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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.11.2019

Manche Geschichten sind nicht des Erzählens wert

Nicht wie ihr
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Und meiner Meinung nach gehört diese dazu. Ein Jahr den (fiktiven) erfolgreichen und berühmten Fussballer Ivo zu begleiten und seine Gedanken zu teilen - dass hätte ich mir deutlich interessanter vorgestellt. ...

Und meiner Meinung nach gehört diese dazu. Ein Jahr den (fiktiven) erfolgreichen und berühmten Fussballer Ivo zu begleiten und seine Gedanken zu teilen - dass hätte ich mir deutlich interessanter vorgestellt. Doch was hier über rund 300 Seiten ausgebreitet wird, hat einen Informations- und Unterhaltungswert, für den auch 100 Seiten ausgereicht hätten.
Ivo ist ein Egomane in Reinform und dazu von schlichtem Gemüt. Worte sind nicht so seins und am liebsten würde er allen aufs Maul oder sonstwohin schlagen, denn verdient hätten sie es allemal. Er ist ein richtiger Proll, der jedoch glaubt, der Einzige mit Ahnung zu sein von was auch immer und betrachtet praktisch alle als ihm völlig unterlegen. Doch wehe, man erkennt dies nicht an, dann ist Ivo kurz vorm Ausrasten und mit seiner mühsam antrainierten Gelassenheit ist es schnell vorbei. Denn tief in seinem Innern steckt er noch immer voller Minderwertigkeitskomplexe, die auf keinen Fall ans Tageslicht kommen dürfen.
Es ist wirklich grandios, wie überzeugend der Autor Tonio Schachinger diesen Tonfall darstellt und die kompletten 300 Seiten durchhält. Für mich wurde Ivo immer mehr zu einer realen, wenn auch unsympathischen Person. Doch es hat mir trotzdem nicht geholfen, denn auch der beste Stil macht eine lahme Geschichte nicht zu einer fesselnden Lektüre. Und lahm ist diese Geschichte. Es passiert nahezu nichts, ausser dass Ivo Fussball spielt, mit seiner Frau schläft und sie betrügt und mit ihr bei Familienfesten und Sponsorenveranstaltungen erscheint. Seine Gedanken kreisen überwiegend um sich selbst und seine Großartigkeit und die Unzulänglichkeiten der Anderen - womit praktisch der Rest der Welt gemeint ist. Ab und zu geraten ihm gerade durch die Schlichtheit seines Wesens witzige Gedanken: "Also liest Ivo seiner Tochter die Geschichte von Narziss vor, einem schwulen Typen, der auf sich selber steht und eigentlich niemandem etwas Böses tut, außer irgendeine Frau nicht zu erhören, die auf ihn steht. Und weil die nicht mit der Ablehnung klarkommt, verflucht sie ihn. Was soll DAS seiner Tochter sagen? Dass man sich nicht zu oft in den Spiegel schauen soll, OK, aber das war ja nicht der Fehler. Der Fehler von Narziss war einfach, Pech zu haben und an eine böse Frau zu geraten, die, wenn man ehrlich ist, ihn sowieso verflucht hätte, wenn nicht deswegen, weil er sie nicht angeschaut hat, dann später, wenn sie draufgekommen wäre, dass er schwul ist, oder sie sich nach ein paar Jahren Ehe langweilt. Also, was hätte er machen sollen?" Aber für die fast 300 Seiten sind es einfach zu wenige solcher Lichtblicke.
Nach ca. 150 Seiten habe ich mich dabei erwischt, dass ich immer oberflächlicher gelesen habe, weil ich nur noch fertig werden wollte. Schade drum, denn der Tonfall ist ausserordentlich gut getroffen.

Veröffentlicht am 06.10.2019

Ein sehr gefühliges Jugendbuch verpackt als Erwachsenenliteratur

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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1987 verliert die 14jährige June ihren geliebten Onkel Finn an die Krankheit Aids. Sie ist voller Trauer, mit der sie allein klarkommen muss. Denn mit ihrer 16jährigen Schwester verbindet sie eine Hassliebe ...

