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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.06.2019

Geschichten über Menschen auf der Suche nach einem Halt im Leben - und ein Krimi obendrauf

All die unbewohnten Zimmer
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Das Buch beginnt, wie viele Kapitel in diesem Buch beginnen: mit einem Personalpronomen, von dem man nicht weiss, wen es bezeichnet. Erst mit den fortlaufenden Sätzen wird deutlich, um wen es sich im Einzelnen ...

Das Buch beginnt, wie viele Kapitel in diesem Buch beginnen: mit einem Personalpronomen, von dem man nicht weiss, wen es bezeichnet. Erst mit den fortlaufenden Sätzen wird deutlich, um wen es sich im Einzelnen handelt. Und vielleicht ist dies auch eine der Quintessenzen des Buches: Nichts ist so wie es scheint. Und nur eine Kleinigkeit - und schon könnte Alles anders sein. Oder hätte anders sein können.
Der Prolog beginnt mit einer Szene aus dem letzten Viertel, der mit dem direkt daran anschliessenden 1. Teil nichts zu tun hat, in dem ein vermeintlicher Amokschütze eine Frau erschiesst und einen Polizisten verletzt. Erzählt wird dies von Fariza Nasri, die vor acht Jahren von einem Kollegen denunziert und daraufhin in die Provinz abgeschoben wurde; doch der Leiter des K111 holte sie vor kurzem wieder zurück.
Fast zeitgleich zum Amoklauf wird im 2. Teil in der Nähe einer rechten Demonstration ein erschlagener Polizist aufgefunden, ohne jeden Hinweis auf mögliche Täter. Um diese Tat und die Aufklärung herum ranken sich die Geschichten unterschiedlichster Personen, die in irgendeiner Weise mit dem Fall zu tun haben, was meist nicht sofort offensichtlich ist. Es sind Menschen, die schwere Schicksalsschläge erfuhren, manchmal schleichend, die meisten plötzlich. Praktisch Alle haben sich nie davon erholt, doch verbergen sie ihre Verletzungen unter Vorspiegelung einer scheinbaren Normalität, zumindest ein Teil von ihnen.
Auch die verschiedenen ErmittlerInnen sind hiervon nicht ausgenommen, insbesondere Tabor Süden, den gelegentliche neue Suchaufträge seiner früheren Chefin ihn aus seiner Verdüsterung herausreissen.
Friedrich Ani ist ein feinsinniger und geistvoller Erzähler, der seine Figuren in all ihrer Vielschichtigkeit darstellt, sodass sie auf mich beinahe wie real existierende Menschen wirkten.
Es ist keine 'normale' spannende Mordermittlung, die die Lesenden hier erwartet; sie ist vielmehr das Band, das all die beschriebenen Personen miteinander verbindet, deren Geschichten wir hier erfahren. Völlig zu Recht bezeichnet der Verlag dieses Buch als einen Roman und nicht als Krimi.
Eine beeindruckende Lektüre!

Veröffentlicht am 18.06.2019

Das Leben schwarzer Jungs in einer Erziehungsanstalt - Erschütternd!

Die Nickel Boys
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Anfang der 60er Jahre wird der 16jährige Elwood unverschuldet in die Besserungsanstalt Nickel Academy, Florida, gesperrt. Elwood ist ein intelligenter, strebsamer schwarzer junger Mann, dem sich gerade ...

