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Veröffentlicht am 15.12.2019

Reale Ereignisse, mit Phantasie spannend fortgeführt

Der russische Spion
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Auch wenn mein Land hier im Thriller keine so “rühmliche” Rolle spielt (was wir sicher auch teilweise den Skandalen rund um das hier ebenso erwähnte BVT zu verdanken haben) hat es mich dennoch gefreut, ...

Auch wenn mein Land hier im Thriller keine so “rühmliche” Rolle spielt (was wir sicher auch teilweise den Skandalen rund um das hier ebenso erwähnte BVT zu verdanken haben) hat es mich dennoch gefreut, dass Wien relativ zu Beginn eine interessante Rolle spielen durfte.

Auf seiner Suche nach den Mördern eines russischen Überläufers betritt Gabriel Allon, seines Zeichens Leiter des Israelischen Geheimdienstes, also auch österreichischen Boden. Es entspinnt sich eine Jagd durch Europa, während der seine Beziehungen zu Graham Seymour, seinem britischen Äquivalent, hart auf die Probe gestellt werden.

Schauplätze in London, Bern, Washington, Wien, Straßburg, Tel Aviv und so weiter ergeben ein spannendes, kosmopolitisches Bild und wie immer bei Daniel Silva sind die geheimdienstlichen Aktivitäten wunderbar glaubhaft eingeflochten. Und, ebenso bemerkenswert: ein Großteil davon entspringt nicht einmal reiner Phantasie, wie Silva in seinen Anmerkungen erläutert.

Das Gefühl “es könnte doch wirklich so gewesen sein”, das man beim Lesen öfter mal bekommt, täuscht also nicht immer. Sehr realistisch sind auch die Gespräche hinter den Kulissen aufgezogen. Als “normaler Bürger” gibt es da ja selten Nachrichten nach außen, aber es ist gut vorstellbar, dass die Mächtigen immer zwischen der notwendigen Zusammenarbeit und dem grundsätzlichen Misstrauen untereinander hin- und hergerissen sind. Und es da keine klassischen Freundschaften geben kann, dennoch aber manche Staaten sich geheimdienstlich näher stehen als andere. Wie das politisch nach außen dringt, kann auch wieder ganz anders sein.

Nach “Der Drahtzieher” ist “Der russische Spion” mein zweiter und der insgesamt 18. Band der Reihe mit Gabriel Allon.

Veröffentlicht am 06.11.2019

Stillstand ist der Feind

Der chinesische Verräter
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Ein bisschen UK, ein bisschen USA und viel China wird dem Leser hier von Adam Brookes serviert. Aber Vorsicht: gewürzt ist “Der chinesische Verräter” mit sehr viel Geheimdienstalltag und Geheimniskrämerei.

Für ...

Ein bisschen UK, ein bisschen USA und viel China wird dem Leser hier von Adam Brookes serviert. Aber Vorsicht: gewürzt ist “Der chinesische Verräter” mit sehr viel Geheimdienstalltag und Geheimniskrämerei.

Für “outsider” beschreibt der Autor die Verhältnisse in Arbeitslagern, auf den Straßen der Städte und in den Köpfen derer die an der Macht sind, sehr authentisch. Aus einem solchen Lager flieht ein Mann, der zunächst eher unscheinbar wirkt, sich aber auf seine Art zu helfen weiß. Er reaktiviert alte Kontakte, die ihm außer Landes verhelfen sollen, seine Flucht fortsetzen sollen. Keinesfalls will er in Peking bleiben, wo die Wände Ohren und die Straßenlaternen Augen haben.

Durch Zufall gerät ein Unbeteiligter in die Sache hinein: Philip Mangan, britischer Journalist. An seinem Beispiel zeigt Brookes, dass es, wenn man als “normaler Bürger” dem Geheimdienst helfen “darf”, keineswegs immer sicher und glamourös zugehen muss, so wie sich das der Einzelne vielleicht vorstellt.

Philip steht dem Geflohenen, von allen nur Peanut genannt, kritisch gegenüber und hält auch nicht viel vom Auslandsgeheimdienst seines Heimatstaates. Letztlich aber hat er das Herz am rechten Fleck und begibt sich auf eine gefährliche Reise während derer er nach und nach herausfindet, mit wem er da zusammenarbeitet und welches explosive Material er da so in seinen Händen hält.

Das Buch ist flott zu lesen, wenn man mit sich selbst nicht zu streng ist und die auftretenden chinesischen Begriffe und Phrasen nicht nach Aussprache googlet. Es gibt zwar einige recht plötzliche Schauplatzwechsel, da die Zahl der wichtigen Personen und der Handlungsstränge begrenzt ist, behält man dennoch gut die Übersicht.

Manche Nebenhandlungen werden nur kurz oder nur wenige Male erwähnt, sie laufen auch nicht immer auf etwas Bestimmtes hinaus hatte ich das Gefühl. Aber dem Gesamteindruck schadet das nicht - man muss nur definitiv “Geheimdienstkram” gerne lesen!

Veröffentlicht am 25.10.2019

Ein streitbarer, aber sehr effektiver Charakter

Arrowood - Die Mördergrube
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Nach “In den Gassen von London” ist dies das erste Wiedersehen mit dem ebenso streitbaren wie schrulligen Privatdetektiv William Arrowood. Er sorgt sich um die Belange jener, denen es ebenso schlecht geht ...

Nach “In den Gassen von London” ist dies das erste Wiedersehen mit dem ebenso streitbaren wie schrulligen Privatdetektiv William Arrowood. Er sorgt sich um die Belange jener, denen es ebenso schlecht geht wie ihm selbst oder noch schlechter und das waren im viktorianischen London einige.

