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Veröffentlicht am 05.01.2020

O wie Offenbarung des Bösen, V wie Vergebung

Vergesst unsere Namen nicht
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Während der norwegische Literaturzug mit dem Kronprinzenpaar und zahlreichen Autoren, unter ihnen auch Simon Stranger, seinem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse entgegenrollt, habe ich mit ...

Während der norwegische Literaturzug mit dem Kronprinzenpaar und zahlreichen Autoren, unter ihnen auch Simon Stranger, seinem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse entgegenrollt, habe ich mit großer Anteilnahme Strangers Holocaust-Roman "Vergesst unsere Namen nicht" gelesen. Inspiriert vom Stolperstein für den Urgroßvater seiner Frau in Trondheim, hat er mit Familienangehörigen gesprochen, Handlungsorte aufgesucht und in Archiven recherchiert. Trotzdem ist sein Buch ein Roman, denn nicht alles ließ sich rekonstruieren und Lücken galt es mit Fantasie zu füllen.

J wie Jude
Einer jüdischen Tradition gemäß stirbt ein Mensch zwei Mal: wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird. Genau wie der Künstler Gunter Demnig mit den von ihm erdachten Stolpersteinen möchte auch Stranger diesen zweiten Tod hinausschieben. „A“ bis „Z“ sind die 26 Kapitel überschrieben, jeder Buchstabe liefert Stichwörter, die sich zuletzt wie ein Puzzle zur ganzen Geschichte zusammenfügen.

S wie Stolperstein
Die Familie von Hirsch Komissar, dessen Stolperstein in Trondheim liegt, kam nach den Judenprogromen in den 1880er-Jahren aus Russland nach Norwegen. In Trondheim führte er ein Bekleidungsgeschäft. Am Tag der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht floh Hirsch Komissar mit seiner Frau und den drei Kindern nach Schweden, kehrte aber kurz darauf wieder zurück. Am 12.01.1942 wurde er verhaftet, zeitweise im Lager Falstad gefangen gehalten und am 07.10.1942 hingerichtet. Dass sein Sohn Gerson später zusammen mit seiner Frau Ellen und den beiden Töchtern, eine davon Strangers Schwiegermutter, ausgerechnet in das Haus zog, in dem so viele Gefangene der norwegischen Gestapo gefoltert und ermordet wurden, mutet angesichts dieser Familiengeschichte unglaublich an.

R wie Rinnan
Noch mehr als dem Opfer widmet sich Simon Stranger einem Täter, dem norwegischen Gestapo-Vertrauten Henry Oliver Rinnan (1915 – 1947), 1945 einer der meistgesuchten norwegischen Kriegsverbrecher. Beim Prozess gegen die sogenannte „Bande“ trug er die Nummer eins am Revers und ein Gutachten bescheinigte ihm große Intelligenz, Anomalien im Gefühlsleben und eine eigentümliche Macht über seine Mitmenschen. Erstaunt war ich, dass Rinnan, so wie Stranger ihn beschreibt, keinerlei politische Überzeugungen hatte. Triebfeder für seinen Verrat an Widerstandskämpfern und Juden sowie für erbarmungslose Folterungen, Gewaltexzesse und Tötungen im sogenannten „Bandenkloster“ waren Machtstreben und Eitelkeit dieses ob seiner geringen Körpergröße mit tiefen Minderwertigkeitskomplexen behafteten Mannes.

M wie Machtlosigkeit
Ganz besonders interessant fand ich Strangers Gedanken zum Entzug der Menschlichkeit durch die Täter:

"Allen, die ermordet werden, muss die Menschlichkeit genommen werden… Alles, was an Persönlichkeit erinnert, muss verschwinden, um zu verhindern, dass die Henker sich in den Gesichtern ihrer Opfer selbst wiedererkennen. Diese notwendige Distanz ist die Voraussetzung. Ohne sie ist der nächste Schritt unmöglich, er wäre wie ein Angriff auf das eigene Spiegelbild."

