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Veröffentlicht am 24.07.2019

Toll recherchierte Nachkriegsgeschichte mit wichtigen Themen

Die Stimmlosen
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"Die Stimmlosen" ist der zweite Band der Geschichte um Richard und Paula Hellmer, die mit dem ersten Band "Die Lautlosen" begann. Das wußte ich vor dem Lesen nicht, es hat aber - abgesehen von anfänglicher ...

"Die Stimmlosen" ist der zweite Band der Geschichte um Richard und Paula Hellmer, die mit dem ersten Band "Die Lautlosen" begann. Das wußte ich vor dem Lesen nicht, es hat aber - abgesehen von anfänglicher Verwirrung über die vielen Personen - keine Probleme bereitet. Die relevanten Geschehnisse aus dem ersten Band werden in "Die Stimmlosen" hinreichend erwähnt und erklärt (leider manchmal auch in mehrfachen unnötigen Wiederholungen).

Zunächst ein Lob für das Titelbild. Ich bin mittlerweile dankbar für jeden historischen Roman, dessen Titel nicht von einer Frau in historischer Kleidung vor einem Gebäude geziert wird. Die "Frau vor Gebäude"-Titelbilder scheinen mittlerweile ein Automatismus der Verlage bei historischen Romanen zu sein. Hier sehen wir ein passendes altes Familienfoto, welches gelungen umrahmt wurde. Das Titelbild ist passend und ansprechend.

Hauptpersonen sind die Freunde Fritz und Richard, sowie dessen Frau Paula und der englische Besatzungssoldat Arthur, den mit den drei befreundet ist. Die Einbindung eines englischen Besatzungssoldaten und dessen freundschaftliches Verhältnis zu Fritz, Richard und Paula ist originell, bietet so die Möglichkeit, weitere Perspektiven und Optionen in die Geschichte aufzunehmen. Diese vier Personen werden in den das Buch umfassenden Jahren 1945 - 1953 von einer sehr großen Anzahl an Verwandten und Freunden begleitet. Manche davon haben ihren eigenen Handlungsstrang oder sind mit den Hauptpersonen durch Geschehen verbunden, aber die meisten fristen ihr literarisches Leben in gelegentlichen Nebensätzen oder kurzen Einschüben. Das war zuweilen etwas überfrachtet. Irritiert war ich, als ein kaum erwähnter Verwandter irgendwann um Seite 320 herum plötzlich vom Nebensatzerwähnten upgegradet wird und einen neuen Handlungsstrang einläutet. Da im Laufe des Buches auch noch mehr Verwandte hinzukommen, war mir das oft zu viel.
Ich weiß nicht, wie Paula im letzten Buch dargestellt wurde, hier ist sie fast das ganze Buch hindurch ziemlich blaß. Richard ist ein angenehmer Charakter, aber ihm hätten ein paar Ecken und Kanten gut getan, an mehreren Stellen kam er mir einfach zu gut vor.

Die Freundschaft zwischen Fritz und Richard hat mir am besten gefallen, die Szenen zwischen ihnen, ihre gemeinsamen Themen waren die interessantesten. Diese Freundschaftsbeziehung war wundervoll dargestellt und ich fand es schade, daß sie in der zweiten Hälfte des Buches in den Hintergrund rückte. Richard hatte mE den interessantesten Handlungsstrang, bei ihm ging es um die T4-Morde, die er im Krieg nicht verhindern konnte und wegen derer er nun gegen einen Arzt aussagt, der 22 geistig behinderte Kinder mit Luminol ermordete. Dieser Handlungsstrang zeigte deutlich, wie widerlich hervorragend nach dem Krieg die alten Seilschaften noch funktionierten und wie wenig Interesse die deutsche Justiz oft daran hatte, Naziverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Thema hat im Buch einige Ausprägungen und wir lernen mehrere Leute kennen, die damit auf irgendeine Weise befasst waren. Hier ist die differenzierte Erzählweise sehr beeindruckend. Die Details sind hervorragend recherchiert, wie überhaupt alle historischen Details im Buch. Es gibt zahlreiche historische Informationen, von Politik & Bürokratie über historische Ereignisse bis hin zu dem ganz normalen Leben. Gerade die diversen Arten, sich gegen Hunger und Kälte zu wappnen, waren teils faszinierend zu lesen. Ein Lob hier auch der Autorin, daß sie die historischen Informationen so angenehm vermittelt. Es findet kein Infodumping statt, keine langatmigen Geschichtsbuchartigen Ausführungen, sondern fast immer sind die Fakten angenehm in die Handlung eingewoben. Nur zum Ende hin - das ohnehin recht rasch und etwas lieblos abgehandelt wurde, so daß ich oft das Gefühl hatte, die Autorin wollte rasch fertig werden - wirkt die Faktenvermittlung etwas aufgesetzt.

