Profilbild von tinstamp

tinstamp

Lesejury Star
offline

tinstamp ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit tinstamp über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.12.2016

Atmosphärischer Roman aus dem winterlichen Wien

Ein Winter in Wien
0

Die österreichische Buchhändlerin und Autorin Petra Hartlieb hat im September ihren zweiten Roman "Ein Winter in Wien" veröffentlicht. Das wunderschön aufgemachte Buch mit Jugendstil-Elementen am Hardcover ...

Die österreichische Buchhändlerin und Autorin Petra Hartlieb hat im September ihren zweiten Roman "Ein Winter in Wien" veröffentlicht. Das wunderschön aufgemachte Buch mit Jugendstil-Elementen am Hardcover sieht wirklich sehr schick und elegant aus. Ich habe mich auf den ersten Blick verliebt!

Die Geschichte selbst umfasst nur 176 Seiten und erzählt aus dem Leben des Kindermädchens Marie, die im Hause des Schriftstellers Arthur Schnitzler's eine Anstellung gefunden hat. Sie kommt aus ärmlichen Familienverhältnissen und ist glücklich, endlich einen Arbeitgeber gefunden zu haben, wo sie sich wohlfühlt und genug zu Essen bekommt. Sie liebt die beiden Kinder der Familie, Lili und Heinrich, sehr und gibt sich große Mühe, um diese Stelle nicht zu verlieren. Als sie ihr Arbeitgeber eines Tages in die Buchhandlung schickt, lernt sie den jungen Buchhändler Oskar kennen.....

Die Autorin erzeugt ein großartiges Bild von Wien in der Zeit um 1910. Sie hat ihre Geschichte in der Sprache der damaligen Zeit und auch der Umgangsform angepasst. So verwundert es einem kaum, dass Marie anfangs mit den Buchhändlergehilfen Oskar, der sich in sie verliebt hat "per Sie" ist.
Die Stimmung dieser Epoche wird in dieser sehr ruhigen Geschichte ganz wunderbar von Petra Hartlieb eingefangen. Auch die bildhafte Beschreibung des winterlich verschneiten Wien und die Zeit des Advents, bis hin zum Heiligen Abend, erzeugen eine sehr heimelige Atmosphäre. Die Alt-Wiener Gepflogenheiten, sowie die Sprache und auch ein bisschen Wiener Dialekt fließen ebenso in den Text ein, wie übernommene französische Wörter. Plafond oder Trottoir etwa, die ich auch von meiner Oma noch kenne und hier auf dem Land manchmal noch benutzt werden.
Die Unterschiede zwischen den einfachen Leuten und der gehobenen Gesellschaftsschicht kommen sehr deutlich durch. Wenn man bedenkt, was sich hier in den letzten hundert Jahren an Erziehung, den Rechten der Frauen, der Klassengesellschaft und Bildung getan hat, glaubt man kaum, dass dies alles erst im letzten Jahrhundert passiert ist.
Bücher und der Buchladen, in dem Oskar arbeitet und bei dem Arthur Schnitzler immer wieder seine Romane und Gedichtbände bestellt, sind ebenfalls ein Thema in diesem Roman....eines das uns Büchersüchtigen immer zu Bücher, wie dieses greifen lässt.

Es gibt aber auch ein paar negative Aspekte, die ich auch erwähnen muss. So bleibt etwa die Liebesgeschichte sehr oberflächlich. Sie ist zwar Bestandteil der Geschichte und ist passend für die damalige Zeit. Das Paar kannte sich kaum und so ist die Liebe der Beiden sehr unschuldig. Als Leser erschlossen sich mir die annähernden Gefühle der beiden Figuren deswegen nur sehr wenig. Auch eröffnete sich mir die Aussage des Romans nicht wirklich. Die Geschichte ist sehr unaufgeregt und ruhig, lebt alleine von der Atmosphäre des winterlichen Wiens und den Einblick in den Tagesablauf von Marie. Die gesellschaftlichen Unterschiede zur elitären Gesellschaft, wie die der Schnitzlers und die kleinen Rückblicke in Maries und Oskars Kindheit, sind dabei sehr gut ausgearbeitet. Jedoch erhält man nicht wirklich einen Einblick, wie die Protagonisten zum Beispiel zur politischen Lage oder dem langsamen Aufbegehren der Unterschicht, stehen. Wer gerne mehr über diese Epoche des noch kaiserlichen Wiens lesen möchte, dem würde ich den Roman empfehlen, aber auch als Vorweihnachtsgeschichte ist sie passend...