Z wie Zukunft
Warum wurde in der Familie von Strangers Frau Rikke zu den Ereignissen des Krieges meist geschwiegen? „Es war der Wunsch zu vergeben und weiterzugehen… Dass wir etwas ändern können, das ist der Weg in die Zukunft.“ Und doch ist es wichtig, diesen Teil der Geschichte lebendig zu halten, nicht nur, um den zweiten Tod der Opfer hinauszuzögern, sondern auch, um der neuen Rechten entgegenzutreten und Außenseiter nicht zu Tätern werden lassen. Das Buch von Simon Stranger ist ein wertvoller Beitrag dazu.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.09.2019

Orna - Emilia - Ella

Drei
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Der israelische Autor Dror Mishani, geboren 1975, lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Tel Aviv, Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur. Mit seinen Krimis um den Ermittler Avi Avraham, ...



Der israelische Autor Dror Mishani, geboren 1975, lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Tel Aviv, Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur. Mit seinen Krimis um den Ermittler Avi Avraham, die ich nicht kenne, wurde er auch in Deutschland bekannt. Über die Frage, ob sein neuestes Buch, "Drei", ein Krimi ist, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Der Verlag Diogenes bezeichnet es als Krimi, Dror Mishani spricht von einem „Detektivroman, in dem der Detektiv erst am Ende auftritt“. Ob Krimi oder nicht, "Drei" hat bei mir nach eher unspektakulärem Beginn schnell einen Sog entwickelt, hat mir beim Lesen fast von Beginn an eine Gänsehaut beschert, deren Grund ich kaum benennen konnte, und mich immer wieder mit ungeahnten Wendungen überrascht.

Vom Inhalt möchte ich so wenig wie möglich verraten, denn je weniger man zu Beginn weiß, desto besser. Ich war im Mai 2019 bei einer Vorabpräsentation mit dem sympathisch-bescheidenen Autor in Stuttgart und bin nachträglich sehr dankbar, dass damals lediglich die ersten Seiten vorgelesen und ein sehr diskretes Interview geführt wurde.

Eine kurze Vorstellung der drei weiblichen Hauptpersonen ersetzt deshalb hier die Inhaltsangabe. In den drei Teilen, die schlicht „Eins“, „Zwei“ und „Drei“ überschrieben sind, stehen sie jeweils im Mittelpunkt, was den Roman aber keinesfalls zum Frauenroman macht. Orna, Anfang 40 und Gymnasiallehrerin in Tel Aviv, ist nach einer sehr schmerzhaften Scheidung alleine mit ihrem achtjährigen, introvertierten Sohn Eran zurückgeblieben. Während sie Eran Therapiestunden ermöglicht, muss sie selbst ohne Hilfe zurechtkommen. Sie möchte nicht auf Dauer alleine bleiben.

Die Lettin Emilia, wenig älter als Orna und Protagonistin in Teil zwei, gehört zum Heer der in Israel unverzichtbaren ausländischen Pflegekräfte, ist aber nicht wirklich willkommen. Auch sie hofft auf ein wenig Unterstützung und Glück.

Die dritte im Bunde nennt sich Ella, hat drei kleine Töchter und schreibt jeden Morgen in einem Café an ihrer verspäteten Masterarbeit, enttäuscht über ihr Leben als Ehefrau und Mutter.

Fast war ich erleichtert, als sich am Ende von Teil eins mein ungutes Bauchgefühl als begründet erwies, doch war es danach um meine Ruhe endgültig geschehen und ich hätte am liebsten warnend in die Handlung eingegriffen. Teil zwei schien zunächst ohne Bezug zum vorher Erzählten, bis schlagartig die Verbindung klar wurde. Teil drei hat mich dann noch einmal vollkommen überrascht.

