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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.10.2019

Halb richtig gut, halb völlig überflüssig!

Im Wald der Lügen
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Ich zitiere meine Mutter, die das Buch zufällig bei mir entdeckte und angesichts des Klappentexts spontan rief: „Das klingt aber spannend! Hast du das schon durch, kann ich es mir ausleihen? Das würde ...

Ich zitiere meine Mutter, die das Buch zufällig bei mir entdeckte und angesichts des Klappentexts spontan rief: „Das klingt aber spannend! Hast du das schon durch, kann ich es mir ausleihen? Das würde ich auch gerne lesen!“ Zu jenem Zeitpunkt hatte ich den Roman allerdings just erst erhalten, einige Tage später habe ich mein ausgelesenes Exemplar jedoch an meine Mutter weiterreichen können, wobei ich auf ihre Nachfrage, wie mir der Roman denn nun gefallen habe, lediglich ein wenig verhaltener antworten konnte: Angie steht hier gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wie der Klappentext es mich hatte vermuten lassen. Tatsächlich erzählt der achronologisch verlaufende Roman, in dem immer wieder auf die Vergangenheit zurückgeblickt wird, sehr viel von der Geschichte der Beziehung zwischen der verschwundenen Silja und dem toten Henry, die Anfang der 1940er Jahre spontan entbrannt ist, wobei aufgrund des Zweiten Weltkriegs und Henrys Tätigkeit für die US-Army die Ehe der Beiden eingangs auch eher eine Formalie war und Henry seine eigene Tochter auch erst kennenlernte, als sie bereits im Kleinkindalter angelangt war und er, kriegsversehrt, aus Europa zurückkehrte.
Für mich war Silja letztlich der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte; sie empfand ich als eine sehr starke, selbstbewusste Frauenfigur, die nun eben plötzlich mit einem nahezu völlig fremden Kriegstraumatisierten zusammenleben musste, obschon sie das merklich gar nicht wollte. Aber nun gut, das „Heute“ dieses Buchs findet eben 1960 statt und ich bin mir sehr sicher, dass Silja in der heutigen Zeit Henry ohne zu zögern vor die Tür setzen und sich scheiden lassen würde, zumal sie im Buch ebenfalls bereits mit einer Trennung liebäugelt, welche von Henry aber vehement abgelehnt wird.

Den Handlungsstrang, der die Geschichte von Silja (und Henry) erzählt, fand ich ungemein packend; die hat mir sehr gut gefallen – leider fand ich dieses ganze spätere Angie-Paul-Ruby-Scharmützel rund um Henrys Tod und Siljas Verschwinden eher völlig überflüssig. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass Angie eine allzu glückliche Ehe mit Paul führt und in einer absolut heilen Welt lebt; sie war halt eine Frau Anfang 20, die einen etwas älteren Mann geheiratet und mit dem nun ein Baby hatte, aber ein Gefühl von echter Liebe und tiefem Vertrauen kam für mich zwischen den Beiden nicht raus. Tatsächlich hatte es mich sogar überrascht, als Angies noch ziemlich junges Alter irgendwann erwähnt wurde; altersmäßig hatte ich sie bis dahin mindestens zehn, eher noch 15, Jahre älter eingeschätzt, zumal sie Ruby gegenüber eher sehr, sehr mütterlich auftritt, während sie rein rechnerisch ihre große Schwester hätte sein können, ohne dass der Abstand zwischen ihren Jahrgängen in irgendeiner Form außergewöhnlich gewesen wäre.

Ich hätte den Roman weitaus besser gefunden, hätte die Autorin einfach die Geschichte der Familien von Silja, Henry und Ruby erzählt und Angie und Paul komplett außenvorgelassen bzw. nur als Nebenfiguren auftreten lassen: Grade Angie hat einfach überhaupt keine Rolle für die grundsätzliche Erzählung gespielt und ich war irgendwann richtiggehend genervt, wenn die Handlung von der Vergangenheit abrupt wieder in die Gegenwart sprang. Der simple Hintergrund von Henrys Tod und Siljas Verschwinden hätte mir als Ende auch ausgereicht, aber in diesem Punkt musste ebenfalls noch ein Schritt weitergegangen und dem Ganzen noch mehr „Dramatik“ verliehen werden, was das Ganze in meinen Augen letztlich viel zu überzogen wirken ließ. Dieses „Über-Ende“ und im Allgemeinen das reichlich überflüssige Auftreten Angies in der Geschichte haben mir das gesamte Buch letztlich leider doch auch reichlich verleidet; schade, denn die Geschichte von Silja und Henry, um die es eigentlich ging, war eigentlich viel zu gut um sie schließlich wie eine ausgepresste Zitrone minderer Qualität aussehen zu lassen!