Fazit:
Ein sehr ruhiger Roman, der von der winterlichen Atmosphäre Wiens und der Liebe zu Büchern lebt. Ein Gesellschaftsbild der Menschen dieser Zeit, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, jedoch mit sehr viel Charme und einen Blick in das kaiserliche Wien.

Veröffentlicht am 27.11.2016

München im Umbruch

Der Flug nach Marseille
0

Als ich den Klappentext gelesen habe, wusste ich, dass dies ein Roman ganz nach meinem Geschmack sein sollte. Der österreichische Autor, Theaterregisseur und Schauspieler Michael Wallner ist für mich noch ...

Als ich den Klappentext gelesen habe, wusste ich, dass dies ein Roman ganz nach meinem Geschmack sein sollte. Der österreichische Autor, Theaterregisseur und Schauspieler Michael Wallner ist für mich noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt, denn ich habe noch kein Buch des Autors gelesen. In den 256 Seiten des Romans stecken sehr viel Gefühl und Schmerz, sowie ein Stück Geschichte, das die völlige Zerissenheit Deutschlands aufzeigt.
Es ist die Zeit nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Deutschland ist plötzlich keine Monarchie mehr und die politische Lage ist sehr angespannt. In dieser Zeit der Zerissenheit lernen sich die Ärztin Julie Landauer und der Journalist Karl Kupfer kennen.
Julie, (der Name wird ausgesprochen wie der Monat) ist Anfang des 20. Jahrhunderts eine der wenigen Ärztinnen, die praktizieren. Sie ist erfolgreich im Job, allerdings erfolglos in der Liebe. Ihre Kindheit war geprägt von Kälte und Abneigung. So sucht sie sich auch immer wieder Liebhaber, die nie mehr von ihr wollen als eine Affäre. Als sie den liberalen Zeitungsredakteur Karl Kupfer kennenlernt, dessen Frau Nina an Diabetes leide, entdeckt sie erstmals tiefere Gefühle. Nina, eine Künstlerin, wird nach einem Zusammenbruch von Julie behandelt. Die Zuckerkrankheit ist zu dieser Zeit, vor der Herstellung des Insulins, tödlich. Es besteht jedoch eine kleine Hoffnung durch den Arzt Professor Lemieuvre in Marseille, der angeblich Diabetes erfolgreich behandeln kann. Doch die politische Lage zwischen Frankreich und Deutschland ist noch immer sehr angespannt. Wird man Nina helfen können? Und was wird aus der aufkeimenden Liebe zwischen Julie und Karl?

Dieser Roman ist sehr vielschichig. Michael Wallner widmet sich den politischen Themen ebenso wie den medizinischen. Doch der rote Faden ist die Liebe und die Freundschaft, ohne dass der Autor kitschig wird. Die Liebe zur Ehefrau, zur Geliebten, zum Sohn, doch auch zur Arbeit und zur Freiheit stehen im Vordergrund. Karl fühlt sich zerissen, denn einerseits hofft er auf die Genesung seiner Frau, sehnt sich aber auch nach Julie und seinem Sohn, der bei seinen Eltern untergebracht ist. Der Aufenthalt in Marseille lässt ihn schier verzweifeln, denn einerseits bemerkt er eine Distanz zu Nina, die ihm Schuldgefühle bereitet. Auf der anderen Seite spielt die politische Lage in München verrückt und er hat keine Möglichkeit diese als Redakteur festzuhalten. Als auch noch die Spanische Grippe in Südfrankreich zu wüten beginnt, denkt Karl an eine Rückkehr nach München ....

Man muss sich Zeit nehmen für dieses Drama und sich intensiv damit auseinandersetzen, um sich in diesem Roman fallen lassen zu können. Danach hallt die Geschichte noch lange nach. Das Ende hat mich jedoch etwas zwiespalten zurückgelassen, da es offen bleibt. Jedoch kann man sich den Ausgang denken...

