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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2019

Ein packender, abwechslungsreicher Einwanderinnenroman im New York der 40er Jahre

Eine eigene Zukunft
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Eine neue Heimat, eine unbekannte Sprache, fremde Gesichter - es ist wirklich eine neue Welt, die die drei spanischen Schwestern Victoria, Mona und Luz im Jahre 1936 in New York eher widerwillig betreten. ...

Eine neue Heimat, eine unbekannte Sprache, fremde Gesichter - es ist wirklich eine neue Welt, die die drei spanischen Schwestern Victoria, Mona und Luz im Jahre 1936 in New York eher widerwillig betreten. Ihr Vater hat sie und ihre Mutter aus dem armen Südeuropa geholt, um für sich und seine Familie in Amerika ein neues Leben aufzubauen. Ein Restaurant soll dies ermöglichen, El Capitán, und obwohl die Aussichten nicht sehr rosig sind, arbeiten sie weiter und weiter. Bis der Vater bei einem Unfall stirbt und keine der Frauen mehr weiß, wie es weitergehen soll. Zurück wollen sie, nach Spanien, doch sie haben Schulden und die Überfahrt ist teuer. Da eröffnet sich ihnen eine ungeahnte Möglichkeit, die sie umgehend nutzen wollen; doch plötzlich gibt es eine weitere Chance, die noch erfolgversprechender scheint.
Es sind aufregende Monate und Jahre, in denen man die sehr unterschiedlichen Schwestern auf ihren Wegen in der neuen Heimat begleitet. Die Autorin beschreibt das Leben der Drei beispielhaft für die vielen (sicherlich nicht nur) spanischen ImmigrantInnen, die mit viel Mühe danach streben, sich eine neue Existenz aufzubauen. Ohne die Hilfe und Solidarität ihrer schon länger dort lebenden Landsleute hätten sie vermutlich kaum eine Chance, denn immer wieder geraten sie an Menschen, die versuchen, ihre prekäre Existenz zum eigenen Vorteil auszunutzen. Obwohl alle Drei starke Persönlichkeiten mit einem unbeugsamen Willen sind, kommen sie angesichts windiger Künstleragenten und krimineller Rechtsanwälte doch an ihre Grenzen.
Ein allwissender Erzähler begleitet die Geschichte, sodass man nicht nur die Schwestern im Blick hat sondern auch jene, die sie unterstützen und ihnen zugetan sind. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb man den Hauptfiguren nicht so nahe kommt, wie es in manch anderen Büchern der Fall ist. Die Szenenwechsel sind manchmal abrupt und es gilt so Vieles im Blick zu behalten, dass es auf diese Weise einfach schwierig ist, eine größere Nähe zu den Protagonistinnen aufzubauen. Trotzdem ist es eine unterhaltsame und lesenswerte Lektüre, die zudem zeigt, wie mühsam es ist, sich ein neues Leben in der Fremde aufzubauen.

Veröffentlicht am 05.04.2019

Unser Nächster ist jeder Mensch, besonders der, der unsere Hilfe braucht. (Luther)

Unter Heiligen
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Ein scheinbar einfacher Satz, der jedoch alles andere als einfach umzusetzen ist. Davon erzählt dieses Buch in einer ungewöhnlich schlichten Sprache, die vielleicht gerade deshalb umso eindringlicher wirkt.
Während ...