Veröffentlicht am 12.08.2019

Spannende Thematik zu diffus umgesetzt

Du gehörst mir
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Eine Leseprobe vom Romananfang hatte mich im Vorfeld schwer beeindruckt und obschon mich die Täterperspektive zwar faszinierte, aber auch relativ verängstigte, wollte ich diesen Roman dann doch sehr gerne ...

Eine Leseprobe vom Romananfang hatte mich im Vorfeld schwer beeindruckt und obschon mich die Täterperspektive zwar faszinierte, aber auch relativ verängstigte, wollte ich diesen Roman dann doch sehr gerne lesen, auch um zu erfahren, ob sich der eher nüchterne, knochentrockene Ton der erzählenden Hauptfigur weiterhin so durch die gesamte Geschichte halten würde oder ob er noch deutlich emotionaler werden würde.
Tja, nun habe ich den Roman gelesen; die Thematik finde ich immer noch ungewöhnlich, die Perspektive krass gewählt: Die hinter dieser Erzählung steckenden Idee finde ich absolut spannend, aber die Umsetzung hat mich letztlich doch eher enttäuscht.
Dereinst hatte ich die englischsprachige Novelle „Harmony, USA“ von Lewis Bryan gelesen, welche auch von einem (sogar Mehrfach)Mörder selbst erzählt ist, auch wenn die dortigen Taten und ihre Hintergründe sich total vom Verbrechen in „Du gehörst mir“ unterscheiden, aber das war ein eBook, was mich sehr in seinen Bann gezogen und begeistert hat; im Falle von Middendorps Werk hatte ich eben aber auf ein vergleichbar positives Leseerlebnis gehofft.

Mir blieb Tille allerdings viel zu diffus; ja, der trockene Erzählstil wurde beibehalten, man spürte auch nie Gewissensbisse, Reue oder überhaupt nur ein Bewusstsein für die begangene Tat; für mich hätte er genauso gut sagen können, dass es gestern geregnet hat. Auch innert der eigenen Familie war eine große Distanz spürbar; lediglich die Tochter wurde immer als „Papa-Kind“ genannt, so dass ich letztlich das ungute Gefühl hatte, dass Tilles tatsächliches Opfer für ihn zudem nur eine Projektion seiner Tochter gewesen sein könnte… (und eben nicht den Eindruck gewann, dass er von seiner Tat heimgesucht werde, je mehr sich seine Tochter ans Alter seines Opfers annäherte)
Das Ganze ist zudem achronologisch erzählt, und zwar fließend: Es gibt also keine klaren Abgrenzungen, die verschiedenen Zeitstränge fließen häufig ineinander über und hier habe ich teils wirklich nicht gewusst, ob Tille nun von seinen Kindern spricht, etwas aus seiner Kindheit erinnert, ob „jetzt“ vor dem Mord oder danach ist… Es war definitiv alles sehr verschwommen, was die Handlung nicht weniger diffus erscheinen ließ. Manchmal wirkten einzelne Absätze in meinen Augen auch völlig zusammenhanglos, was ihr direktes Drumherum betraf, so dass ich mich an vier oder fünf Stellen wirklich fragte, ob der Erzähler nun quasi einfach nur irgendetwas brabbelte oder ob die Übersetzung da so holperig war, dass aus dem Original irgendetwas nicht richtig übertragen worden war.
Wenn es an anderen Stellen heißt, „Du gehörst mir“ sei ein verstörender Roman: definitiv. Aber ich empfand ihn da wohl als anders verstörend, als es in jenen Fällen vermutlich gemeint war.