1987 verliert die 14jährige June ihren geliebten Onkel Finn an die Krankheit Aids. Sie ist voller Trauer, mit der sie allein klarkommen muss. Denn mit ihrer 16jährigen Schwester verbindet sie eine Hassliebe und ihre Eltern gehen eher rational mit Finns Tod um. Doch da gibt es noch den geheimnisvollen Toby, Finns Freund, dem ihre Mutter die Schuld an dem Tod ihres Bruders gibt. Sie verbietet June den Kontakt zu Toby, doch deren gemeinsame Trauer um den unermesslich geliebten Menschen verbindet sie.
Ganz schön ambitioniert, was die Autorin alles in diese Geschichte packt. Verlust der ersten großen Liebe, Erwachsenwerden, Geschwisterliebe, Eifersucht - ein bisschen viel selbst für die über 430 Seiten. Denn leider gelingt es ihr nicht, sich zumindest auf einen dieser Punkte richtig zu konzentrieren. Stattdessen wird von einem zum nächsten Thema gewechselt, ohne dass eines davon ernsthafter vermittelt wird. Die fünfzehnjährige June, die von ihrem zurückliegenden Jahr erzählt, verliert sich in teilweise endlosen Gefühlsbeschreibungen und wiederkehrenden Phantasiewelten, die spätestens ab der Mitte des Buches langweilig zu werden beginnen.
Die letzten knapp 80 Seiten gipfeln schlussendlich in einem dramatischen Finale, das sich in einem amerikanischem Spielfilm sicherlich gut machen würde, in dieser Geschichte jedoch übertrieben wirkt.
Schade drum, denn der eigentliche Ansatz ist nicht schlecht. Mehr Konzentration auf ein Thema (oder auch zwei) hätten dem Buch gut getan. Und es wäre vermutlich eine bessere Geschichte (nicht nur für Jugendliche) geworden.

Veröffentlicht am 15.09.2019

Begeisternde Sprache, vorhersehbare Handlung

Miroloi
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Die zunächst noch namenlose Ich-Erzählerin lebt auf einer Insel in einem Dorf, in dem patriarchalische, archaische Gesetze gelten, gottgegebene Gesetze. Als Findelkind ist sie eine Außenseiterin, dem Misstrauen, ...

Die zunächst noch namenlose Ich-Erzählerin lebt auf einer Insel in einem Dorf, in dem patriarchalische, archaische Gesetze gelten, gottgegebene Gesetze. Als Findelkind ist sie eine Außenseiterin, dem Misstrauen, der Wut und sogar dem Hass der Dorfbevölkerung ausgesetzt. Nur ihr Ziehvater, der als Bethaus-Vater eine Autorität im Dorf ist, hält seine schützende Hand über die Sechzehnjährige wie auch Mariah, eine ältere Frau. Doch die Aggressionen gegen sie nehmen immer weiter zu, aber statt sich wie die anderen Frauen im Dorf zu fügen, beginnt sie eigene Gedanken zu entwickeln, die sich gegen die herrschende Meinung richten.
Eines steht ohne Zweifel fest: Karen Köhler, die Autorin, hat für diese junge Frau in einer frühzeitlichen Dorfgemeinschaft eine grandiose Sprache gefunden. Zu Beginn sind ihre Sätze schlicht und mit einfachen Worten, aber parallel zu ihrer fortschreitenden Entwicklung wird auch ihre Sprache zunehmend komplexer. Da es eine sehr ursprüngliche Gesellschaft ist in der sie lebt, ist Vieles um sie herum kein Objekt das betrachtet wird, sondern besitzt in all seinen Ausprägungen eine Persönlichkeit, was sich in ihren Wortschöpfungen und ihrem Stil ausdrückt: "Je mehr ich die Neugier füttere, desto weniger ist sie satt." Oder "Trauer ist ein Biest, das dich jederzeit anfallen kann. Mal würgt es dich und raubt dir den Atem, mal reißt es dir die Gedärme raus, mal tropft es still durch deine Augen, mal liegt es bergschwer auf dir, saugt dir jedes Gefühl aus dem Leib und drückt dich zu Boden, dass du denkst, du kommst nie wieder vom Fleck."
Leider erreicht das Niveau der Handlung bei weitem nicht das der Sprache. Zwar stellt die Autorin sehr gut verständlich klar, wie diktatorische Systeme funktionieren und dass das Einzige, was dagegen hilft, Bildung und Zusammenhalt ist. Doch die Geschichte ist vorhersehbar und schlicht unoriginell. Überraschungen gibt es praktisch keine, der Verlauf entspricht im Großen und Ganzen dem, was man nach ca. einem Fünftel des Buches bereits zu ahnen beginnt. So wird das Lesen zäh, denn auch die schönste Sprache hilft nicht über eine eher reizlose Handlung hinweg. Schade drum.
Zuguterletzt: Eigentlich eine schöne Idee des Hanser Verlages, den Seitenschnitt mit einer Art Klappe zu versehen, auf die der Titel nochmals gedruckt ist. Optisch macht das was her, doch während des Lesens empfand ich es als ziemlich störend; irgendwie war mir diese Papierklappe ständig im Weg.

