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Veröffentlicht am 25.03.2020

Die schrecklichen Augen der lauernden Hyäne

Das wirkliche Leben
1

„Ich hatte keine Ahnung, ob es so etwas wie ein gelungenes Leben gab und was das genau beinhaltete. Aber ich wusste, das ein Leben ohne Lachen, ohne Wahlmöglichkeiten und ohne Liebe ein vergeudetes war. ...

„Ich hatte keine Ahnung, ob es so etwas wie ein gelungenes Leben gab und was das genau beinhaltete. Aber ich wusste, das ein Leben ohne Lachen, ohne Wahlmöglichkeiten und ohne Liebe ein vergeudetes war. Und deshalb erhoffte ich mir eine Geschichte, die mir erklärte, warum meine Mutter ihr Leben weggeworfen hatte.“

Inhalt

Die Erzählerin der Geschichte ist zunächst nur ein 10-jähriges Mädchen, die verborgen hinter einer gutbürgerlichen Fassade in einer einheitlichen Reihenhaussiedlung gemeinsam mit ihrem kleineren Bruder Gilles aufwächst. Der Vater ein passionierter Großwildjäger und Trinker, der das Leben seiner Familie als Buchhalter finanziert, sich aber in der geschützten Privatsphäre zu einem gewalttätigen, gefährlichen Mann entwickelt, der seine erlegten Beutetiere ausgestopft in einem extra Zimmer der Wohnung deponiert.

Das Mädchen hat nur ein Ziel: irgendwie dem häuslichen Wahnsinn entkommen und dabei ihren kleinen Bruder beschützen, der sich im Laufe der Jahre immer mehr für die Waffensammlung des Vaters und die getöteten Tiere interessiert. Als in der Gegend alle Katzen verschwinden und sie Gilles beim Quälen verschiedener Tiere beobachtet, schwört sie sich, dass ihr Leben eine Wende nehmen muss, damit die schrecklichen Augen der lauernden Hyäne aus dem Jagdzimmer nicht noch mehr Schaden im Kopf ihres Bruders anrichten.

Sie stürzt sich voller Enthusiasmus auf den Bau einer Zeitmaschine, mit der sie in die Vergangenheit reisen möchte, um wenigstens Gilles vor all der Brutalität und den ungesunden Entwicklungen zu schützen. Erst als sie etwas älter ist, entdeckt sie die wahre Gefahr und rückt immer mehr ins Visier ihres Vaters, der mit dem Sohn mittlerweile eine Einheit bildet und sie fürchtet bald schon um ihr eigenes Leben. Doch in der Rolle des Opfers hat sie sich nie gesehen …

Meinung

Nachdem ich die Leseprobe des Romans gelesen hatte, war ich mir eigentlich unsicher, ob der Text und die Thematik überhaupt etwas für mich sein könnten. Denn schon nach den ersten Seiten wird deutlich, dass Gewaltszenen und Brutalität hier ganz wesentliche erzählerische Elemente darstellen und wohl auch der folgende Text in dieser Ausrichtung gestaltet sein würde. Dennoch habe ich mich ohne besondere Erwartungshaltung und relativ unbedarft an diesen Coming-of-Age-Roman gewagt, um den „Liebling der französischen Buchhändlerinnen“ zumindest kennenzulernen.

Und dann hat mich die Story regelrecht überrascht und mich unweigerlich in ihren Bann gezogen, so dass ich für dieses Buch gerade einmal einen Tag Lesezeit benötigt habe und entgegen meiner ursprünglichen Befürchtungen ein grandioses Stück Literatur geboten bekommen habe.

Ganz klar: inhaltlich bewegt sich „Das wirkliche Leben“ ganz sicher nicht in meiner Wohlfühlzone, dominieren doch Gewaltszenen, Tierquälerei, zerrüttete Familienverhältnisse und die schier unvorstellbare Dominanz des Bösen über das Gute. Aber der belgischen Autorin meines Geburtsjahrganges ist es gelungen, eine wahnsinnig stimmige Geschichte zu erschaffen, die in erster Linie durch die Charakterstärke ihrer Protagonistin und deren Unverbesserlichkeit dem häuslichen Umfeld zu entkommen, besticht. Die geschilderten Sachverhalte waren manchmal nah dran, mich gänzlich zu schockieren und besitzen doch eine magische Anziehungskraft.