Was mir sehr gut gefiel, war der Humor, den Fritz, Richard und Paula auch in den dunklen Jahren zu Beginn nicht verloren haben. Die Unterhaltungen enthalten manchmal einen so herrlich trockenen Humor, kleine lustige Bemerkungen, unerwartete Reaktionen, daß ich laut lachen mußte. Es brachte mir die Charaktere auch gleich näher. Gar nicht gut gefallen dagegen haben mir die häufigen moralisierenden Monologe, Dialoge oder Gedanken. Gerade in der zweiten Hälfte des Buches fühlt man sich manchmal wie in einem Ratgeber "Wie bin ich ein guter Mensch?". Auch wenn ich inhaltlich den erwähnten Themen und Standpunkten durchaus zustimme, fand ich es anstrengend, in einem Roman ständig den erhobenen Zeigefinger zu sehen und die Charaktere Monologe über Schuld und Vergebung, Anstand und Moral, die schlechte Welt und wie man sie besser machen kann, etc. halten zu lesen. Das hat mir das Lesevergnügen tatsächlich etwas verdorben, weil es so häufige und lange Passagen waren. Die Tendenz zum Monologisieren hatten mehrere Charaktere ohnehin.

Es sind viele gute und wichtige Themen im Buch enthalten und so eine anschauliche Beschreibung der Nachkriegsjahre gibt es nicht in vielen Romanen. Allerdings wurden es mir irgendwann auch etwas zu viele Themen, was ich auch daran merkte, daß Charaktere und Themen aus der ersten Buchhälfte plötzlich in den Hintergrund treten mußten und erst zum Ende hin wieder mehr auftraten. Wie bei den Charakteren wäre die die Konzentration auf weniger mehr gewesen und hätte die teilweise etwas sprunghafte Themenbehandlung verhindern können. Die plötzlich auftauchende englische Verwandtschaft eines Charakters nimmt viel zu viel Raum ein und nimmt zudem den Fokus vom Leben der Deutschen in der Nachkriegszeit ein Stück weit weg. Im Zusammenhing mit diesem "englischen Handlungsstrang" gab es auch zwei Punkte, die mich störten: einmal ein riesiger, unglaubwürdiger Zufall. Eine Engländerin aus London sucht einen Deutschen aus Hamburg. Zufällig ist der einzige Engländer überhaupt, der diesen Deutschen kennt, gerade zu diesem Zeitpunkt in London und zufällig gerät sie bei ihrer Suche fast sofort an ihn, der den Deutschen nicht nur kennt, sondern sogar mit ihm befreundet ist. An der Stelle fühlte ich mich etwas verulkt. Dann gibt es genau im richtigen Moment von der englischen Verwandtschaft noch ein riesiges Geldgeschenk. So sehr ich es den sympathischen Charakteren gönne, daß ihnen das Geld für ihren Neuanfang in den Schoß fällt, so sehr hätte ich es als Leser vorgezogen, diesen Neuanfang und den Weg dahin realistisch und Schritt für Schritt zu erleben.

