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Veröffentlicht am 01.04.2026

Lange Schatten?

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, ...

Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, die Sicht in die Vergangenheit ist versperrt. Wie viele Türen mögen sich dahinter noch verbergen?

Die 1970 geborene Autorin begann mit etwa 50 Jahren, sich für die Kriegserlebnisse ihres Großvaters zu interessieren:

"Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet." (S. 10)

Weder die 1990 verstorbene Großmutter, noch die im November 1945 geborene Mutter oder deren ältere Brüder haben, abgesehen von harmlosen Anekdoten, jemals über den 1904 geborenen Großvater gesprochen, der 1932 in die NSDAP eintrat und mit der Waffen-SS in der südostpolnischen Kleinstadt Radom stationiert war. Dort wurde im Frühjahr 1941 ein Ghetto für 33.000 Menschen errichtet, im August 1942 binnen zweier Tage mit äußerster Brutalität wieder aufgelöst und die Bewohnerinnen und Bewohner erschossen oder nach Treblinka bzw. Auschwitz deportierten. Ein Foto zeigt den Großvaters in SS-Uniform in Radom im Juli 1941, eine Beteiligung an den Verbrechen ist sehr wahrscheinlich.

Das große Schweigen
Nachdem die Mutter bei ihrer Weigerung, über ihren Vater zu reden, blieb, reiste Judith Hermann im Februar 2024 nach Radom und verbrachte einige Wochen in der eisigen, abweisenden Stadt, ohne mehr als den Ort zu finden, an dem das Foto aufgenommen wurde. Telefonate mit ihrer Mutter glichen immer mehr Verhören durch eine zunehmend empörte Tochter:

"Wie konnten die Geschwister, wie konnte meine Mutter darauf bestehen, diesen Vater nicht gekannt zu haben." (S. 19)

Von Radom fuhr Judith Hermann weiter nach Neapel zu ihrer als Archäologin tätigen Schwester und deren Familie. Zwar wich die Isolation und Schwermut von Radom einem lebhaften Familienleben in Süditalien, doch zeigte die Schwester keinerlei Interesse an ihren Nachforschungen und die Distanz blieb beidseitig:

"Ich wollte sagen, diesen Fund der Skelette nennt man einen geschlossenen Fund. Wir sehen davon aus, dass das Ereignis abgeschlossen gewesen, dass nichts mehr dazu gekommen ist. […]
Ich sagte, diese Sache mit unserem Großvater ist demzufolge kein geschlossener Fund.
Meine Schwester sagte, o.k. Ist kein geschlossener Fund." (S. 129)

Im kürzeren dritten Abschnitt geht es um das kurzzeitige Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise, auch dies eine "beeindruckende Leerstelle, die bis heute Leerstelle geblieben ist; ein geschlossener, zugleich offener Fall“ (S. 148).

Zu viele Leerstellen
"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" war mein erstes Buch von Judith Hermann und formal wie sprachlich so gekonnt, wie ich es von dieser häufig ausgezeichneten Autorin erwartet habe. Inhaltlich war ich dagegen enttäuscht. Zwar können Leerstellen eine Geschichte durchaus interessant machen, wenn es aber nur Leerstellen gibt, bleibt wenig übrig. Ich hätte gerne mehr über die Motivation für ihre Recherche erfahren als den Hinweis auf die inzwischen wissenschaftlich belegte, hinlänglich bekannte Tatsache, „dass sich das Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigt“ (S. 87). Auch die Beweggründe für die Neapelreise blieben unscharf. Schade außerdem, dass es Judith Hermann ausschließlich um eigene Befindlichkeiten geht und fast keine Auseinandersetzung stattfindet mit den Gründen für das mütterliche Verhalten, deren Loyalitätskonflikt, ihre Angst vor dem Schulderbe und dem diese Verdrängung begünstigenden politisch-gesellschaftlichen Klima nach dem Krieg. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm, der zwar nicht der Enkelgeneration angehört, aber bei der Recherche zur Kriegsgeschichte seines deutlich älteren Bruders nach dem Tod seiner Eltern genau diese Aspekte beleuchtet.

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Veröffentlicht am 08.10.2023

Von Faszination zu Überdruss

Meine Männer
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Die 1881 aus der mittelnorwegischen Region Trondheim in die USA ausgewanderte Belle Gunness gilt als eine der berüchtigsten Serienmörderinnen ihrer Zeit. Ihre Geschichte diente schon häufig als Stoff für ...