Schreibstil:
Der Schreibstil des Autoren ist ziemlich dialog-lastig, bildhaft und leicht verständlich. Die Protagonisten sind detailliert beschrieben und die Gefühle von Karl und Julie werden sehr gut transportiert. Der geschichtliche Hintergrund spielt eine große Rolle und wurde hervorragend mit der Geschichte verknüpft. Ebenso die medizinische Seite im Roman.

Leider fand ich auch einen logischen Fehler im Roman. Auf Seite 75 spricht Julie von ihrem dreißigsten Geburtstag, den sie im April feiern wird. Dann feiert sie ihn plötzlich am Tag des Attentats an Kurt Eisler am 21. Februar.

Fazit:
Ein dramatischer Roman, der unter die Haut geht, nie kitschig wird und viel politisches Geschehen in sich birgt. Trotzdem fehlte mir das gewisse Etwas.....

Veröffentlicht am 27.11.2016

Die Clique

Dein finsteres Herz
0

Der Autor Tony Parsons war mir noch nicht bekannt und so begann ich relativ unvoreingenommen in den ersten Band der Reihe rund um Detective Max Wolfes reinzulesen. Schon der Prolog ließ mich sofort in ...

Der Autor Tony Parsons war mir noch nicht bekannt und so begann ich relativ unvoreingenommen in den ersten Band der Reihe rund um Detective Max Wolfes reinzulesen. Schon der Prolog ließ mich sofort in die Geschichte eintauchen. Die düstere Atmosphäre rund um ein junges Mädchen, das von einer Gruppe Jugendlicher gefangen gehalten und missbraucht wird, hat mich gepackt und entsetzt die Luft anhalten lassen.
20 Jahre nach diesem Vorfall lernen wir den Ermittler Max Wolfe kennen. Er ist neu im Dezernat Mord und Schwerverbrechen und hat es gleich zu Beginn mit einet grausamen Tat zu tun. Hugo Buck, einem reichen Investmentbanker, wurde die Kehle so brutal aufgeschlitzt, dass er fast geköpft wurde. Als ein zweiter Mord auf diese Weise passiert, führt die Spur zu Potter's Field, einer elitären Privatschule. Beide Opfer waren dort Schüler und gehörten derselben Clique an.

Der Plot ist nicht unbedingt neu. Ähnliches habe ich gereits bei Jussi Adler-Olsen gelesen oder im filmischen Bereich bei "The Riot Club" gesehen. So hatte ich schon bald eine Ahnung in welche Richtung der Thriller gehen wird, jedoch konnte mich der Autor doch noch einige Male überraschen. Trotzdem blieb die Frage "Wer war es?" immer in meinem Kopf und diese wurde auch erst ganz zum Schluss aufgelöst. Als Leser hat man schon einige Querverbindungen herausgefunden, doch die Polizei tappt noch längere Zeit völlig im Dunkeln. Die Ermittlungen laufen zäh für die Einsatzgruppe rund um Max, der als Einziger in die richtige Richtung zu denken scheint. Die beiden Toten bleiben aber nicht die Einzigen und als ein dritter Mann aus der ehemaligen Clique stirbt, gerät der Rest in Panik.

Der Spannungsbogen bleibt hoch und ich konnte den Thriller kaum aus der Hand legen. Jedoch weist die Geschichte in der Mitte ein paar Längen auf. Zum Finale hin wird es wieder spannend und die Auflösung offenbart erst am Schluß die wahren Hintergründe.

Max Wolfe als Detective gefällt mir sehr gut. Hier ermittelt endlich kein kaputter, geschiedener Alkoholiker, auch wenn er trotzdem ein schweres Päckchen mit sich herumträgt. Als überforderter Alleinerzieher seiner fünfjährigen Tochter Scout und dem gemeinsamen - nicht zimmerreinen - Hund Stan, findet man sofort Bezug zu diesem Mann. Er ist sympathisch und versucht, wie viele Frauen, einen Spagat zwischen Beruf und Privatleben und diese Sorgen und Nöte des Detectives teilt der Autor dem Leser auch mit. Man versteht seine Gefühle und ich denke jede berufstätige Frau kennt das Gefühl nirgends 100% geben zu können. Der liebevolle Umgang mit Tochter Scout und ein Detective als Hundeherrchen fand ich wirklich gelungen, macht ihn menschlich und hat wieder etwas Normalität nach einem brutalen Mord in die Geschichte gebracht.

