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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.09.2019

Schnodderige gewitzte Ich-Erzählerin

Scherbenpark
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Nachdem ich mittlerweile schon fast das Gesamtwerk der von mir sehr geschätzten Alina Bronsky gelesen habe, war nun zum (vorläufigen!) Abschluss das Debüt der Autorin an der Reihe.

Die 17-jährige Ich-Erzählerin ...

Nachdem ich mittlerweile schon fast das Gesamtwerk der von mir sehr geschätzten Alina Bronsky gelesen habe, war nun zum (vorläufigen!) Abschluss das Debüt der Autorin an der Reihe.

Die 17-jährige Ich-Erzählerin Sascha hat alles andere als eine behütete, glückliche Jugend in einer Hochhaussiedlung in Darmstadt. Das ganze Drama erschließt sich erst nach und nach (wenn man den Klappentext vorher nicht liest – meine Empfehlung!) und als Leser kann man nur erstaunt sein, dass sie trotz allem ihren Lebensmut, die Lust am Lernen und auch ihren Humor behält. Sie trifft nicht immer kluge Entscheidungen und dabei hätte ich sie gerne von manchen abgehalten, denn Sascha ist mir bei der Lektüre ans Herz gewachsen.
Wird oft als Jugendbuch verkauft – ich fand es (auch) als Erwachsene sehr lesenswert.

Veröffentlicht am 17.09.2019

Anklage und Mahnung

Abschied von Sidonie
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Das dünne Büchlein "Sidonie" ist ein frühes Werk von Erich Hackl, das ganz zufällig seinen Weg zu mir fand.

Es ist eine Geschichte, die nahe geht. Eine Anklage und Mahnung. Sehr empfehlenswert!

Der Stil ...

Das dünne Büchlein "Sidonie" ist ein frühes Werk von Erich Hackl, das ganz zufällig seinen Weg zu mir fand.

Es ist eine Geschichte, die nahe geht. Eine Anklage und Mahnung. Sehr empfehlenswert!

Der Stil ist vor allem anfangs sehr dokumentarisch, aber der Autor bleibt nicht neutral, sondern schreibt auch emotional und wertend – insgesamt ergibt das eine runde, angemessene Erzählung. Es handelt sich bei "Sidonie" nämlich um eine wahre Geschichte, die der Autor so authentisch wie möglich und dennoch auch mit den Mitteln eines Literaten aufschreibt.

Veröffentlicht am 04.09.2019

Exodus der Afro-Amerikaner

Ein anderer Takt
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William Melvin Kelleys Debüt versetzt den Leser in die Südstaaten der USA Ende der 1950'er Jahre. Wie auf ein geheimes Signal hin, verlassen alle Schwarzen den unbenannten Bundesstaat. Die weiße Bevölkerung ...


William Melvin Kelleys Debüt versetzt den Leser in die Südstaaten der USA Ende der 1950'er Jahre. Wie auf ein geheimes Signal hin, verlassen alle Schwarzen den unbenannten Bundesstaat. Die weiße Bevölkerung bleibt ratlos zurück, sucht Erklärungen, weiß nicht, ob und wie sie reagieren soll. Es ist klar, dass dieser Exodus einen Wendepunkt bedeutet.

Dabei schreibt der afro-amerikanische Autor ausschließlich aus der Sicht der weißen Bevölkerung, was ein interessanter Schachzug ist – nicht nur, weil die genauen Umstände des massenhaften Aufbruchs mysteriös bleiben. Der tief verwurzelte Rassismus und der Glaube an die Legitimität einer weißen Vorherrschaft wird gerade durch diese Erzählform in verschiedenen Facetten beschrieben und es wird deutlich, dass sich diese Ansichten durch alle Bevölkerungsschichten ziehen. Das ist erschreckend, auch wenn bis zum Schluss die Hoffnung bleibt, dass sich an diesem System doch noch etwas ändern kann.

