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Veröffentlicht am 27.10.2016

Das Alter macht keinen Spaß - wenn man nichts tut

Eierlikörtage
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Habe ich schon mal beiläufig erwähnt, wie wenig ich von Klappentexten halte? Egal, ich mache es hier jetzt auch noch mal. Denn liest man diesen sowie diverse Auszüge aus Kritiken, dürfte man sich beim ...

Habe ich schon mal beiläufig erwähnt, wie wenig ich von Klappentexten halte? Egal, ich mache es hier jetzt auch noch mal. Denn liest man diesen sowie diverse Auszüge aus Kritiken, dürfte man sich beim Kauf recht sicher sein, ein richtig lustiges und witziges Buch erworben zu haben. Wenn es aber eines nicht ist, dann witzig. Finde ich zumindest, aber vielleicht liegt es auch an mir...
Ein Jahr lang schreibt Hendrik Groen (übrigens ein Pseudonym), 83 1/4 Jahre alt, fast jeden Tag einen Tagebucheintrag. Vom Alltäglichen und Besonderen, wobei ersteres deutlich überwiegt, zumindest zu Beginn. Das Leben im Altenheim, in dem Hendrik wohnt (leben wage ich nicht zu schreiben), folgt einem klar reglementierten Ablauf, der sich in erster Linie an den Essenszeiten orientiert. Dazwischen ist schlicht - so gut wie Nichts. Zumindest kam mir das als Aussenstehende so vor, doch auch Hendrik zeigt sich gelangweilt und frustiert. Wenn da nicht sein recht unkonventioneller Freund Evert wäre, dem es so ziemlich egal ist, was der Rest der Welt von ihm denkt, würden die einzigen Höhepunkte in Hendriks restlichem Leben wohl die Bingoabende im Heim bleiben bzw. die immer wiederkehrenden zwangsläufigen Todesfälle. Doch eines Abends, als im Altenheim ungewöhnlicherweise ein wirklich schöner Konzertabend stattfindet, beschließen die Freunde mit vier weiteren BewohnerInnen, eine Gruppe zu gründen, in der jede/r abwechselnd alle zwei Wochen eine Aktivität organisiert - und durchaus nicht immer alterstypisch. Dies wird zu einem vollen Erfolg, doch die Heimleitung wie auch andere BewohnerInnen beäugen das Ganze misstrauisch.
Was Hendrik Groen hier beschreibt, ist das nackte Grauen. Es ist kein Leben in einem Luxusaltenheim, sondern in einem vom Staat finanzierten, was wohl die Meisten von uns erwartet, die diesen Weg gehen müssen/dürfen/sollen. Die Menschen werden hier versorgt mit Obdach, Essen und Trinken, doch Alles, was darüber hinausgeht - Fehlanzeige. Ohne Eigeninitiative wartet man einfach ab, dass die freie Zeit, von der es mehr als genug gibt, vergeht : Kartenspielen, zum Fenster hinausschauen, lesen. Was für ein trostloses Bild. Doch Hendrik macht deutlich, dass auch die BewohnerInnen selbst zum Teil dafür verantwortlich sind. Sie haben sich in der Bequemlichkeit dieses Alltages eingerichtet und wehe, etwas wagt sie zu stören. Das Essen mal später wegen einer Unternehmung? Um Himmels willen, bloß nicht! Man wird nicht bis vor die Tür gefahren, sondern muss vielleicht sogar noch laufen? Das darf ja bloß nicht wahr sein. Und bei drohendem Regen nach draußen? Auf gar keinen Fall, man könnte sich ja erkälten. So jammert man über die Eintönigkeit des Daseins, beneidet und missgönnt den Unternehmungslustigen ihre Erlebnisse und fängt sofort an zu stöhnen, wenn die eigene Bequemlichkeit unterbrochen wird.
Doch Hendrik beschreibt nicht nur das Innenleben des Heimes. Er bringt auch das aktuelle Tagesgeschehen ein und die Reaktionen darauf. Und das ist fast noch erschreckender. Denn so wie die körperliche Bequemlichkeit die Oberhand gewonnen hat, ist es auch mit dem geistigen Zustand. Zeitungen werden hauptsächlich gelesen, um etwas über das Königshaus zu erfahren oder den neuesten Klatsch und Tratsch. Wird über Politik doch einmal geredet, dann nur abfällig und ernsthafte Gespräche finden praktisch nie statt. Aber in gewisser Weise ist auch das zu verstehen: Denn sind die Alten einmal Thema in der Politik, geht es nur um Sparen und dass deren Pflege zu viel Geld kostet. Roboter sollen eingeführt werden, alte Gefängnisse etwas aufgehübscht und in Altenheime umgewandelt (entpuppte sich als Scherz, fand aber anfänglich keinen allzu großen Widerspruch) usw. Wie sollte man da nicht über Politik schimpfen? Aber warum kein Widerstand? Es herrscht die pure Resignation.
So deprimierend sich das anhört und es auch tatsächlich ist, Hendrik Groen (bzw. Peter de Smet) gelingt es dennoch, diese Eindrücke meistens so zu schreiben, dass ich doch immer wieder schmunzeln musste. Brüllend komisch, wie beispielsweise 'Die Rheinpfalz' geschrieben hat, ist es jedoch bestimmt nicht. Es zeigt die in vielen Bereichen sehr unschöne Realtiät des Alterns, aber ebenso, dass nur wenig dazu gehört, daraus eine lebenswerte Phase seines Daseins zu gestalten. Freundschaften, ein bisschen Aktivität, Neugier. Nur Mut!