Das Ende ist, wie erwähnt, etwas übereilt. Bis Anfang 1948 ist das Erzähltempo gut, dann springt es plötzlich recht schnell. Gerade noch sitzen unsere Charaktere hungernd und frierend in der übervollen Wohnung, kurz danach wird im eigenen Haus reichlich geschmaust. So wissen wir zwar, daß es mit der Währungsreforn 1948 aufwärtsging, aber gerade hier wären einige Erklärungen, woher dies kam und wie sich dies entwickelte, willkommen gewesen. Ab 1948 sind es fast nur noch kurze Episoden, die die wichtigsten Ereignisse knapp berichten und es folgt ein Happy End dem anderen. Das war mir zu zuckerwattig.

So hat "Die Stimmlosen" für mich schon mehrere Aspekte, die mein Lesevergnügen geschmälert haben. Die erste Hälfte hätte meiner Meinung nach 5 Sterne verdient, aber die zweite Hälfte hat die Wertung nun zu knappen vier Sternen heruntergezogen. Es ist aber trotz dieser Aspekte ein Buch, dessen Lektüre ich gerade zu Beginn sehr genossen habe. Fritz und Richard sind mir ans Herz gegangen, ebenso - wenn auch weniger stark - Paula und Arthur, und einige der Nebencharaktere. Wer eine sorgfältig recherchierte, angenehm zu lesende Nachkriegsgeschichte lesen möchte, die über wichtige Themen informiert, tut hier einen guten Griff.

Veröffentlicht am 20.07.2019

Psychologisch einfühlsame Familiengeschichte mit beeindruckend ungewöhnlichem Schreibstil

Kieloben
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"Kieloben" ist ein ungewöhnlicher, feinfühliger Roman über...ja, über was? Viele Dinge werden hier behandelt, trotz der relativen Kürze des Buches mit bemerkenswertem Tiefgang.

Wir werden gleich mitten ...

"Kieloben" ist ein ungewöhnlicher, feinfühliger Roman über...ja, über was? Viele Dinge werden hier behandelt, trotz der relativen Kürze des Buches mit bemerkenswertem Tiefgang.

Wir werden gleich mitten in das Geschehen hineingesetzt, zu Beginn war ich ein wenig überfordert von den unbekannten Namen, den Verwandtschaftsverhältnissen und zurückliegenden Ereignissen. Man muß dieses Buch konzentriert lesen. Die Informationen werden (größtenteils) nach und nach enthüllt. Wir begleiten zu Beginn Inga, die nach dem Unfalltod ihres Mannes eine Reise nach Norwegen macht. Handlung gibt es hier kaum, es geht hier um Ingas Gedanken. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden einige solch kontemplativer Kapitel folgen, manche, wie dieses am Anfang, fand ich sehr gelungen, manche etwas zu langatmig. Für mich schien Ingas Reise zu sich selbst letztlich der Hauptfokus des Buches. Das entsprach nicht den Erwartungen, die ich hatte, was aber natürlich nicht Buch und Autorin anzulasten ist und auf die Rezension keinen Einfluß hat. - Ingas Vater war während des Zweiten Weltkriegs mit der Marine vor Norwegen stationiert und so erweckt diese Reise auch Ingas Erinnerungen, Fragen. Diese versucht sie, per Email mit ihren Brüdern Markus und Matthias zu klären. Der Emailaustausch dieser drei Geschwister ist hervorragend dargebracht. Ohne einleitende Worte, ohne Drumherum lesen wir ausschließlich die Emailtexte, die Absender sind jeweils in Klammern mitgeteilt. Dieses etwas ungewöhnliche Herangehen gefiel mir ausgezeichnet und so wirkten die Emailinhalte viel unmittelbarer und ich als Leser war mittendrin im Austausch.

Der Teil des Buches, in dem die drei Geschwister gemeinsam versuchen, ihre (durchaus unterschiedlichen) Erinnerungen und Gesichtspunkte in Einklang zu bringen und mehr über den Vater herauszufinden, war für mich der absolut beste Teil. Wir erfahren die Fakten nach und nach, wie Puzzleteile, oft nur in einem Nebensatz, einem kleinen Wort. Auch hier ist wieder aufmerksames Lesen und Mitdenken gefragt. Schnell wird deutlich, daß die drei Geschwister eine unschöne Kindheit hatten und beide Eltern vom Krieg psychisch schwer gezeichnet waren. Was genau damals passiert ist, das erfahren wir nach und nach, allerdings nur teilweise. Es bleiben doch einige Fragen offen.