Besonders eindrücklich schildert Adeline Dieudonné die Entwicklung eines 10-jährigen Mädchens, die jeden Tag die Prügelei des Vaters an der Mutter hinnehmen muss, die sich selbst ducken und verstecken muss, um nicht seinen Gewaltausbrüchen ausgesetzt zu sein und die ihren geliebten Bruder, den einzigen Menschen, dem sie restlos vertraut beschützen möchte. Ihre Luftgespinste mit einer Zeitmaschine lösen sich bald auf, doch ihr Interesse für Physik und die Naturgesetze, bieten ihr die Chance sich bald auch außerhalb der Familie neue Eindrücke zu verschaffen. Und als sie am Ende des Buches mit 15 Jahren alles gesehen zu haben scheint, was es an Machtdemonstration geben kann, ist sie sich doch bewusst, dass sie nicht dazu geboren wurde, für immer in der Rolle des Opfers zu bleiben. Und als ihr monströser Vater zum alles vernichtenden Schlag ausholt, ist sie ihm im wirklichen Leben schon längst entwischt …

Fazit

Dieser ungewöhnliche, einprägsame Roman konnte mich absolut überraschen und lebt durch die grandiose Gestaltung der diversen Figuren, die man alle direkt vor dem inneren Auge sieht. Ebenso gelungen empfand ich die Szenenwechsel, die Gestaltung der Handlung, den Ablauf der Zeit in Anbetracht des Heranwachsens der Hauptprotagonistin – kurzum die Rahmenhandlung nach klaren Vorgaben, die dennoch überhaupt nicht absehbar war.

Der Leser wird langsam herangeführt an die Gedankengänge des Mädchens, spürt die komplette Bandbreite ihrer Emotionen und bewundert immer mehr ihren Sinn, sich der schrecklichen Realität zu widersetzen. Ein richtiger Pageturner, dem ich gerne 5 Lesesterne schenke und ihn als ein faszinierendes Leseerlebnis in Erinnerung behalten werde. Selbst wenn er nicht von Realitätsnähe und Allgemeingültigkeit geprägt ist und in erster Linie auch keinen literarischen Anspruch erhebt, gelingt es ihm, die Spannungsmomente auszureizen und trotz aller Gewalt zeigt er vielmehr die verborgenen Gefühle hinter den Machtspielchen kranker Seelen als die Schäden die Schläge hinterlassen können.

Sehr unverbraucht, sehr innovativ – ich schließe mich den positiven öffentlichen Meinungen über dieses Debüt an und sortiere es als Highlight 2020 ins Bücherregal.

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Veröffentlicht am 18.03.2020

Familienbande damals und heute

Die Bagage
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„Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.“

Inhalt

Die Familie Moosbrugger lebt am Rande ...

„Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.“

Inhalt

Die Familie Moosbrugger lebt am Rande eines österreichischen Dorfes, weit oben auf dem Berg und wird in dem Ort nur unter dem Sammelbegriff „Die Bagage“ tituliert. Vater Josef ist ein stiller, charismatischer Mann, der keine großen Kontakte zu anderen pflegt, seine Frau Maria eine wahre Schönheit, die von den Frauen bewundert und von den Männern begehrt wird und ihre Kinderschaar bekommt ganz automatisch den Stempel der Abseitigen aufgedrückt, mit denen die anderen keinen Kontakt wünschen. Man zerreißt sich lieber die Mäuler über die Familie, die auch in aller Armut und Bescheidenheit ein kleines Stückchen Glück gepachtet zu haben scheint.