Veröffentlicht am 28.02.2026

Eine Maus namens Merlin – leise Schritte zurück ins Leben

Eine Maus namens Merlin
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Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. ...

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. Als müsste man sogar für den Tod Schlange stehen.“
Nach mehreren Schicksalsschlägen ist sie vor drei Jahren in ihren Heimatort zurückgezogen, nachdem sie 60 Jahre in Australien gelebt hat. Hier soll ihr Leben enden – dort, wo es begonnen hat. Doch eines Tages entdeckt Helen eine Maus, die ihre Hilfe braucht. Und mit diesem unscheinbaren Wesen beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr festgefahrenes Leben gründlich durcheinanderwirbeln.
Zumindest das erste Drittel ist eine sehr, sehr ruhige Geschichte. Helens Tagesablauf wird beinahe minutiös beschrieben, denn praktisch jeder Tag gleicht dem anderen. Nur ihre Erinnerungen und Selbstgespräche durchbrechen die Monotonie – und eröffnen nach und nach den Blick auf ihr Leben. Überraschenderweise wirkte das auf mich nie langweilig, denn immer wieder blitzt ein feiner, leiser Humor auf, der mich zum Schmunzeln brachte.
Auch wenn Helens Schicksal anfangs recht vorhersehbar scheint, hält das letzte Drittel eine echte Überraschung bereit, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Ab diesem Punkt wird die Geschichte deutlich turbulenter – und stellenweise wunderbar witzig.
Weniger schön fand ich die vergleichsweise vielen Druckfehler sowie den falschen Namen der Maus. Im Deutschen heißt sie Merlin, im Original jedoch Sipsworth – und dieser Name beziehungsweise die Abkürzung „Sip“ taucht im Buch mehrfach auf. Hier hätte man dem Lektorat oder Korrektorat ruhig ein wenig mehr Aufmerksamkeit gönnen können.
Alles in allem aber eine warme, leise und sehr menschliche Geschichte, die zeigt, dass selbst ein scheinbar abgeschlossenes Leben noch Platz für unerwartete Wendungen hat.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Zwischen Dichterglanz und Agentenpech

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, ...

Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, der in Rom das Leben genießt – bis er auf einem Gartenfest der Russischen Botschaft dem etwas unbeholfenen Geheimdienstler Dieter Germeshausen begegnet. Dieser plant seinen letzten großen Coup und spannt Jakob dafür ein.
Das liest sich alles sehr unterhaltsam: Die Figuren sind charmant gezeichnet, die Dialoge oft amüsant, und besonders die Konstellation aus eloquentem Dichter und kommunikativ völlig unbegabtem Agenten sorgt für leises Dauer-Schmunzeln. Große Gags gibt es nicht, eher viele kleine ironische Momente.
Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, eher Beobachterin zu sein als wirklich mittendrin. Spannung entsteht kaum, und das beschriebene Milieu bleibt für mich auf angenehme Weise fremd – interessant, aber nicht wirklich packend. Ein netter Roman für zwischendurch, der mehr Atmosphäre als Sog entwickelt.

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Veröffentlicht am 14.09.2025

Der Körper als Teamplayer

Organisch
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Giulia Enders zeigt in Organisch (Ullstein) den menschlichen Körper als lernendes Netzwerk statt als Maschine. In fünf Kapiteln – Lunge, Immunsystem, Haut, Muskeln und Gehirn – entfaltet sie ein anschauliches ...

Giulia Enders zeigt in Organisch (Ullstein) den menschlichen Körper als lernendes Netzwerk statt als Maschine. In fünf Kapiteln – Lunge, Immunsystem, Haut, Muskeln und Gehirn – entfaltet sie ein anschauliches Bild davon, wie Organe kooperieren, Signale deuten und Prioritäten setzen. Wer Darm mit Charme kennt, findet hier weniger einzelne Aha-Gags, dafür einen umfassenderen, fast poetischen Blick auf unser Innenleben. Statt von „Kampf“ und „Maschinen“ zu reden, beschreibt Enders leise Strategien wie Zusammenarbeit, Anpassung und Regeneration – vom Immunsystem, das mit Mikroorganismen verhandelt, bis zur Haut, die nicht nur Barriere, sondern auch Kontakt- und Resilienzorgan ist.