Anfang der 60er Jahre wird der 16jährige Elwood unverschuldet in die Besserungsanstalt Nickel Academy, Florida, gesperrt. Elwood ist ein intelligenter, strebsamer schwarzer junger Mann, dem sich gerade die Möglichkeit geboten hat, trotz des alltäglich herrschenden Rassismus das College zu besuchen. Sein grosses Vorbild ist Martin Luther King und wie er glaubt er fest daran, dass die Zeit kommen wird, in denen er leben kann wie weisse Menschen. Doch die Nickel Academy stellt seinen Glauben schwer auf die Probe. Dort herrschen Willkür, Gewalt und das Recht des Stärkeren; in diesem Fall der Aufseher. Die Jungen werden misshandelt, zu Frondiensten herangezogen, gefoltert und missbraucht - und es interessiert niemanden.
Die Geschichte ist in drei Teile gegliedert: das Leben vor, während und nach dem Aufenthalt in der Nickel Academy, wobei insbesondere im letzten Drittel deutlich wird, dass sich die Zeit in der Besserungsanstalt noch immer bis in die Gegenwart auswirkt. Ebenso deutlich ist bereits von Beginn an, dass das Leben eines schwarzen Jugendlichen nicht nur von seinem eigenen Wohlverhalten abhängt, denn irgendwo existiert immer eine latente Gefahr. Dass beispielsweise einem Weissen die Nase nicht passt, man eine weisse Frau zu intensiv angesehen hat - schon hat man die Polizei im Nacken, die offensichtlich nichts lieber macht, als Schwarze in den Knast zu stecken. Ich hielt immer wieder den Atem an, weil ich dachte, 'Oh je, jetzt rutscht er in etwas rein.' Doch Alles ging gut, bis ... - und das kam wirklich überraschend.
Elwoods Zeit im Nickel ist gleich zu Anfang geprägt von enormer Grausamkeit und Brutalität. Und doch behält er seinen Traum von einem Leben in Freiheit und Gleichheit, auch wenn er immer wieder mit sich ins Hadern kommt. Fast schon beiläufig erfährt man auch die Geschichten von anderen Jungen, deren Leben schon von Beginn geprägt ist durch Armut und Gewalt und immer wieder deutlich macht, was diese Rassentrennung den Menschen antut.
Zuguterletzt, der dritte Teil, scheint sich zumindest oberflächlich betrachtet alles zum Guten gewendet zu haben. Doch die Vergangenheit hat solche Spuren hinterlassen, dass sie sich immer wieder in Erinnerung bringt und auch in der Gegenwart ihren Tribut fordert.
Ein beeindruckendes wie auch bedrückendes Buch über eine Zeit, die Viele wohl vergessen machen wollen. Denn ohne Schuld waren die Wenigsten - und wer will das schon wissen.

Veröffentlicht am 12.06.2019

Grandios! Doch von einer Düsternis, die kaum zu ertragen ist

1793
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Stockholm im Jahre 1793. In einer Stadtkloake wird der Torso eines jungen Mannes gefunden, dem bei lebendigem Leib Arme und Beine, Zunge und Augen entfernt wurden. Der geniale, schwer tuberkulosekranke ...

