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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.04.2019

Gemächlich rollt der Trolley über den Jakobsweg…

Zum Glück gibt es Umwege
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Diesen Roman habe ich als Hörbuch gehört und muss als Erstes mal sagen, dass ich die Umsetzung mit einem Mann und einer Frau als Sprechern sehr gelungen fand. Denn das Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt, ...

Diesen Roman habe ich als Hörbuch gehört und muss als Erstes mal sagen, dass ich die Umsetzung mit einem Mann und einer Frau als Sprechern sehr gelungen fand. Denn das Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt, einer weiblichen (Zoe) und einer männlichen (Martin). Und so werden auch die entsprechenden Erzählstränge von einer Frau (Christiane Marx) und einem Mann (Oliver Kube) gelesen. So hat man das Gefühl, dass da tatsächlich die Protagonisten erzählen.

Der Roman an sich enthält aus meiner Sicht keine großartig neuen Ideen, einzig der Beweggrund von Martin, den Jakobsweg zu gehen, ist außergewöhntlich. Denn er testet einen neu entwickelten Reisetrolley (als Rucksackersatz für Pilger) auf Langstreckentauglichkeit. Zoe dagegen geht den Jakobsweg aus einem Grund, den wohl viele Pilger haben: nach einem Schicksalsschlag ist sie auf der Suche nach sich selbst.

Zufällig treffen sich Martin und Zoe bereits am Anfang ihrer Reise. Sie gehen den Weg nicht gemeinsam, aber sie treffen sich immer wieder, begleiten einander auf einigen Teilstücken, aber trennen sich auch immer wieder. Das Buch beschreibt, was die beiden erleben, wie sie übereinander denken und wie sie sich im Laufe ihrer Wanderung weiterentwickeln. Dabei hat mir aber leider ein wenig die Spannung zwischen den Protagonisten gefehlt. Lange Zeit wusste ich auch nicht, wo der Roman eigentlich hin will – soll es eine Liebesgeschichte werden? Ein Buch über Freundschaft? Eine Art Reisebericht? Ein spiritueller Weckruf? Es ist von allem ein bisschen, aber für mich fühlte sich das ein wenig an wie „weder Fisch noch Fleisch“. Ich mochte zwar die ruhige Erzählweise, die dem Charakter des Wanderns entspricht. Aber irgendwie fehlte mir das entscheidende Quäntchen Spannung, um den Roman als mitreißend empfinden zu können.

Dennoch: man wird mit diesem Buch gut unterhalten und es regt dazu an, innezuhalten und sich ein paar ruhige Lese- oder Hörstunden zu gönnen. Wenn man die gute Umsetzung des Plots im Hörbuch berücksichtigt, ist es mir 4 Sterne wert – die Geschichte allein läge für mich im guten Mittelfeld bei 3 Sternen.

Veröffentlicht am 16.04.2019

Jauchzet und frohlocket!

Jubilate!
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...aber erst am Ende dieses gelungenen Schmunzelkrimis mit Papst Petrus & Co. Zuvor gibt es noch einige Abenteuer zu bestehen – aber wie immer ist Papst Petrus mit vollem Herzen dabei, seine Schäfchen ...

...aber erst am Ende dieses gelungenen Schmunzelkrimis mit Papst Petrus & Co. Zuvor gibt es noch einige Abenteuer zu bestehen – aber wie immer ist Papst Petrus mit vollem Herzen dabei, seine Schäfchen zu zählen, damit keins verloren geht. Sein Motto: „Der Vatikan ist ein Theater, eine Bühne. Manchmal werden Komödien gegeben. Meistens aber Kriminalstücke. Manchmal auch beides zusammen.“ (S. 97)

Diesmal wird Pressesprecherin Giulia in einen Familien-Erbstreit hineingezogen. Auf dem Schloss ihres kranken, alten Verwandten Federico findet ein Familienfest statt, bei dem der Patriarch bekannt gibt, dass er sich nur Giulia als Bewahrerin des Familienvermögens vorstellen kann. Er stellt ihr ein riesiges Erbe in Aussicht – unter der Bedingung, dass sie heiratet. Für Giulia ein abwegiger Gedanke... bis sie sich ohnmächtig im Pool wiederfindet und von ihrer Jugendliebe Paolo gerettet werden muss. Jemand muss einen Anschlag auf sie verübt haben... Giulia wittert eine Verschwörung und ermittelt mit Petrus, Francesco und Co. im familiären Umfeld. Dafür stimmt sie sogar der Hochzeit zu und ausgerechnet Francesco, der schon lange in Giulia verliebt ist, soll den Bräutigam spielen. Wo soll das bloß hinführen???