Besonders stark sind ihre alltagsnahen Bezüge: Atemübungen, Schlaf, Wundheilung, Berührung und Muskelerholung werden nicht als Lifestyle-Tipps, sondern als biologische Grundlagen für Ruhe, Kraft und Selbstregulation erklärt. Jill Enders’ Illustrationen helfen, komplexe Abläufe zu verstehen und geben dem Buch Struktur. Der Ton ist zugänglich, wissenschaftlich sauber, aber weniger verspielt als in Enders’ Debüt – dafür nachhaltiger in der Wirkung.

Ich fand das Buch stellenweise sehr detailliert und musste mich manchmal durchkämpfen, wurde aber mit neuen Perspektiven belohnt: Statt schneller Hacks vermittelt Organisch eine verständige Aufmerksamkeit für das eigene Körperwissen – und zeigt, wie sehr wir von Kooperation, Vernetzung und Regeneration profitieren, nicht nur biologisch, sondern auch gesellschaftlich.

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Veröffentlicht am 12.11.2021

Von den Zufällen des Lebens

Besichtigung eines Unglücks
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Kurz vor Weihnachten 1939 kommt es vor dem Bahnhof Genthin zum schwersten Zugunglück der deutschen Geschichte. Ein D-Zug rast mit voller Geschwindigkeit auf einen anderen, stehenden D-Zug – offiziell gibt ...

Kurz vor Weihnachten 1939 kommt es vor dem Bahnhof Genthin zum schwersten Zugunglück der deutschen Geschichte. Ein D-Zug rast mit voller Geschwindigkeit auf einen anderen, stehenden D-Zug – offiziell gibt es mindestens 196 Tote.
70 Jahre später recherchiert der Journalist Vandersee, der nach diesem Unglück in Genthin geboren wurde, zu diesem Geschehnis und ihm wird klar, dass seine Mutter Lisa, damals ein junges Mädchen, die Folgen miterlebt haben musste. Bei der Durchsicht der Unterlagen fällt ihm der mysteriöse Fall Carla Finck auf, die bei dem Unfall schwer verletzt wurde und sich im Krankenhaus Carla Buonomo nannte. Ihr Begleiter, der im Zug starb, hieß Giuseppe Buonomo und war Neapolitaner, beide waren auf dem Weg von Berlin nach Düsseldorf. In welchem Verhältnis die Beiden zueinander standen, ist noch immer unklar und so forscht Vandersee weiter, was es mit der falschen Namensnennung von Carla Finck auf sich hat. Er findet heraus, dass sie Halbjüdin war und mit Richard Kuiper verlobt, einem Juden aus Neuss. Was machte sie dann mit Buonomo in Berlin?

Obwohl der Titel suggeriert, dass es hier vorrangig um das Eisenbahnunglück geht, nehmen die Geschichten um Carla Finck und Lisa, der Mutter Vandersees, annähernd den gleichen Raum ein. Wie der Autor selbst nimmt sein Alter Ego die wirklichen Vorgaben (den Aufeinanderprall, die Existenz Carla Fincks, ihres Verlobten und Giuseppe Buonomos sowie die Vorkommnisse im Krankenhaus) neben den für uns fiktiven, aber für ihn realen Personen als Grundlage, die damaligen Geschehnisse zu rekonstruieren. So entsteht eine minutiöse Beschreibung, wie es zu dem Aufprall kam, während Carlas und Lisas Leben meist in Umrissen dargestellt werden. Kein Wunder wenn man bedenkt, dass die Faktenlage hier eher dürftig ist. Doch auf beeindruckende Weise ergänzt er die ihm vorliegenden ‚Tatsachen‘ mit Möglichkeiten, die so wahrscheinlich wirken, dass sie sich wie selbstverständlich als das wirklich Geschehene lesen.

Ausgangspunkt des Ganzen ist das Unglück, von dem ausgehend ein Teil von Carlas Leben erzählt wird und daran anschließend Lisas, die, nicht ganz unwahrscheinlich, Carla begegnete. An weiteren losen Fäden, die an diesen und Vandersees eigener Geschichte hängen, gibt es zudem eine Reihe zusätzlicher Episoden: Hedwig Vorbeck, die die Toten und Verletzten zur Klinik brachte, wo sie ihr Mann als Arzt versorgte; Stolzenburgs Geschichte, der Ex-Mann von Lisas Tante sowie Der Eisfleck und viele mehr. Auch wenn Gert Loschütz diese ganzen Begebenheiten kunstvoll miteinbindet, finde ich den dazu genötigten Zufall doch etwas bemüht, der alles miteinander verbindende rote Faden ist gegen Ende kaum noch sichtbar.

Hervorzuheben ist die Sprache des Autors, die zwar eher sachlich-kühl, fast schon wie in einer Dokumentation wirkt, aber ungemein detailliert und bildhaft ist, sodass man dem Geschehenen und den Figuren trotzdem nahe kommt.

'Kein Winter wie aus dem Reiseprospekt, sondern ein dunkler, bedrückender, nach hinten verlegter Totensonntag.'

Eine ungewöhnliche Lektüre, bei der Wahrheit und Fiktion nicht zu unterscheiden sind.

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