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Veröffentlicht am 14.01.2020

"Für die Ostdeutschen aber war der Mauerfall kein Ende. Er war ein Anfang."

Wie alles anders bleibt
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Leider war hier die Beschreibung zum Buch eher irreführend. Jana Hensel zeichnet hier kein vielfältiges Psychogramm, stattdessen geht sie wiederholt auf das Erstarken von Pegida und Afd im Osten ein. Ein ...

Leider war hier die Beschreibung zum Buch eher irreführend. Jana Hensel zeichnet hier kein vielfältiges Psychogramm, stattdessen geht sie wiederholt auf das Erstarken von Pegida und Afd im Osten ein. Ein wichtiges Thema, und ich finde auch, dass es sinnvoll ist die Ursachen dafür zu ergründen - damit man dann an diesen Ursachen arbeiten kann und im Idealfall den Rechtsruck stoppen und wieder etwas zurück drängen kann. Aber nach dem 3. Artikel dazu fand ich das Thema auch schon etwas ermüdend.

Außerdem sind nur sehr wenige Artikel aktuell, viele sind auch schon bis zu 15 Jahre alt. Denn es handelt sich hier um die Zweitverwertung von Essays, Interviews und Kolumnen, die Jana Hensel im Laufe der Jahre für diverse Printmedien geschrieben hat und halt mit Ostdeutschland zu tun haben.

Die hätte ich sicher gern in der jeweiligen Zeitung gelesen, zum damals auch aktuellen Zeitpunkt. Jetzt so gesammelt im Medium Buch finde ich es eher sub-optimal. Doch einige Dinge habe ich immerhin gelernt. Dass es Wochenkrippen gab, in denen die Kinder von Montag früh bis Samstag Mittag durchgängig waren, war mir tatsächlich neu. Auch dass die Ostdeutschen selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch quasi nicht-existent in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind war mir so nicht bewusst. Dabei gibt es ja ausreichend Menschen, die ihre Ausbildung unter westlichen Bedingungen absolviert haben, keine ideologischen Altlasten haben oder gar in "der Partei" waren und somit eigentlich genauso gut qualifiziert wären wie Menschen aus den alten Bundesländern. Aber die Top-Positionen traut ihnen dann doch niemand zu, am wenigsten wohl sie selbst. Das ist einem gar nicht so bewusst, ich meine , woher kommt schließlich die Bundeskanzlerin? Hallo? Und der letzte Bundespräsident, Joachim Gauck, ist auch aus der DDR. Aber die beiden sind auch die einzigen Ossis, die oben angekommen sind.

Über Angela Merkel schreibt Jana Hensel überhaupt gern und oft. Das war auch durchaus interessant. Aber wo sind die im Untertitel versprochenen "Geschichten aus Ostdeutschland"? Über die 'ganz normalen Menschen', und wie es ihnen jetzt 2019 so geht, wie für sie "alles anders bleibt". Die Geschichten habe ich sehr vermisst. Aber den Titel habe ich jetzt zumindest verstanden. Denn Hensel erwähnt in einem Essay auch, dass der Transformationsprozess der neuen Bundesländer abgeschlossen ist. Man kann also die Leute dort nicht mehr vertrösten und sagen "nur Geduld, das wird schon noch". Nein, zumindest ihrer Meinung nach (die ich durchaus für nachvollziehbar halte) ist der Osten schon 20 Jahre nach dem Mauerfall dort angekommen wo er jetzt bleiben wird, und noch immer ist alles anders und nichts so wie einst versprochen.

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Veröffentlicht am 12.11.2019

Der letzte Pfiff fehlte

Die vorletzte Reise der Ewa Kalinowski
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Ein Roadtrip mit Startpunkt in Wien und Ziel in Irland - das hat mich sofort angesprochen. Die Konstellation der Protagonisten - todkranke Frau in den 60ern und ein Mann in den 20ern als Freund, Chauffeur ...