Für mich war der Auftakt dieser Thriller-Reihe gelungen, auch wenn noch Luft nach oben bleibt. Da es das Debüt des Autoren ist, bin ich vorallem vom Schreibstil begeistert. Für mich war die Geschichte ein Pageturner und ich werde sicherlich auch die weiteren Bände der Reihe lesen.

Schreibstil:
Den Schreibstil von Tony Parsons fand ich angenehm und sehr gut lesbar. Der Autor versteht Szenen so zu umschreiben, dass man genau weiß, was passiert, die brutalen Worte aber nicht in den Mund nimmt. Es klingt fast etwas poetisch, was eigentlich zu einem Thriller nicht richtig passen will, sich aber wirklich gut lesen lässt, wie etwa diese Beschreibung einer krebskranken Frau:

"Sie bewegte sich mit der sorgfältigen Bedächtigkeit eines Menschen, den sein Körper hintergangen hat." - Seite 90 -

Die Geschichte wird aus der Sicht von Max in der Ich-Form erzählt. Auch der britische Humor kommt manchmal durch, was mir sehr gut gefällt.

Cover:
Das englische Originalcover ist genauso düster, wie das deutsche. Es hat allerdings die typischen Einheitsfarben eines Thrillercovers: schwarz-weiß-rot.
Trotzdem finde ich es nicht schlechter, als das deutsche Cover und kann mich auch nicht entscheiden, welches ich schlussendlich besser finde. Die deutschsprachigen Bücher werden mit ähnlichen Covern weitergeführt. Somit sieht man auf einem Blick, dass es sich um eine Reihe handelt.

Fazit:
Ein gelungener Auftakt einer Thrillerreihe, die ich weiter verfolgen werde. Ein sympathischer Ermittler und ein spannender Plot konnten mich überzeugen, auch wenn noch etwas Luft nach oben bleibt. Band 2 werde ich mir demnächt aus der Bücherei holen.

Veröffentlicht am 16.11.2016

Nichts ist, wie es scheint

Böse Lügen
0

"Böse Lügen" spielt auf den Falkland Inseln, einer kleinen Inselgruppe an der Südspitze von Südamerika, welches zu Großbritannien gehört...ein sehr interessantes Fleckchen Erde. Außerdem können sich vielleicht ...

"Böse Lügen" spielt auf den Falkland Inseln, einer kleinen Inselgruppe an der Südspitze von Südamerika, welches zu Großbritannien gehört...ein sehr interessantes Fleckchen Erde. Außerdem können sich vielleicht noch einige an den Falklandkrieg in den 80-er Jahren erinnern bzw. haben vielleicht schon einmal davon gehört.
Im Roman befinden wir uns allerdings im Jahre 1994. In den letzten vier Jahren sind hier drei Jungen verschwunden. Auch Catrin Quinn hat vor drei Jahren ihre zwei Söhne bei einem Unglück verloren. Die Meeresbiologin ist seitdem schwer traumatisiert und sinnt auf Rache. Denn für sie ist ihre ehemalige beste Freundin Rachel Schuld am Tod ihrer Jungen.
Als der kleine Archie, Sohn eines Touristenpaares, die mit einen Kreuzfahrtsschiff auf den Inseln angekommen sind, plötzlich verschwindet, beginnen auch die Inselbewohner nicht mehr an Zufälle zu glauben. Eine großangelegte Suche nach dem kleinen Jungen beginnt. Catrin muss allerdings einige Leute von der Suchaktion abziehen, als Hunderte von Wale an der Küste am anderen Ende der Insel stranden und zu sterben drohen. Die Rettungsaktion scheitert und plötzlich wird Catrin zur Außenseiterin, der man alles mögliche zuzutrauen beginnt. Als dann auch noch Rachels jüngster Sohn verschwindet, beginnt das Misstrauen ihr gegenüber überhand zu nehmen und Catrin schwebt in Lebensgefahr.....

