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Veröffentlicht am 04.05.2019

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Die Schwarzkünstlerin
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Wer kennt nicht dieses Faust-Zitat und was wäre, wenn es nicht ein, sondern zwei Menschen – ein Mann und eine Frau – gewesen wären, die Goethe als Vorbild für seinen „Faust“ gedient haben? Gut und Böse, ...

Wer kennt nicht dieses Faust-Zitat und was wäre, wenn es nicht ein, sondern zwei Menschen – ein Mann und eine Frau – gewesen wären, die Goethe als Vorbild für seinen „Faust“ gedient haben? Gut und Böse, Ying und Yang, Adam und Eva, Engel und Teufel – das eine kann ohne das andere nicht sein. Darauf baut Roman Rausch seinen Faust-Roman, seine „Schwarzkünstlerin“ auf.

„Eher gehe ich durch die Hölle, als mich ihrer Zucht noch länger zu unterwerfen.“ (S. 33)
Margarethe ist die Tochter eines einflussreichen Fürsten, die wegen ihrer Wissbegier und Unbeugsamkeit in ein Kloster abgeschoben wurde. Aber auch dessen Mauern können sie nicht halten. Auf ihrer Flucht begegnet sie dem Scharlatan Georg Helmstätter, der die Kleingläubigen mit seiner Scharade als Magister Sabellicus unterhält und abzockt. Er versucht Margarethe für seine Betrügereien zu gewinnen, aber sie widersteht und beginnt als Johann Faust ein Studium in Heidelberg. Doch als sie ihm später wieder über den Weg läuft, lockt er sie mit seinem geheimen Wissen über Magie und Alchemie. Sie zieht mit ihm durchs Land, fühlt sich endlich frei. Allerdings muss sie bald erfahren, dass sie als gelehrte Frau nichts gilt. Doch Sabellicus hat einen Plan – „Wie weit bist Du bereit, für Deine Träume zu gehen?“ (S. 141) – den sie letztendlich teuer bezahlen muss. Den Rest ihres Lebens wird sie von ihrem Hass auf Sabellicus getrieben, der Suche nach ihm, dem Durst nach Rache.

Roman Rausch hat ein sehr umfassendes Sittengemälde der damaligen Zeit geschaffen. Die Welt ist im Umbruch, die Bauernkriege verwüsten das Land, Luther spaltet die Gläubigen, der Buchdruck verbreitet sich (und damit Nachrichten, egal ob wahr oder falsch), Gewalt und Tod sind an der Tagesordnung. Aber es werden auch theologische und wissenschaftliche Streitgespräche geführt, man will der Welt auf den Grund gehen, will wissen „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Rauschs Margarethe ist keine verführte Unschuld sondern eine sehr kluge und wissbegierige Frau, die das will, was nur Männern zusteht – eine umfassende Bildung und die Welt erforschen, ihr Wissen anwenden und vielleicht sogar weitergeben, ohne dafür in einem Kloster gefangen zu sein. Leider geht sie dabei Georg Helmstätter auf den Leim und hilft ihm unbewusst, als Dr. Faust berühmt zu werden.

„Die Schwarzkünstlerin“ ist keine leichte Historische Unterhaltungsliteratur sondern anspruchsvoll und fordert seine Leser.

Veröffentlicht am 26.04.2019

Die dunklen Seiten der Pariser Kunstszene

Ein kunstvoller Mord
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„Es gibt viele Arten, Menschen umzubringen.“ (S. 53)
Rosa Kontrapunkt ist auf einem geheimen Happening im ehemaligen Kaufhaus Samaritaine in Paris, als eine der Teilnehmerinnen, die Fotografin Solveig ...

„Es gibt viele Arten, Menschen umzubringen.“ (S. 53)
Rosa Kontrapunkt ist auf einem geheimen Happening im ehemaligen Kaufhaus Samaritaine in Paris, als eine der Teilnehmerinnen, die Fotografin Solveig Brenner, tot aufgefunden wird – vergiftet, wie sich kurz darauf herausstellt. Rosas Sohn, der Bassist Quentin Belbasse, hat vor einigen Monaten schon einmal zusammen mit Lieutenant Jean-Michel Brossard ein Verbrechen aufgeklärt und mischt sich auch diesmal wieder kräftig in die Ermittlungen ein – schließlich kommt er durch seine Mutter, ihres Zeichens selbst Performance-Künstlerin, an Informationen erster Hand.

