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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.02.2020

Amüsante Unterhaltung in naiver Schreibweise

Der Große Garten
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In diesem Buch berichtet Lola Randl von ihrem Landleben im Dorf Gerswalde in der Uckermark. In kurzen Episoden, jeweils versehen mit einer Überschrift (und vorbildlich aufgelistet im Inhaltsverzeichnis ...

In diesem Buch berichtet Lola Randl von ihrem Landleben im Dorf Gerswalde in der Uckermark. In kurzen Episoden, jeweils versehen mit einer Überschrift (und vorbildlich aufgelistet im Inhaltsverzeichnis am Ende), erzählt sie von ihren Erfahrungen und Kenntnissen über die Gartenarbeit, sowie über das Leben im und mit dem Dorf. Es ist eine völlig andere Welt als jene in der Stadt und wenn sie beschreibt, wie die Stadtmenschen voller Begeisterung die Einfachheit des Landlebens idealisieren, spart sie auch nicht mit Selbstironie (sie war schliesslich auch ein Stadtmensch). So liest es sich durchaus amüsant, wenn man erfährt wie die Kreativen ins Dorf einfallen und sich überlegen, welche Workshops sie anbieten können, um dann bei primitiven Techniken zu landen, die man aber nicht so nennen soll.
Die naive Malerei des Einbands spiegelt den Stil des Buches wider - konsequent wird in einem Tonfall erzählt, der von einem ziemlich unbedarften, kindlich unbefangenem, treuherzigem und etwas einfältigem Menschen stammen könnte. Doch da es sich um eine Art Teilautobiographie handelt und die Autorin eine erfolgreiche Regisseurin ist, ist wohl davon auszugehen, dass sie es bewusst als Stilmittel eingesetzt hat, vielleicht um ihren Status darzustellen, als Neuankömmling im Dorf. Mich jedenfalls begann nach ca. zwei Dritteln des Buches diese Schreibweise zu nerven. Ein Beispiel: " Ich habe gleich gesagt, dass der Liebhaber die Nachbarin nicht vergessen darf. Aber dann hat er sie doch vergessen, und jetzt will die Nachbarin die Kinder nicht mehr bei sich haben. Ich hab gesagt, dass er jetzt zu ihr rüber muss und das wieder hinbiegen, aber er hat gesagt, dass sie jetzt wahrscheinlich schon im Nachthemd ist. Aber dann ist er trotzdem gegangen."
Hätte die Autorin bzw. der Verlag sich auf 200 Seiten beschränkt, hätte ich das Buch vermutlich mit einem Lächeln zufrieden zugeschlagen, denn Frau Randl hat durchaus etwas zu erzählen. Sowohl die historischen Begebenheiten von Gerswalde wie auch Diverses aus ihrem Privatleben (ob real oder nicht sei dahingestellt) lesen sich interessant und unterhaltend. Aber so viel Naivität ist mir dann doch zu viel.

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Veröffentlicht am 21.12.2019

Auch Nobelpreisträger können nicht so gute Bücher schreiben

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt
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Irgendwo in Kolumbien, in einem kleinen Dorf fernab der Welt, wartet der 75jährige Oberst seit Jahrzehnten darauf, dass ihm seine rechtmäßige Pension zuerkannt wird. Seine Frau und er haben mittlerweile ...

Irgendwo in Kolumbien, in einem kleinen Dorf fernab der Welt, wartet der 75jährige Oberst seit Jahrzehnten darauf, dass ihm seine rechtmäßige Pension zuerkannt wird. Seine Frau und er haben mittlerweile ihre gesamten Besitztümer verkauft, nur ein Kampfhahn ist noch ihr Eigen, der ihrem vor kurzem erschossenen Sohn gehörte. Mühsam füttern sie den Hahn durch, obwohl sie praktisch selbst nichts mehr zu essen haben, in der Hoffnung, dass er in der nächsten Kampfsaison gewinnt.
Mich ließ diese Lektüre unzufrieden zurück. Gut, Marquez' beeindruckender Sprachstil ist auch in dieser frühen Erzählung (Roman mag ich dieses schmale Büchlein nicht nennen) bereits zu erkennen. Doch ausser der Beschreibung einer völlig trostlosen Welt, die gerade mal so viel Hoffnung zu spenden vermag, dass der Protagonist am Ende zum Schei**efressen bereit ist, vermag ich dieser Geschichte nichts zu entnehmen. In älteren Kritiken wird darauf verwiesen, dass es hier um den Konflikt von Geist und Macht geht, wobei der Hahn für den Geist steht, die Illusion, die Utopie. Doch die Trostlosigkeit war für mich so stark, dass sie Alles überstrahlte. Eine meiner Meinung nach so deprimierende Lektüre, die man sich trotz des Nobelpreisautors sparen kann.