Die Geschichte ist in drei Teile gegliedert und wird aus der Sicht von Catrin, Rachel und Callum erzählt. Der Zeitraum ist allerdings derselbe und so erfährt der Leser über die gleichen Vorkommnisse, aber aus verschiedenen Sichtweisen. Sharon Bolton hat dies sehr interessant aufgebaut. Als Leser rätselt man mit, wer mit dem Verschwinden der Jungen etwas zu tun haben könnte, was sich damals abgespielt hat und was passiert ist, dass aus den besten Freundinnen nun Feindinnen geworden sind. Durch die verschiedenen Erzählperspektiven wird die Vergangenheit immer mehr aufgedeckt. Nach und nach setzt sich ein Puzzlestück nach dem anderen ins Gesamtbild und rundet die Geschichte ab. Trotzdem gab es durch die sehr detaillierten Beschreibungen einige kleine Längen. Überraschende Wendungen und vorallem die schockierende Enthüllung ganz am Ende des Buches machten dies wieder wett und ließen mich sprachlos zurück.

Der Aufbau ist gelungen und die Stimmung ist vorwiegend bedrückend und düster. Die Spannung kommt langsam, aber stetig. Ich hatte das Gefühl, dass die Gefahr an allen Ecken und Enden lauert, doch was dahinterstecken könnte, war auch mir ein Rätsel....so sollte es bei einem guten Buch sein! Trotzdem würde ich nach dem Ende des Romans die Geschichte nicht als Thriller, sondern eher als Spannungsroman bezeichnen.

Die Gefühle der Protagonisten werden sehr eindringlich geschildert und irgendwie kommt man in einem Sog, der mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ. Die drei Hauptprotagonisten sind sympathisch, haben aber alle ihr Päckchen zu tragen und konnte ich ebenfalls nicht als Täter ausschließen. Callum, der ehemalige Freund von Catrin und Soldat im Falklandkrieg, kämpft seitdem mit einem posttraumatischen Verhaltenssyndrom und hat immer wieder Ausraster. Rachel hingegen versucht ihre Schuld am Tod der Jungen ihrer damaligen besten Freundin im Alkohol und mit Tabletten zu verdrängen. Und Catrin ist seit dem Verlust ihrer Söhne nicht mehr sie selbst. Nur die Aussicht auf Rache lässt sie nicht komplett zugrunde gehen....

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist absolut fesselnd und lässt sich sehr gut lesen. Dieser hat mich schon bei "Bluternte" absolut überzeugt. Die bildhafte Beschreibung der stürmischen Insel am anderen Ende der Welt und die lebendige Charakterdarstellung konnte voll bei mir punkten.

Fazit :
Ein tolles Setting, ein guter Plot, lebendige Charakterdarstellungen und bildhafte Beschreibungen machen dieses Buch zu etwas Besonderem. Trotzdem gab es kleine Längen und insgesamt reichte es nicht ganz an "Bluternte" heran. Düster und beklemmend und aus meiner Sicht kein Thriller, sondern eher ein Spannungsroman, in dem nicht alles so ist, wie es anfangs scheint.....

Veröffentlicht am 07.11.2016

Ein Glas Marillenmarmelade

Das Marillenmädchen
1

Dies ist mein erstes Buch der Autorin Beate Teresa Hanika. Mit "Das Marillenmädchen" hat sie einen sehr eindringlichen, für mich aber auch teilweise etwas verwirrenden Roman geschrieben. Der Leser begibt ...