Ich hatte auch nie das Gefühl, dass Tille sich irgendwie unter Druck fühlte; wurde in seinem Umfeld über Täter spekuliert, blieb er eher zurückhaltend und schon nahezu teilnahmslos. Seine Frau war sehr engagiert bzw. neugierig; jene verfolgte den Fall ganz genau, aber das wurde mir von Tille halt auch einfach mal so hingenommen – obschon ich aufgrund der Schilderungen Tilles später selbst den Eindruck gewann, dass seine Frau ihn durchaus eventuell gar längst selbst verdächtigte… insgesamt war mir die tatsächliche Handlung nun noch relativ weit von der Buchbeschreibung entfernt; tatsächlich endet der Roman auch bereits kurz nach Tilles Inhaftierung, also von der Wucht der „überwältigenden Wahrheit“ erfährt man kaum mehr etwas. Alles in Allem steckt man im Kopf eines Vergewaltigers und Mörders, der seiner Tat scheinbar eher gleichgültig gegenübersteht; für mich hatte das so ein bisschen von „na, wenn sie mich kriegen, okay – wenn nicht: sei’s halt drum“… die Tat wurde auch eher sporadisch erwähnt (was ich angesichts des Protagonisten und des von ihm begangenen Verbrechens, das ja eigentlich der zentrale Punkt der Erzählung ist zugegeben erstaunlich fand: Dieser Roman hat in diesem Zusammenhang auffallend wenig Triggerpotential) und die einzigen Verschiebungsmechanismen, die für mich da erkennbar waren, war, dass er die Tatumstände zunächst „beschönigte“. Die Verdrängung kam bei mir als solche gar nicht wirklich an, auch nicht die störenden Erinnerungen: Auf mich wirkte Tille wie ein sehr introvertierter Typ, der viel grübelte, aber sein eigenes Tun weder reflektierte noch sich sonderlich um sich selbst scherte. Eher so der Typ „brummiger Eigenbrötler von nebenan“, von dem man überzeugt ist, dass er zwar ein wenig seltsam ist, aber keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.
Ein Einblick in eine Täterseele wurde angekündigt, der entpuppte sich meiner Ansicht nach aber wiederum als absolut spekulativ. Da es ja hier nun um einen ganz spezifischen Mensch ging, war mir das schließlich einfach zu wenig deutlich und zu sehr den Analysen des Lesers überlassen.

Wer gerne selbst Romanfiguren analysiert, zumindest für den ist „Du gehörst mir“ ein wahrer literarischer Glückstreffer!


[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 03.05.2019

Gute Seiten, schlechte Seiten...

Was uns erinnern lässt
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Ich hatte doch recht hohe Erwartungen an diesen Roman, und ich hatte damit gerechnet, dass die unterschiedlichen Früher-/Heute-Erzählstränge ähnlich feinsinnig verwoben sein würden wie beispielsweise zumeist ...

Ich hatte doch recht hohe Erwartungen an diesen Roman, und ich hatte damit gerechnet, dass die unterschiedlichen Früher-/Heute-Erzählstränge ähnlich feinsinnig verwoben sein würden wie beispielsweise zumeist auch in Romanen von Charlotte Roth, die ich gemeinhin sehr gerne lege. Ohnehin sagen mir Romane, in denen sich eine gegenwärtige Handlung mit einer vergangenen abwechselt, eigentlich sehr zu – letztlich tue ich mich mit der Bewertung von „Was uns erinnern lässt“ jedoch sehr schwer; meine Erwartungen sind weder total enttäuscht, noch vollauf erfüllt worden.

Der gegenwärtige Teil, der sich rund um Milla abspielte, hat mich dabei völlig ratlos zurückgelassen: Ich habe mit dieser Mittdreißigern nichts anfangen können, in deren kleinem Mikrokosmos es außer ihrem 14jährigen Sohn und ihr nichts zu geben schien, der es lediglich ein kleines „dududu!“ wert war, als ihr Sohn die Haushaltskasse zu Gunsten seiner Freundin plünderte und der selbst die Tatsache, dass ihr 14jähriges Kind sich in einer Beziehung mit einer zwanzigjährigen Erwachsenen befand, kaum ein Stirnrunzeln abrang. Für mich herrschte da eine ganz ungesunde Symbiose – und da kam es mir ganz seltsam vor, dass die eher einzelgängerischere und verschlossene Milla nach ihrem Kennenlernen auf Anhieb ganz dick mit Christine befreundet sein sollte, deren Familie sie zudem insgesamt auch eher mit offenen Armen willkommen hieß und bereitwillig ihre ganze Familienhistorie vor ihr ausbreitete, wobei ständig betont wurde, dass man gelehrt worden sei, besser gar keinem zu vertrauen. Irgendwie hat mich dieses ganze Szenario sehr unbehaglich fühlen lassen…

