Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.11.2019

Detektivroman mit unerwarteten Wendungen

Drei
0

Kriminalromane und Thriller sind nicht unbedingt das, was ich üblicherweise lese. Das vorliegende Buch lässt mich diesbezüglich umdenken, vielleicht weil es auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als ...

Kriminalromane und Thriller sind nicht unbedingt das, was ich üblicherweise lese. Das vorliegende Buch lässt mich diesbezüglich umdenken, vielleicht weil es auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als Kriminalroman daherkommt, sondern eher die Psyche der Frau fokussiert wird. Und doch geschehen in der Geschichte Verbrechen, die allerdings nicht im Mittelpunkt stehen und bis zu deren Entdeckung und Aufklärung eine Reihe unerwarteter Wendungen eintreten. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen ohne erkennbare Verbindung zueinander, denen ein allwissender Erzähler jeweils einen Buchabschnitt widmet. Es handelt sich um eine geschiedene, alleinerziehende Gymnasiallehrerin aus Tel Aviv, die den Rechtsanwalt Gil über ein Dating-Portal kennenlernt, eine Pflegekraft aus Riga, die Gils Vater gepflegt hat und der Gil eine Putzstelle bei ihm anbietet, und eine täglich in einem Café an ihrer Masterarbeit arbeitende Frau, die dort Gils Bekanntschaft macht. Während über die Frauen sehr viel zu erfahren ist, bleibt die Person von Gil eher vage. Die Verbrechen, die geschehen, scheinen unaufgeklärt zu bleiben. Der Detektiv taucht erst am Ende auf. Um die Spannung nicht zu nehmen, kann insoweit nicht mehr erzählt werden. Auf jeden Fall steigt die Spannung kontinuierlich an. Nur eine Antwort auf die Frage, warum die Verbrechen geschehen, gibt es eigentlich nicht.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Eine Survival-Geschichte mit traurigem Hintergrund

Sal
0

Die 13jährige Sal läuft zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Peppa von ihrem trostlosen Zuhause mit einer alkoholkranken, sie vernachlässigenden Mutter und deren übergriffigem Freund fort in ...

Die 13jährige Sal läuft zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Peppa von ihrem trostlosen Zuhause mit einer alkoholkranken, sie vernachlässigenden Mutter und deren übergriffigem Freund fort in die schottische Wildnis. Sie hat sich lange Zeit akribisch auf ihr survival mit Hilfe von YouTube-Videos und anderen Internetseiten vorbereitet.
Die Geschichte wird aus der Sicht und in der Sprache von Sal erzählt. Sie ist anders als andere Mädchen ihres Alters. Sie lächelt nie. In Rückblicken werden nach und nach die tragischen Gründe für die Flucht der Schwestern aufgedeckt, der unmittelbar ein schlimmes Ereignis vorausgegangen ist. Sal’s Stimme ist unverwechselbar und anschaulich. Sie wurde gezwungen, früh erwachsen zu werden. Trotz einer schlimmen Tat büßt sie aber beim Leser zu keiner Zeit an Sympathie ein. So traurig die Geschichte auch ist, ist sie doch zugleich auch humorvoll, was vor allem der niedlichen und kindlichen Art von Peppa geschuldet ist.
Nicht zuletzt aufgrund der so bildhaften Darstellungen der schottischen Natur werden diejenigen Leser das Buch mögen, die von einem Leben in der Wildnis träumen. Aber auch wer sich für deutsche Geschichte interessiert, kommt auf seine Kosten.

Veröffentlicht am 09.09.2019

Hop oder top

Miroloi
0

Hop oder top, entweder sehr gut oder sehr schlecht – nur so, denke ich, werden Leser diesen ersten Roman der durch ihren Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ bekannt gewordenen Autorin bewerten. Auf ...

Hop oder top, entweder sehr gut oder sehr schlecht – nur so, denke ich, werden Leser diesen ersten Roman der durch ihren Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ bekannt gewordenen Autorin bewerten. Auf die sehr ungewöhnliche, in wesentlichen Zügen schlichtweg realitätsferne Geschichte muss man sich einlassen können. Dieses Wagnis bin ich eingegangen und rechne mich jetzt zu den positiven Rezensenten.
Fiktiv ist fast alles – eine an den griechischen Mittelmeerraum erinnernde Insel als Schauplatz, auf dem etwa 1000 Bewohner völlig archaisch leben und die Männer das Sagen und die Rechte haben; die Gegenwart als zeitliche Ebene und vor allem die Romanfiguren. Allen voran die 16jährige Protagonistin, die als Findelkind auf die Insel gelangte, wo sie vom sog. Bethaus-Vater großgezogen und beschützt wurde, aufgrund ihrer ungeklärten Herkunft aber rechtlos auf unterster Stufe steht. Nur der ebenfalls sehr ungewöhnliche Buchtitel ist real. Er bezeichnet ein von Frauen gedichtetes und gesungenes Totenlied für einen Verstorbenen in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche. Exakt als solch Totenlied ist die von der namenlosen Protagonistin in 128 Strophen erzählte Geschichte formal unterteilt, in dem sie erzählt, wie sie sich gegen die patriarchalischen und religiös bestimmten Strukturen ihrer Gesellschaft auflehnt und für ihre Freiheit und die der übrigen Frauen auf der Insel einsetzt. Mit dieser Thematik ist die Geschichte also gar nicht einmal so realitätsfern, gibt es in der Welt doch tatsächlich genug ähnlich strukturierte Gesellschaften. Ganz besonders ist auch die Sprache des Romans, sehr poetisch und auf viele Wortschöpfungen und Fantasieworte zurückgreifend.
Dieses Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 und würde den Preis verdienen.