Dies ist mein erstes Buch der Autorin Beate Teresa Hanika. Mit "Das Marillenmädchen" hat sie einen sehr eindringlichen, für mich aber auch teilweise etwas verwirrenden Roman geschrieben. Der Leser begibt sich gemeinsam mit unserer Hauptprotagagonistin Elisabetta auf eine Zeitreise - zurück in die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, und zu ihren beiden Schwestern Judith und Rahel.
Aber auch der Marillenbaum in ihrem Garten in Wien, der von Elisabettas Vater gepflanzt wurde, als sie noch ein Kind war, steht im Zentrum dieser melancholischen Geschichte. Dieser begleitet den Leser wie ein roter Faden durch den Roman. Im Laufe der Jahre werden alle Ereignisse aus Elisabettas Leben in Verbindung mit der Marillenernte und dem Einkochen von Marmelade gebracht. Jedes Glas steht für eines oder mehrere Erlebnisse aus ihrem Leben, was ich sehr gelungen fand.

Elisabetta, die jüngste von drei Schwestern, kämpft schon ihr ganzes Leben lang mit Schuldgefühlen, weil sie als Einzige der Familie den Holocost überlebte. Sie spricht mit ihren im KZ Dachau verstorbenen Schwestern Rahel und Judith, die sie weiterhin durch ihr Leben begleiten. Im großen Haus in Wien, in dem sie lebt, fühlt sie sich sehr einsam. Deshalb vermietet Elisabetta die im Obergeschoß leerstehenden Räume. Dort zieht nach einer Russin eine junge deutsche Tänzerin ein. Elisabetta wird schmerzlich an ihre Vergangenheit erinnert. An ihr schlimmstes Jahr, 1944, als ihre Familie abgeholt und ins Konzentrationslager gebracht wurde und sie alleine zurück blieb. Oder an Franz, ihre große Liebe, der nur Augen für ihre Schwester Rahel hatte. Doch Pola, die junge Deutsche, und die jüdische alte Dame kommen sich langsam ein bisschen näher und Elisabetta ahnt nicht, welches Geheimnis Pola in sich trägt....

Die Geschichte ist sehr leise und man verbringt viel Zeit mit Elisabetta unter dem Schatten des Marillenbaumes oder in ihrer Küche beim Einkochen der Früchte. Dabei spricht sie mit ihren toten Schwestern, bekommt Besuch von Franz, denkt an ihre Schildkröte Hitler und teilt mehr und mehr ihre Erinnerungen mit der jungen Deutschen.
Ganz identifizieren konnte ich mich nicht mit den Protagonisten und obwohl mich die Geschichte berührte, fehlte mir das gewisse Etwas für die Höchstbewertung. Leider hatte ich auch im Verlauf der Geschichte meine Probleme den Faden nicht zu verlieren, denn die Übergänge der verschiedenen Zeitebenen waren verlaufend und nicht gekenntzeichnet. Dadurch muss man wirklich sehr genau aufpassen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Ich lese sehr viele Romane mit verschiedenen Zeitebenen, doch hier war anfangs vieles für mich sehr verwirrend. So dauerte es einige Zeit, bis ich feststellte, dass es zwei Rahels gab - eine aus der Vergangenheit und eine aus der Gegenwart. Das finde ich nicht gut gelöst, auch falls es Absicht war, zwei gleiche Namen zu verwenden. Erst am Ende ergänzen sich die beiden Erzählstränge und runden das Gesamtbild ab.
Die Geschichte fordert einiges an Aufmerksamkeit und man sollte konzentriert lesen!

Schreibstil:
Die Autorin bedient sich einer sehr poetische Sprache. Man muss sich Zeit nehmen für diese einfühlsame Geschichte, denn es verstecken sich viele Andeutungen und Erklärungen hinter den Zeilen. Einige Fragen bleiben offen und lassen etwas Spielraum für eigene Gedanken.
Die Unterschiede zwischen den Zeitebenen hätte ich mir besser herausgearbeitet gewünscht, denn so verwirrte mich die fließenden Übergänge anfangs doch sehr.

Fazit:
Eine leise Geschichte, die durch ihrem poetischen Schreibstil glänzt und berührt. Jedoch verwirrten mich die fließend ineinander übergehenden Zeitebenen und Erzählperspektiven, die nicht markiert wurden. Man muss sehr konzentriert lesen und hier hätte ich mir eine kleine Angabe zu Zeit/Ort bzw. zum Jahr gewünscht. Ein besonderer Roman, der mich aber trotzdem ein bisschen distanziert zurücklässt.