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Veröffentlicht am 31.08.2019

Eine Frau auf einem Dach und knapp 48 Stunden, die das Leben von zehn weiteren Charakteren verändern

Der Sprung
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Einen Tag und eine Nacht hält eine junge Frau einen Ort in der Nähe von Freiburg in Atem. Sie steht in Gärtnerkleidung auf einem Dach und droht, herunterzuspringen. Als die Polizei eintrifft, reagiert ...

Einen Tag und eine Nacht hält eine junge Frau einen Ort in der Nähe von Freiburg in Atem. Sie steht in Gärtnerkleidung auf einem Dach und droht, herunterzuspringen. Als die Polizei eintrifft, reagiert sie wütend und wirft mit Dachziegeln um sich.
Währenddessen versammelt sich eine Reihe von Schaulustigen vor dem Haus, darunter Anwohner und Passanten, aber auch der Freund der Frau und die Schwester. Finn ist in Manu verliebt, kennt sie aber noch nicht lange und weiß nicht, wie er reagieren oder helfen soll. Auch ihre Schwester Astrid ist überfordert, fürchtet sie doch die negative Publicity im Hinblick auf ihre Bürgermeisterkandidatur.
Andere, die Manu persönlich nicht kennen, sind von dem unerwarteten Spektakel beeinträchtigt. Die Polizei hindert Maren daran, ihre Wohnung zu betreten, Polizist Felix ist hilflos und grübelt über seine Vergangenheit, die Schülerin und Mobbingopfer Winnie kann sich endlich gegen ihre Peiniger zur Wehr setzen und das Ehepaar Theres und Werner, Eigentümer eines kleinen Lebensmittelgeschäfts, machen den Umsatz ihres Lebens.


Aus der Perspektive von zehn Menschen werden die knapp 48 Stunden geschildert. Es sind nur kurze Momentaufnahmen der Leben der einzelnen, aber dennoch erhält man durch die pointierte Erzählung einen ausreichenden Einblick und Verständnis für die Sorgen und Probleme der Protagonisten. Zu Beginn erscheint keiner wirklich glücklich, aber durch die Frau auf dem Dach wird eine Kette von Ereignissen aufgelöst, die in jedem Leben etwas bewirkt. Die Menschen werden aus ihrer alltäglichen Routine gerissen und reagieren ganz unterschiedlich darauf. Die einen werden unsicher und verlieren ihren Halt, während die anderen Veränderungen vornehmen und am Ende befreit wirken.
Aufgrund der Vielzahl der Protagonisten ist keine tiefgründige Charakterstudie möglich, was aber nicht bedeutet, dass der Roman oberflächlich ist. Jeder Charakter hat eine eigene Persönlichkeit und Rolle, da sich der Roman nicht wirklich um Manu und ihre Motive dreht.
Auch wenn ich aufgrund der Ausgangssituation eine ganz andere Erwartung an den Roman hatte und vom Verlauf der Handlung überrascht wurde, konnte mich der Roman und die einzelnen Schicksale durchgängig unterhalten.
Letztlich ist beeindruckend zu lesen, wie ein Vorfall einer zunächst fremden Person, eine Veränderung der Leben von nahezu Unbeteiligten bewirken kann.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen mit einer berührenden Suche nach den Wurzeln und einer etwas mysteriösen Liebesgeschichte

Der Letzte von uns
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Im Februar 1945 bringt Luisa während der Bombardierung Dresdens einen Sohn zur Welt. Da sie davon ausgeht, dass ihr Ehemann Johann im Krieg gefallen ist, bittet sie, bevor sie stirbt, ihn Werner Zilch ...