Stockholm im Jahre 1793. In einer Stadtkloake wird der Torso eines jungen Mannes gefunden, dem bei lebendigem Leib Arme und Beine, Zunge und Augen entfernt wurden. Der geniale, schwer tuberkulosekranke Ermittler Cecil Winge und Jean Michael Cardell, ein einarmiger Veteran, machen sich auf die schier aussichtslose Suche nach dem Monster, das einem anderen Menschen so etwas antun konnte.
Niklas Natt och Dag, der Autor, zeigt uns Lesenden in seinem Erstling die schwedische Hauptstadt, wie wir sie uns in unseren schlimmsten Träumen wohl nicht hätten vorstellen können. Der Grossteil der Bevölkerung lebt in bitterster Armut; Sauberkeit, Hygiene und medizinische Unterstützung gibt es nur für den Adel und die vermögenden Bürger. Der Rest kämpft täglich ums Überleben und wenn es sein muss, auch auf Kosten aller Andern. Es ist eine Gesellschaft voller Erbarmungslosigkeit, Gewalt und Bestialität, ein Menschenleben zählt praktisch nichts. Dennoch machen sich die zwei Protagonisten auf die Suche nach einem Mörder, der ihnen nichts ausser einem Torso hinterlassen hat.
Die Geschichte besteht aus vier Teilen, beginnend mit dem Fund der Überreste. Als der Punkt erreicht ist, an dem die Suche nach dem Mörder beendet sein könnte, setzt der zweite Teil zu einem früheren Zeitpunkt im selben Jahr ein. Man glaubt zu wissen, was kommen wird - und wird doch überrascht. Und wieder scheint ein Kapitel in einer Sackgasse zu enden, worauf der dritte Teil noch etwas früher, aber ebenfalls im selben Jahr beginnt. Hier braucht es etwas Zeit, bis sich die Handlungsstränge anfangen sich zu verbinden, doch das Erzählte ist eine eigene Geschichte wert. Wie durch Verleumdung Leben zerstört werden und Menschen zu Bestien werden, wenn sie glauben, unantastbar zu sein. Es ist kaum vorstellbar, welchen Leiden und Qualen Gefangene im damaligen Schweden (wie sicherlich auch im Rest Europas) ausgesetzt waren. Im schlussendlich letzten Kapitel wird der Fall zu Ende gebracht, wobei auch hier wieder einige Überraschungen zu erwarten sind. Weniger was den Täter anbelangt, als vielmehr der Umgang mit dem gesamten Fall.
Gut gefallen haben mir neben den intensiven Darstellungen auch, wie geschickt der Autor Zusammenhänge erstellt. Im ersten Kapitel sind die beiden Protagonisten in einem entsetzlichen Stockholm unterwegs: verdreckt, verroht, einfach widerlich. Doch die beiden Männer passen gut dort hinein: der eine blass wie ein Gespenst, hohlwangig, ständig Blut hustend. Der Andere verschmutzte Kleidung, Blessuren und Narben im Gesicht, roh und brutal aussehend wie die Stadt. Ganz anders der zweite Teil: ein gut aussehender Jüngling schreibt voller Liebe über Stockholm, die Schönheit der Stadt, der Häuser. Man könnte glauben, es handle sich um zwei verschiedene Städte.
Es ist ein überaus beeindruckendes Buch über eine Zeit, in der fast jeder Mensch des Menschen Wolf war. Und über die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, sich auf die Suche nach einem Warum zu begeben.

Veröffentlicht am 11.05.2019

Liebenswerte humorvolle Kindheitsgeschichte, die eigentlich zum Weinen wäre

Der Zopf meiner Großmutter
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Mit knapp sechs Jahren kommen der kleine Max und seine Grosseltern als Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion in Deutschland an, wo sie in einem Auffanglager untergebracht werden. Von seiner Grossmutter ...

Mit knapp sechs Jahren kommen der kleine Max und seine Grosseltern als Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion in Deutschland an, wo sie in einem Auffanglager untergebracht werden. Von seiner Grossmutter ständig als Idiot tituliert, umsorgt und umhegt sie ihn dennoch (oder gerade deshalb) wie ein blindes Katzenjunges. Laut ihrer Meinung leidet er an chronischer Bronchitis, chronischer Sinusitis, chronischer Gastritis, mittelgradige Myopie, Allergien und noch vielem mehr. Und ausschliesslich ihrer aufopferungsvollen Pflege ist es zu verdanken, dass er heute noch lebt. Nur schweren Herzens lässt sie ihn in der Schule allein; sicher, dass er dort stets knapp am Rande des Todes steht. Aber wider Erwarten überlebt er diese Herausforderungen und registriert statt dessen immer öfter, dass seine Grossmutter doch nicht stets recht hat. Und dass sein Grossvater beginnt, noch ein anderes Leben zu führen.
Mäxchens Grossmutter ist die eigentliche 'Heldin' der Geschichte, auch wenn ihr Enkel hier als Ich-Erzähler fungiert und von seiner Kindheit berichtet. Seine Oma ist das Grauen in Person, drangsaliert ihr gesamtes Umfeld mit ihrem Rassismus, ihrer Rechthaberei, Unverschämtheit und Tyrannei, ihrem Reinlichkeitsfimmel und der ständigen Angst, ihrem Enkel könne etwas zustossen. weshalb sie ihn kaum aus den Augen lässt. Und trotzdem war ich ständig am Lächeln beim Lesen dieses Buches, denn Alina Bronsky gelingt das Wunder, diese eigentlich schreckliche Frau sowie die entsetzliche Atmosphäre trotz aller Widerwärtigkeiten in einen Hort des Mitgefühls und der Liebe zu verwandeln. Denn man mag es kaum glauben, auch die Grosseltern haben Gefühle. Während der Grossvater sie jedoch in sich verschliesst und nur sehr selten nach aussen dringen lässt, verwandelt die Grossmutter sie in lautstarkes Misstrauen und Beleidigungen. Man ahnt schnell, dass da mehr dahintersteckt als der Frust und die Trauer um die verlorene Heimat, doch erst am Ende offenbart sich in gerade einmal drei kurzen Sätzen das Drama, dass der Grund für die Reise nach Deutschland war.
Eine herrliche Lektüre, die nur einen Nachteil hat: Sie ist viel zu kurz