Der bemerkenswerte Schreibstil paßt sich der Situation stets wundervoll an. Bei Ingas "Gedankenkapiteln" das Langsame, das Verharren in nebensächlichen Informationen (was mir teilweise nicht so gut gefiel), bei den Emailabschnitten das völlige Weglassen des Drumherums. Bei der einzigen Begegnung der drei Geschwister dann wieder eine andere stilistische Umrahmung. Die Probleme im Geschwisterverhältnis werden hier bildhaft dargestellt, wir erlesen sie nicht durch Erklärungen, wir erfahren sie unmittelbar. Einige Abschnitte dieser Unterhaltung waren mir etwas zu sprunghaft, anstrengend, aber es ist im Ganzen eine meisterhaft ausgearbeitete Szene. Hier tauchen wir auch ein die norwegisch-deutsche Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Ich weiß wenig davon, deshalb war es ausgesprochen interessant. Auch die in späteren Kapiteln folgende Sicht der Norweger auf vieles, die Erlebnisse der Norweger während und nach des Krieges waren sehr lesenswert. Davon hätte ich gerne noch viel mehr gehabt.

Der zweite Teil des Buches läßt dann zu meinem Bedauern die für mich interessantesten Personen fast gänzlich hinter sich und widmet sich hauptsächlich Ingas innerer Reise, hier kommt nun auch die Norwegerin Mette zu Wort. Diese Kapitel sind sehr ruhig, an manchen Stellen für mich zu langgezogen, gerade nach dem fulminanten Klimax der Begegnung der drei Geschwister und ihrer Nachforschungen. Segelfreunde werden mit den teils doch recht detaillierten Segelinformationen mehr anfangen können als ich - diese nahmen mir an mehreren Stellen des Buches zu viel Raum ein. Ein ausführliches Kapitel über einen Segeltörn verband für mich diese Segeldetails, das Verharren in nebensächlichen Informationen und das Langatmige und hat mir nicht gefallen.

Ingas Finden zu sich selbst wird ebenso einfühlsam beschrieben wie die Auswirkungen, die die Kriegstraumata nicht nur auf die Betroffenen, sondern auch auf die nachfolgende Generation haben können. Die Autorin ist Psychologin, das merkt man im Buch auf angenehme Weise.

So haben wir hier also mehrere, miteinander verwobene Themen - die norwegisch-deutsche Geschichte, die Familiengeschichte (die beiden kamen mir persönlich etwas zu kurz), die psychologischen Aspekte verschiedener Lebensereignisse und den langen Arm der Kriegstraumata. Alles erzählt mit Wissen, Können und eben diesem so ungewöhnlichen, teils faszinierendem Schreibstil, der auch nach dem Lesen noch zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das Eindruck macht.

Veröffentlicht am 10.06.2019

Eine schillernde Familie in Barcelona

Die Geister schweigen
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Auf Care Santos bin ich durch das wundervolle Buch „Als das Leben vor uns lag“ aufmerksam geworden. Auch in „Die Geister schweigen“ beweist sie ihren angenehmen Schreibstil, ihr flüssiges Erzähltalent. ...

Auf Care Santos bin ich durch das wundervolle Buch „Als das Leben vor uns lag“ aufmerksam geworden. Auch in „Die Geister schweigen“ beweist sie ihren angenehmen Schreibstil, ihr flüssiges Erzähltalent.
Care Santos führt uns hier durch mehrere Jahrzehnte in der Geschichte von Barcelona und der fiktiven Familie Lax. Am Ende der 1880er lernen wir die feudale Welt des spanischen Großbürgertums kennen, die nach dem Ersten Weltkrieg ein wenig bröckelt und vom Spanischen Bürgerkrieg brutal zerstört wird. Ebenso wie die Familie begleitet uns ihr Stadtpalais in Barcelona durch die Geschichte, wird uns immer vertrauter.

