Profilbild von amara5

amara5

Lesejury Star
offline

amara5 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit amara5 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2020

Denken ist alles

Die drei Leben der Hannah Arendt
0

Aufbauend auf einer Biografie von Elisabeth Young-Bruehl, gespickt mit Eigeninterpretation und überlieferten Gedankensätzen aus Hannah Arendts Werken hat der Karikaturist und Autor Ken Krimstein ein mitreißendes ...

Aufbauend auf einer Biografie von Elisabeth Young-Bruehl, gespickt mit Eigeninterpretation und überlieferten Gedankensätzen aus Hannah Arendts Werken hat der Karikaturist und Autor Ken Krimstein ein mitreißendes und humorvolles Graphic Novel über eine der größten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts geschaffen. Keines mit Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit, aber eines mit viel Persönlichkeit und jeder Menge Menschen, die Hannah begegnet sind und viel Raum für ihren eigenen Denker- und Charakterkopf.

Aufgeteilt in drei Teilen zieht sich der Graphic Novel entlang an den drei Leben oder wagemutigen Fluchten von Hannah. Als Kind in Königsberg werden ihre Sorgen skizziert: der kranke Vater, der Judenhass und später schon der Hang zum eigenen Denken und in Marburg die schicksalsweisende Begegnung mit Heidegger, von dem sie lange nicht loskommen wird. Die erste Flucht führt sie über Tschechien nach Paris, nachdem man im Berliner Romanischen Café schon die ersten großen Charaktere kennengelernt hat. In Frankreich findet sie nie richtig ihren Frieden, natürlich auch kriegsbedingt und durch schreckliche Ereignisse. Doch sie lernt Heinrich Blücher, ihren zukünftigen Ehemann kennen. Der Leser macht Begegnung mit Walter Benjamin und ist im nächsten rasanten Schritt auch schon mit Hannah in New York - ihrem dritten Leben. Dort wird sie Dozentin in Princeton, verfaßt wichtige Werke und die Eichmann-Reportagen der Philosophin zum Prozess , "Banalität des Bösen", werden sie lange verfolgen.

In "Denken ohne Geländer" kommen dann viele Thesen von Hannah Arendt zur Geltung, hier wird philosophisches Mitdenken gefordert. Der Autor gibt der Ausführung zu ihren Theorien zu Pluralität und Natalität viel Platz.

Insgesamt ist es Krimstein gelungen, mit seinen bleistifthaften, präzisen Skizzen sowohl den persönlichen Eigenarten als auch dem Denken von Hannah Arendt eine tolle Komposition zu geben. Er öffnet den Zugang zu diesem komplexen, philosophischen Thema mit Wort und Bild. Weiteren wissenschaftlichen Input kann man sich über Biografien oder natürlich über ihre Werke holen. Wichtige Weggefährten kommen zu Wort - Menschen, die Hannah geprägt haben. Im schwarz-weißen Kontext bleibt Hannah immer mit grünem Detail und somit sehr gut erkennbar. Perfekt formulierte in Grün gehaltene Überschriften liefern dem Leser die notwendige Orientierung, wo er sich in Hannahs Leben gerade befindet.

Hannah Arendts streitbares und komplexes Denken hat Ken Krimstein anhand gewisser prägender Eckpfeiler ihres Lebens mitreißend und durchaus auch humorvoll nacherzählt. Und "Leben und Denken sind ein und dasselbe". (S. 232)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2020

Chronik einer Abwesenheit

Die Kartographie der Hölle
0

Knud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer ...

Knud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer Leere und einer Abwesenheit im eigenen Leben. "Die ersten dreißig Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht, mir selbst ein Loch zu graben, das so tief war, dass ich mich daraus nicht mehr würde befreien können." (S. 312)

Er geht nach Kopenhagen zum Studium, nach 17 Jahren Literaturwissenschaft kein Abschluss, aber ein zufälliger Job in der Werbebranche und ein Ausflug ins Filmmetier - er wird Laienschauspieler in Lars von Triers "Idioten". Sein eigentliches Lebensziel ist ein Buch beim Insel-Verlag zu veröffentlichen, was er letztendlich mit "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod" auch schafft und einer Art kleinem Befreiungsschlag gleichkommt.