Es war mir eine Freude, den Irrungen und Wirrungen zu folgen, Verdächtige auszumachen und wieder auszuschließen. Ich mag die Krimis um Petrus, seine Pressesprecherin Giulia, seine „rechte Hand“ Francesco, seine Haushälterin Schwester Immaculata und den dicken Kater Monsignore sehr. Auch in ihrem 5. Auftritt als kriminalistische Spürnasen sind sie wieder voll in ihrem Element.

Die Autoren haben sich ein komplexes Verwirrspiel ausgedacht (manchmal etwas zu komplex?), bei dem man gegen Ende des Buches froh ist, dass Petrus die Aufklärung des Falles in einer Szene zusammenfasst. Nebenbei lernt man in diesem Roman wunderbare Orte kennen (meine Liste für interessante Reiseziele hat nun wieder zwei Einträge mehr!) und verlebt eine aufregende Woche in den Albaner Bergen. Einschließlich Happy End – so viel darf verraten werden.

Fazit: ein Roman zum Mitfiebern und Rätseln, aber auch zum Wegträumen und Schmunzeln.

Veröffentlicht am 04.04.2019

Die Vergangenheit holt jeden irgendwann ein…

Der stumme Bruder
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Also, ich muss zugeben, es hat eine Weile gedauert, bis Herr Herzberg, Frau Weigand und ich miteinander warm geworden sind. Entweder ist mir das mecklenburg-vorpommernsche Naturell fremd oder ich bin zu ...

Also, ich muss zugeben, es hat eine Weile gedauert, bis Herr Herzberg, Frau Weigand und ich miteinander warm geworden sind. Entweder ist mir das mecklenburg-vorpommernsche Naturell fremd oder ich bin zu einfach gestrickt für dieses Buch… ODER es ist einfach wie es ist: hier handelt es sich um den zweiten Band einer Reihe und ich habe den ersten verpasst und keine Ahnung was läuft

Denn mein Gefühl beim Lesen der ersten ca. 100 Seiten lässt sich ungefähr so beschreiben: es war, als würde ich neben zwei Leuten stehen, die ständig Insidersprüche klopfen, während ich ratlos daneben herdackel und keine Ahnung habe, was die meinen… Nach ca. einem Viertel des Buches wurde es besser – oder ich hatte mich einfach dran gewöhnt und kam langsam dahinter, wohin der Hase hoppelt.

Zunächst mal hoppelt er in die Vergangenheit, denn da gibt es in dem kleinen Ort Lichtenfels einiges aufzuarbeiten. Zum einen scheint die alte Magda noch mit Begebenheiten aus dem 2. Weltkrieg zu hadern, zum anderen scheint der verschiedene Rudolf nach der Wende einen ordentlichen Reibach mit der Umgestaltung der ortsansässigen LPG zum gesamtdeutschen Agrarunternehmen gemacht zu haben. Und, nicht zu vergessen, die umliegenden rechtsorientierten Gemeinschaften scheinen auch noch irgendwie in der Sache mit drin zu hängen…
Ein ziemlich dichtes Geflecht, durch das sich Herzberg und seine Ex-Kollegen hier wühlen müssen. Und mit der Zeit hat es mir wirklich Spaß gemacht, zusammen mit dem Ermittlerteam die alten Stukturen aufzubrechen und der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Zu empfehlen ist dieser Krimi deshalb auf jeden Fall – auch wenn man sich als „Neu-Leser“ erst ein paar Seiten zur Eingewöhnung geben sollte. Die Sprache von Claudia Rikl ist dem Fall und dem Ermittlerteam angemessen. Nordisch anmutend, ein bisschen karg, manchmal aber gleichzeitig mit zarter Poesie. Dieser Stil hat Eindruck bei mir hinterlassen und das Buch aus der Masse herausragen lassen.

Wer mal einen „etwas anderen“ deutschen Krimi sucht, der ist hier mit Sicherheit an der richtigen Adresse.

Veröffentlicht am 18.03.2019

Ein Wohlfühlroman für Büchermenschen – und solche, die es werden wollen

Mühle mit Meerblick
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„Line Henriksen hatte sich verliebt. […] Nicht ein Mann mit schönen Augen und tollen Bauchmuskeln war ihr zum Verhängnis geworden, sondern eine Insel mit Schafen und Kühen […] und Menschen, die sie bei ...

„Line Henriksen hatte sich verliebt. […] Nicht ein Mann mit schönen Augen und tollen Bauchmuskeln war ihr zum Verhängnis geworden, sondern eine Insel mit Schafen und Kühen […] und Menschen, die sie bei sich aufgenommen hatten, als hätten sie auf sie gewartet.“ (S. 65/E-book) Dieses Zitat sagt schon viel über das Buch, denn es geht hier tatsächlich darum, anzukommen und seinen Lebensmittelpunkt zu finden. Ich denke ich verrate nicht zuviel, wenn ich ankündige, dass nicht nur Line in diesem Buch ihr Zuhause findet.