Die Geschichte wird auf ständig wechselnden Zeitebenen erzählt – wir beginnen im Jahr 1932, springen im nächsten Kapitel ins Jahr 1889, sind in einem weiteren Kapitel kurz in den 1920er Jahren und so geht es weiter. Es ist wie bei einem Familienalbum, in dem auf Zufall verschiedene Seiten aufgeschlagen werden. Diese Zeitsprünge gelingen Care Santos hervorragend. Es ist nie verwirrend, es webt sich alles ins Gesamtgeschehen. Ein Leitmotiv des Buches sind Gemälde und so kann man die Erzählweise auch sehen: es wird immer ein kleines Stück des Gemäldes ausgemalt, auf wechselnden Stellen der Leinwand, und irgendwann ist das Bild komplett. Eine Zeitleiste und ein Stammbaum vorne im Buch helfen ein wenig bei der Gesamtzuordnung der Geschehnisse, aber ich habe diese kaum gebraucht. Es hat Spaß gemacht, sich der Familie Lax auf diese Weise zu nähern, durch die Jahrzehnte zu springen und ich war immer gespannt, welchem Jahr, welchen Personen wir uns im nächsten Kapitel widmen würden. Briefe, Zeitungsartikel und Bildbeschreibungen aus Ausstellungsstücken runden die Geschichte ab, liefern auch manchmal nützliche historische Informationen.

Leider gibt es auch eine durchaus gravierende Schwäche des Buches: in einer Art Rahmenhandlung kehrt Violeta, vierte Generation der Lax, im Jahre 2010 aus den USA nach Barcelona zurück. Während es zu Anfang noch eine neue Perspektive hineinbringt, das Stadtpalais nun in der Gegenwart zu sehen, sind Violetas Kapitel quälend langweilig. Nach den farbigen zwei ersten Generationen der Familie scheint nicht so viel Persönlichkeit übrig geblieben zu sein. Violetas Vater Modesto kommt nur am Rande vor und interessiert schon nicht sonderlich, aber Violeta ist völlig farblos. Ihre Geschichte erfahren wir hauptsächlich durch zähe Emails, die sie schreibt und erhält, und nach der Intensität der Geschichte zwischen 1889 und 1940, den schillernden vielseitigen Charakteren, ist Violetas persönliches Leben dröge und hält die Geschichte eher auf. Auch die „Geheimnisse“, die sie entdeckt, wurden durch den eigentlichen Roman schon hinreichend (und besser) dargestellt. Man hätte den gesamten 2010-Teil streichen können und das Buch hätte meines Erachtens dadurch erheblich gewonnen und volle fünf Sterne bekommen.

Der Klappentext fängt den wesentlichen Charakter des Buches meiner Meinung nach nicht gut ein. „Was ist mit den Frauen ihrer Familie geschehen?“ wird da gefragt und dunkelste Geheimnisse angedeutet. Um „vier Generationen von Frauen“ soll es gehen. Es gibt genau ein Familiengeheimnis, das sich schnell abzeichnet und das für mich gar nicht der Höhepunkt des Buches war. Ansonsten ist den Frauen der Familie nicht „geschehen“. Und es geht nicht um „vier Generationen von Frauen“, es geht um vier Generationen einer Familie, beziehungsweise in der Essenz um zwei Generationen einer Familie, die eine ganze Reihe faszinierender Persönlichkeiten aufweisen – Frauen und Männer.

Wenn man die überflüssigen 2010-Episoden wegläßt, kann man zum Buch sagen: Die Verwebung der Familie mit der Geschichte Barcelonas ist gut gelungen (wenn auch an manchen Stellen einige historische Details etwas zu krampfhaft hineingenommen wurden und dadurch vereinzelte Szenen langatmig wurden, die Geschichte aufhielten). Man erfährt so viel Interessantes über das Leben der Oberschicht wie auch der Dienstboten, ist sowohl beim sich allmähliche ändernden Alltag wie auch bei den dramatischen geschichtlichen Entwicklungen direkt dabei. Die Familienbeziehungen sind wundervoll dargestellt und vielschichtig. Eine facettenreiche farbenfrohe Familiensaga mit gelungen ungewöhnlicher Erzählweise. Die Charaktere und auch das Haus haben mich berührt, ich habe viel über Barcelona in diesen Jahrzehnten erfahren und Care Santos Schreibstil wieder einmal sehr genossen.