Ein Roadtrip mit Startpunkt in Wien und Ziel in Irland - das hat mich sofort angesprochen. Die Konstellation der Protagonisten - todkranke Frau in den 60ern und ein Mann in den 20ern als Freund, Chauffeur und Reisebegleiter - ebenfalls. In beiden Punkten hält das Buch auch, was es verspricht. Die einzelnen Stationen der Reise sind wunderbar beschrieben, und ich habe richtig Lust bekommen, auch mal Straßburg oder die Kathedrale von Winchester zu besuchen, von der Lukas so begeistert ist.

Dennoch konnte mich das Buch leider nicht so recht begeistern. Den Figuren - besondersn Ewa - wird zwar durch Hintergrundinfos und Geschichten aus der Kindheit Tiefe gegeben, aber ich fühlte trotzdem nicht so recht mit ihnen mit. Womöglich lag es auch am Schreibstil. Die Autorin ist sehr genau, und erwähnt für jeden Reisetag wo es hingeht, was Lukas gemacht hat (Ewa hat größtenteils geruht), was Lukas zu den jeweiligen Mahlzeiten gegessen hat und vor allem auch wann und wo er wieviele Joints geraucht hat. Das mag die Geschichte für die einen plastischer und besser nachvollziehbar machen, für mich fühlte es sich zu 'technisch' an. Wie eine Auflistung im Krankenhausblatt. Es fehlte irgendwie der Pfiff und der Humor im Schreibstil, dann hätte ich dieselbe Geschichte gleich viel unterhaltsamer gefunden.

Am wenigsten gefiel mir das Buch dann, als die zwei in Irland ankommen und sich Lukas im Handumdrehen mit einer kompletten irischen Familie anfreundet. Das wirkte eher befremdlich auf mich.

Veröffentlicht am 06.10.2019

Schokotrüffel-Hygge

Die kleine Chocolaterie am Meer
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So schön wie der Schokoladen von Emma in dem kleinen Küstenort in Northumberland beschrieben ist würde ich da selbst gerne arbeiten. Oder zumindest mal zum naschen vorbei schauen. Manche der Kreationen, ...

So schön wie der Schokoladen von Emma in dem kleinen Küstenort in Northumberland beschrieben ist würde ich da selbst gerne arbeiten. Oder zumindest mal zum naschen vorbei schauen. Manche der Kreationen, die zahlreich und oft erwähnt werden im Verlauf des Buches, klingen wirklich köstlich!

Dagegen fällt die Handlung leider nur sehr durchschnittlich aus. Sie plätschert so vor sich dahin, mit kleinen Höhen und Tiefen, die manchmal arg konstruiert wirken. Das erste Treffen von Emma und Max, ihr darauffolgendes Sehnen nach dem Unbekannten während sie sich gleichzeitig einredet, dass es ja nun nicht so ungewöhnlich ist dass man mal jemanden begegnet, stürmisch küsst und dann nie wiedersieht. Ja, ne, überhaupt nicht! Als sich später einer der beiden doch wieder zurückzieht wirkt das auch sehr aufgesetzt, und fungierte wohl nur als 'Spannungsgenerator' für die Story - zündet aber in dieser Funktion eh nicht.

Spannung oder auch Spaß fand ich in diesem Buch nicht. Die Geschichte hat eher einen leicht melancholischen Touch, weil Emmas Herz immer noch an ihrer verlorenen großen Liebe hängt. Diese wird mehrfach erwähnt, ohne aber genau zu erzählen was genau geschehen ist. Ständig werden nur Andeutungen gemacht - wahrscheinlich auch um Spannung aufzubauen. Klappte aber auch hier nicht, es wird mit der Zeit nur nervig und man möchte ihr am liebsten zurufen "Jetzt erzähl es doch endlich!". Vor allem weil die 'Auflösung' am Ende dann auch eher in die 08/15 Kategorie fällt.