Ihre Geschichte ist aber nicht nur geprägt von der Sehnsucht nach Heimat, die sie als Pflegekind schon seit ihrer Kindheit mit sich herumträgt, sondern auch von einem anderen großen Thema: Legasthenie. Lines Schwäche führt zunächst dazu, dass sie sich ausschließlich über dieses Thema definiert und damit natürlich kaum Selbstwertgefühl hat. Da braucht es erst einen behutsamen und einfühlsamen Menschen, der ihr Buchstaben näherbringt und ihr zeigt, dass sie auch mit ihrem Handicap ein vollwertiger Mensch ist. Dass dieses Thema im Buch eine große Rolle spielt, hat mich überrascht – im positiven Sinn, denn so bekommt der Roman mehr Tiefe.

Eine weitere Überraschung war, dass es auch sehr viel um Bücher und das Verständnis für Literatur geht. Es werden so einige Klassiker in Bezug genommen – ich als „Büchermensch“ habe mich deshalb besonders wohl gefühlt mit dieser Geschichte.

Auch wenn sie mich nicht ganz hundertprozentig überzeugt hat – Schwächen hatte sie meines Erachtens darin, dass Lines Briefe (ziemlich am Ende des Romans) sehr eloquent geschrieben waren, obwohl die junge Frau noch immer mit Schwierigkeiten (insbesondere mit langen, komplizierten Worten) zu kämpfen hatte. Doch recht viele davon fanden sich in den Briefen. Das erschien mir nicht ganz schlüssig.

Außerdem hätte ich gern mehr über Lines Mutter Karla erfahren. Das Verschwinden von Karla wurde im Buch öfters angesprochen, aber niemand – weder Karlas Mutter (Lines Großmutter Lou) noch Line selbst entwickeln Ambitionen, ihren Verbleib zu klären. So zog sich die Geschichte um Lines Geburt zwar durch das gesamte Buch, aber es bleibt für mich am Ende als loser Faden hängen… schade.

Insgesamt fand ich das Buch wirklich lesenswert und sympathisch – und es hat mir ein noch ein wunderschönes Zitat beschert, das ich mir merken werde: „Doch der, der liest, lebt tausend Leben, und er kann jeden Tag von Neuem entscheiden, was er sein will.“ (S. 88/E-book)

Veröffentlicht am 15.03.2019

Simon Beckett bleibt sich und seinem Genre treu

Die ewigen Toten
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Wer etwas über den Tod im naturwissenschaftlichen Sinne wissen möchte, ist bei Simon Becketts Thrillern schon immer gut aufgehoben gewesen – und auch diesmal bleibt sich der Erfolgsautor treu. Das Buch ...

Wer etwas über den Tod im naturwissenschaftlichen Sinne wissen möchte, ist bei Simon Becketts Thrillern schon immer gut aufgehoben gewesen – und auch diesmal bleibt sich der Erfolgsautor treu. Das Buch beginnt mit einer Abhandlung über die Gerüche beim Verwesungsprozess und auch zwischendurch fängt Hauptfigur Dr. Hunter immer mal wieder an, mit seinem Wissen zu glänzen und über den Verwesungsprozess zu dozieren. Das ist für Fans von Beckett genau das, was sie lesen wollen – für mich war es bisher immer „schmückendes Beiwerk“ (wenn auch sehr interessant!). Aber diesmal gab es tatsächlich Seiten, die ich nur quergelesen habe, weil mir das zu sehr ins Detail ging.

Der Kriminalfall, in den Hunter diesmal hineingerät, ist gewohnt wendungsreich – wenn sich auch für mich schon früh abzeichnete, wer hier wohl seine Finger im Spiel hatte. Dafür erzählt Beckett die persönliche Leidensgeschichte von Dr. Hunter weiter – auch diesmal gerät er nicht nur einmal in Lebensgefahr. Man fragt sich so langsam, wo das noch hinführen soll (bzw. ob es irgendwann wirklich noch glaubhaft ist, dass ein Mensch nach so vielen traumatischen Erlebnissen noch „normal“ sein und weiter seiner – ohnehin emotional schwierigen – Arbeit nachgehen kann). Für mich ist jetzt langsam der Grenzpunkt erreicht. Aus meiner Sicht müsste der Autor beim nächsten Hunter-Roman definitiv die Bremse ziehen und auf andere Weise Spannung in die Story bringen. Sonst wird es unglaubwürdig.

Trotz allem ist Beckett hier wieder ein gut gestrickter Thriller mit Überraschungsmomenten gelungen, den ich verschlungen habe. Ich werde mit Sicherheit auch wieder zum nächsten Roman aus der Serie greifen.