Jenen Teil, der sich in der Vergangenheit zutrug, also die direkt geschilderte Dresselsche Familiengeschichte, fand ich sehr viel interessanter; da die Familie allerdings in unmittelbarer Nähe der deutsch-deutschen Grenze und inmitten des Schutzstreifens lebte, war auch sie in einem eher beschränkten Mikrokosmos gefangen, lebte nicht „richtig“ in der DDR, aber eben doch auch nicht im Westen. Der Einblick, den man hier in den Alltag der DDR erhält, ist also auch eher beschränkt; mich erinnerten die Dressels sehr viel mehr an eine Familie, die halt sehr abgeschnitten irgendwo im Wald lebt. (Ich habe knapp 15 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands lediglich einen Kurzurlaub bei Freunden in und aus der ehemaligen DDR verbracht, die immer städtisch gelebt hatten, und als wir uns gegenseitig darüber austauschten, wie [unterschiedlich] wir aufgewachsen waren, und als sie mir zusammen mit weiteren ostdeutschen Bekannten diverse Stätten ihrer Vergangenheit zeigten: Das unterschied sich alles teils sehr drastisch von dem Leben in der DDR, das in „Was uns erinnern lässt“ in Bezug auf die Dressels geschildert wird, bei denen sämtliche Gefahren im Vergleich eher theoretisch und bis zur Zwangsenteignung eher bloße Drohungen sind. – Ich fand es übrigens auch sehr schade, dass der weitere Verbleib der Familie Dressel nach der Zwangsenteignung nicht weiter geschildert wird; nur vereinzelte Begebenheiten werden erwähnt, wie es ihnen bis zur Wiedervereinigung und überhaupt weiterhin ergangen ist; in diesem Buch folgt auf die Zwangsenteignung quasi direkt das Jetzt, 40 Jahre später.)
Vielleicht habe ich aufgrund des Settings aber auch einfach von vornherein zuviel „DDR-Schilderungen“ erwartet anstatt mich eher auf den Aspekt der „Familiensaga“ zu konzentrieren.

Wie gesagt: Insgesamt fand ich die Geschichte der Dressels, die hier bereits am Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt, definitiv interessanter als den Jetzt-Erzählstrang; Johanna und Marie Dressel habe ich als starke Frauenfiguren empfunden (die in meinen Augen zudem definitiv stärker als Christine oder eben Milla waren). Hätte der Roman nun nur die Vergangenheit der Familie Dressel umfasst, hätte ich ihn sicher echt gut gefunden, aber so in der Kombination hat mir letztlich irgendwie etwas gefehlt bzw. für mich passte Milla überhaupt nicht zu dieser Geschichte; da würde ich es sehr viel authentischer gefunden haben, hätten die Nachfahren der Dressels einfach ganz von sich aus nachzuforschen versucht bzw. jemanden damit beauftragt, herauszufinden, wie korrekt die Enteignung der Familie dereinst wirklich abgelaufen war. Denn die Figur der Milla hat für mich die Geschichte wirklich derart negativ beeinträchtigt, dass ich da alles in Allem leider nicht über mehr als eine mittlere Bewertung hinauskomme.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 14.04.2019

Theatralischer als ein Theaterfestival!

Das Verschwinden der Stephanie Mailer
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… ja, da wurden 1994 während des ersten Theaterfestivals von Orphea mehrere Menschen umgebracht und ja, da verschwindet eine Journalistin, die meint, dass damals der falsche Täter überführt worden war, ...

… ja, da wurden 1994 während des ersten Theaterfestivals von Orphea mehrere Menschen umgebracht und ja, da verschwindet eine Journalistin, die meint, dass damals der falsche Täter überführt worden war, kurz bevor das Theaterfestival sein 20. Jubiläum feiert – aber Theaterfestival damals, Theaterfestival heute: Darum muss doch nicht einfach jeder und alles in und um den Ort herum derart theatralisch sein, wie es in diesem Roman letztlich ist?!