Im Februar 1945 bringt Luisa während der Bombardierung Dresdens einen Sohn zur Welt. Da sie davon ausgeht, dass ihr Ehemann Johann im Krieg gefallen ist, bittet sie, bevor sie stirbt, ihn Werner Zilch zu nennen, denn er sei der letzte Nachkomme der Familie Zilch.
Der Junge kommt in die Obhut ihrer Freundin und Schwägerin Martha, die nach der Kapitulation Deutschlands mit ihm in die Vereinigten Staaten von Amerika migrieren kann. Wern(er) wird erfolgreicher Miteigentümer einer jungen Baufirma in Manhattan und verliebt sich dort in Rebecca, eine rebellische junge Künstlerin, von der er noch nicht weiß, welche düstere Vergangenheit die beiden verbindet.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, erzählt die letzten Wochen des zweiten Weltkriegs und die Jahre nach Kriegsenden in Deutschland un den Vereinigen Staaten sowie in der Gegenwart die Jahre 1969 bis 1978.

Während die Vergangenheit, der Krieg und seine Folgen sehr eindringlich und schonungslos brutal geschildert werden, hat die Geschichte in der Gegenwart seine Längen. Wern verliebt sich Hals über Kopf in Rebecca, die mysteriös verschwindet, ihn aber nicht mehr loslässt. Rebecca bleibt lange etwas undurchschaubar bis klar wird, was sie quält. Erst dann wird zunehmend spannend erzählt, wie die beiden Familien von Rebecca und Wern zusammenhängen.

"Der letzte von uns" ist eine interessante Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen, bei der Kriegsereignisse aufgearbeitet werden und bei der prominente Zeitzeugen wie Wernher von Braun, nach dem der Protagonist benannt ist, eine Rolle spielen.
Die Liebesgeschichte von Rebecca und Wern konnte mich im Gegensatz zu den Schicksalen ihrer Ahnen weniger berühren. Sehr emotional und nachvollziehbar bewegend ist dagegen Werns Suche nach seinen Wurzeln geschildert. Gut gefallen hat mir auch die anschauliche und lebendige Schilderung der zeitgeschichtlichen Umstände 1945 und die 1960er-/ 1970er-Jahre im boomenden Manhattan.

Veröffentlicht am 14.08.2019

Kurze Kapitel, dynamische Szenenwechsel und ein raffinierter Plot sorgen für spannende Unterhaltung, auch wenn das Ende ein wenig schwächelt

Rotkäppchens Traum
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Annie Friedmann erwacht morgens orientierungslos im Wald. Sie weiß weder wie sie an diesen Ort gekommen, noch warum Blut und Knochensplitter an ihr haften. Sie hat massive Erinnerungslücken und kann sich ...

Annie Friedmann erwacht morgens orientierungslos im Wald. Sie weiß weder wie sie an diesen Ort gekommen, noch warum Blut und Knochensplitter an ihr haften. Sie hat massive Erinnerungslücken und kann sich zunächst nur an ihren Namen erinnern. Sie hat Angst, möchte aber nicht zur Polizei gehen, da sie weiß, dass es nicht ihr Blut ist, denn so massiv sind ihre Verletzungen nicht. Auch ist ihr die Gegend rund um Ulm fremd. Als Annie wieder einfällt, dass sie in Berlin eine Wohnung hat, kehrt sie zurück und sucht sich Hilfe bei Ben, den sie wenige Wochen zuvor über eine Partnerschaftsbörse kennengelernt hatte. Er deckt auf, dass sie ihm vor ihrem Verschwinden etwas vorgemacht hat und ihre Angaben auf der Website nicht der Realität entsprechen. Annie ist hilflos und verzweifelt. Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Hat sie selbst ein Verbrechen begangen? Sie muss sich auf die Suche nach der Wahrheit machen und fährt in Richtung Ulm zurück - in der Hoffnung, sich dort wieder zu erinnern.