„Ein kunstvoller Mord“ ist nach „Dunkle Nächte auf Montmartre“ der zweite Teil der Krimi-Reihe mit Quentin Belbasse und wieder werden dem Leser dunkle Ecken von Paris abseits der Touristenpfade nahegebracht. Quentin hört sich vor allem im Künstler-Milieu um: in alten Fabriken, besetzten Häusern und dunklen Kellern, wo die Künstler am Rande der Existenz leben und Avangard-Ausstellungen stattfinden.
Solveig Brenner war nicht ganz so beliebt, wie es zu Beginn den Anschein hatte. Nicht nur ihre Kunst hat polarisiert. Sie fotografierte vor allem Akte von Frauen, die irgendwie gefesselt oder gedemütigt sind. Damit kämpft sie nicht nur für die Befreiung und Rechte der Frauen, sondern auch gegen ihr eigenes Trauma, wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellt. Auch ihr Privatleben scheint kompliziert gewesen zu sein. Sie hatte einen geheimnisvollen Liebhaber, hat aber auch anderen Männern schöne Augen gemacht und sie später brüskiert. Wer hasste sie daraufhin so, dass er sie umgebracht hat?

Quentin genießt es, wieder ermitteln zu können, Abwechslung von seiner Arbeit als Musiker zu haben. Er ist Lieutenant Brossard immer einen Schritt voraus und begibt sich in echte Gefahrensituationen. Der Fall bringt ihn dazu, seine eigene vaterlose Kindheit zu reflektieren – diese Passagen sind sehr tiefgründig und philosophisch. Seine Mutter macht ihm allerdings klar: „Man lebt nicht für einen anderen, man lebt für sich selbst.“ (S. 75)

Wie schon beim ersten Teil hat mich auch hier wieder etwas irritiert, dass Quentin mit Wissen der Polizei und ohne jegliche rechtliche Grundlage ermittelt hat, dass die Leute ihm seine Fragen beantworten, ohne dass er sich ausweist, oft sogar von Lieutenant Brossard als Kollege vorgestellt oder zu Vernehmungen hinzugezogen wird.
Davon abgesehen, hat mir das Buch gut gefallen. Es ist sehr spannend und verwirrt den Leser mit immer neuen Motiven und Tatverdächtigen, die auch alle an das Gift hätten herankommen können. Ich bin gespannt auf Quentins nächsten Fall.

Veröffentlicht am 11.03.2019

Bereit für Urlaub in der Provence?

Das Honigmädchen
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„Hinter jedem Rätsel steckt eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt.“ (S. 188)
Welches Geheimnis steckt hinter der kleinen Honigmanufaktur im französischen Bergdorf Loursacq und ihrem Betreiber ...

„Hinter jedem Rätsel steckt eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt.“ (S. 188)
Welches Geheimnis steckt hinter der kleinen Honigmanufaktur im französischen Bergdorf Loursacq und ihrem Betreiber Henri Lambert, an dem Camillas Vater unbeirrt festhält, auch wenn die Manufaktur schon lange nicht mehr die vereinbarten Mengen liefert? Camilla strukturiert seit 3 Jahren das Feinkost-Unternehmen ihrer Familie um und hat den Umsatz damit deutlich steigern können. Bisher hat ihr Vater ihr dabei freie Hand gelassen, aber an Henri Lambert hält er unbeirrt fest. Beruflich tritt Camilla also auf der Stelle und auch privat läuft es alles andere als gut. Ihr neuer Nachbar Tobias feiert fast jede Nacht Partys, ihre 15jährige Tochter Marie hasst sie und droht, von der Schule zu fliegen. Da die Sommerferien bevorstehen, „verordnet“ ihr Vater ihnen eine Reise in die Provence. Camilla soll endlich mal wieder mit Marie Urlaub machen und sich dabei quasi nebenher Lamberts Manufaktur ansehen. „Vergiss den Job einfach mal Camilla. Lerne staunen.“ (S. 57) Widerwillig stimmt Camilla zu. Allerdings setzt Marie durch, dass Nachbar Tobias sie begleiten muss. Ihn mag sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nämlich.