Ich hatte mich so sehr auf diesen neuen Roman von Joël Dicker gefreut, zumal der Romananfang, der mir zunächst als Leseprobe vorgelegen hatte, wiederum für mich erfreulich im „französischen Stil“ erzählt war, dem in meinen Augen immer etwas so absolut Bezauberndes anhaftet. Doch jener Zauber verflog nach nur wenigen Kapiteln bereits: Plötzlich wurde in „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ sehr viel mehr geredet als dass eine Geschichte erzählt wurde. Sollte dieses Buch je verfilmt werden, hat der mit der Adaption betraute Drehbuchautor einen sehr leichten Job zu erledigen.
Es gab immer wieder Zeitenwechsel; ständig wurde vor Allem eben auf 1994 zurückgeblickt, ehe man doch wieder ins gegenwärtige 2014 schaltete. Auch die Perspektive wechselte ständig und das heißt, dass so manches Mal nach drei Absätzen eine andere Figur von einem anderen Ort aus sprach und tja, manchmal fungierten die Buchfiguren selbst als Erzähler und manchmal gab es wiederum einen neutralen Erzähler. Persönlich hatte ich zwar keinerlei Schwierigkeiten, in diesem Konglomerat die Übersicht zu behalten; somit blieben einem sämtliche Figuren allerdings aber eher unvertraut und die, welche man (besser) zu kennen glaubte, warteten später oftmals auch noch mit seltsamen Anekdoten und Lebensgeschichten auf. Hier schien es keinen ganz gewöhnlichen Durchschnittsmensch zu geben; ich will nicht zu viel vorwegnehmen und keinesfalls spoilern, darum nur so viel: Wer nicht aus sonsteinem Grund traumatisiert war, hatte offensichtlich einfach nur so einen Schuss weg – mir war schließlich relativ egal, was hinter den damaligen Morden steckte und was genau Stephanie Mailer widerfahren war; zum Schluss hin habe ich eher die Personen abgezählt, aus deren Leben bislang noch kein schmutziges Geheimnis an die Öffentlichkeit gelangt war. Für mich war da die Frage viel weniger: „Wer zeichnet für die Morde verantwortlich?“ als vielmehr: „Wer hat noch mehr Leichen im Keller, wieviele und was für welche?“

Mir war die Geschichte schließlich sehr an den damaligen Morden und Stephanie Mailers Verschwinden vorbeigeschrieben, dass es mich nicht verwundert haben würde, wäre am Ende alles offengeblieben, obschon es irgendwann auf eine absolut genretypische Auflösung zuzusteuern schien (und jene zum Schluss auch erreichte; die Identität des Täters wusste also nichtmals ansatzweise zu überraschen). Dabei wurde letztlich einmal mehr die „Genialität“ der Ermittelnden hervorgehoben, obschon sie meiner Meinung nach eher auf gut Glück im Dunkeln herumgestochert und lediglich Zufallstreffer gelandet hatten.

Persönlich sehe ich es vor Allem problematisch an, dass „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ sich sowohl in der Kurzbeschreibung als auch im Buchanfang noch viel zu sehr als der Krimi aufdrängt, welcher der Roman aber gar nicht ist: Vielmehr ist dies ein reichlich überzogenes, in den idyllischen Hamptons spielendes, Sozialdrama, das in meinen Augen aber auch als solches noch krass überzogen ist und grade darum teils bloß wie eine Persiflage auf typische Plots wirkt. Ich war da teils sehr verwirrt, ob ich Dicker nun noch als Autor ernsthafter Literatur oder doch bereits als Satiriker ansehen sollte. Während des letzten Buchdrittels habe ich wenn auch eher unbewusst sicherlich begonnen, „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ eben eher als Satire anzusehen und fand den Roman derart betrachtet zwar okay, aber ich hatte im Vorfeld eben definitiv etwas Anderes als eine überspannte Satire, prallgefüllt mit ebenso überzogenen Figuren, erwartet…

Wie gesagt: Als reichlich persiflierendes Sozialdrama geht das ganze Geschehen rund ums „Verschwinden der Stephanie Mailer“ für mich schon in Ordnung; ich werde sicherlich auch jedes weitere Buch Dickers gespannt erwarten, aber „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ war für mich nun zwar kein totaler Griff ins Klo, blieb in meinen Augen jedoch weit hinter den bisherigen Romanen Joël Dickers zurück. Sehr weit. Eine echte Empfehlung würde ich hierfür nicht guten Gewissens abgeben können; andererseits würde ich mich nicht gut dabei fühlen, konsequent von dieser Lektüre abzuraten. Man sollte meiner Meinung nach allerdings im Vorfeld besser ganz klar auf starke Übertreibungen und absolut erfüllte Klischees eingestellt sein!


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 04.02.2019

Kein wirklich erstaunliches Ding!

Ein wirklich erstaunliches Ding
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„Ein wirklich erstaunliches Ding“ ist letztlich doch gar kein so erstaunliches Ding; insgesamt tue ich mich sogar ziemlich schwer mit der Bewertung dieses Dings, ähm, dieses Buchs: Ich fand’s nicht schlecht, ...