Erst als Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, steht das Schicksal der Moosbruggers auf Messers Schneide. Denn der älteste Sohn ist noch zu jung, um die Mutter zu beschützen und Josef weiß sehr genau, dass Maria allein zum Freiwild werden würde. Er bittet den Bürgermeister darum, seine Familie zu beschützen und zu versorgen, weil er der Einzige ist, dem er ein gewisses Vertrauen entgegenbringt. Doch kaum ist Josef weg, bedrängt auch dieser vornehme Herr die Zurückgebliebenen und die Familie durchlebt Monate voller Angst und Entbehrungen. Bis zu dem Tag, an dem Josef zurückkehrt …

Meinung

Monika Helfer widmet sich in ihrem aktuellen Roman ihrer eigenen Familiengeschichte und erzählt rückblickend aber gleichzeitig sehr präsent von ihrer wunderschönen Großmutter, ihren Onkeln und Tanten, ihrer Mutter, die eine schwere Kindheit hatte, da der Vater sie als ein Kuckuckskind betrachtete und kein Wort an sie gerichtet hat. Sie zeichnet die Lebenswege und Entwicklungen aller Familienmitglieder auf und springt dabei munter in den Zeitabläufen und Einzelgeschichten. Doch gerade diese scheinbar willkürliche Abfolge zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht das Buch trotz seiner wenigen Seiten zu einem recht umfassenden Werk über die eigene „Bagage“, deren Belange, Besonderheiten und ihr Wirken in der Familiengemeinschaft.

Die Kerngeschichte, die sich zu Zeiten des 1. Weltkrieges abspielt, bleibt dennoch das tragende Element und spricht den Großeltern trotz ihrer Eigenheiten auch einen starken Charakter zu. Ein Ehepaar, welches nicht nur eine Zweckgemeinschaft mit vielen Kindern war, sondern sich prinzipiell sehr zugetan war. Ihre Kinder allesamt nicht nur zu Helfern degradiert, sondern als Menschen geachtet. Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die unüberwindliche, alles außer Kraft setzende Geschwisteraffinität. Die Kinder der Moosbruggers bilden eine starke Bande, sie nehmen ihre Rollen wahr, sie beschützen und vertrauen einander, sie ergreifen trotz schwieriger Umstände immer Partei füreinander, sie halten zusammen und wissen um ihre Besonderheiten. Selbst nach dem frühen Tod der Eltern besteht diese Einigkeit weiter, so dass selbst noch die Autorin in der nächsten Generation dieser Familie, niemals den Zusammenhalt und die Stärke der Verbands bezweifelt.

Zwischendurch immer wieder kleine Episoden aus der Gegenwart, Erlebnisse mit den eigenen Kindern – dadurch entsteht ganz nebenbei eine generalistische Aussage, die den Wert der Familie durch alle Zeiten hindurch bekräftigt. Nicht nur die der eigenen Herkunft sondern ganz allgemein die Möglichkeiten mittels Eltern, Geschwistern, Kindern, Großeltern, Cousins und Cousinen ein intaktes, beständiges und doch freiheitliches Gebilde zu schaffen, in dem sich das Individuum wertgeschätzt fühlt, bestärkt wird und sich einmalig entfalten kann ohne den Rückhalt der Familie zu verlieren.

Fazit

Ein wunderbares kleines Buch mit einer lebendigen Familiengeschichte, starken Charakteren, intensiven Erinnerungen und biografischen Zügen. Der Mehrwert liegt hier nicht nur in der Besonderheit und den individuellen Entwicklungen, sondern vor allem in den Gedankengängen bezüglich funktionierenden Familienstrukturen, die es aufzubauen, zu pflegen und zu erhalten gilt. Deutlich wird aber auch, dass Krisen und Belastungsproben, die man gemeinsam gemeistert hat,einen unabänderlichen, eisernen Bestand an der Wertschätzung seiner nächsten Familienangehörigen hervorbringen. Ein einprägsamer, berührender Roman über Herkunft, Familie und Lebensentwicklung mit differenzierten Ansätzen und klaren Aussagen – sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 06.03.2020

Alt werden heißt verlieren lernen

Dankbarkeiten
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„Es lässt sich nichts mehr teilen. Und jeder ihrer Versuche fällt in einen bodenlosen Brunnen, aus dem nie mehr etwas geborgen werden kann. Sie sucht in meinem Blick nach einen Indiz, einem Schlüssel, ...