Knud Romer ist zum unerbittlichen Chronist seines eigenen Lebens geworden - teils fiktiv, teils bestimmt autobiografisch. Dabei jongliert er so präzise und professionell mit neuen Sprachbildern und der Sprache an sich. Schlag auf Schlag taucht er in die Erinnerungen seiner Kindheit in Nyköbing und die Ausflüge zur Oma in Frankfurt. Sehr emotional und mitfühlend beschreibt er später, nach dem Tod der Mutter, das geistige Wegdriften des Vaters: "Mutter ist seit zwei Jahren tot, und ihr Tod ist ein kleines Mädchen mit Zöpfen, auf das Vater aufpasst." (S. 16).

Im Literaturstudium bezieht er sich im Sekundentakt gekonnt auf Autoren und Literatur - aber zu seiner Literatur-Liebe gesellen sich im Selbstfindungstrip zudem Alkohol und Drogen - ein Grund für das Erscheinen seines imaginären amerikanischen Freundes M.? "Ich würde in einem wachen Albtraum von innen nach außen gestülpt." (S. 271) Dessen Leben als Sohn eines CIA-Agenten in Istanbul und Teheran ist sehr turbulent - rasant in Sachen detaillierter und scharfer Beobachtungsgabe nimmt der Autor dabei Land, Leute, Gepflegenheiten und politische Unruhen sezierend unter die Lupe.

Originell, sarkastisch, dramatisch, humorvoll, poetisch, drastisch-grotesk - in sprachlicher Höchstform sucht Knud, innerlich getrieben und rastlos nach einem Entkommen aus der inneren Langeweile, Angst und Psychose. "Die Zukunft ist verbraucht. Es ist aussichtslos, das Leben besteht aus Leerlauf und Wiederholungen, bei denen das Ergebnis von vornherein bekannt ist." (S. 43) Diese Schnelligkeit an Bildern, Pointen, Geschichten und Dramen geben dem Roman keinen Ruhepunkt - der Leser muss immer aufmerksam sein, in schneller Abfolge kommen kleine Pointen und Anspielungen auf Film, Literatur oder Musik. Bis der Autor am Ende, nach dem Tod des Vaters, ins leere Elterhaus zurückkommt und die Landkarte von der Wand nimmt. Die Kartografie der Hölle ist vorerst beendet.

"Ein Schatten kroch mit hinein und verschwand endlich dort, wo er hergekommen war, zwischen den Büchern: das bucklige Männlein." (S. 552)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.03.2020

Einsames, hölzernes Herz

Ich erwarte die Ankunft des Teufels
0

Mary MacLane ist 19 und sitzt mit ihrer langweiligen Familie in der öden, vertrockneten Bergbau-Stadt Butte in Montana fest. Ihr fehlt der intellektuelle Input und Menschen, die wie sie denken - mit einem ...

Mary MacLane ist 19 und sitzt mit ihrer langweiligen Familie in der öden, vertrockneten Bergbau-Stadt Butte in Montana fest. Ihr fehlt der intellektuelle Input und Menschen, die wie sie denken - mit einem einsamen, hölzernen Herz. Sie beginnt tagebuchartig ihre Darstellung des eigenen Lebens, der Menschen in Butte, über die Nichtigkeit des Lebens, ihre Einsamkeit und Liebe zu einer Frau festzuhalten. "Denn Dinge sind immer am schwersten zu ertragen, wenn es keine Worte dafür gibt." (S. 74)

In ihren Aufzeichnungen schwankt sie zwischen einer narzisstischen Selbstherrlichkeit ("Ich bin ein Genie!"), Todessehnsucht, Gesellschaftskritik und Jubel - und immer wartet sie auf die Ankunft des Teufels, der ihr Glück bringen soll und gerne für eine Zeit ihr Liebhaber sein kann. MacLane versteht dabei ihr schriftstellerisches Handwerk - um Rhythmik, Takt und das Auskosten von Phrasen. Sie lobt ihren Körper und Organe (die Leber!), beschreibt über mehrere Seiten das Essen einer Olive (Achtsamkeit) und die Zähnbürsten ihrer langweiligen Familie. Sie prangert das Ehedasein und die öde Landschaft in Butte an und schwärmt von ihrer unerwiderten Liebe zu einer Frau. Das alles fasziniert, wenn man das Jahr 1902 und die damaligen Umstände bedenkt, und irritiert zugleich, denn MacLanes Sichtweise ist teilweise merkwürdig. boshaft witzig und verstörend - aber genau dieses Merkwürdige feiert sie ja auch frenetisch an sich.