Veröffentlicht am 04.09.2019

Überwindung persönlicher Schuldgefühle

Laufen
0

Dieses Buch zu lesen kommt einem Lauf im Sauseschritt durch die letzten etwa achtzehn Monate im Leben der namenlos bleibenden Protagonistin gleich. Wir begleiten die verzweifelte 43jährige auf ihren zunehmend ...

Dieses Buch zu lesen kommt einem Lauf im Sauseschritt durch die letzten etwa achtzehn Monate im Leben der namenlos bleibenden Protagonistin gleich. Wir begleiten die verzweifelte 43jährige auf ihren zunehmend länger und weniger beschwerlich werdenden Joggingstrecken durch Hamburg, die sie nach einem schweren Schicksalsschlag in ihrem engsten persönlichen Umfeld, an dem sie auch aufgrund eigener Schuldgefühle schwer zu knabbern hat, aufnimmt, um davonzulaufen. Unterdessen kreisen ihre Gedanken um eben ihren Verlust und wir erfahren, was genau ihr die Kraft nimmt und wie sich der Sport, ihre Freunde und ihr Beruf als Bratschistin heilend auswirken und sie zurück ins Leben holen.
Schon Isabel Bogdans erstes Buch „Der Pfau“ fand ich absolut lesenswert und kann diese Empfehlung nur auf dieses neue Buch erstrecken. Während „Der Pfau“ satireartig ist und sich durch typischen britischen Humor und schräge Typen auszeichnet, ist der vorliegende Roman mit seiner Thematik rund um depressive Erkrankung eines Partners in einer Beziehung sehr viel ernsthafter und nachdenklicher angelegt. Dennoch ist auch er durchaus humorvoll. Gerade durch diese Zweigleisigkeit zeichnet er sich aus. Die Geschichte lässt einen so atemlos zurück, wie es die Protagonistin beim Laufen ist.

Veröffentlicht am 19.08.2019

Fortsetzung von Kleine Stadt der großen Träume

Wir gegen euch
0

Nach dem ersten Band „Kleine Stadt der großen Träume“ wird nunmehr auf die folgenden Monate eingegangen. Maya, Vergewaltigungsopfer im ersten Band, versucht, die schlimmste Zeit ihres Lebens hinter sich ...

Nach dem ersten Band „Kleine Stadt der großen Träume“ wird nunmehr auf die folgenden Monate eingegangen. Maya, Vergewaltigungsopfer im ersten Band, versucht, die schlimmste Zeit ihres Lebens hinter sich zu bringen; der für den Ort Björnstadt so wichtige Eishockey-Club steht vor der Insolvenz; ein Geheimnis eines begnadeten Spielers wird gelüftet und die Bewohner so gezwungen zu zeigen, wofür sie stehen. Und natürlich steht auch die Rivalität zwischen Björnstadt und dem Nachbarort Hed wieder im Vordergrund, die zu einem Kampf um Geld und Macht führt.
Backman ist es erneut gelungen, eine komplexe, zum Nachdenken anregende Geschichte über Verantwortung, zusammenbrechende Beziehungen, Hass und Verzweiflung zu schreiben. Er hat lebendige Charaktere geschaffen. Jede Romanfigur berührt auf irgendeine Weise. Einige Beschreibungen sind besonders gelungen, wie z.B. die der Ehe der Anderssons, die Risse bekommt. Hier stellt Backman kleine Worte und Gesten gekonnt in den Vordergrund. Ebenso wird alles rund um den Eishockeysport sehr lebendig geschrieben und kann sich der Leser so selber als Teil der ausgetragenen Spiele sehen. Der Sport bildet aber nur den Rahmen, so dass nicht nur Sportfans angesprochen werden. Der dem Autor eigene Stil ist beeindruckend, etwa seine Andeutungen, was in Zukunft mit den Charakteren passieren wird.
Ich fand auch diesen Band wieder sehr lesenswert.