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Veröffentlicht am 10.11.2019

Manche Geschichten sind nicht des Erzählens wert

Nicht wie ihr
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Und meiner Meinung nach gehört diese dazu. Ein Jahr den (fiktiven) erfolgreichen und berühmten Fussballer Ivo zu begleiten und seine Gedanken zu teilen - dass hätte ich mir deutlich interessanter vorgestellt. ...

Und meiner Meinung nach gehört diese dazu. Ein Jahr den (fiktiven) erfolgreichen und berühmten Fussballer Ivo zu begleiten und seine Gedanken zu teilen - dass hätte ich mir deutlich interessanter vorgestellt. Doch was hier über rund 300 Seiten ausgebreitet wird, hat einen Informations- und Unterhaltungswert, für den auch 100 Seiten ausgereicht hätten.
Ivo ist ein Egomane in Reinform und dazu von schlichtem Gemüt. Worte sind nicht so seins und am liebsten würde er allen aufs Maul oder sonstwohin schlagen, denn verdient hätten sie es allemal. Er ist ein richtiger Proll, der jedoch glaubt, der Einzige mit Ahnung zu sein von was auch immer und betrachtet praktisch alle als ihm völlig unterlegen. Doch wehe, man erkennt dies nicht an, dann ist Ivo kurz vorm Ausrasten und mit seiner mühsam antrainierten Gelassenheit ist es schnell vorbei. Denn tief in seinem Innern steckt er noch immer voller Minderwertigkeitskomplexe, die auf keinen Fall ans Tageslicht kommen dürfen.
Es ist wirklich grandios, wie überzeugend der Autor Tonio Schachinger diesen Tonfall darstellt und die kompletten 300 Seiten durchhält. Für mich wurde Ivo immer mehr zu einer realen, wenn auch unsympathischen Person. Doch es hat mir trotzdem nicht geholfen, denn auch der beste Stil macht eine lahme Geschichte nicht zu einer fesselnden Lektüre. Und lahm ist diese Geschichte. Es passiert nahezu nichts, ausser dass Ivo Fussball spielt, mit seiner Frau schläft und sie betrügt und mit ihr bei Familienfesten und Sponsorenveranstaltungen erscheint. Seine Gedanken kreisen überwiegend um sich selbst und seine Großartigkeit und die Unzulänglichkeiten der Anderen - womit praktisch der Rest der Welt gemeint ist. Ab und zu geraten ihm gerade durch die Schlichtheit seines Wesens witzige Gedanken: "Also liest Ivo seiner Tochter die Geschichte von Narziss vor, einem schwulen Typen, der auf sich selber steht und eigentlich niemandem etwas Böses tut, außer irgendeine Frau nicht zu erhören, die auf ihn steht. Und weil die nicht mit der Ablehnung klarkommt, verflucht sie ihn. Was soll DAS seiner Tochter sagen? Dass man sich nicht zu oft in den Spiegel schauen soll, OK, aber das war ja nicht der Fehler. Der Fehler von Narziss war einfach, Pech zu haben und an eine böse Frau zu geraten, die, wenn man ehrlich ist, ihn sowieso verflucht hätte, wenn nicht deswegen, weil er sie nicht angeschaut hat, dann später, wenn sie draufgekommen wäre, dass er schwul ist, oder sie sich nach ein paar Jahren Ehe langweilt. Also, was hätte er machen sollen?" Aber für die fast 300 Seiten sind es einfach zu wenige solcher Lichtblicke.
Nach ca. 150 Seiten habe ich mich dabei erwischt, dass ich immer oberflächlicher gelesen habe, weil ich nur noch fertig werden wollte. Schade drum, denn der Tonfall ist ausserordentlich gut getroffen.

Veröffentlicht am 06.10.2019

Ein sehr gefühliges Jugendbuch verpackt als Erwachsenenliteratur

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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1987 verliert die 14jährige June ihren geliebten Onkel Finn an die Krankheit Aids. Sie ist voller Trauer, mit der sie allein klarkommen muss. Denn mit ihrer 16jährigen Schwester verbindet sie eine Hassliebe ...