„Es lässt sich nichts mehr teilen. Und jeder ihrer Versuche fällt in einen bodenlosen Brunnen, aus dem nie mehr etwas geborgen werden kann. Sie sucht in meinem Blick nach einen Indiz, einem Schlüssel, einen Umweg zum Ziel. Doch mein Blick bietet keine Hilfe, keine Umleitung. Die Straße ist gesperrt. Der Faden des Austauschs mit den anderen reißt. Das Schweigen siegt. Und nichts hält sie mehr zurück.“

Inhalt

Mischka Seld lebt nun in fortgeschrittenen Lebensjahren in einem Pflegeheim, da sie nicht mehr in der Lage ist allein klarzukommen, ihr Gedächtnis oder vielmehr die Sprache selbst kommt ihr abhanden. Zunächst sind es nur einzelne Wörter, bald fehlen ihr die Sätze, zum Schluss kann sie ihre Gedanken nicht mehr in Worte fassen. Das Alter mit seinen unerbittlichen Folgen hat sich eingenistet und zersetzt langsam aber stetig all das, was die junge Mischka, die selbstständige, energische Frau mit dem großen Herzen ausgemacht hat. An ihrer Seite gibt es nur noch zwei Menschen: zum einen Marie, eine junge Frau, die in ihrer Kindheit oft bei Mischka Zuflucht gesucht hat, wenn ihre eigene Mutter wieder einmal tagelang nicht da war, die damals und heute wie die Tochter der Betroffenen agiert und die sich nun schweren Herzens von dieser Frau verabschieden muss, die ihr immer eine Stütze war und zum anderen den Logopäden Jérome, der sich auf den Spracherhalt alter Menschen spezialisiert hat und mit ihnen kleine Übungen gegen das Vergessen unternimmt. Diese beiden treten als die Erzähler einer Geschichte auf, die den Lebensabend einer Frau miterleben und sich selbst dadurch in einem anderen Licht wahrnehmen. Und so entwickelt sich ein zartes Geflecht aus menschlicher Zuneigung, bei dem eine Person verliert und zwei andere gewinnen.

Meinung

Bereits im vergangenen Jahr war ich vom Roman „Loyalitäten“ der französischen Autorin Delphine de Vigan restlos begeistert, so dass ich sehr hoffnungsfroh und motiviert in diese Lektüre gestartet bin, immer in Erwartung einer ähnlich tiefsinnigen Handlung. Und ganz klar, auch „Dankbarkeiten“ trifft mitten in mein Leserherz und beleuchtet den Lebensabschnitt des Alters auf ungeschönte aber nicht restlos pessimistische Art und Weise. Vielmehr zielt diese kleine Erzählung auf die Notwendigkeit menschlicher Beziehungen ab, den gemeinsamen Austausch zwischen den verschiedenen Generationen und den unbedingten Hinweis, sich möglichst früh darüber Gedanken zu machen, wer oder was man im Alter sein möchte und welche Spuren auch dann noch sichtbar sein werden, wenn man nicht mehr lebt.

Sprachlich besticht das Buch mit einem klaren, aussagekräftigen Text, in dem generelle Sachverhalte ebenso wie Emotionen Platz finden. Gerade durch die beiden jüngeren Erzähler entsteht eine gewisse Perspektivenvielfalt, die nicht nur Mischkas Leben in den Mittelpunkt rückt, sondern auch Aspekte aus den Lebenswegen von Marie und Jérome. Die Leere, die entsteht, wenn alle Wörter verschwinden wird ganz besonders durch die wörtliche Rede sichtbar, bei der die alte Frau zunächst noch bestmöglich versucht sich zu artikulieren, schließlich nur noch Wortsilben bildet und letztlich aufgibt, anderen irgendetwas mitteilen zu wollen.