William Melvin Kelleys im Original bereits 1962 veröffentlichtes Debüt erscheint in Deutschland zu einem Zeitpunkt, in dem der Rassismus nicht nur in den USA wieder auf dem Vormarsch ist. Ein wichtiges, erschreckendes und mahnendes Buch.

Veröffentlicht am 27.05.2019

Verrückte, bitter-böse Familiengeschichte

Der Zopf meiner Großmutter
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Alina Bronskys neueste Geschichte "Der Zopf meiner Großmutter" spielt ein weiteres Mal unter russischen Kontingentflüchtlingen und wieder mal hat sie eine dominante Großmutterfigur geschaffen, die keinesfalls ...

Alina Bronskys neueste Geschichte "Der Zopf meiner Großmutter" spielt ein weiteres Mal unter russischen Kontingentflüchtlingen und wieder mal hat sie eine dominante Großmutterfigur geschaffen, die keinesfalls sympathisch ist, mir aber dennoch ans Herz wuchs. Max' Großmutter hat die kleine Familie fest im Griff, dominiert mit ihren Verrücktheiten den eigenen Ehemann und Enkel. Beide nehmen das recht lakonisch hin – auch nachdem der Großvater sich in eine andere Frau verliebt und das sowieso schon ungewöhnliche Familienleben auf den Kopf stellt.
Nach und nach entwickelt sich aus Vergangenheit und Gegenwart eine Familiengeschichte, in deren Vergleich die eigene Familie auf einmal ganz normal wirkt – egal wie verrückt sie sein mag. Anders erzählt, wäre diese ungewöhnliche Familiengeschichte wohl ganz schon dramatisch und entweder zu übertrieben oder aber langweilig. Alina Bronsky zeichnet die Figuren aber liebevoll, sodass sie mir alle ans Herz gewachsen sind. Im Zentrum dieser herrlich verrückten Geschichte steht die Großmutter, die das beste will, dabei aber ständig über das Ziel hinaus schießt. Man kann ihr nicht wirklich böse sein – auch die anderen Protagonisten sehen zwar ihre krankhafte Dominanz, schaffen es aber dennoch nicht, sich von ihr zu lösen und nehmen ihr ihre Art nicht wirklich übel.

Bevor die Geschichte und vor allem die Großmutter doch irgendwann anstrengend werden könnten, ist das verhältnismäßig schmale Buch auch schon beendet. Für mich war das genau das richtige Maß.
Der Witz in diesem Buch ist bitter-böse. Wenn man das mag und am besten noch einen kleinen Osteuropa-Faible hat, wird man hier prächtig unterhalten. Das Buch liest sich sprachlich locker und flüssig.

Veröffentlicht am 16.04.2019

Authentischer Briefroman

Zeilen ans Meer
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Sarah Fischer hat mit "Zeilen ans Meer" einen stimmigen Briefroman geschrieben. Die Briefe klingen nach einem authentischen Briefwechsel zwischen zwei Menschen, die sich auf diesem Weg kennen und lieben ...

Sarah Fischer hat mit "Zeilen ans Meer" einen stimmigen Briefroman geschrieben. Die Briefe klingen nach einem authentischen Briefwechsel zwischen zwei Menschen, die sich auf diesem Weg kennen und lieben lernen. Andere Briefromane wirken oft aufgesetzt und gekünstelt – dies ist hier überhaupt nicht der Fall.
Die Figuren Lena und Sam wurden für mich lebendig und wuchsen mir ans Herz. Ihre Liebesgeschichte ist realistisch mit Zweifeln und Problemen dargestellt – hier ist das Buch vielleicht für manche Geschmäcker an der Grenze zur Langatmigkeit, aber wie gesagt: eingedenk der Umstände, wie sich Lena und Sam kennen lernen und wie weit sie voneinander entfernt leben, ist das auch wirklichkeitsnah.

Der Schreibstil des Buches ist locker und sehr gut lesbar. Gefällt mir sehr gut.

Ein schöner Unterhaltungsroman in ungewöhnlicher, gelungener Form.

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