Marie ist ein sehr aufmüpfiger Teenager und gibt ihrer Mutter die alleinige Schuld an der Scheidung ihrer Eltern vor ein paar Jahren. Sie rebelliert, schwänzt die Schule und betont immer wieder, dass sie lieber bei ihrem Vater wohnen will. Camilla steht diesem Verhalten ziemlich hilflos gegenüber und gibt für meine Begriffe immer viel zu schnell auf. Sie zerfließt in Selbstmitleid, statt ihrer Tochter mal die Meinung und vor allem die Wahrheit über ihren Ex zu sagen. Ich hätte sie mit etwas weniger weinerlich und dafür anpackender gewünscht. In der Provence kommen sich die beiden dank Tobias, Henri und der Bienen endlich wieder näher und sprechen miteinander, statt sich nur anzuschreien.
Aber auch die beschauliche Provence bietet allerlei Zündstoff. Lamberts Manufaktur ist ganz anders als erwartet und Henri wird von fast allen Bewohnern Loursacqs gemieden. Camilla und Marie wollen unbedingt herausbekommen, warum das so ist und schmieden dann einen Plan, um die Situation zu ändern.

Natürlich knistert es in diesem Sommer auch. Marie erlebt ihre erste Liebe, in Loursacq gibt es ein Pärchen, das schon ewig umeinander herumstreicht, und Camilla lernt, wieder einem Mann zu vertrauen.
Leider waren mir einige Dinge zu vorhersehbar, dafür haben mich andere Wendungen überrascht.

„Das Honigmädchen“ von Claudia Winter ist eine schöne Sommer-Urlaubs-Selbstfindungs-Liebesgeschichte vor der stimmungsvollen Kulisse eines kleinen Bergdörfchens in der Provence. Man kann förmlich den Lavendel riechen, das Summen der Bienen hören und den Honig schmecken.

Veröffentlicht am 04.03.2019

Ein Café in den Wirren des 2. WK

Café Engel
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Luisa wächst als uneheliche Tochter des Gutsherren auf einem Gut in Ostpreußen auf. Ihre Eltern lieben sich, aber die herrische Großmutter hat ihrem Sohn die Ehe mit der kleinbürgerlichen Mutter verboten. ...

Luisa wächst als uneheliche Tochter des Gutsherren auf einem Gut in Ostpreußen auf. Ihre Eltern lieben sich, aber die herrische Großmutter hat ihrem Sohn die Ehe mit der kleinbürgerlichen Mutter verboten. „Die Großmutter hat ihr Herz in einen stählernen Kasten verschlossen, und nur Papa besitzt einen Schlüssel dafür.“ (S. 26). Als ihr Vater stirbt, müssen sie das Gut verlassen und bauen sich in Stettin eine neue Existenz auf. Doch 1945, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, müssen sie auch von dort fliehen – die Russen kommen und rächen sich gnadenlos für das Leid der letzten Jahre. Luisa und ihre Mutter wollen nach Wiesbaden, wo Onkel Heinz hoffentlich noch das „Café Engel“ betreibt. Allerdings weiß Heinz bisher nichts von Luisas Existenz, da er und ihre Mutter sich aus den Augen verloren hatten.
Das „Café Engel“ hat den Krieg wirklich überstanden. Heinz betreibt es zusammen mit seiner Frau Else und Tochter Hilde. Allerdings wird auch er in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm eingezogen und an die Front geschickt, wo er bald in Kriegsgefangenschaft gerät. Doch Else und Hilde sind sehr patent und halten das Café am Laufen. Zu ihren Stammgästen gehören viele Künstler, da sich die Oper direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet und auch das Theater nicht weit weg ist. Durch den Krieg blieben immer mehr Gäste weg. Die jüdischen sind vor Jahren ausgewandert, die anderen wurden nach und nach eingezogen.

Ich durfte das Buch im Rahmen einer Leserunde bei Lesejury vorablesen und einige Mitleser bemängelten, dass die Geschichte aus zu vielen verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Aber genau das hat für mich den Reiz des Buches ausgemacht. Man erlebt abwechselnd aus der Sicht des jeweiligen Protagonisten die Flucht, Gefangenschaft oder Kriegs- bzw. Nachkriegszeit. Allerdings ist m.E. auch der Klappentext etwas ungünstig gewählt. Es geht (wie dort beschrieben) nicht vorrangig um die Differenzen zwischen Hilde und Luisa – die machen nur einen kleinen Teil der Handlung aus.