Ein scheinbar einfacher Satz, der jedoch alles andere als einfach umzusetzen ist. Davon erzählt dieses Buch in einer ungewöhnlich schlichten Sprache, die vielleicht gerade deshalb umso eindringlicher wirkt.
Während eines kalten Winters im Jahre 1888 im Staate Utah wartet Deborah wie jedes Jahr auf die Rückkehr ihres Mannes Samuel, der mehrere Monate zum Arbeiten unterwegs ist. Sie leben in einer kleinen Siedlung, die aus acht Familien besteht und ebenfalls Mormonen sind. Alle haben sich dort ein neues Leben aufgebaut, etwas entfernt von ihrer Kirche mit ihren autoritären und strengen Regularien. Doch sie fühlen sich weiter ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden, sodass sie Mitgliedern, die wegen Polygamie auf der Flucht sind, helfen, auch wenn sie deren Einstellung nicht teilen. Als es eines Abends an Deborahs Tür klopft, ist ihr klar, dass sie helfen muss. Doch sie ahnt nicht, dass sie damit ihre ganze Umgebung in große Gefahr bringt. Und ihre Hilfe noch viel stärker beansprucht werden wird.
Beginnt man mit dem Lesen dieses Buches, ist man vermutlich zu Beginn etwas verwundert über die doch sehr einfache Sprache. Die Sätze sind häufig kurz, fast schon knapp: "Entsetzen durchfuhr mich. Ich stand auf. Der Raum schwankte. Ich setzte mich an den Tisch." Man sollte sich etwas Zeit lassen, um sich an diesen Stil zu gewöhnen, denn recht bald schon kann man sich gut in das Innenleben der Protagonisten hinein versetzen. Erzählt wird immer wieder abwechselnd nach mehreren Kapiteln aus der Sicht Deborahs und dem Stiefbruder ihres Mannes Nels, deren Erlebnisse sowie steten Gedanken (oder Selbstgesprächen) man begleitet.
Zu Beginn ist Deborah voller Angst, Samuel kehrt einfach nicht zurück, und sie überlegt ständig, was wäre wenn. Sie beschwört das Schlimmste herauf und vielleicht gerade durch diese schlichte Sprache entwickelt sich ein unterschwelliges Gefühl der Gefahr, die langsam aber unvermeidbar auf die Siedlung zukommt. Später begleitet sie ihre Handlungen mit stets wiederkehrenden Gedanken, die letzten Endes um die Frage kreisen: "Kümmere ich mich um den Menschen in Not, auch wenn es für meine Lieben Nachteile und/oder Gefahr bedeuten könnte?" Man spürt ihre Schwierigkeiten, hier eine Antwort zu finden, und fühlt sich selbst fast ebenso betroffen. Mir ist es zumindest so ergangen.
Eine Geschichte (nicht nur) über das Gebot der Nächstenliebe und wie schwierig es ist, tatsächlich danach zu leben.

Veröffentlicht am 26.03.2019

Witzig, unterhaltsam, spannend - nicht nur für Jazzfreunde eine tolle Lektüre

Murder Swing
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Als die CDs auf den Markt kamen, wurde den Schallplatten ihr baldiger Tod vorhergesagt. Doch wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger. Die Umsätze steigen wieder, wenn auch auf niedrigem Niveau, ...