Veröffentlicht am 10.07.2019

Ganz ok - aber mehr auch nicht

Silent Victim
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Emma hat eine furchtbare Kindheit und Jugend hinter sich. Ihre unglückliche Mutter misshandelte sie und verschwand von einem Tag auf den anderen. Ihre etwas ältere Halbschwester verließ ebenfalls kurz ...

Emma hat eine furchtbare Kindheit und Jugend hinter sich. Ihre unglückliche Mutter misshandelte sie und verschwand von einem Tag auf den anderen. Ihre etwas ältere Halbschwester verließ ebenfalls kurz darauf das Haus, sodass Emma bei ihrem Vater aufwuchs, der häufig abwesend war. Doch nun ist sie glücklich, hat einen liebevollen Ehemann und einen süßen kleinen Sohn. Doch niemand weiß, dass sie ein entsetzliches Geheimnis bewahrt: Sie hat einen Menschen getötet. Als Emma die Leiche nach vier Jahren endgültig beseitigen will, muss sie entsetzt feststellen, dass diese verschwunden ist. Jemand scheint ihr Geheimnis zu kennen.
Das Buch beginnt vielversprechend mit einem Prolog, in dem Emma im Jahre 2013 versucht, einen Toten zu begraben. Die Stimmung ist angsterfüllt und auch als die Geschichte vier Jahre später wieder einsetzt, bleibt eine unterschwellige Spannung. Doch leider dauert diese nur während des ersten Drittels an. Als mehr oder weniger klar wird, was mit dem Toten geschah, war für mich die Luft raus. Zwar wollte ich schon noch wissen, was sich tatsächlich weshalb und warum ereignet hat, aber dieses unterschwellige Unheimliche war dahin.
Erzählt wird abwechselnd aus den Perspektiven Emmas und ihres Mannes sowie aus dem Jahre 2002, sodass man nach und nach erfährt, was sich tatsächlich damals Alles abspielte. Es ist nicht allzu schwierig dem Ganzen zu folgen, obwohl die Autorin es offensichtlich darauf anlegt, ein gehörig Maß an Verwirrung zu stiften. Bedauerlicherweise hat Verwirrung nun nichts mit Spannung zu tun, sodass ich zwar wissen wollte, wie Alles zusammenhängt, allerdings ohne allzu sehr von der Geschichte gefesselt zu sein.
So bleibt es bei einem mittelmäßigem Krimi, den man lesen kann, aber sicherlich nicht muss.

Veröffentlicht am 11.05.2019

Klasse Beginn und schwaches Ende - schade drum

Mengele Zoo
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30 Jahre ist es bereits her, dass dieses Buch das erste Mal in Norwegen veröffentlicht wurde. Aber das Thema ist so aktuell, als ob es gerade erst geschrieben worden wäre.
Erzählt wird die Geschichte des ...