Marie Lamballe schreibt sehr fesselnd und lässt die damalige Zeit lebendig werden. Vor allem mit Luisa und Julia habe ich sehr mitgelitten. Julia ist eine Jüdin, welche Hildes Familie und die anderen Hausbewohner während der Naziherrschaft verstecken. Während die anderen bei den Bombenangriffen in den Keller oder Luftschutzbunker fliehen, kann Julia ihr Versteck nie verlassen. Wie lange hält sie dieses Leben noch durch? Die dauernde Angst vor Entdeckung? Und was wird, wenn der Krieg wirklich mal vorbei ist? „Julia ... hat Angst vor der Freiheit, sie hat zu lange als Schatten in der Abstellkammer gehaust, um schon wieder ein Wesen aus Fleisch und Blut zu sein.“ (S. 154).
Auch Luisa erleidet auf ihrer Flucht in Richtung Westen unsägliche Dinge, an denen viele andere zerbrochen wären und die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Trotzdem hat sie sich ihre Menschlichkeit bewahrt und immer wieder anderen Flüchtlingen geholfen. Mir hat gefallen, dass die Autorin hier nichts beschönigt oder verschwiegen hat, sondern auch die besonders grausamen Seiten des Krieges zeigt.
Heinz ist ein sehr eigener Charakter. Er sieht sich als Kunst-Mäzen, hält seine alten Freunde weiter aus, als sie selbst kaum noch Nahrungsmittel haben. Er ist extrem gutmütig und würde Haus und Hof verschenken, wenn Else und Hilde ihn nicht bremsen würden.
Vor allem Hilde hat es nicht leicht, sich gegen ihren Vater zu behaupten. Sie träumt seit ihrer Kindheit davon, das Café zu führen. Als dann Luisa zu ihnen kommt und von Heinz sofort ins Herz geschlossen wird, reagiert Hilde stutenbissig. Diesen Wesenszug an ihr konnte ich nicht verstehen. Er machte sie mir zum Teil recht unsympathisch. Dabei sind sich die beiden Frauen eigentlich recht ähnlich. Es sind starke Persönlichkeit, Macherinnen. Auch wenn Hilde eher (vor-)laut und gern etwas frecher vorgeht und Luise stiller. Beide geben nicht so schnell auf sondern kämpfen für ihre Visionen und Ziele.

Was mich ebenfalls etwas gestört hat, war das Ende. Es war mir zu glatt und happy, dafür dass der Weg bis dahin sehr dramatisch war. Auch Hildes plötzlichen Sinneswandel im Bezug auf Luise konnte ich nicht nachvollziehen und fand ihn zu plötzlich und unmotiviert.

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Veröffentlicht am 14.11.2018

Was ist damals wirklich passiert?

Sophies Tagebuch
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West-Berlin, Oktober 1989: Erika zur Linde ist Französischlehrerin, Mitte 40 und geschieden. Außer in ihrer Schule hat sie kaum soziale Kontakte, nur ihren Vater Ulrich besucht sie alle 4 Wochen zum Sonntagsessen. ...

West-Berlin, Oktober 1989: Erika zur Linde ist Französischlehrerin, Mitte 40 und geschieden. Außer in ihrer Schule hat sie kaum soziale Kontakte, nur ihren Vater Ulrich besucht sie alle 4 Wochen zum Sonntagsessen. Der wurde in den 50er Jahren mit einem Kriegsroman berühmt, hatte sich kurz darauf aber aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt hat er sich an seinem Schreibtisch erschossen, kurz nachdem er einen Brief aus Amerika bekam. Ein gewisser Paul Singer fragt darin nach seinem Onkel Felix Auerbach, einem Juden, mit dem Ulrich und seine Frau Sophie (Erikas Mutter) während des 2. WKs befreundet waren und nach dessen Manuskript. Erika ist wie vor den Kopf gestoßen, über den Krieg oder gar Felix haben ihre Eltern nie geredet. Ihre Mutter starb, als sie 15 war. Auf der Suche nach weiteren Hinweisen findet sie deren Tagebuch und taucht in die Vergangenheit ihrer Familie ab.