Der Thriller ist überwiegend aus der Perspektive von Annie geschrieben, auf deren Einschätzung der Lage man sich aufgrund ihrer Amnesie jedoch nicht verlassen kann. Auch wenn sie sich sukzessive an Details und Situationen aus der Vergangenheit erinnert, weiß man nicht genau, welche Person man eigentlich vor sich hat bzw. ob Annie krank ist und an einer dissoziativen Störung leidet. Offensichtlich blendet sie belastende Ereignisse aus oder deutet sie um.
Mit Ben erhält man eine zweite Perspektive, dem Annie zunehmend unheimlich wird. Einerseits möchte er ihr helfen, andererseits traut er ihr nicht über den Weg.
Es ist ein Psychothriller, der den Leser von Anbeginn fesselt, da sich vom ersten Moment an viele Fragen auftun, die nur langsam und mit einem längeren Rückblick in die Vergangenheit vor sieben Jahren aufgeklärt werden. Dabei wird die Spannung lange durchweg hoch gehalten, der Leser immer wieder auf falsche Fährten gebracht und durch Wendungen überrascht. Die Protagonistin ist ein Unsicherheitsfaktor, die irritiert und deren Urteilsfähigkeit fortlaufend in Frage zu stellen ist. Selbst als ihre Rolle klar zu sein scheint, ist noch lange nicht geklärt, wer Rotkäppchen und wer Wolf ist.

Kurze Kapitel, dynamische Szenenwechsel und ein raffinierter Plot sorgen für spannende Unterhaltung, auch wenn das Ende ein wenig schwächelt.

Veröffentlicht am 27.07.2019

Traurige Geschichte über die Qualen des Kleinstadtlebens und die Schatten der Vergangenheit - unterhaltsam und voller Ironie erzählt

Kleinstadthölle
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Joe ist 34 Jahre alt und kehrt nach 17 Jahren erstmalig wieder in seine Heimatstadt nach Bush Falls zurück, da sein Vater mit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Er hat seinen Ort der Kindheit und ...

Joe ist 34 Jahre alt und kehrt nach 17 Jahren erstmalig wieder in seine Heimatstadt nach Bush Falls zurück, da sein Vater mit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Er hat seinen Ort der Kindheit und Jugend wohlweislich so lange gemieden, da er seit der Veröffentlichung seines Buches, das zu einem Bestseller und anschließend verfilmt wurde, scheinbar von der gesamten Stadt verhasst ist. Mit dem Roman, der einer Abrechnung mit seiner Jugend gleichkommt, hat er seine Wut und Trauer verarbeitet und damit viele Menschen vor den Kopf gestoßen oder öffentlich bloßgestellt. Für Joe war es eine Genugtuung, den Einwohnern einen Spiegel vors Gesicht zu halten und ihre Engstirnigkeit und Intoleranz anzuprangern.
Zurück in Bush Falls werden ihm die Folgen der Romanveröffentlichung für ihn, aber auch für seinen Vatern und seinen Bruder bewusst und wie sehr er noch an seiner Jugendliebe Carly hängt.

Der Roman ist bereits 2009 unter dem Titel "Der Stadtfeind Nr. 1" erschienen und wurde 2014 mit dem Titel "Kleinstadthölle" erneut veröffentlicht, ist aber dennoch zeitgemäß, denn derart antiquierte Ansichten wie sie der Autor über die fiktive Stadt Bush Falls beschreibt, stecken auch heute noch in vielen konservativen Köpfen.
Der Roman handelt Anfang der 2000er-Jahre, als Joe in seine Heimatstadt zurückkehrt und auf seine Jugend in den Jahren 1986/1987 und die Ereignisse zurückblickt, die zur Veröffentlichung seines Buches führten. Er erzählt von seiner Freundschaft zu Sammy und Wayne und seiner Liebe zu Carly.
Es ist ein Roman, der sehr unterhaltsam und voller Ironie geschrieben ist, gleichzeitig aber eine tragische Geschichte erzählt. Er handelt von Freundschaften, erster Liebe und Homosexualität und wie eine Highschool bzw. eine ganze provinzielle Kleinstadt mit einem Coming-Out umgegangen ist und welches Drama dabei ausgelöst wurde. Jahre später reflektiert Joe die Ereignisse von damals und dass auch er nicht frei von Fehlern ist und erhält damit die Chance, sich mit seinem Vater zu versöhnen und eine Annäherung mit Carly zu versuchen.
Der Roman ist authentisch geschrieben, wenn auch zumal - besonders in Gestalt der Nebencharaktere - bis an die Spitze getrieben. Es ist eine wunderbar unterhaltsame Geschichte über die Qualen eines Kleinstadtlebens und die Schatten der Vergangenheit und bietet die perfekte Balance aus Ernst und Humor.