Trotz all dieser Kritik habe ich mich beim Lesen dennoch wohl gefühlt. Behaglich! Neudeutsch würde man wohl "hygge" sagen. Genau in diese Kategorie fällt dieser Roman für mich, und damit findet er ganz sicher auch sein Lesepublikum.

Veröffentlicht am 08.09.2019

Mehr Drama als Krimi

Verratenes Land
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Vor über 15 Jahren habe ich "24 Stunden" von Greg Iles gelesen. Das war ein gut geschriebener und vor allem richtig spannender Thriller, bei dem ich mitgefiebert habe.

Das ist bei "Verratenes Land" nicht ...

Vor über 15 Jahren habe ich "24 Stunden" von Greg Iles gelesen. Das war ein gut geschriebener und vor allem richtig spannender Thriller, bei dem ich mitgefiebert habe.

Das ist bei "Verratenes Land" nicht so. Es ist zweifellos gut geschrieben, aber statt einem Krimi ist es vielmehr ein groß angelegtes Drama, das zahlreiche Themen abdeckt. Schwierige Vater-Kind-Beziehungen, Verluste, Trauer, Schuldgefühle, Verrat, Betrug, erste Liebe, Affäre, Kriegstrauma.

Da gerät die eigentliche Geschichte - wie der Poker Club mit allen Mitteln den Bau einer chinesischen Fabrik durchkriegen will und anscheinend auch nicht vor einem Mord zurückschreckt - stark in den Hintergrund. Vor allem weil sich bei dieser Geschichte die ersten 300 Seiten fast gar nichts weiter entwickelt (stattdessen werden all die anderen Themen angerissen, inklusive zahlreicher Flashbacks).

Die gesamte Story spielt innerhalb nur weniger Tage (wenn man die zahlreichen Flashbacks in die Vergangenheit nicht mitrechnet natürlich), und so ergibt sich dann doch irgendwie eine steigende Dramatik. Doch obwohl der Protagonist mehrmals in lebensbedrohliche Situationen gerät, kam bei mir keine echte Spannung auf in dem Sinne, dass ich Angst um unseren Held hatte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass meine Sympathiewerte für ihn und diverse weitere Personen eher begrenzt waren.
Insgesamt war das Buch meiner Meinung nach zu überladen mit Themen, so dass der rote Faden schnell verloren ging. Vielleicht hätte hier eine Aufteilung auf mehrere Teile und dafür ausgefeiltere Storylines mit einem ordentlichen Spannungsbogen mehr Sinn gemacht.

Veröffentlicht am 10.08.2019

Hippie-Liebe in Sardinien

Von wegen Dolce Vita!
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Das war mein drittes Buch von Tessa Hennig, und zum dritten Mal steht eine äußerst rüstige Rentnerin im Mittelpunkt, die sich auf eine Reise in den Süden von Italien aufmacht, diesmal ist es Sardinien ...

Das war mein drittes Buch von Tessa Hennig, und zum dritten Mal steht eine äußerst rüstige Rentnerin im Mittelpunkt, die sich auf eine Reise in den Süden von Italien aufmacht, diesmal ist es Sardinien (das wunderschön beschrieben wurde). Und erneut geht es auch um Mutter-Tochter-Konflikte und alte Liebhaber/Väter.

Trotzdem ist die Story an sich durchaus unique, sie ist leicht und unterhaltsam. Dramatische Momente lösen sich relativ schnell wieder auf und man muss sich keine übermäßigen Sorgen machen dass sich am Ende nicht alles in Wohlgefallen auflösen wird. Genau das Richtige also für eine Sommerlektüre!

Gewohnheitsgemäß spitzen sich zum Ende hin alle Handlungsstränge zu und es wird ganz schön "wild". Absolute Authentizität sollte man in dem Buch nicht erwarten, dann kann man ein paar vergnügliche Lesestunden mit diesem Buch haben.