Die 1881 aus der mittelnorwegischen Region Trondheim in die USA ausgewanderte Belle Gunness gilt als eine der berüchtigsten Serienmörderinnen ihrer Zeit. Ihre Geschichte diente schon häufig als Stoff für Unterhaltungsliteratur, Feuilleton, Spielfilme und Dokumentationen. Nun hat die 1985 geborene norwegische Autorin Victoria Kielland ihr Leben als Vorbild für den Roman "Meine Männer" gewählt, weder als Biografie noch als True Crime, sondern, wie sie selbst sagt, als „eine literarische Fantasie, frei inspiriert von tatsächlichen Geschehnissen“ (S. 187)

Von Brynhild…
Unvorstellbare Gewalt erfährt die 1859 als Brynhild geborene Frau in Kiellands Roman. 17-jährig hat sie als Dienstmädchen eine Liaison mit dem Hoferben und wird schwanger. Sie verliert das Kind durch seine Tritte mit Lederstiefeln in ihren Bauch.

… zu Bella…
Traumatisiert und unwillig, die Armut auf dem elterlichen Hof zu ertragen, bricht sie zu ihrer Schwester Nellie nach Chicago auf. Nach dem Zerwürfnis mit ihr und der Heirat mit dem Landsmann Mads Sørensen nennt sie sich Bella Sørensen. Kurz nachdem das Paar mehrere Pflegekinder aufgenommen hat, beginnt die Reihe mysteriöser Todesfälle in ihrem Umfeld, zunächst Pflegekinder und zwei Ehemänner.

… und schließlich zu Belle
Als zweifache Witwe sucht sie, inzwischen Belle Gunness, gezielt vermögende Männer in der norwegisch-sprachigen Zeitung Skandinaven. Mit herzzerreißenden Liebesbriefen lockt sie ihre Opfer auf ihren Hof in La Porte, Indiana. Nach einem Brand 1908 werden Teile von etwa 30 zerstückelten Leichen sowie drei tote Kinder und eine Frauenleiche ohne Kopf gefunden.

Der Roman beantwortet die bis heute ungeklärte Frage, ob es sich bei der Frauenleiche um Belle handelt, die ihrem langjährigen Hofknecht Ray Lamphere zum Opfer fiel, oder ob ihr die Flucht gelang: Zu Beginn sitzt sie in der „Stadt der Engel, Kalifornien, 1915“ am Kamin und sinnt:

"… wer mit ganzem Sein liebt, wird die Liebe nicht überleben." (S. 12)

Enttäuschte Erwartungen
"Meine Männer" ist nach einem Kurzgeschichtenband und einem Roman das dritte Buch der vor allem für ihren besonderen Schreibstil mit den „kiellandesken Sätzen“ (Jury des Stig Sæterbakken Memoral Award) von der Literaturkritik gefeierten Autorin. Tatsächlich hat mich diese außergewöhnliche Erzählweise in der Leseprobe zunächst begeistert und zusammen mit dem auffälligen Cover überzeugt. Die Schilderung von Brynhilds die gesellschaftlichen Grenzen überschreitender Affäre, ihr Ehrgeiz, ihre Zweifel, ihr Glühen, die „Millionen magischer Momente“ (S. 22) in ihrer Dachkammer, das Pendeln zwischen Genuss, Gewalt, Hoffnung und Angst haben mir gut gefallen. Allerdings wurde mir der Stil in der Folge zunehmend zu verschwurbelt und schien mir immer unpassender zur Handlung,  l’art pour l’art in pseudo-bedeutungsschwangeren Phrasen, über deren Entschlüsselung ich nicht mehr vergeblich rätseln wollte. Das Übermaß an Metaphern und geschraubten Satzkonstrukten mit der ständige Wiederholung der Begriffe „Ritzen“ und „Spalten“ hat mich irgendwann nur noch genervt und ich war froh, als ich die 184 Seiten beendet hatte. Auch das Cover erschließt sich mir im Nachhinein nicht, obwohl der Schmetterling in einem für den Text typischen Satz vorkommt:

"Und die anhaltendste Bewegung war weder Sehnsucht noch Liebe, sondern das Schlagen der Schmetterlingsflügel im Garten, war der Tod, das Auge, das dauernd Blickkontakt aufnahm, das anhaltendste, ewige Flimmern." (S. 157)

Wer hier die Faszination der Literaturkritik teilt, trifft mit dem Roman die richtige Wahl. Mir hat das Buch leider nicht die erhoffte Einsicht in die Psyche einer Serienmörderin eröffnet und ich war insgesamt sehr enttäuscht.

