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Veröffentlicht am 10.07.2019

Wie ein Goldfisch ohne Glas

Battle
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Amelie ist 17, als ihre Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Nach der Insolvenz des Vaters muss sie mit ihm aus dem noblen Haus mit Pool im vornehmen Osloer Stadtteil Holmenkollen an den „Arsch der Welt“ ...

Amelie ist 17, als ihre Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Nach der Insolvenz des Vaters muss sie mit ihm aus dem noblen Haus mit Pool im vornehmen Osloer Stadtteil Holmenkollen an den „Arsch der Welt“ in den heruntergekommenen Vorort Stovner ziehen. Ihren Freunden aus der Tanzklasse der angesagten Schule Valkyrie kann sie das nicht erzählen, selbst ihrem Freund Axel nicht, mit dem sich das Küssen so falsch für sie anfühlt. Nur ihre Freundin Ida wurde zufällig Zeugin, als Gerichtsvollzieherin und Polizei vor der Tür standen. Wenn es nach ihr ginge, würde Amelie allen die Wahrheit sagen: „Du brauchst nicht perfekt zu sein, damit die Leute dich mögen.“ Aber genau das will Amelie immer sein: beim Tanzen genauso wie vor ihrer Clique. So verstrickt sie sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, voller Sorge über Idas Verschwiegenheit.

Die Geschichte, aus der Sicht von Amelie erzählt, ist ein Jugendroman für Mädchen ab etwa 13 Jahren über Selbstfindung, erste Liebe, Dazugehören und Außenseitertum, Wahrheit und Lüge und vor allem über die Leidenschaft für das Tanzen. Denn Amelie möchte Tänzerin werden wie einst ihre Mutter. Sie träumt von der Balletthochschule und von einer Tanzkarriere, dafür trainiert sie unerbittlich und steckt die harte Kritik ihrer strengen Tanzlehrerin ein, die abseits der perfekten Technik die persönliche Note vermisst. Dass Amelie ausgerechnet in Stovner auf den jungen Hip-Hopper Mikael Tehrani stößt, der genau wie sie mit Leib und Seele Tänzer werden möchte, macht das abendliche Heimkehren in die schmuddelige Zweizimmerwohnung erträglicher. Doch Mikael, den dunkelhäutigen Sohn iranischer Einwanderer, kann sie unmöglich ihrer Clique aus der Valkyrie vorstellen – oder etwa doch? Mit ihm kann sie jedenfalls über ihre abwesende Mutter sprechen und vorübergehend den Schmerz über ihren Vater vergessen, der sich nach dem Bankrott völlig gehen lässt.

Die Norwegerin Maja Lunde, die in Deutschland 2017 mit ihrem Bestseller "Die Geschichte der Bienen" schlagartig bekannt wurde, hat mich mit ihrem im Original 2014 erschienenen Jugendbuch "Battle" noch mehr überzeugt, trotz einiger genretypischer Klischees und Schwarzweißmalerei. Besonders gut gelungen ist die Darstellung der inneren Konflikte der Ich-Erzählerin: „Ich war ein Goldfisch, und irgendjemand hatte mein Glas zerbrochen.“ Obwohl ich mich selbst weder aktiv noch passiv für Tanz interessiere, konnte ich mich nicht der Dramatik des "Battle", eines Tanzwettbewerbs in Stovner, entziehen, bei dem zuletzt fast alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.

Die wunderschön gestaltete Ausgabe aus dem Verlag Urachhaus wurde zurecht von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur im September 2018 als „Buch des Monats“ prämiert.

Veröffentlicht am 20.06.2019

Zwischen zwei Welten

All dies ist nie geschehen
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Was passt besser zum heutigen Weltflüchtlingstag, als ein Roman über den Dschungel von Calais? Laut UNHCR sind aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen, Tendenz steigend.

Zwei ...

Was passt besser zum heutigen Weltflüchtlingstag, als ein Roman über den Dschungel von Calais? Laut UNHCR sind aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen, Tendenz steigend.

Zwei dieser Flüchtlinge sind der Syrer Adam Sarkis und der etwa zehnjährige stumme Sudanese, den Adam Kilani nennt. Beide treffen im Juli 2016 im Lager von Calais zusammen, im sogenannten „Dschungel“. Zwar wurde dieses vermutlich größte Elendsviertel Europas, an der Küste auf einer ehemaligen Mülldeponie mit mehreren tausend Quadratkilometern gelegen, im Oktober 2016 aufgelöst, doch ist keines der Probleme dadurch verschwunden und der Roman bleibt leider weiterhin topaktuell.