Als die CDs auf den Markt kamen, wurde den Schallplatten ihr baldiger Tod vorhergesagt. Doch wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger. Die Umsätze steigen wieder, wenn auch auf niedrigem Niveau, und SammlerInnen sind durchaus bereit, für seltene und gut erhaltene LPs kleine wie auch größere Vermögen zu bezahlen. Und mit genau diesem Thema stehen sie nun sogar im Mittelpunkt einer neuen unterhaltsamen Krimireihe.
Der namenlose Ich-Erzähler dieses Buches ist ein Vinylsammler (insbesondere von Jazz), wenn auch ohne jedes Vermögen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit dem Durchforsten von Second-Hand-Läden, Flohmärkten und ähnlichem in der Hoffnung, günstig eine Rarität zu entdecken, die er mit einem entsprechenden Aufschlag wieder verkaufen kann - sofern er sie nicht seiner Sammlung hinzufügt. Eines Tages sucht ihn eine junge attraktive Frau auf, die ihm ein unwiderstehliches Angebot macht: Für einen hohen Geldbetrag soll er eine seltene LP finden. Natürlich nimmt er diese Offerte an und gemeinsam beginnen sie die Suche, müssen jedoch bald feststellen, dass sie offenbar nicht die Einzigen sind. Zudem häufen sich die Todesfälle in ihrer Umgebung - Zufall?
Wen an Krimis nur der aufzuklärende Fall ohne allzuviel Drumherum interessiert, sollte sich lieber eine andere Lektüre suchen. Alle Anderen aber erwartet eine amüsante und durchaus spannende Unterhaltung, die jedoch trotz der vergleichsweise vielen Toten bemerkenswert unblutig daherkommt. Während der Protagonist gemeinsam mit seiner Auftraggeberin bergeweise Plattenstapel durchwühlt, erfahren die Lesenden so ganz nebenbei jede Menge über bekannte und unbekannte Jazzgrößen, geschichtliche Hintergründe wie auch Wissenswertes über High-End-Produkte im Hifi-Bereich. Das mag jetzt vielleicht zäh und langweilig klingen, ist es aber ganz und gar nicht, denn die Hauptfiguren verbindet ein herrlich flapsiger Tonfall in ihren Gesprächen, der mich ständig zum Grinsen brachte. Wie beispielsweise auf dem Flohmarkt: "Schauen Sie sich doch die anderen Sachen an", schlug ich vor. "Ich habe dort drüben ein paar Schuhe gesehen." "Schuhe?", sagte sie. "Aus zweiter Hand?" "Aus zweitem Fuß", sagte ich. "Bekomme ich davon keine Warzen, diese Kornwarzen oder so etwas?" "Dornwarzen", korrigierte ich sie. "Bestimmt ein geringer Preis für ein Paar Jimmy Choos."
Ich habe mich bei diesem Buch richtig gut unterhalten gefühlt und werde mir bestimmt auch den zweiten Band dieser Reihe zulegen.

Veröffentlicht am 26.03.2019

Was für eine schräge erschreckende Geschichte

Hysteria
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In einer vermutlich nicht allzu fernen Zukunft hat in Deutschland (?) eine Form von Gesundheits-/Ökodiktatur Einzug gehalten incl. einer Gesundheitspolizei. Rausch- und Genussmittel wie Alkohol, Nikotin, ...

In einer vermutlich nicht allzu fernen Zukunft hat in Deutschland (?) eine Form von Gesundheits-/Ökodiktatur Einzug gehalten incl. einer Gesundheitspolizei. Rausch- und Genussmittel wie Alkohol, Nikotin, Koffein, Tein usw. sind verboten, wurden jedoch durch scheinbar gesunde, natürlich Kräuter und Ähnliches ersetzt. Eine Gruppierung stellt die Maximalforderungen auf, nur noch Produkte zu nutzen, die die Natur 'freiwillig' zur Verfügung stellt (beispielsweise Fallobst), sämtliche Eingriffe der Zivilisationen rückgängig zu machen und in letzter Konsequenz, dass die Menschen verschwinden. In diesem Klima entwickelt sich eine Gesellschaft, die als größtes Ziel eine nachhaltige und natürliche Lebensweise hat. Bergheim, hypersensibel, entdeckt auf einem Biomarkt allerdings Merkwürdiges, die ihn an der Natürlichkeit zweifeln lassen. Er sucht einen der Produzenten auf, der ihn an das mysteriöse Kulinarische Institut verweist, wo er bereits erwartet wird.
Es ist wohl nur ein Tag, an dem wir als Lesende den Protagonisten Bergheim begleiten. Doch die Geschichte nimmt immer wieder abrupte Wendungen, mit denen man (nicht nur) Bergheims Lebensentwicklung folgt. Trotz der stetigen Handlungssprünge entsteht eine immer düster werdende Atmophäre, in der im Hintergrund etwas Unheimliches zu lauern scheint.
Hysteria ist ein Buch, das man sehr aufmerksam lesen muss, da Traum, Vergangenes und Gegenwart immer wieder ineinander übergehen und man so leicht die Orientierung verlieren kann. Hinzu kommt die Neigung des Autors zu langen Sätzen und seiner Liebe zum Detail, die aber vermutlich das Wissen fast aller Lesenden vergrößern wird. Oder wieviele Menschen kannten zuvor die Eigenschaften des Fadenwurms caenorhabditis elegans? Oder dass Käse aus Eselsmilch der teuerste der Welt ist? Eckhart Nickel bindet immer wieder solche Informationen ein, die derart absurd klingen, dass man sie für Produkte seiner überbordenden Phantasie halten könnte. Doch tatsächlich entsprechen sie den Tatsachen, wie beispielsweise auch der interessante Exkurs über die Papaya.
Bemerkenswert sind ebenso seine exakten, bildhaften Beschreibungen wie beispielsweise gleich zu Beginn das Essen einer Himbeere: "Der kitzelnde Flaum, der sich beim Zerdrücken der Frucht im Mund wie ein Pelz auf die Zunge legte, widerte ihn an. ... Die Härchen, die wild zwischen einzelnen Waben herausragten, schienen sich noch dazu zu bewegen, und über den zellenartigen Fruchtbällen formte sich gräulicher Schimmer, der sie fast staubig aussehen ließ, wie ein dünnhäutiger Bovist."
Eine ungewöhnliche, anspruchsvolle und lesenswerte Lektüre mit düsteren Aussichten, die sich leider schon in Reichweite befinden.