Wer einen „normalen“ Krimi sucht, ist mit "Drei" wahrscheinlich nicht gut beraten. Wer aber gerne einen Roman über das heutige Israel lesen möchte, in dem ein verwirrendes Spiel mit Wahrheit und Lüge getrieben wird und die Gewalt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wer psychologisch raffinierte, kunstvoll gewobene, geheimnisvolle und wendungsreiche Lektüre liebt und nicht auf jeder Seite Action braucht, der könnte mit diesem literarisch anspruchsvollen, unspektakulär und gerade deshalb großartig geschriebenen Roman genauso viel Spaß haben wie ich.

Veröffentlicht am 15.07.2019

Held wider Willen

Jakob der Lügner
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Um die Geschichte des Juden und Ghettobewohners Jakob Heym nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen, erzählt sie ein anonymer Überlebender des Holocaust. Er wählt dafür meist die auktoriale Erzählform, ...

Um die Geschichte des Juden und Ghettobewohners Jakob Heym nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen, erzählt sie ein anonymer Überlebender des Holocaust. Er wählt dafür meist die auktoriale Erzählform, streut aber auch Passagen aus der Ich-Perspektive ein. „Das meiste“ weiß er aus erster Hand vom toten Jakob selbst, manches von Zeitzeugen, und wo sich diese nicht finden ließen, füllt er die Lücken. Jakob ist für ihn ein Held, einer der zwar immer Angst hatte, der jedoch unglaublich mutig war. Angeregt zu diesem Roman hat den Autor Jurek Becker, der selbst, wie er sagte, keine Erinnerung an seine Kindheit im Ghetto von Łódź und in verschiedenen KZs hatte, eine wahre Geschichte.

Jakob Heym, ehemaliger Besitzer einer bescheidenen Restauration, lebt in einem namenlosen Ghetto im Osten. Der Zweite Weltkrieg neigt sich bereits dem Ende zu, doch sind die Bewohner des Ghettos von jeglichem Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten und ohne Information über das Kriegsgeschehen. Die Lage ist verzweifelt, Hungertote und Selbstmorde bestimmen den Alltag. Da hört Jakob zufällig im Radio der Polizeistation, dass die Russen bereits fast bis Besanika vorgerückt sind. Seine Quelle kann er unmöglich nennen, hat doch vor ihm noch niemand die Polizeistation lebend wieder verlassen, doch gibt er die Meldung seinem Arbeitskollegen Mischa weiter, um ihn vom lebensgefährlichen Kartoffelraub abzulenken. Damit ist die Nachricht in der Welt und Jakob kann sie nicht mehr zurückholen. Da er als Quelle ein eigenes, verstecktes Radio angibt, werden er und das Gerät zum Mittelpunkt allen Denkens im Ghetto. Die allgemeine Verzweiflung schlägt in Hoffnung um, plötzlich scheint das Überleben eine reale Option und die Selbstmordrate sinkt auf null. Während die Menschen im Ghetto Pläne für eine nun plötzlich greifbar erscheinende Zukunft schmieden, wird die Situation für Jakob immer schwieriger, denn mit der einmaligen Neuigkeit ist es nicht getan. Gleichzeitig fühlen sich einige von dem verbotenen Gerät bedroht, andere werden zunehmend leichtsinniger. Jakob muss entscheiden, wie es nach der ungewollten Lüge weitergeht.

"Jakob der Lügner", der 1969 erschienene Debütroman von Jurek Becker (vermutlich 1937 – 1997) ist eines der Bücher, die schon viel zu lang auf meiner Wunschliste stehen. Nun hat sich mit dieser erstmals ungekürzten Hörfassung als Koproduktion von speak low und der SWR 2 Literaturredaktion eine Alternative geboten, die ich sehr gerne ergriffen habe. Der Sprecher August Diehl liest den Text angenehm zurückhaltend und doch an den entscheidenden Stellen mit großer Wucht. Er interpretiert die tieftraurigen Stellen genauso bewegend wie die tragikomischen und ist für mich in den 515 Hörminuten vollkommen mit der Figur des Ich-Erzählers verschmolzen.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Box, die mit Zitaten bedruckten Hüllen der sieben CDs und das informative Booklet mit einem Text des Autors über seine fehlenden Erinnerungen und einem Aufsatz von Christine Becker zur Entstehungsgeschichte des Romans.