Adam war 16 Jahre als Polizist in Syrien tätig, gehörte aber zuletzt der Rebellengruppe Freie Syrische Armee an und hat die Militärpolizei infiltriert. In letzter Sekunde kann er Syrien verlassen. Ziel ist das Lager von Calais, in das er kurz zuvor Frau und Tochter vorausgeschickt hat. Als er ankommt, fehlt von den beiden jede Spur. Während seiner verzweifelten Suche lernt er Kilani kennen und rettet ihn aus den Fängen der Afghanen im Lager, was der traumatisierte, verstümmelte Junge mit hingebungsvoller Anhänglichkeit belohnt.

Ein zweiter Handlungsstrang zeigt die Polizei von Calais. Die BAC, Brigade anti-criminalité, versucht Nacht für Nacht, die Flüchtlinge am illegalen Besteigen der Lastwagen nach Großbritannien zu hindern. Die BSU, Brigade de sûreté urbaine, schaut tagsüber soweit möglich über Vergehen der Flüchtlinge hinweg und hält sich vom Lager fern. Die Zustände sind unbeschreiblich, auch wenn verschiedene Helfergruppen die größte Not zu lindern versuchen. Lieutenant Bastien Miller, der sich aus familiären Gründen nach Calais hat versetzen lassen, ist schockiert vom „Calais-Style“, der angeordneten Arbeitsweise der Polizei. Als die Millers Adam und Kilani kennenlernen, können sie nicht mehr einfach wegschauen: „Wenn so etwas in den Nachrichten kommt, ist es einfach, das wieder zu vergessen, aber wenn das in deinem eigenen Wohnzimmer passiert?“.

Olivier Norek, laut Klappentext Star der französischen Krimiszene und vielfach ausgezeichnet, hat selbst drei Jahre für Pharmaciens sans frontières gearbeitet und war Police Lieutenant. Die Danksagung lässt erahnen, wie intensiv er bei der BAC von Calais und im Dschungel recherchiert und wie viele Gespräche mit Flüchtlingen er geführt hat.

"All dies ist nie geschehen" ist kein Krimi, kann es aber in punkto Spannung mit jedem Thriller aufnehmen. Dass die Geschichte wahr ist, schockiert. Über den Blick in eine unbekannte Welt hinaus, die doch fast vor unserer Haustüre liegt, hat mir sehr gut gefallen, dass Norek nicht urteilt, nur durch die Augen seiner Protagonisten beschreibt. Er zeigt durchaus auch die Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeht, von Anwerbern des IS, von Schleppern, von Traumatisierten und Vergewaltigern: „Du kannst nicht einfach zehntausend Menschen aus den gefährlichsten Ländern der Welt zusammenpferchen und quasi gefangen gehalten, Menschen mit der Hoffnung auf eine illegale Überfahrt, die von der Großzügigkeit der Calaisiens und von den Hilfsorganisationen abhängig sind – und dann glauben, dass schon alles gut gehen wird.“ Am Ende sind alle Verlierer: die britischen Lastwagenfahrer, die Polizisten, die Einwohner von Calais, aber in erster Linie die Flüchtlinge. Hoffnung besteht nur, wenn Einzelne Zivilcourage zeigen.

Veröffentlicht am 19.06.2019

Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika

Sehnsucht Frankreich
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Bei meiner Rezension zum Hörbuch "Sehnsucht Italien" im Juli 2017 habe ich mit der Hoffnung geschlossen, dass Der Hörverlag aus diesen wunderbaren Reisefeatures eine Reihe machen möge. Mit "Sehnsucht ...


Bei meiner Rezension zum Hörbuch "Sehnsucht Italien" im Juli 2017 habe ich mit der Hoffnung geschlossen, dass Der Hörverlag aus diesen wunderbaren Reisefeatures eine Reihe machen möge. Mit "Sehnsucht Frankreich" ist nun tatsächlich eine zweite, ebenso überzeugende Sammlung erschienen, die mir, da ich dieses Mal viele der porträtierten Städte und Regionen kenne, sogar noch mehr Hörspaß bereitet hat.

„Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika“ lautet der Untertitel zu diesen fünf CDs, die in knapp sechseinhalb Stunden Features und Reportagen des Bayerischen Rundfunks 2 aus den Jahren 1980 bis 2018 zum Thema Frankreich bieten. Auf einer bunten Landkarte lassen sich die Stationen, die man auch dem hübsch gestalteten Booklet entnehmen kann, genau verfolgen. So bunt wie die Liste der Autoren und Sprecher ist auch die Art der 28 Beiträge: nur gesprochener Text oder mit Musik und Originaltönen angereichert, ausführlicher oder knapper, eher informativ oder eher emotional, wird es eines auf jeden Fall beim Zuhören garantiert nie: langweilig.

Es fällt mir schwer, einzelne Beiträge mit ihren gut gemachten Überleitungen besonders herauszuheben. Da sind einmal die Features, die Erinnerungen an eigene Reisen bei mir lebendig werden lassen, wie zum Beispiel an die Natur, Küche und Kultur der Bretagne, den Duft und die Musik Korsikas, den Zauber der Kapelle Notre Dame du Haut de Ronchamp, die Schlösser der Loire, das "blaue Wunder" von Chartres oder an einen Spaziergang durch Arles. Besonders gut gefallen hat mir auch der Beitrag über die Heimat der Sch’tis mit der Sprecherin Francine Singer und vielen Bezügen zum Film von Dany Boon. Andere Features haben eher Reisefieber bei mir ausgelöst, beispielsweise die Hausbootfahrt durch die Camargue, die Interviews mit den Schleusenwärtern am Canal du Midi, der Spaziergang mit einem Architekten durch Étretat oder der Besuch auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Ich habe die fünf CDs gleich zweimal gehört. Bis hoffentlich bald ein weiteres Sehnsuchtsziel erscheint, werde ich sie sicher noch öfter zur Hand nehmen.

Veröffentlicht am 22.05.2019

Immer dieser Mattis

Mattis und die Sache mit den Schulklos
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Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief ...

Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief an die Eltern. Anstatt sich die Geschichte aus Mattis‘ Sicht anzuhören, sammelt die Mutter die „Lügenbriefe“ lieber in einem schwarzen Aktenordner und prophezeit ihrem achtjährigen Sohn eine Karriere als Schwerverbrecher. Doch zum Glück ist Mattis schon in der 3c und kann die Wahrheit zu den Briefen, die seine Mutter partout nicht hören will, aufschreiben: „Damit Mama sie lesen kann. Und nicht mehr an den Schwerverbrecher glaubt. Sondern wieder an mich.“

In „Mattis und die Sache mit den Schulklos“ soll er gegen die goldene Schulregel Nummer neun, „Wir gehen mit Personen und Gegenständen unserer Schule stets sorgsam um“, verstoßen haben. Dabei hatte der Schulleiter ausdrücklich alle Klassen dazu aufgefordert, Pläne gegen die stark verschmutzten Schultoiletten zu erarbeiten. Eine solche Herausforderung ist wie für Mattis gemacht und prompt hat er eine seiner pfiffigen Ideen. Mit einem Edding, einer Flasche Badreiniger, einem Glitzischwamm, einer Wäscheklammer für die Nase und einem ausgeklügelten Schlachtplan will Mattis das Problem während der nächsten Deutschstunde auf eigene Faust lösen. Auch wenn nicht alles ganz nach Plan verläuft, rechnet Mattis fest mit einem großen Lob, aber weit gefehlt...

In zwölf Kapiteln auf 61 Seiten wird Erstlesern und Erstleserinnen ab der zweiten Klasse eine sowohl komplexe als auch gut verständliche, sehr humorvolle und altersgerechte Geschichte aus der Perspektive des achtjährigen Mattis erzählt, die sich wohltuend vom Durchschnitt der Erstleserliteratur abhebt. Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, leide ich mit, wenn Mattis‘ gute Absichten wieder einmal in die Hose gehen und amüsiere mich darüber, wie er Aussagen von Erwachsenen wiedergibt und manches gar zu wörtlich nimmt. Die Freude an Silke Schlichtmanns Erzählkunst und ihren sprudelnden Einfällen ist eben auch bei diesem Buch wieder keine Frage des Alters. Maja Bohn hat erneut sehr aussagekräftige Illustrationen beigesteuert, wobei mir Mattis‘ pubertierender Bruder Jonathan mit seiner betont coolen Körperhaltung besonders gut gefallen hat.