So wirkt der Grundtenor des Romans sehr traurig, was er letztlich auch ist aber niemals so bedrückend und schwermütig, dass es nicht auszuhalten wäre. Die Autorin schafft es immer genau im richtigen Moment von der Einzelsituation in allgemeine Aussagen zu wechseln oder umgekehrt das Schicksal Vieler auf ein Menschenleben zu reduzieren. Durch diesen Schachzug wirkt der Roman authentisch, greifbar und im richtigen Maße ausgleichend, so dass es geradezu zwingend notwendig erscheint, eigene Erfahrungen und Meinungen auf die Waage zu legen und mit dem Inhalt des Buches abzugleichen. Vor allem die generalistischen Aussagen über das Alter haben mich sehr nachdenklich gestimmt, weil man dem nur schwer etwas hinzufügen kann: „Alt werden heißt verlieren lernen. Das verlieren, was einem geschenkt wurde, was man gewonnen, was man verdient, wofür man gekämpft und woran man geglaubt hat, man würde es für immer behalten. Sich neu anpassen. Sich neu organisieren. Ohne zurechtkommen. Darüber hinweggehen. Nichts mehr zu verlieren haben.“

Fazit

Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne für mein erstes Highlight 2020, einen Roman über das Leben selbst, das Alter im Besonderen und die Kraft der Einflussnahme nahestehender Menschen auf das Seelenheil anderer. Sicherlich fällt dieser Roman schon inhaltlich genau in mein Beuteschema, denn Bücher über den emotionalen Verlust diverser Dinge und Menschen lese ich ausgesprochen gerne, doch davon unabhängig schafft er es auch zärtlich zu berichten, warmherzig zu erzählen und letztlich eine gewisse Hoffnung zu beleben, über Spuren, die Menschen hinterlassen. Ich empfehle das Buch all jenen Lesern, die Traurigkeit gepaart mit Menschlichkeit mögen, die gerne mitfühlen und erleben, wie sich Protagonisten entwickeln und über sich hinauswachsen und die andererseits genügend Realitätssinn schätzen, um einzusehen das die Existenz zwar endlich, das Leben aber nicht umsonst ist.

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Veröffentlicht am 19.12.2019

Schlag auf Schlag auf Schlag

Blauschmuck
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„Ich bin in meinem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, das immer meine Rettung in letzter Not war und mich in letzter Not nun nicht rettet.“

Inhalt

Filiz, aufgewachsen in einem kurdischen Dorf verliebt ...

„Ich bin in meinem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, das immer meine Rettung in letzter Not war und mich in letzter Not nun nicht rettet.“

Inhalt

Filiz, aufgewachsen in einem kurdischen Dorf verliebt sich mit 12 Jahren in einen nur wenig älteren Jungen aus der Nachbarschaft. Die Eltern wollen der Verbindung nicht zustimmen, da brennt das junge Mädchen mit dem Geliebten einfach durch und bricht mit ihrem Elternhaus. Ihre Schwiegermutter kommt für die Vermählung der beiden auf und lässt sie bei sich wohnen. Doch schnell muss Filiz erkennen, dass ihr Mann ganz unter der Schirmherrschaft seiner Mutter steht und für die ist Filiz nur eine Dienstbotin, die sie nach Lust und Laune herumschubsen kann. Daran ändert auch die erste Schwangerschaft nichts – sie ist nichts wert, ihr Leben abhängig von der Gunst der anderen. Yunus ihr Geliebter bringt ihr längst kein Gefühl mehr entgegen, maximal beim erzwungenen Geschlechtsverkehr, oder wenn er sie mal wieder grün und blau schlägt. Als es ihm gelingt in Österreich eine Wohnung zu bekommen holt er Filiz nach und diese hofft immer noch auf ein anderes, selbstbestimmteres Leben. Doch Yunus ändert sich nicht, seine Gewalteskapaden werden immer schlimmer und die junge Frau fürchtet um ihr Leben und wenig später auch um das ihrer mittlerweile 3 Kinder. Auch in der Fremde wird sie nie Zuhause sein, solange Yunus an ihrer Seite ist – doch ihre Kraft, sich den Misshandlungen des Mannes zu widersetzen schwindet immer mehr …

Meinung

Die österreichische Autorin Katharina Winkler widmet sich in ihrem Debütroman der Thematik Misshandlung und Gewalt innerhalb der Ehe. Dabei nimmt sie eine wahre Begebenheit als Ausgangssituation, um zu zeigen wie bitter und nachhaltig die Spirale aus Machtmissbrauch, Abhängigkeit und Ausweglosigkeit sein kann, wenn man als Frau nicht nur in eine von Männern dominierte Welt hineingeboren wurde, sondern von klein auf daran gewöhnt ist, dass Frauen von Männern geschlagen werden und dies als normalen Zustand empfindet.