1987 verliert die 14jährige June ihren geliebten Onkel Finn an die Krankheit Aids. Sie ist voller Trauer, mit der sie allein klarkommen muss. Denn mit ihrer 16jährigen Schwester verbindet sie eine Hassliebe und ihre Eltern gehen eher rational mit Finns Tod um. Doch da gibt es noch den geheimnisvollen Toby, Finns Freund, dem ihre Mutter die Schuld an dem Tod ihres Bruders gibt. Sie verbietet June den Kontakt zu Toby, doch deren gemeinsame Trauer um den unermesslich geliebten Menschen verbindet sie.
Ganz schön ambitioniert, was die Autorin alles in diese Geschichte packt. Verlust der ersten großen Liebe, Erwachsenwerden, Geschwisterliebe, Eifersucht - ein bisschen viel selbst für die über 430 Seiten. Denn leider gelingt es ihr nicht, sich zumindest auf einen dieser Punkte richtig zu konzentrieren. Stattdessen wird von einem zum nächsten Thema gewechselt, ohne dass eines davon ernsthafter vermittelt wird. Die fünfzehnjährige June, die von ihrem zurückliegenden Jahr erzählt, verliert sich in teilweise endlosen Gefühlsbeschreibungen und wiederkehrenden Phantasiewelten, die spätestens ab der Mitte des Buches langweilig zu werden beginnen.
Die letzten knapp 80 Seiten gipfeln schlussendlich in einem dramatischen Finale, das sich in einem amerikanischem Spielfilm sicherlich gut machen würde, in dieser Geschichte jedoch übertrieben wirkt.
Schade drum, denn der eigentliche Ansatz ist nicht schlecht. Mehr Konzentration auf ein Thema (oder auch zwei) hätten dem Buch gut getan. Und es wäre vermutlich eine bessere Geschichte (nicht nur für Jugendliche) geworden.

Veröffentlicht am 15.09.2019

Begeisternde Sprache, vorhersehbare Handlung

Miroloi
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Die zunächst noch namenlose Ich-Erzählerin lebt auf einer Insel in einem Dorf, in dem patriarchalische, archaische Gesetze gelten, gottgegebene Gesetze. Als Findelkind ist sie eine Außenseiterin, dem Misstrauen, ...

Die zunächst noch namenlose Ich-Erzählerin lebt auf einer Insel in einem Dorf, in dem patriarchalische, archaische Gesetze gelten, gottgegebene Gesetze. Als Findelkind ist sie eine Außenseiterin, dem Misstrauen, der Wut und sogar dem Hass der Dorfbevölkerung ausgesetzt. Nur ihr Ziehvater, der als Bethaus-Vater eine Autorität im Dorf ist, hält seine schützende Hand über die Sechzehnjährige wie auch Mariah, eine ältere Frau. Doch die Aggressionen gegen sie nehmen immer weiter zu, aber statt sich wie die anderen Frauen im Dorf zu fügen, beginnt sie eigene Gedanken zu entwickeln, die sich gegen die herrschende Meinung richten.
Eines steht ohne Zweifel fest: Karen Köhler, die Autorin, hat für diese junge Frau in einer frühzeitlichen Dorfgemeinschaft eine grandiose Sprache gefunden. Zu Beginn sind ihre Sätze schlicht und mit einfachen Worten, aber parallel zu ihrer fortschreitenden Entwicklung wird auch ihre Sprache zunehmend komplexer. Da es eine sehr ursprüngliche Gesellschaft ist in der sie lebt, ist Vieles um sie herum kein Objekt das betrachtet wird, sondern besitzt in all seinen Ausprägungen eine Persönlichkeit, was sich in ihren Wortschöpfungen und ihrem Stil ausdrückt: "Je mehr ich die Neugier füttere, desto weniger ist sie satt." Oder "Trauer ist ein Biest, das dich jederzeit anfallen kann. Mal würgt es dich und raubt dir den Atem, mal reißt es dir die Gedärme raus, mal tropft es still durch deine Augen, mal liegt es bergschwer auf dir, saugt dir jedes Gefühl aus dem Leib und drückt dich zu Boden, dass du denkst, du kommst nie wieder vom Fleck."
Leider erreicht das Niveau der Handlung bei weitem nicht das der Sprache. Zwar stellt die Autorin sehr gut verständlich klar, wie diktatorische Systeme funktionieren und dass das Einzige, was dagegen hilft, Bildung und Zusammenhalt ist. Doch die Geschichte ist vorhersehbar und schlicht unoriginell. Überraschungen gibt es praktisch keine, der Verlauf entspricht im Großen und Ganzen dem, was man nach ca. einem Fünftel des Buches bereits zu ahnen beginnt. So wird das Lesen zäh, denn auch die schönste Sprache hilft nicht über eine eher reizlose Handlung hinweg. Schade drum.
Zuguterletzt: Eigentlich eine schöne Idee des Hanser Verlages, den Seitenschnitt mit einer Art Klappe zu versehen, auf die der Titel nochmals gedruckt ist. Optisch macht das was her, doch während des Lesens empfand ich es als ziemlich störend; irgendwie war mir diese Papierklappe ständig im Weg.