Er ist natürlich ebenso wie sein “Erzfeind” Sherlock Holmes, der allerdings wenig Notiz, in Arrowoods Augen aber viel zu viel Ruhm, von ihm nimmt, fiktiv. Aber es gibt noch eine Parallele zwischen den beiden brillanten Köpfen: auch Arrowood hat einen Assistenten - Norman Barnett. Allerdings stammt er aus einfacheren Verhältnissen und ist auch manchmal fürs Grobe zuständig. Aber erzählt die Abenteuer aus seiner Ego-Perspektive, wie Watson.

Und da Arrowood manchmal seine Emotionen und damit auch sein Mundwerk nicht kontrollieren kann, geraten er und Barnett öfter in prekäre Lagen als ihnen lieb ist. Für den Leser ist es aber ein gelungener Mix aus Action und Witz.

In diesem Band ist Arrowood im Auftrag eines Elternpaars unterwegs. Er soll die Tochter, die seit ihrer Hochzeit nicht mehr mit ihnen spricht, wieder nach Hause holen. Allerdings misstraut er den beiden. Die beiden Hauptdarsteller machen sich also auf die Suche. Dabei decken sie allerdings durch ihre Hartnäckigkeit, ihren Erfindungsreichtum und ein paar guter Kontakte eine wahre “Mördergrube” auf, im direkten und im übertragenen Sinn.

Veröffentlicht am 08.10.2019

Grausige Morde an der schottische Küste

Die Morde von Kinloch
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Neues von DCI Jim Daley, übergewichtiger und überzeugender Polizist und stolzer Schotte. Zu seinen privaten Problemen (lebt von der Frau getrennt) kommen einige berufliche hinzu. Sein bester Freund und ...

Neues von DCI Jim Daley, übergewichtiger und überzeugender Polizist und stolzer Schotte. Zu seinen privaten Problemen (lebt von der Frau getrennt) kommen einige berufliche hinzu. Sein bester Freund und Mitarbeiter, DS Brian Scott, laboriert an einer im Dienst erlittenen Verletzung, vor allem psychisch. Und was liegt da nahe, wenn man Schotte ist? Whisky natürlich.

Ohne gewohnte Unterstützung nimmt Daley also seinen neuen Fall auf. Ein Mord der an Mafia-Rache erinnert, grausam ausgeführt. Das passt nicht so richtig zum beschaulichen Kinloch. Dann passiert noch ein Mord und der Druck erhöht sich.

Das Buch ist Teil 4 einer Reihe und in “Die Morde von Kinloch” werden teilweise Ereignisse aus den vorhergehenden, insbesondere “Der Pate von Glasgow”, dennoch kann man die Krimis auch gut einzeln verstehen. Liest man sie aber in der anderen Richtung gibt es natürlich ein paar “spoiler”.

Hervorzuheben ist in jedem Fall der angenehme Erzählstil, der sich gefühlt dem Tempo der Ereignisse anpasst. Gemächlich und ruhig bei einer kniffligen Befragung, schneller und intensiver, sobald Waffen ausgegeben werden müssen vor einem Einsatz (was nicht allzu oft passiert). Nicht fehlen darf auch schöner britischer (schottischer) schwarzer Humor, der zwischendurch aufblitzt und trotz Spannung einige spaßige Momente beschert. Aye.

Veröffentlicht am 13.09.2019

Wenn das Lamm zum Terrier wird

Dead Lions
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Zu einem Zeitpunkt, als man nicht mehr damit rechnet, wird der Titel dieses Krimis doch noch erklärt, auf fast humorvolle Art. Humorvoll ist der zweite Band mit Jackson Lamb (seines Zeichens Chef der “lame-duck-Abteilung” ...

Zu einem Zeitpunkt, als man nicht mehr damit rechnet, wird der Titel dieses Krimis doch noch erklärt, auf fast humorvolle Art. Humorvoll ist der zweite Band mit Jackson Lamb (seines Zeichens Chef der “lame-duck-Abteilung” des MI5 und Dorn im Auge seiner Vorgesetzten) übrigens auch, sehr britisch manchmal, aber das soll auch so sein.

Jackson Lamb und seine Mannschaft, alles MI5-Mitglieder, die “aussortiert” wurden, weil sie eben so ihre Fehler gemacht haben, sitzen in Slough House fest. Das Abstellgleis für alle “slow horses” mit langweiligen Routinearbeiten, die sie zum Kündigen bewegen sollen.

Doch glücklicherweise - für das Team und für den Leser - wird die “Idylle” durch einen wenig beachteten Mordfall gestört. Lamb nimmt Witterung auf und plant seine ganz eine Operation. Doch es geht nur wenig vor, denn zusätzlich zieht auch das Hauptquartier noch Leute ab. Denn wenn gerade Not am Mann ist, sind die “slow horses” dann doch gerade noch gut genug für einfache Aufträge.

Wie gewohnt, schafft es Mick Herron, die Fäden und Erzählstränge und Örtlichkeiten am Ende zu verknüpfen und den krimierfahrenen Leser mehrmals in die Irre zu führen. Auch Jackson Lamb, der sich in Fälle verbeißt wie ein Bullterrier und vieles voraussieht, wird einmal überrascht.

Wer UK-Krimis mit Geheimdiensteinschlag und unkonventionelle Erzählkunst sowie nicht-ausgelutschte Metaphern mag, wird an diesem Buch seine Freude haben. Trotz der langen Kapitel ein flotter Lesegenuss.