sie den Mörder gekannt zu haben. Eine ominöse SMS, die sie noch kurz vor ihrem Tod an ihren Sohn Damian, einen berühmten Schauspieler, geschickt hat, scheint darauf hinzudeuten, dass ihr Tod mit einem Unfall in Zusammenhang steht, bei dem sie vor fast genau 10 Jahren ein Kind totgefahren und dessen Zwillingsbruder schwer verletzt hat.
Während Hawthorne in diese Richtung ermittelt und Horowitz ihn dabei begleitet und sich natürlich selbst seine Gedanken macht, geschieht ein zweiter Mord...
Normalerweise mag ich Romane nicht besonders, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, aber hier hat es mir wirklich großen Spaß gemacht, Anthony Horowitz über die Schulter zu schauen und in seine Gedankenwelt einzutauchen. Seine Sprache und sein Humor treffen genau meinen Geschmack und die Geschichte selbst ist äußerst kurzweilig. Die Auflösung dieses ganz in der Tradition von Sherlock Holmes und Watson geschriebenen Romans ist einigermaßen überraschend. Ein sehr gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe, auf deren Fortsetzung ich mich schon freue!

Veröffentlicht am 22.02.2019

Im Sumpf von Drogen und Gewalt

Lola
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Lola ist eine junge Latina in Huntington Park, einem heruntergekommenen Vorort von Los Angeles, in dem Gangs, Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Sie ist die Freundin von Garcia, den alle für den Anführer ...

Lola ist eine junge Latina in Huntington Park, einem heruntergekommenen Vorort von Los Angeles, in dem Gangs, Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Sie ist die Freundin von Garcia, den alle für den Anführer der Gang „The Crenshaw Six“ halten, die an einigen Straßenecken des Viertels Drogen für das Kartell verkauft. Dass Lola die eigentliche Anführerin der Gang ist, wissen zunächst die wenigsten. Lola ist dies ganz recht, so kann sie die typische Latina chica spielen und unbeobachtet im Hintergrund die Fäden ziehen. Als ihre Gang jedoch in den Krieg zwischen zwei Drogenkartellen hineingezogen wird, ändert sich die Lage. Die Crenshaw Six sollen bei einer Geldübergabe sowohl das Geld als auch Heroin im Wert von zwei Millionen Dollar abgreifen, doch der Coup scheitert und Lola muss um ihr Leben bangen...

Lolas Biographie ist typisch für die Gegend: Vater verschwunden, Mutter drogensüchtig. Zur Finanzierung ihrer Sucht schickte die Mutter fremde Männer in Lolas Zimmer, als diese noch ein Kind war. Für den jüngeren Bruder Hector musste Lola früh die Verantwortung übernehmen, da die Mutter nicht dazu in der Lage war. Lola weiß also, dass das Leben kein Ponyhof ist. Nur der Stärkere überlebt, Skrupel kann sie sich nicht leisten. So hat sie auch keine Probleme damit, ein Gangmitglied per Kopfschuss zu töten, als sie feststellt, dass es Geld unterschlägt und auch innerhalb der Familie ist sie konsequent.
Lola ist rational und pragmatisch, mit den typischen Latinafrauen in ihrer Gegend, die sich über Nagelstudios und Kuchenrezepte austauschen, hat sie wenig gemeinsam. Sie ist keine typische sympathische Protagonistin – wer empfindet schon uneingeschränkt Sympathie mit einer Frau, die ohne jede Skrupel andere tötet oder verstümmelt? – doch sie ist auch keineswegs unsympathisch. Vor allem als sie die kleine Lucy kennenlernt, die offensichtlich von ihrer drogensüchtigen Mutter ebenfalls an Männer verkauft wird wie Lola früher, kommt eine andere Seite Lolas zum Vorschein: sie nimmt Lucy bei sich auf und tut alles dafür, damit diese nicht zu ihrer Mutter zurück muss. Schon allein deshalb muss Lola es schaffen zu überleben...
Dieser furiose Krimi führt den Leser in eine Welt voller Abgründe, in der Drogen, Gewalt und Kindesmissbrauch zur Finanzierung von Drogen an der Tagesordnung zu sein scheinen. Ein faszinierendes Erstlingswerk, das man kaum aus der Hand legen kann.