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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.12.2019

Das Leben in Nachkriegsdeutschland

Monis Jahr
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1955 lebt die 10 jährige Monika mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Ihr Vater ist seit mehr als 10 Jahren vermisst, doch ihre Großmutter glaubt fest daran, ...

1955 lebt die 10 jährige Monika mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Ihr Vater ist seit mehr als 10 Jahren vermisst, doch ihre Großmutter glaubt fest daran, dass er noch lebt. Dieses Jahr wird aufregend für Monika: Wenn sie die Prüfung besteht, kann sie als Erste in der Familie aufs Gymnasium. Doch das wird nicht die einzige Veränderung in diesem Jahr bleiben.
Die Geschichte wird konsequent aus der Sicht Monikas erzählt, die voll und ganz der Art eines Mädchens diesen Alters entspricht. So ist es sicherlich ohne Schwierigkeiten möglich, dass Kinder ab circa zehn Jahren dieses Buch ohne Schwierigkeiten lesen und verstehen können. Schwierigere Ausdrücke bzw Geschehnisse, die sich zu jener Zeit ereigneten, werden im Anhang kindgerecht erklärt.
Aber auch für Erwachsene ist diese Lektüre interessant. Man erfährt viel über das Leben in der Nachkriegszeit, beispielsweise wie ausgeprägt die Klassengesellschaft war. Auch wenn es heute noch schwierig ist, dass grundsätzlich jedes Kind aufs Gymnasium kommen könnte, damals war es schier eine Unmöglichkeit. Oder die erdrückenden Konventionen, denen sich die Frauen unterwerfen mussten. Fast-Witwen, deren Männer seit zehn Jahren vermisst waren, hatten kein Recht darauf, sich zu vergnügen, denn ansonsten wurden sie schnell als Flittchen abgestempelt. Doch auch die Hoffnung begann wieder zu wachsen, denn die Menschen fanden Arbeit und begannen, sich wieder etwas zu leisten. Vor 65 Jahren spielt diese Geschichte. Eigentlich kein allzu großer Zeitraum, doch es wirkt, als ob es in einer anderen Welt geschehen wäre. Insgesamt ein interessanter und unterhaltsamer Blick in eine Zeit, die mit der unseren nicht mehr viel zu tun hat.

Veröffentlicht am 10.11.2019

Herzlich schräg und nicht ganz ernst zu nehmen

Der wilde Detektiv
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Was für eine kuriose Geschichte, in der so ziemlich alle gängigen Genres durcheinander gewürfelt sind: Krimi, Dystopie, Liebesgeschichte, Abenteuerroman - für alle ist etwas dabei
Nach Trumps Wahlsieg ...

Was für eine kuriose Geschichte, in der so ziemlich alle gängigen Genres durcheinander gewürfelt sind: Krimi, Dystopie, Liebesgeschichte, Abenteuerroman - für alle ist etwas dabei
Nach Trumps Wahlsieg kündigt Phoebe Siegler voller Entsetzen ihren gut bezahlten Medienjob in New York und macht sich für ihre Freundin auf die Suche nach deren verschwundener Teenagertochter. Am Rand der kalifornischen Wüste trifft sie den 'wilden' Detektiv, der sie unterstützt und in den sich Phoebe verliebt. Ihre Nachforschungen führen die Beiden auf einen geheimnisvollen Berg, auf dem mysteriöse Dinge geschehen; in einen Schwemmkessel, wo die Ärmsten der Armen hausen; in die Wüste, wo der Stamm der Kaninchen in Einklang mit der Natur lebt und die Bären sich in anarcho-machohafter Weise düsteren Dystopiephantasien hingeben.
Das klingt chaotisch und etwas wirr? Das ist es auch, wozu der Erzählstil der leicht neurotischen New Yorkerin Phoebe das Seine dazu beiträgt. Sie springt nicht nur zwischen den Zeiten (wobei sich das in Maßen hält), sondern entwickelt auch gelegentlich Gedankengänge, die nicht immer leicht nachzuvollziehen sind. Ihren Zorn über die Wahl Trumps lässt sie immer wieder freien Lauf, während ihr Umfeld häufig keine Ahnung hat, wovon sie redet (und ich manchmal auch nicht ). Zudem gibt es vergleichsweise viele Verweise auf zumeist US-Amerikanische ZeitgenossInnen, die unsereins (ok, mir) nicht immer geläufig waren. Vermutlich verliert das Buch so an manchem Witz, aber ich habe mich trotzdem hin und wieder gut amüsiert: "'Was ist ein Downer?' - 'Ein kranker Bär.' - 'Und was macht ihr mit dem?' - 'Wir pflegen ihn natürlich gesund. Wenns ihm dann besser geht, können wir ihn umbringen.'"
Es passiert eine Menge in dieser Geschichte; es gibt Tote, geheimnisvolle Asiaten, ein König soll gekrönt werden - aber nichts wird wirklich aufgeklärt. Ob es da einen Teil 2 geben wird? Oder entspricht es einfach dem Durcheinander, das in diesem Buch Programm ist?
Erwähnenswert ist in jedem Fall die außergewöhnliche Sprache des Autors, die für den Übersetzer vermutlich Schwerstarbeit bedeutete (meine Hochachtung!): "... die Bäume wurden seltener, das Wüstengestrüpp tüpfelte den staubigen, geschundenen Boden mit der Kraftlosigkeit von Achselhöhlengrün oder Teenagerschamhaaren."
Fünfzig Seiten hat es ca. gebraucht und dann hatte mich das Buch in seinem Bann Etwas weniger Chaos wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, aber nichtsdestotrotz hat es mich gut unterhalten.