Veröffentlicht am 08.06.2019

Spannend und durchdacht, auch für Nicht-SF-Fans empfehlenswert

Myzel
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Mit „Myzel“ habe ich mich in ein Genre – Science Fiction – gewagt, das normalerweise überhaupt nicht mein Fall ist. Die Buchbeschreibung hatte mich angezogen und ich habe es nicht bereut, hier mal etwas ...

Mit „Myzel“ habe ich mich in ein Genre – Science Fiction – gewagt, das normalerweise überhaupt nicht mein Fall ist. Die Buchbeschreibung hatte mich angezogen und ich habe es nicht bereut, hier mal etwas Neues ausprobiert zu haben!

Es beginnt recht harmlos mit einer Gruppe Studenten, die mit ihrem Professor eine Forschungsexkursion auf die Schwäbische Alb machen. Wie man dem Klappentext schon entnehmen kann, geht es nicht so harmlos weiter. Der Grund für die Exkursion sind unbekannte Kreaturen, die nicht nur die Studenten, sondern bald auch eine brutale Staatsmacht auf den Plan rufen. Wie wir im Buch recht schnell erfahren, befinden wir uns im Jahre 2060 und in Deutschland hat sich eine Menge geändert – es ist ein totalitärer menschenverachtender Staat geworden.

So begeben wir uns eigentlich auf zwei Entdeckungsreisen – die auf der Suche nach Informationen über die Kreaturen und die in eine gar nicht so ferne Zukunft. Beide Reisen sind spannend, vielseitig und machen Spaß. Stefan Lochner benutzt drei verschiedene Erzählperspektiven, so wechseln wir zwischen der Studentengruppe, der ehemaligen Prostituierten Angelique (die mit ihrer direkten Art auch für humorvolle Momente sorgt und mein Lieblingscharakter war) und der polizeilichen Einsatztruppe. Diese Perspektivwechsel sind von Anfang an gut gelungen und verständlich, ermöglichen zudem immer neue Blickwinkel und geben dem Leser – nach und nach – das komplette Bild.

Der Schreibstil ist flüssig, an manchen Stellen allerdings holprig. Es gibt einige Dialoge und Abläufe, die unklar und verwirrend sind, Schliff benötigt hätten. Einige Begriffe werden zu oft verwendet, einige Dinge mehrfach erwähnt/erklärt. Sehr anstrengend fand ich die – für die Geschichte nicht relevante – Eigenschaft aller Charaktere, sich umgehend von allen andersgeschlechtlichen Menschen angezogen zu fühlen. Es gibt so gut wie keine Unterhaltung zwischen einem Mann und einer Frau, ohne flirtende oder zweideutige Bemerkungen, was manchmal etwas Pubertäres hat. Bei den drei Hauptpersonen tritt dies so gehäuft auf, daß es die ansonsten so gute Geschichte leider richtig stört.

Ein erneutes Lektorat wäre nicht nur aus den o.g. stilistischen Gründen, sondern auch zur Fehlerkorrektur nötig, die Fehler sind im höheren zweistelligen Bereich und somit doch sehr oberhalb der Toleranzgrenze.

Das war es aber auch an Kritikpunkten, denen dann viel richtig Gutes gegenübersteht. Der Spannungsbogen ist hervorragend – auf über 370 Seiten durchgehend die Spannung zu halten, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Ich war nie gelangweilt, wollte immer gleich weiterlesen. Dies liegt zum einen an den immer neuen Wendungen und dem guten Erzähltempo. Der andere Grund ist die geschickte Art, in der der Autor Informationen einbaut und vermittelt. Es gibt keine langen erzählerischen Hintergrundabsätze, die die Handlung aufhalten, es kommt nicht zu Info-Dumping und der Autor hat Mut zur Lücke. Manche Dinge sind nicht sofort klar, manches muß man sich aus den Zusammenhängen selbst kombinieren. Das gefällt mir und zeigt Respekt für den Leser, der nicht alles vorgekaut auf einem Tablett serviert haben möchte.