Wie schön, dass die Mattis-Bände so zügig erscheinen und für August 2019 bereits der dritte Band innerhalb von nur acht Monaten angekündigt ist. Der Titel "Mattis - Schnipp, schnapp, Haare ab!" klingt nach neuem Ärger.

Veröffentlicht am 14.05.2019

In Hohenlohe ist alles möglich

Die Kuh kennt keinen Feiertag
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Regionalkrimis gibt es inzwischen zuhauf, aber längst nicht immer gelingt die Verbindung zwischen Region und Verbrechen so gut wie in Bernd Gunthers' Hohenlohe-Debüt "Die Kuh kennt keinen Feiertag". Sprachwitz ...

Regionalkrimis gibt es inzwischen zuhauf, aber längst nicht immer gelingt die Verbindung zwischen Region und Verbrechen so gut wie in Bernd Gunthers' Hohenlohe-Debüt "Die Kuh kennt keinen Feiertag". Sprachwitz und Augenzwinkern haben mir beim Lesen viel Spaß gemacht, daneben die spannende, logisch aufgebaute Krimihandlung, die Informationen über kriminelle Machenschaften auf dem Kunstmarkt und die ebenso detail- wie nebensatzreichen Beschreibungen von Personen und Orten. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass eine Bäuerin - pardon: Landwirtin - so intensiv bei polizeilichen Ermittlungen mitmischen kann? „In Hohenlohe ist alles möglich“, lautete die spontane Antwort meiner Freundin, und sie muss es wissen, denn sie hat jahrelang im benachbarten Crailsheim gelebt.

An Milka Mayrs 35. Geburtstag stürzt ihr alter Schulfreund Max Holl beim Überbringen des Geburtstagsgeschenks mit seinem Leichtflugzeug in Bühlerzell bei Schwäbisch Hall ab. Während die Polizei lange von einem Pilotenfehler ausgeht, hat die ebenso durchsetzungsfähige wie sture Milka von Anfang an Zweifel und beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen - als Teilzeitermittlerin, denn Milka ist, mehr aus Verantwortungsbewusstsein als aus Neigung, nach dem Abitur auf dem elterlichen Hof hängengeblieben und die Kühe müssen bekanntlich jeden Tag gemolken werden. Als Milka ihren alten Freund Paul Eichert, Kriminalhauptkommissar in Schwäbisch Hall, von ihrer Mordtheorie überzeugt hat, nehmen die polizeilichen Ermittlungen endlich Fahrt auf. Doch Milka wird Paul nun nicht mehr los: „Entweder wir machen das zusammen, und ich übernehme Dinge, die ich kann, oder ich mache das ohne dich und deine Polizei! Egal, wie gefährlich es sein mag. Besser der Gefahr wissend ins Augen sehen als zu Hause hocken und die Augen verschließen.“ Wohl oder übel lässt Paul sich, nicht ohne gewissen Spielregeln aufzustellen, darauf ein, denn wer könnte Milkas Entschlossenheit und ihrem Charme schon widerstehen? Ihre gemeinsamen Ermittlungen gehen in zwei Richtungen: Privat hatte Max Probleme mit seinem Bruder, dessen angestrebter Verkauf des elterlichen Hofes an Max‘ beharrlicher Weigerung scheiterte, in seinem Beruf als Kunstsachverständiger bekam er es mit mafiösen Strukturen zu tun. Aber welche Rolle spielte er hierbei, war er Artnapping, Kunstfälschung, Versicherungsbetrug und falschen Gutachten auf der Spur oder war er gar Teil dieser betrügerischen Machenschaften?

Man spürt beim Lesen, wie gut sich Bernd Gunthers in der Region und auf dem Kunstmarkt auskennt und wieviel Empathie er seinen Protagonisten und seiner Heimat Hohenlohe entgegenbringt. Ich freue mich deshalb auf weitere Bände, nicht zuletzt, weil ich wissen möchte, wie es mit Milka, Paul, dem Mayrschen Hof und natürlich den Kühen weitergeht.

Ich kann diesen Regionalkrimi, der zu meiner Freude überraschenderweise bis in meine Heimatstadt Ludwigsburg führt, als vergnügliche Lektüre sehr empfehlen. Allerdings sollte man ihn keinesfalls mit leerem Magen lesen, denn er ist nicht nur Reise-, sondern auch Restaurantführer. Mein Favorit war in dieser Hinsicht der Ochsen in Geifertshofen, dessen Alblinsen ich unbedingt bei einem Ausflug ins Hohenlohische probieren möchte!