Veröffentlicht am 10.07.2019

Wie ein Goldfisch ohne Glas

Battle
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Amelie ist 17, als ihre Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Nach der Insolvenz des Vaters muss sie mit ihm aus dem noblen Haus mit Pool im vornehmen Osloer Stadtteil Holmenkollen an den „Arsch der Welt“ ...

Amelie ist 17, als ihre Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Nach der Insolvenz des Vaters muss sie mit ihm aus dem noblen Haus mit Pool im vornehmen Osloer Stadtteil Holmenkollen an den „Arsch der Welt“ in den heruntergekommenen Vorort Stovner ziehen. Ihren Freunden aus der Tanzklasse der angesagten Schule Valkyrie kann sie das nicht erzählen, selbst ihrem Freund Axel nicht, mit dem sich das Küssen so falsch für sie anfühlt. Nur ihre Freundin Ida wurde zufällig Zeugin, als Gerichtsvollzieherin und Polizei vor der Tür standen. Wenn es nach ihr ginge, würde Amelie allen die Wahrheit sagen: „Du brauchst nicht perfekt zu sein, damit die Leute dich mögen.“ Aber genau das will Amelie immer sein: beim Tanzen genauso wie vor ihrer Clique. So verstrickt sie sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, voller Sorge über Idas Verschwiegenheit.

Die Geschichte, aus der Sicht von Amelie erzählt, ist ein Jugendroman für Mädchen ab etwa 13 Jahren über Selbstfindung, erste Liebe, Dazugehören und Außenseitertum, Wahrheit und Lüge und vor allem über die Leidenschaft für das Tanzen. Denn Amelie möchte Tänzerin werden wie einst ihre Mutter. Sie träumt von der Balletthochschule und von einer Tanzkarriere, dafür trainiert sie unerbittlich und steckt die harte Kritik ihrer strengen Tanzlehrerin ein, die abseits der perfekten Technik die persönliche Note vermisst. Dass Amelie ausgerechnet in Stovner auf den jungen Hip-Hopper Mikael Tehrani stößt, der genau wie sie mit Leib und Seele Tänzer werden möchte, macht das abendliche Heimkehren in die schmuddelige Zweizimmerwohnung erträglicher. Doch Mikael, den dunkelhäutigen Sohn iranischer Einwanderer, kann sie unmöglich ihrer Clique aus der Valkyrie vorstellen – oder etwa doch? Mit ihm kann sie jedenfalls über ihre abwesende Mutter sprechen und vorübergehend den Schmerz über ihren Vater vergessen, der sich nach dem Bankrott völlig gehen lässt.

Die Norwegerin Maja Lunde, die in Deutschland 2017 mit ihrem Bestseller "Die Geschichte der Bienen" schlagartig bekannt wurde, hat mich mit ihrem im Original 2014 erschienenen Jugendbuch "Battle" noch mehr überzeugt, trotz einiger genretypischer Klischees und Schwarzweißmalerei. Besonders gut gelungen ist die Darstellung der inneren Konflikte der Ich-Erzählerin: „Ich war ein Goldfisch, und irgendjemand hatte mein Glas zerbrochen.“ Obwohl ich mich selbst weder aktiv noch passiv für Tanz interessiere, konnte ich mich nicht der Dramatik des "Battle", eines Tanzwettbewerbs in Stovner, entziehen, bei dem zuletzt fast alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.

Die wunderschön gestaltete Ausgabe aus dem Verlag Urachhaus wurde zurecht von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur im September 2018 als „Buch des Monats“ prämiert.

Veröffentlicht am 20.06.2019

Zwischen zwei Welten

All dies ist nie geschehen
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Was passt besser zum heutigen Weltflüchtlingstag, als ein Roman über den Dschungel von Calais? Laut UNHCR sind aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen, Tendenz steigend.