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Veröffentlicht am 28.02.2020

Eine Enttäuschung

Das Gewicht der Worte
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Auf Pascal Merciers neuen Roman "Das Gewicht der Worte" hatte ich mich ganz besonders gefreut. "Nachtzug nach Lissabon" war 2004 mein Lieblingsbuch und auch "Lea" hat mir 2007 gut gefallen. Lange mussten ...

Auf Pascal Merciers neuen Roman "Das Gewicht der Worte" hatte ich mich ganz besonders gefreut. "Nachtzug nach Lissabon" war 2004 mein Lieblingsbuch und auch "Lea" hat mir 2007 gut gefallen. Lange mussten wir auf ein neues Buch warten, entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Dass der Protagonist ein Sprachenenthusiast und Übersetzer sein würde, hat meine Vorfreude zusätzlich befeuert. Doch dann die Enttäuschung: Pascal Mercier konnte mich mit der Geschichte um Simon Leyland überhaupt nicht begeistern, ich entwickelte beim Hören der mehr als 22 Stunden umfassenden vollständigen Lesung Überdruss ob der beständigen Wiederholungen und Widerwillen gegen den eitlen Leyland und die Blase, in der er sich ausschließlich bewegt. Kein Satz über das Weltgeschehen oder Politik auf über 600 Seiten – Leyland kreist ausschließlich um seine eigene Befindlichkeit, seine gleichgesinnten Freunde und seine ihm ähnlichen erwachsenen Kinder.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Simon Leyland, Anfang 60, Übersetzer, Verlagsleiter, seiner verstorbenen Frau Livia und deren Verlag zuliebe von London nach Triest umgezogen, wird das Opfer einer ärztlichen Verwechslung. 77 Tage lang hat er den schnellen Tod vor Augen, eine Zeit, in der er seinen Verlag verkauft und den Suizid plant. Dann klärt sich der Irrtum auf, Leyland bezieht ein soeben in London geerbtes Haus in London und ordnet, „jetzt, da er wieder eine Zukunft hat“, sein Leben neu.

Leider hat mir vieles die Freude an diesem Roman vergällt. Da war gleich zu Beginn das völlig unrealistische Gespräch mit dem Triester Chefarzt, der dem MRT-Bild nicht nur die Diagnose Hirntumor, sondern gleich auch noch die Histologie entnimmt. Verständlich, dass Leyland mit der Verwechslung hadert und wütend ist, doch trifft ihn, der sofort jede Mitarbeit verweigert, eine Mitverantwortung. Weniger Selbstmitleid und mehr Empathie für den Hauptleidtragenden, den tatsächlich betroffenen Patienten, dem die Therapie vorenthalten wird, wäre angebracht gewesen. Dass ihn auch nach der Aufklärung des Irrtums seltene Anfälle wegen zeitweiliger Durchblutungsstörungen im Gehirn mit vorübergehendem Verlust der Sprache treffen, beklagt er wortreich, ohne daraus Konsequenz zu ziehen. Er und alle anderen Figuren rauchen so fortgesetzt, wie ich das in dieser Intensität und Ausführlichkeit noch nie gelesen habe.

Ebenso konstruiert wie Leyland wirken auf mich seine Freunde, alle tiefsinnig, mit höchst dramatischen, außergewöhnlichen Lebensläufen, stets aus edelsten Motiven handelnd, selbst wenn dies eine Gefängnisstrafe nach sich zieht. Nur ein einziger Kritiker zieht Leylands Übersetzungen in Zweifel, doch ihn bügelt er als „kleinen, unbedeutenden Mann“ ab und unterstellt ihm einen „kleinen, miesen Rachefeldzug“. Alle anderen denken wie er und bestätigen in Gesprächen seine Gedankengänge, die Leyland in Briefen an seine tote Frau noch einmal wiederholt. Selbst interessante Themen wie das Wesen der Zeit, Krankheit, Tod, das Erlernen von Sprachen, das Handwerk des Übersetzens, Jurisprudenz und Gesundheitswesen werden so zerredet.

Gehadert habe ich auch mit der Stimme von Markus Hoffmann, die zwar deutlich ist und warm klingt, aber leider das Pathos des Textes überbetont.

Vielleicht hätte mir das Buch etwas besser gefallen als die Hörfassung und natürlich ist Pascal Merciers sprachliches Vermögen wieder beeindruckend. Leider hat das aber nicht ausgereicht, um mich über die kritisierten Aspekte hinwegzutrösten.

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