Nicolas Remin erzählt auf 2 Zeitebenen Sophies Geschichte und Erikas Suche nach der Wahrheit.
Sophie heiratet 1939 nach nur wenigen Monaten den älteren Ulrich zur Linde, weil er in der Wehrmachts-Uniform gut aussieht und sie unbedingt Journalistin für eine Frauenzeitschrift werden will, was ihre Eltern ihr verboten haben. Ulrich ist sehr in sie verliebt und erlaubt ihr alles, überhäuft sie mit Geschenken. Allerdings wird ihr schnell klar, dass sie ihn nicht liebt. Sie ist extrem naiv und unpolitisch, tritt nur in die NSDAP ein, um bei Journalistin bleiben zu können und weil sie – wie so viele andere Frauen auch – Hitler anhimmelt.
Ulrichs bester Freund Felix Auerbach ist Jude, aber das spielt für sie keine Rolle. Felix sieht zu gut aus – groß, schlank, blond, wie ein echter Arier. Auch er bewundert Hitler, ist t traurig, dass er nicht wieder an der Front kämpfen darf, wie im ersten WK. Als Ulrich in den Krieg zieht, kümmert sich Sophie um Felix, dessen geplante Emigration immer wieder scheitert. Bald müssen sie ihn verstecken, sein Aussehen hilft ihm dabei. Sophie und er verbringen viel Zeit miteinander ...

Ich fand es schade, dass Nicolas Remin einen so nüchternen Schreibstil gewählt hat, dadurch sind mir Erika, Sophie und auch die anderen Protagonisten fremd geblieben. Obwohl sie viel Schlimmes erleben, bleibt man beim Lesen seltsam distanziert.
Sophie scheint eine verwöhnte Göre gewesen zu sein. Die „ehelichen Pflichten“ erträgt sie nur mit Alkohol. Glücklich ist sie nur, wenn Ulrich einen neuen Orden bekommt und in der Hierarchie der Wehrmacht aufsteigt oder Pakete aus Frankreich schickt, wo er stationiert ist. Erika hat sie immer als ziemlich kühle Frau bzw. Mutter empfunden und ist genau so geworden. Doch nach dem Tod ihres Vaters blüht Erika in kürzester Zeit plötzlich auf. Sie macht eine 180 Grad-Wendung, ändert ihren Kleidungsstil, ihre Frisur, trägt auf einmal Makeup. Aus dem unscheinbaren Mauerblümchen wird ein heißer Feger. Diese Wandlung fand ich zu extrem, ihre Gründe dafür bleiben nebulös. Zudem lebt Erika in West-Berlin und interessiert sich kaum dafür, was gerade auf der anderen Seite der Mauer passiert. Als diese dann fällt, stört sie sich am Geruch der Trabbis, dass die vielen Menschen aus dem Osten h in Berlin „einfallen“ und die Straßen verstopfen. Was das politisch bedeutet, scheint ihr egal zu sein.
Am meisten irritiert aber war ich von Felix. Gab es wirklich Juden, die zu 100 Prozent hinter Hitler standen und dachten, dass nach dem Endsieg alles wieder gut wird, dass die KZs nur Lügen sind? Oder hat Felix sich das nur eingeredet, weil er es glauben wollte? Auch das wird leider nicht wirklich aufgelöst.

Abgesehen von den o.g. Kritikpunkten, hat mir das Buch gut gefallen. Ich fand es faszinierend, wie sich die verschiedenen Menschen in der Nazizeit verhalten und wie viele dabei geholfen haben, Felix zu verstecken oder ihm wieder neue Identitäten zu beschaffen. Der Zusammenhalt und die Freundschaft zwischen Felix, Ulrich und Sophie waren sehr beeindruckend.
Auch Erikas fast schon manische Suche nach der Wahrheit, das Verdrängen wollen oder Zurechtbiegen, ihre Ängste vor den eigenen Erinnerungen und ihre Gewissenskonflikte waren authentisch.

Mein Fazit: Ein weiteres wichtiges Buch #gegendasvergessen