„Ein wirklich erstaunliches Ding“ ist letztlich doch gar kein so erstaunliches Ding; insgesamt tue ich mich sogar ziemlich schwer mit der Bewertung dieses Dings, ähm, dieses Buchs: Ich fand’s nicht schlecht, aber ich fand’s auch nicht gut. Es ist absolut okay, dass ich diesen Roman nun von der ersten bis zur letzten Seite kennengelernt habe, aber ich würde ihn nicht weiterverschenken wollen. Zum Einen wüsste ich nicht, wer aus meinem Umfeld sich an dieser Lektüre erfreuen könnte und zum Anderen wüsste ich auch gar nicht so recht, wer hier überhaupt die Zielgruppe sein könnte oder sollte. Nerdige Menschen Anfang bis Mitte Zwanzig, mit einem leichten, aber doch nicht zu ausgeprägtem Hang zu SciFi?! Ich weiß es nicht – was mir nach der Lektüre nun klar ist: Ich fand die Geschichte nun mittelprächtig, den Erzählstil auch völlig durchschnittlich… und alles in Allem ergibt sich für mich daraus eine Drei-Sterne-Wertung. Wenn auch nur knappe drei Sterne, denn ich werde den Inhalt sicher bereits bald weithin vergessen haben und würde eigentlich eher zu zwei bis zweieinhalb Sternen tendieren, aber runde großzügig auf, da sich die Geschichte noch leidlich flüssig lesen ließ. Nicht so, dass ich den Roman am Stück hätte lesen wollen; tatsächlich habe ich hier lediglich kapitelweise gelesen und mir allenfalls mal drei Kapitel hintereinander zu Gemüte geführt - abgesehen davon, dass ich neben dieser Lektüre nun noch vier andere Bücher, jene aber aufeinanderfolgend, gelesen habe -, denn die Geschichte hat mich absolut nicht derart brennend interessiert, dass ich mich ausschließlich auf sie hätte konzentrieren wollen. Aber ich habe „Ein wirklich erstaunliches Ding“ auch nicht einfach so abbrechen mögen; ein wenig neugierig, wohin sich die ganze story bewegt, war ich dann also doch.

Dabei fand ich das ganze Carl-Mysterium letztlich eher banal bis anstrengend; interessant fand ich lediglich die Rolle der „Influencerin“, in der sich April so völlig unvermittelt wiederfand, und ihre Art, mit dem plötzlichen Ruhm umzugehen; für mich trafen mit dem April-Strang und dem Carl-Plot da ein wenig auch zwei Inhalte zusammen, die mir nicht so recht zusammenpassend zu sein schienen. Nun gut, man mag argumentieren, dass April in diese ganze Chose ja auch eher zufällig hineingeraten ist und prinzipiell auch gar keine Befähigung zur Carl-Expertin hatte, zu der sie dann hochstilisiert wurde, dass dieser krasse Kontrast eben das widerspiegeln sollte, aber: Würde ich es so zu sehen versuchen, ist mir das Alles immer noch zu wenig authentisch und viel zu unfassbar gewesen. Für mich persönlich passte das einfach nicht. Ich hätte April lieber in einer simpel gestrickten „Plötzlich berühmt“-Geschichte gelesen, ebenso wie ich über Carl lieber in einem Roman, der sich ausschließlich auf das Rätsel bezüglich seines Hintergrunds konzentriert hätte, gelesen haben würden. Beides zusammen war mir nun halt zu sehr Mischmasch, in dem mir auch jegliche Versuche einer Sozialkritik (und April beäugt den Umgang der Öffentlichkeit mit ihr schließlich durchaus kritisch, und reflektiert auch ihre eigenen öffentlichen Auftritte), die in und an sich absolut schlüssig war, leider völlig unterzugehen schienen.

Was mir an diesem Roman absolut gar nicht gefallen hat, war das absolut unrunde Ende; das schien mir schon fast ein Bettelbrief an die ohnehin stets direkt angesprochenen Leser zu sein, doch bitte um eine Fortsetzung der Geschichte zu ersuchen, aber sorry, so unzufrieden ich mit dem Romanschluss auch sein mag, so uninteressiert bin ich ebenfalls daran, wie es hier von da an weitergehen könnte.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via vorablesen.de, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]