30 Jahre ist es bereits her, dass dieses Buch das erste Mal in Norwegen veröffentlicht wurde. Aber das Thema ist so aktuell, als ob es gerade erst geschrieben worden wäre.
Erzählt wird die Geschichte des kleinen Mino, der in einem kleinen Dorf im Regenwald aufwächst, irgendwo auf dem südamerikanischen Kontinent. Doch die Zeiten beginnen sich zu ändern: Rodungen des Regenwaldes rücken immer näher an das Dorf heran; bewirtschaftete Grundstücke werden kurzerhand enteignet und an Ölgesellschaften verkauft. Wer sich nicht fügt, wird unter Druck gesetzt und schlimmstenfalls getötet. Auch Minos Dorf trifft es, alle werden massakriert, er ist der einzige Überlebende. Der Zauberer Isidoro nimmt sich seiner an und gemeinsam ziehen sie zwei Jahre von Stadt zu Stadt, währenddessen Mino die Zauberkunst erlernt. Doch ihr Zusammensein findet ein jähes Ende, als Isidoro von betrunkenen Amerikanern ermordet wird. Mino, der 14jährige Junge, flieht, nicht ohne Rache zu nehmen und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch er kommt nicht zur Ruhe und als er Freunde findet, die sein Denken teilen, verwirklichen sie einen Plan, der unvorstellbar ist: Sie wollen den Regenwald, wenn nicht die ganze Welt retten.
Die ersten zwei Drittel sind wirklich spannend und es ist unfassbar und verschlägt einem die Sprache, wenn man erfährt, welche Leiden und Qualen Mino wie auch große Teile der Bevölkerung ertragen müssen: Armut, willkürliche Bestrafungen, grundlose Gewalt die nicht geahndet wird, Folter - es grenzt an einen Horrortrip. Keine Frage, die Entscheidung Minos und seiner Freunde, ebenfalls mit Gewalt zu reagieren, ist verständlich und nachvollziehbar. Selbst für die Lesenden vermute ich, löst dieses Handeln, das teilweise Hunderte Tote verursacht, nur bedingt Ablehnung oder Abscheu aus. Ein interessantes Szenario, das eine richtig tolle Geschichte mit großem Nachklang hätte werden können.
Ist es aber bedauerlicherweise nicht, denn im letzten Drittel bedient sich dieser Roman nur noch der plattesten Klischees und Verallgemeinerungen. Immer wieder aufs Neue wird deutlich gemacht, wie mies die USA, Kanada, Europa und Teile Asiens sind und dass die Besten der Menschen die Ureinwohner sind, die die Natur noch zu schätzen wissen. Beispielsweise als Mino in den USA ist: „Hunderte von Städten, eine trostloser und langweiliger als die andere. In Chicago boten sich ihm die Überreste einer unsichtbaren Reihe verarmter Latinos dar. Er roch den Gestank mumifizierter Gangster, sah diese Gespenster überall herumlaufen, -stehen, -liegen, -sitzen.“ Oder Europa: „Er hatte die Geschichte dieses Kontinents studiert. Sie war schmerzhaft und grausam. Von der Antike und den alten Griechen bis in die heutige Zeit hinein zog sich eine breite Blutspur, für jeden sichtbar, der Augen hatte. Dazu war es gekommen, weil die Menschen versucht hatten zu sein, was sie nicht waren. Europa war für immer zerstört. Von hier aus hatte sich die Pest auf andere Kontinente verbreitet.“ Um es klarzustellen: Ich bestreite nicht im Geringsten, dass wir zu großen Teilen auf Kosten der Bevölkerungen der südlichen Welthalbkugel und deren Lebensräume leben. Aber derart Alles über einen Kamm zu scheren und schlicht Alles zu verteufeln, was aus der sogenannten 1. Welt kommt, ist schlicht geistlos.
Schade, das hätte ein richtig klasse Buch werden können mit vielen Anregungen zum Weiterdenken.