Veröffentlicht am 26.04.2019

Émiles erste große Liebe - eine wunderbare Geschichte

Der Sommer mit Pauline
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Émile, 15 Jahre, ist bis über beide Ohren verliebt. Er kann sein Glück kaum fassen, als seine Angebetete ihn einlädt, sie in Venedig zu besuchen, wo sie in einem Jugendorchester einen Auftritt hat. Doch ...

Émile, 15 Jahre, ist bis über beide Ohren verliebt. Er kann sein Glück kaum fassen, als seine Angebetete ihn einlädt, sie in Venedig zu besuchen, wo sie in einem Jugendorchester einen Auftritt hat. Doch zu seinem Entsetzen entschließt sich der Rest seiner Familie, die Gelegenheit zu nutzen und auf diese Weise gemeinsam einen Kurzurlaub in Venedig zu verbringen.
'Der Frühling mit Pauline' hätte als Titel deutlich besser gepasst als 'Der Sommer ...', denn die Geschichte spielt vom 12. März bis zum 30. April. Es sind Tagebucheinträge von Émile, der auf diese Weise versucht in Worte zu fassen, was ihn zur Zeit so beschäftigt und verwirrt: seine Gefühle für Pauline. Da er Klassenbester und ein Matheass ist (obwohl ihm nach eigener Auskunft Worte mehr liegen), sind seine Berichte entsprechend gut gelungen. Die Beschreibungen seiner Verzweiflung, wenn seine chaotische Familie sich mal wieder viel zu sehr in sein Leben einmischt, sind so herrlich amüsant übertrieben, dass das Mitgefühl für den jungen Mann schnell zugunsten der Heiterkeit verschwindet. "Mir war so schwer ums Herz, dass ich vor dem Einschlafen wieder zu heulen anfing. Ich wollte an diese Leidstelle beim Katastrophenschutz schreiben, damit sie sich um mein Elend kümmert, aber das ist bestimmt auch so eine Sache, die ich noch nicht darf. ... Das Bett nässe ich nicht mehr ein, aus dem Alter bin ich raus, nur noch das Kopfkissen. Keine Ahnung, ob das besser ist, immerhin trocknen Tränen schneller und stinken nicht, und man muss nicht groß Wäsche machen am nächsten Morgen."
Doch nicht nur seine Verzweiflungsausbrüche sind lesenswert, sondern auch seine fast schon philosophischen Überlegungen. Wie wohl beinahe alle Jugendlichen in diesem Alter stellt er sich Fragen und macht sich Gedanken zum Sinn und Unsinn des Lebens, die so wunderbar geschrieben sind, dass man sie aufschreiben und an die Wand hängen könnte: "Es müsste wirklich einen Minister fürs Innere geben, für innerliche Leere, Gefühle und Hemmungen überhaupt, der hätte alle Hände voll zu tun. Aber der normale Innenminister kümmert sich nur ums Außen. Am liebsten bringt er Leute aus seinem Land heraus, jeden in seine Heimat, auch wenn es die nicht mehr gibt. Aber dem Gesundheitsminister geht es ja auch eher um die Kranken. Diese Titel sollen den Feind verwirren, sagt mein Vater, und der Feind sind anscheinend wir."
Ein durchweg schönes und humorvolles Buch für Jugendliche und Erwachsene über die Zeit der ersten Liebe, die trotz aller Freuden auch ziemlich anstrengend sein kann.