Der sogenannte „Blauschmuck“ bezeichnet die Färbung der Haut an den verschiedensten Körperstellen der Frau in allen nur erdenklichen Nuancen, wenn sie wieder einmal Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Und fast jede Frau in dem kurdischen Heimatdorf der Protagonistin trägt mehr oder weniger „Blauschmuck“ und spricht doch nicht darüber, denn was allen passiert wird zwar geduldet, bleibt aber dennoch Privatsache.

Der Handlungsverlauf dieser Geschichte ist äußerst deprimierend, weil sich die Spirale aus Missachtung und Gewalt immer mehr steigert und nicht nur die Illusionen einer jungen Braut zerstört, sondern letztlich die ganze Familie im Griff hat: Kinder die sich fürchten, weil sie geprügelt werden, eine Mutter die weder Schutzschild sein kann noch die Kraft aufbringt, der Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Besonders eindringlich wird die Abstumpfung der Betroffenen geschildert, die einst voller Überzeugung genau diesen Mann geheiratet hat, um mit ihm ihr Glück zu finden und dann feststellen muss, dass Selbstschutz das einzige ist, was ihr geblieben ist. Und obwohl mir persönlich das Gedankengut der Frau, gewachsen auf ihren Erfahrungen sehr fremd ist, schafft es die Autorin den fremden nationalen Hintergrund so zu integrieren, dass ich glaube, Filiz zu verstehen, ohne es tatsächlich nachempfinden zu können.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Art von generalistischer Erzählung, die nicht nur den Einzelfall dramatisch wirken lässt, sondern gezielt eine Vielzahl ähnlicher Fälle im Hinterkopf entstehen lässt, von denen man weiß, dass sie fast genauso ablaufen und nur die Namen und die Beteiligten andere sind.

Fazit

Ganz klar ein Roman, der 5 Sterne verdient, weil er in ansprechender literarischer Umsetzung eine bittere, grenzwertige Erzählung schildert, die stellvertretend für viele Familien steht und die trotz ihrer Unglaublichkeit immer noch auf der Tagesordnung steht, sofern ein gewisser kultureller Rahmen gegeben ist.

Im besten Sinne ist dieses Buch emotional, obwohl es niemals so tief geht, dass man es nicht ertragen kann es ist brisant und zeitlos, abstoßend und fordernd zugleich und es bleibt lange in Erinnerung, weil man als Leser sehr viele Aspekte aufgreifen kann, über die es sich nachzudenken lohnt.

Auch die Definition von Liebe muss überdacht werden, nicht nur die zwischen Mann und Frau, sondern auch die zwischen Eltern und Kindern. Und nicht zu verachten der Aspekt der Abhängigkeit, die manchmal unumstößlich, aber nur dann gefährlich ist, wenn der vermeintlich „Stärkere“ seine Position ausnutzt, um sein Gegenüber zu unterdrücken. Ein absolut lesenswerter, zeitloser Roman über wahrgewordene Albträume, ständige Ängste und den Verlust eines sicheren Zuhauses.

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Veröffentlicht am 06.12.2019

So endet eine große Liebe

Das Versprechen
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„Mein Großvater war der Mann, der sich an sein Wort hielt. Weil er glaubte, dass ein Mann sich an das halten muss, was er sagt. Weil es sich so gehörte. Nur einmal hat er es nicht getan. Ein einziges Mal ...