Zwei ...

Was passt besser zum heutigen Weltflüchtlingstag, als ein Roman über den Dschungel von Calais? Laut UNHCR sind aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen, Tendenz steigend.

Zwei dieser Flüchtlinge sind der Syrer Adam Sarkis und der etwa zehnjährige stumme Sudanese, den Adam Kilani nennt. Beide treffen im Juli 2016 im Lager von Calais zusammen, im sogenannten „Dschungel“. Zwar wurde dieses vermutlich größte Elendsviertel Europas, an der Küste auf einer ehemaligen Mülldeponie mit mehreren tausend Quadratkilometern gelegen, im Oktober 2016 aufgelöst, doch ist keines der Probleme dadurch verschwunden und der Roman bleibt leider weiterhin topaktuell.

Adam war 16 Jahre als Polizist in Syrien tätig, gehörte aber zuletzt der Rebellengruppe Freie Syrische Armee an und hat die Militärpolizei infiltriert. In letzter Sekunde kann er Syrien verlassen. Ziel ist das Lager von Calais, in das er kurz zuvor Frau und Tochter vorausgeschickt hat. Als er ankommt, fehlt von den beiden jede Spur. Während seiner verzweifelten Suche lernt er Kilani kennen und rettet ihn aus den Fängen der Afghanen im Lager, was der traumatisierte, verstümmelte Junge mit hingebungsvoller Anhänglichkeit belohnt.

Ein zweiter Handlungsstrang zeigt die Polizei von Calais. Die BAC, Brigade anti-criminalité, versucht Nacht für Nacht, die Flüchtlinge am illegalen Besteigen der Lastwagen nach Großbritannien zu hindern. Die BSU, Brigade de sûreté urbaine, schaut tagsüber soweit möglich über Vergehen der Flüchtlinge hinweg und hält sich vom Lager fern. Die Zustände sind unbeschreiblich, auch wenn verschiedene Helfergruppen die größte Not zu lindern versuchen. Lieutenant Bastien Miller, der sich aus familiären Gründen nach Calais hat versetzen lassen, ist schockiert vom „Calais-Style“, der angeordneten Arbeitsweise der Polizei. Als die Millers Adam und Kilani kennenlernen, können sie nicht mehr einfach wegschauen: „Wenn so etwas in den Nachrichten kommt, ist es einfach, das wieder zu vergessen, aber wenn das in deinem eigenen Wohnzimmer passiert?“.

Olivier Norek, laut Klappentext Star der französischen Krimiszene und vielfach ausgezeichnet, hat selbst drei Jahre für Pharmaciens sans frontières gearbeitet und war Police Lieutenant. Die Danksagung lässt erahnen, wie intensiv er bei der BAC von Calais und im Dschungel recherchiert und wie viele Gespräche mit Flüchtlingen er geführt hat.

"All dies ist nie geschehen" ist kein Krimi, kann es aber in punkto Spannung mit jedem Thriller aufnehmen. Dass die Geschichte wahr ist, schockiert. Über den Blick in eine unbekannte Welt hinaus, die doch fast vor unserer Haustüre liegt, hat mir sehr gut gefallen, dass Norek nicht urteilt, nur durch die Augen seiner Protagonisten beschreibt. Er zeigt durchaus auch die Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeht, von Anwerbern des IS, von Schleppern, von Traumatisierten und Vergewaltigern: „Du kannst nicht einfach zehntausend Menschen aus den gefährlichsten Ländern der Welt zusammenpferchen und quasi gefangen gehalten, Menschen mit der Hoffnung auf eine illegale Überfahrt, die von der Großzügigkeit der Calaisiens und von den Hilfsorganisationen abhängig sind – und dann glauben, dass schon alles gut gehen wird.“ Am Ende sind alle Verlierer: die britischen Lastwagenfahrer, die Polizisten, die Einwohner von Calais, aber in erster Linie die Flüchtlinge. Hoffnung besteht nur, wenn Einzelne Zivilcourage zeigen.