Veröffentlicht am 31.10.2019

Ein Versuch der Erklärung der Liebe - traurig und schön

Die einzige Geschichte
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Die Liebesgeschichte des 19jährigen Paul mit der knapp 30 Jahre älteren verheirateten Susan - man glaubt zu wissen, was da kommt. Doch diese Geschichte entwickelt sich völlig anders als es die Meisten ...

Die Liebesgeschichte des 19jährigen Paul mit der knapp 30 Jahre älteren verheirateten Susan - man glaubt zu wissen, was da kommt. Doch diese Geschichte entwickelt sich völlig anders als es die Meisten sich vielleicht zu Beginn vorstellten.
Paul erzählt im Rückblick von dieser unkonventionelle Beziehung, die ihr eher verklemmtes Umfeld in einem bürgerlichen Vorort Londons vor ca. 50 Jahren natürlich schockierte, obwohl sich beide vergleichsweise diskret verhielten. Nach zwei, drei Jahren ergreifen die Beiden die Konsequenzen und ziehen weg und zusammen - ein Happy End könnte man meinen.
Doch was im zweiten Teil folgt, ist ein Liebesdrama, für das Beide nicht wirklich verantwortlich zu machen sind. Susan ist gezeichnet von der Vergangenheit ihrer Ehe und Paul ist mit seinen etwas mehr als 20 Jahren schlicht nicht in der Lage, ihr aus ihrer Not herauszuhelfen. Ihre Liebe füreinander ist aufrichtig, doch für Beide sehr schmerzhaft. Paul lässt das Vergangene Revue passieren ohne zu beschönigen und fragt sich gleichzeitig, was falsch gelaufen ist; weshalb die Liebe nicht stark genug war, mit allem fertig zu werden.
Die letzten 70 Seiten erzählen von seinem Leben nach Susan und insbesondere, wie er nun mit der Liebe umging. Ein melancholischer Abschluss, denn die Erfahrungen seiner ersten Liebe haben ihn fürs Leben geprägt und ihn seine Unbeschwertheit verlieren lassen.
Auch wenn die Lektüre einen eher traurig gestimmt zurücklässt, lohnt sich das Lesen. Denn es ist kein Buch gegen die Liebe, sondern zeigt lediglich auf, welche Facetten diese auch haben kann, wenn das Leben einem nicht so wohlgesinnt ist. Das Ganze natürlich in der wunderbaren Sprache Julian Barnes, die so leicht daherkommt, als wäre diese Geschichte an einem schönen Sommernachmittag einfach so nebenbei niedergeschrieben worden. Schön und traurig zugleich - das muss man erst mal hinbekommen.

Veröffentlicht am 23.10.2019

Wirkt ausgesprochen realistisch

Wisting und der Tag der Vermissten
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William Wisting ist seit vielen Jahren ein erfolgreicher Kommissar. Und so ist es kein Wunder, dass ihn das nicht geklärte Verschwinden von Katharina Haugen vor 24 Jahren noch immer keine Ruhe lässt. Jedes ...