Die Welt von 2060 hat noch genug uns Bekanntes, was gerade für mich als Nicht-SF-Fan sehr angenehm war und dieses Buch auch für Leser zugänglich und empfehlenswert macht, die mit fremden künstlichen Welten nichts anfangen können. Daneben gibt es aber eben auch die gravierenden Änderungen zu heute, die alle plausibel sind und wichtige Themen ansprechen. Überwachung durch den Staat und die Perfektionierung dieser durch Vernetzung und technische Möglichkeiten, die uns heute schon recht bekannt sind. Die Rücksichtslosigkeit einer totalitären Regierung, die ihren Einsatzkräften die Wertlosigkeit des Lebens und den Spaß am Töten einimpft (für die es in der Geschichte und Gegenwart der Menschheit leider nur zu viele Vorbilder gibt). Die Macht des Staates, die so schnell mißbraucht werden und vor der man sich nie komplett sicher wähnen kann. Es ist faszinierend, wie durchdacht dieses 2060-Umfeld entworfen und geschildert wird.

Zu den Kreaturen selbst möchte ich nicht zu viel verraten, das soll man sich im Buch erlesen (und es lohnt sich!). Auch hier stellen sich interessante, auch ethische Fragen und es macht Spaß, immer neue Puzzlestücke zu ihnen zu bekommen.

Das Ende dann hätte besser gar nicht gestaltet sein können. Dieses gut aufgebaute spannende Buch war eine Lesefreude für mich.

Veröffentlicht am 06.06.2019

Unterhaltsam und informativ

Zarah Leander. Das Leben einer Diva
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Ein sehr interessantes Buch, welches sich so flüssig und angenehm liest wie ein Roman. Jutta Jacobi gelingt es, ein lebendiges und facettenreiches Portrait von Zarah Leander zu zeichnen, sowohl von der ...

Ein sehr interessantes Buch, welches sich so flüssig und angenehm liest wie ein Roman. Jutta Jacobi gelingt es, ein lebendiges und facettenreiches Portrait von Zarah Leander zu zeichnen, sowohl von der Künstlerin wie von dem privaten (so weit möglich) Menschen. Sie zitiert hier auch verschiedene Quellen und Interviews, so daß man gleich mehrere Gesichtspunkte und Meinungen erfährt, auch die zeitgenössischen Kritiken zu Zarah Leanders Auftritten und Filmen trugen viel bei. Jutta Jacobi zitiert auch aus Zarah Leanders Autobiographie - welche sich übrigens auch sehr erfreulich liest - und fügt eigene erklärende oder richtigstellende Bemerkungen hinzu, was ich nützlich fand. Sie geht auf die Weggefährten von Zarah Leander ein, gibt uns zu diesen Leuten die notwendigen Hintergrundinformationen, verliert sich aber nicht in weitschweifigen Biographien, was ich ebenfalls gut gelungen finde, denn zu detaillierte Lebensgeschichten von Weggefährten wirken meistens ablenkend und sind nicht immer interessant. Hier wurde ein gutes Maß an Begleitinformationen gefunden.

Für meinen Geschmack wurde allerdings Zarah Leanders Zeit in Deutschland zu kurz abgehandelt, insbesondere im Hinblick auf die sehr detaillierte Beschreibung einiger anderer Lebensepochen. Gerade diese zu so starken Kontroversen und Kritiken geführt habende Zeit hätte eine ausführlichere Betrachtung verdient, und blieb auch ein wenig oberflächlich.

Im Gesamten ist es aber eine gute Biographie, die ich mit Vergnügen gelesen habe. Als kleine Anmerkung: die Schrift im Taschenbuch ist ziemlich klein, bei den eingefügten Interviews noch kleiner. Ich konnte dies gut lesen, kann mir aber vorstellen, daß so mancher mit einer so kleinen Schriftgröße Probleme hat.