Veröffentlicht am 17.02.2019

Gerechtigkeit für Alfred Russell Wallace

Wallace
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Den meisten Menschen der Welt, die das Glück hatten und haben, eine Schule besuchen zu dürfen, ist Charles Darwin vermutlich ein Begriff. Der Begründer der Evolutionstheorie. Weniger bekannt dürfte den ...

Den meisten Menschen der Welt, die das Glück hatten und haben, eine Schule besuchen zu dürfen, ist Charles Darwin vermutlich ein Begriff. Der Begründer der Evolutionstheorie. Weniger bekannt dürfte den Meisten hingegen Alfred Russell Wallace sein, der praktisch parallel zu den gleichen Ergebnissen gelangte, mit denen zeitlebens Charles Darwin verbunden ist.
Als Alfred Bromberg, Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheitsgeschichte, zufällig auf ein Foto von Wallace stößt und von einem befreundeten Antiquar dessen Lebensgeschichte erfährt, beginnt er auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, ob Darwins Ruhm nicht eigentlich Wallace zusteht. Kann er, Bromberg, ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen?
Abwechselnd zu Brombergs Geschichte wird auch von Wallaces Leben erzählt, seinen Reisen nach Südamerika wie auch Asien. Der Autor besitzt einen herrlichen, leicht altertümlich liebenswürdigen Stil, der einem praktisch die gesamte Lesezeit ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ein richtiger Lesegenuss! („Umringt von den Kindern räumte er seine Kisten an Land. Ein kleines, langhaariges Mädchen befühlte zaghaft den groben Stoff seiner Hose, ein anderes grub, während er sich nach unten beugte, vorsichtig ihr dünnes Händchen in das haarige Knäuel unter seinem Kinn.“ Oder „… (er) wünschte, es würde sich in diesem Moment seine Diarrhö bemerkbar machen. Mit jenem Grummeln im Unterleib, das von außen so klang und sich von innen so anfühlte, als braue sich ein Gewitter zusammen.“)
In den Erzählungen über die beiden Männer finden sich neben manch naturwissenschaftlichen Abhandlungen (die problemlos zu lesen und zu verstehen sind) auch Exkurse zu philosophischen Gedanken: Was ist Gerechtigkeit? Gibt es sie überhaupt? Ist ein Mensch mehr wert als der andere? Stets sehr anschaulich und unterhaltsam geschrieben, was bei solchen Themen nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Dennoch störte mich etwas. Die Beziehung Brombergs zu Wallace leuchtete mir während des Lesens immer weniger ein. Mir blieb unklar, weshalb diese historische Persönlichkeit einen solch großen Einfluss auf Brombergs Leben zu nehmen beginnt. Und so empfand ich den Zusammenhang der beiden Geschichten immer weniger glaubwürdig, fast schon aufgesetzt. Schade, denn beide Teile für sich genommen sind überaus lesenswert! Nichtsdestotrotz bleibt es eine empfehlenswerte Lektüre.