William Wisting ist seit vielen Jahren ein erfolgreicher Kommissar. Und so ist es kein Wunder, dass ihn das nicht geklärte Verschwinden von Katharina Haugen vor 24 Jahren noch immer keine Ruhe lässt. Jedes Jahr trifft er sich an dem Tag, an dem sie verschwand, mit ihrem Ehemann Martin Haugen, den er damals verdächtigte, aber dem nie etwas nachgewiesen werden konnte. Doch in diesem Jahr erfährt Wisting, dass Haugens Fingerabdrücke in einem anderen Fall aufgetaucht sind. Und am Tag ihres jährlichen Treffens ist er nicht aufzufinden.
Ob William Wisting tatsächlich der beste Kommissar Norwegens ist, wie das Cover behauptet, sei dahingestellt - immerhin gibt es da beispielsweise Harry Hole (und vermutlich noch andere ). Und in puncto Überraschungen, Action und Gewalt kann Wisting mit Harry Hole definitiv nicht mithalten. Dies hier ist ein sich fast schon gemächlich entwickelnder Krimi, bei dem man gefühlt beinahe in Echtzeit die Ermittlungen und Gedankengänge der jeweiligen ProtagonistInnen nachvollziehen kann. In erster Linie ist es natürlich Wisting, der diesen Vermisstenfall mittlerweile seit Jahrzehnten verfolgt. Dazu kommen noch seine Tochter Line, die als Journalistin an einer Reportage über eine unaufgeklärte Entführung schreibt. Und Adrian Stiller, ein Ermittler aus Oslo, der sich um alte ungelöste Fälle kümmert.
Durch dieses sich langsame Annähern war ich als Lesende in der Lage, praktisch zeitgleich mit den handelnden Personen zu ähnlichen Folgerungen zu kommen wie diese. Das führt dazu, dass es zwar keine allzu grossen Enthüllungen und Aha-Effekte gibt, aber das starke Gefühl entsteht, hier einer echten Geschichte zu folgen. Vermutlich ist dies der Grund, weshalb trotz vergleichsweise wenig Action und Überraschungen dieser Krimi bis zum Ende packend und spannend blieb. Ich schätze, ich werde mir die anderen Krimis mit Herrn Wisting auch mal anschauen

Veröffentlicht am 21.10.2019

Historischer Krimi zwischen Realität und Phantasie

Die Ewigkeit in einem Glas
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Im Jahre 1863 verschwindet die Tochter eines Adligen. Bridie Devine soll sich um das Wiederauffinden der Kleinen kümmern, doch bald stellt sie fest, dass deren Vater viel verschweigt. Auch in seinem Haus ...

Im Jahre 1863 verschwindet die Tochter eines Adligen. Bridie Devine soll sich um das Wiederauffinden der Kleinen kümmern, doch bald stellt sie fest, dass deren Vater viel verschweigt. Auch in seinem Haus erhält sie nur wenig Unterstützung und so ist sie froh über Ruby, der ihr zur Seite steht - auch wenn er tot ist.
Seltsame Figuren gibt es zuhauf in diesem neuen Buch von Jess Kidd. Die zwei Meter grosse Cora mit Backenbart; den toten Boxer Ruby, der in seinen langen Unterhosen Birdie überallhin begleitet; ein Chemiker, der unter anderem geniale Pfeifentabaksmischungen entwirft; ein Zirkusdirektor, der am liebsten Heinrich der VIII. wäre und viele andere skurrile Lebewesen. Dieses London jener Zeit wirkt wie eine Szenerie voll wunderlicher, erstaunlicher Besonderheiten, bei denen man als Lesende nicht ganz sicher ist, ob es Realität oder nur ein Produkt einer lebhaften Phantasie ist.
Dazu trägt nicht nur das bunt gemischte Personal bei, sondern sicherlich auch der besondere Schreibstil der Autorin. Scheinbar unbelebten Dingen werden annähernd menschliche Eigenschaften zugeschrieben: die Themse, 'die sauberer, lieblicher und ruhiger wird. Verschwunden sind ... die engen Windungen eines Flusses, der zu Bosheiten neigt.' Oder 'Der Mond weiss das; er sieht alles. Heute Nacht weist er uns den Weg ...'.
Auch die Hauptfigur Birdie steckt mitten in dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit von Realität und Phantasie. Als logisch denkender Mensch ist ihr völlig klar, dass es keine Geister gibt - und dennoch wird sie Tag für Tag von einem Toten begleitet, der ihr zudem sehr sympathisch ist. Sie sucht ein Kind und findet immer mehr Hinweise darauf, dass es sich hierbei um ein ausgesprochen seltsames und merkwürdiges Geschöpf handeln muss. Mir als Leserin erging es ein bisschen wie Birdie, die sich mehrfach selbst frägt: Ist es tatsächlich 'nur' ein normales Kind, was verschwunden ist? Oder ist doch was dran an den Mythen?
Das Ende ist gut gelungen: Denn während sich ihr aktueller Fall kaum auf logische Weise erklären lässt, entpuppt sich ein scheinbar logisch gelöster Fall aus ihrer Vergangenheit als reine Fiktion. Besser lässt sich kaum darstellen, wie nah Realität und Phantasie miteinander verbunden sind.
'Nur' vier Sterne gibt es, weil es mir ein bisschen zu viel des Guten von Allem war. Zu viele skurrile Menschen, zu viele Eindrücke von London, zu viel alles mit allem verbunden. Die Auflösung klappte zwar gut, aber zuviel war es mir dennoch