Veröffentlicht am 24.07.2019

Clever konstruierter Kriminalfall in der Gluthitze des Outbacks - mit Spannung erfolgt man die Aufklärung aus Sicht des Journalisten

Outback - Fünf tödliche Schüsse. Eine unfassbare Tat. Mehr als eine Wahrheit
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In einer fernab gelegenen Kleinstadt der Dürre Australiens erschießt ein Pfarrer vor der Kirche fünf Männer, bevor er selbst von einem Polizisten erschossen wird.
Ein Jahr später kommt der Journalist ...

In einer fernab gelegenen Kleinstadt der Dürre Australiens erschießt ein Pfarrer vor der Kirche fünf Männer, bevor er selbst von einem Polizisten erschossen wird.
Ein Jahr später kommt der Journalist Martin Scarsden nach Rivers End, um anlässlich des Jahrestags über den Amoklauf zu berichten. Das Motiv für die Morde ist nach wie vor völlig unklar, aber die Polizei hat kein Interesse an weiteren Ermittlungen, da der Mörder selbst tot ist. Martin spricht mit den Einheimischen, die Reverend Byron Swift als charismatischen Seelsorger beschreiben und ihn sogar in Schutz nehmen. Andere bezeichnen ihn als Pädophilen, was die Tat erklären könnte, falls die Männer ihn mit diesem Vorwurf erpresst hätten.
Keine Mutmaßung passt zur anderen und als Martin immer noch mehr verwirrende Details aufdeckt, werden zwei Leichen gefunden.

Rivers End ist sehr anschaulich als eine Kleinstadt in der Einöde beschrieben, in der jeder jeden kennt, in der Geheimnisse im Verborgenen und Gerüchte im Umlauf sind. Die erdrückende Hitze, die dem Journalisten zu schaffen macht, ist spürbar.
Zu Beginn steht nur ein unaufgeklärtes Verbrechen, das aufgrund der Konstellation, dass es sich bei dem Täter um einen Pfarrer handelt, der regungslos und sehr präzise zielgerichtet fünf Menschen erschießt, den Leser in den Bann zieht. Je länger Martin in der Stadt ist, mit desto mehr Untaten wie Vergewaltigung, Entführung, Selbstmord und einem tödlichen Autounfall wird er konfrontiert.
Viele Details aus der Gegenwart und Vergangenheit der Stadt und aus den Lebensgeschichten der Einwohner prasseln auf den Leser ein, wobei lange unklar bleibt, wie diese alle mit Swift und seinen Morden in Zusammenhang stehen könnten.

Der Roman entwickelt sich langsam, wird von Kapitel zu Kapitel komplizierter und verworrener, bleibt aber durchweg spannend. Jedes Mal wenn man denkt, der Journalist hätte eine Erklärung für den Massenmord gefunden, tritt eine Offenbarung zutage, die neue Fragen aufwirft, die die Aufklärung erschweren und verzögern.

Gespannt verfolgt man aus der Sicht des Journalisten, der frühzeitig bei seiner Arbeit behindert wird, ob und was in dieser armselig wirkenden Kleinstadt vertuscht werden soll und wie die unterschiedlichen Puzzlestücke am Ende zusammen gehören. Seine Aufgabe, das Schlimmste für die Öffentlichkeit aufzudecken und Ereignisse erklärlich zu machen, wirkt besonders authentisch, da der Autor selbst Journalist ist und erkennbar seine

Berufserfahrungen in die Geschichte einfließen lässt.
Die hitzige Atmosphäre des Buschlands und undurchsichtige Charaktere, von denen man nicht weiß, wem Martin Glauben schenken kann, tragen zu dem unaufhörlichen Rätselraten bei und machen die Kleinstadt lebendig und real, was die Verbrechen noch schockierender erscheinen lassen. Wie diese im Einzelnen zusammenhängen, ist hochkomplex und clever konstruiert, wird aber letztlich schlüssig aufgeklärt.