„Mein Großvater war der Mann, der sich an sein Wort hielt. Weil er glaubte, dass ein Mann sich an das halten muss, was er sagt. Weil es sich so gehörte. Nur einmal hat er es nicht getan. Ein einziges Mal nur hat er sein Wort gebrochen. Verziehen hat er sich das nie.“

Inhalt

Edwin und Ria haben ein bewegtes Leben hinter sich, denn obwohl sie sich schon als Jugendliche liebten, haben sie jeweils aus ihren Verpflichtungen heraus andere Partner geheiratet. Erst im Alter von 50 Jahren sind sie wirklich frei füreinander und beschließen fortan immer zusammenzubleiben. Edwin verspricht seiner Ria, sie nun nicht mehr gehen zu lassen und hält sich 39 weitere Lebensjahre daran. Doch hochbetagt, wie die beiden sind, müssen sie sich neuen Herausforderungen stellen. Denn während Rias Welt auf Grund ihrer zunehmenden Demenz immer unbeständiger wird, muss sich Edwin eingestehen, dass er ein enges Zusammenleben mit Ria nicht mehr erträgt, dass er nicht mehr Teil ihrer Erinnerungen ist, sondern ein Fremder, mit dem sie nichts mehr verbindet. Und so sieht er sich gezwungen, sein Versprechen zu brechen, um zu bewahren was einmal war …

Meinung

Erzählt wird dieser biografische Roman von der Enkeltochter des Paares, die beide Großeltern sehr mochte und gerade mit ihrem Opa, der nicht einmal ihr leiblicher war, engen Kontakt pflegte. Die Lebens- und Liebesgeschichte des Paares beeindruckt die junge Autorin und sie beschließt ihren Großeltern ein Denkmal zu setzen, indem sie deren Weg beschreibt, durch Höhen und Tiefen, ein gemeinsames Leben in Ruhe und Einverständnis aber auch die Last, die ihnen am Ende abverlangt wird, als einer der beiden einsehen muss, dass er den anderen verloren hat, an eine Krankheit, aus der es kein Entrinnen gibt und an eine Gegenwart, in der es keine Vergangenheit mehr gibt.

Der Untertitel „Eine Geschichte von Liebe und Vergessen“ trifft es ziemlich gut, denn es gelingt Nadine Ahr aus einer persönlichen Sicht und dennoch mit dem entsprechenden Abstand das Leben von Edwin und Ria lebendig werden zu lassen. Dazu schreibt sie einmal in Rückblenden, die das vergangene Glück beschreiben, gefolgt von Gegenwartssituationen, die alle Kräfte einfordern bis hin zu zukünftigen Überlegungen, die sie selbst aus ihren Erfahrungen zieht. Geprägt ist die Erzählung vor allem durch Warmherzigkeit und ein tiefes Verständnis. Immer wieder entsteht der Eindruck, wie besonders die Menschen, über die sie schreibt, waren und was ihren Charakter ausgemacht hat. Und gleichzeitig zieht sich der Aspekt der Trauer wie ein rotes Band durch die 192 Seiten des Buches. Der Respekt vor dem Leben, der Glaube an die Verantwortlichkeit für Mitmenschen und die eigenen Schuldgefühle kommen immer wieder zur Sprache und obwohl es in keiner Weise eine Entschuldigung für Unterlassungen oder kleine Notlügen ist, zeigt sich dennoch die Fehlbarkeit der Menschen, selbst wenn sie lieben und leiden bis zu ihrem Tod.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen tieftraurigen und doch hoffnungsschenkenden Roman, der mich betroffen macht und ähnlich wie die Autorin selbst zum Nachdenken anregt über die Frage, wann es an der Zeit ist, die große Liebe ziehen zu lassen, ob die Zeit überhaupt kommen wird und wie elementar die Konsequenzen aus den entsprechenden Handlungen auch für die nächste und übernächste Generation sein können. Und obwohl Nadine Ahr selbst zu dem Schluss kommt, dass die Erinnerungen längst nicht das einzige Paradies sind, aus dem man verdrängt werden kann, so ist es ihr doch gelungen eine wunderbare Geschichte über die Liebe zu schreiben und ihren verstorbenen Großeltern auf sehr schöne Art und Weise nahezubleiben, in dem sie erzählt, wie es sein kann, wenn Liebe nicht vergeht sondern vergessen wird.

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