Hervorzuheben ist das hochwertig und schön gestaltete Cover vom Verlag, die für mich überaus gelungene Übersetzung von Ann Cotten und die beiden sehr interessanten Nachworte von Ann Cotten und Juliane Liebert. Zusammen mit dem Reclam Verlag geben sie Mary MacLane über 100 Jahre nach ihrer erfolgreichen Erstveröffentlichung wieder ihre Stimme als historische, feministische und künstlerische Frau, die auf ihre eigene bizarre Art auf ihr Glück vom Teufel wartet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.03.2020

Fragmente des Lebens

Was wir sind
0

Hannah, Cate und Lissa sind jung, lebensfroh und unzertrennliche Freundinnen. Sie wohnen gemeinsam in einem charismatischen Haus am Rande von London Fields, gehen zu Kulturveranstaltungen, lesen, diskutieren, ...

Hannah, Cate und Lissa sind jung, lebensfroh und unzertrennliche Freundinnen. Sie wohnen gemeinsam in einem charismatischen Haus am Rande von London Fields, gehen zu Kulturveranstaltungen, lesen, diskutieren, kochen und wissen genau, wer sie sind und wer sie sein wollen und werden.

Zehn Jahre später sind sie Mitte Dreißig und jede der emanzipierten Frauen hat ihr eigenes Problem: Hannah wird trotz mehrmaligen künstlichen Befruchtungen nicht schwanger und schlittert in eine Ehekrise. Cate leidet nach der Geburt ihres Sohnes an einer wiederkehrenden Depression - ihr einziger gedanklicher Halt ist das Erinnern an eine alte Liebe. Lissa zweifelt an ihrem Können als Schauspielerin und findet keine feste Beziehung. Sie sind nicht dort, wo sie sich erhofft hatten. Jede Frau will ein wenig von dem, was die andere hat.

Inmitten von Ehe- und Beziehungskrisen, Karrieren und Kinderwünschen gibt die Autorin Anna Hope jeder Frau ihre eigene Stimme und fragt: Was heißt es, im 21. Jahrhundert eine Frau zu sein? Wie führe ich abseits meiner eigenen und fremden Ansprüche und Erwartungen ein sinnerfülltes Leben? Wie finde ich mich zurecht als Rolle der Tochter, Mutter, Ehefrau, Freundin und Feministin?

Dabei rollt sie mit zwischenmenschlichem Gespür für Details die Leben der Frauen anhand von Zeitsprüngen und Erinnerungen auseinander - die Rückblicke sind wie verblasste Polaroids und erlauben dem Leser, tiefer mit den Charakteren zu fühlen und die Fragmente ihrer Leben zusammenzupuzzeln. Hope schreibt sehr einfühlsam, emotional weise und zutiefst menschlich. Die Beschreibungen der Umwelt und Menschen ist so bildgewaltig und präzise, dass man sie beim Lesen förmlich vor Augen hat.

Anna Hope entwirft einen sehr intimen, realitätsnahen und ehrlichen Blick (ähnlich wie Sally Rooney) auf zerstörerische Selbsterwartungen und wie wir es schaffen können, das Leben fließen zu lassen und einen Zwischenraum von Haben und Wollen zu finden. Wir alle leben trotz geplatzter Träume und Schmerz weiter. Und es ist ein Roman über das große Auf und Ab von Freundschaften, auch wenn man aus lauter Angst vor Verletzungen nicht über die wirklichen Probleme reden kann. Dabei enstehen leichte Längen, aber Hope navigiert mit so einer sinnlichen Prosa durch die Innenwelten der Frauen, dass ich über diese getrost hinwegschauen konnte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.03.2020

Im Visier der Weltmächte

Der Empfänger
0

Ulla Lenze nimmt sich in ihrem neuen Roman ein Stück bisher größtenteils unerforschter deutscher Geschichte an - inspiriert von schriftlichen Überbleibseln ihres Großonkels beleuchtet sie die Geheimdiensttätigkeiten ...

Ulla Lenze nimmt sich in ihrem neuen Roman ein Stück bisher größtenteils unerforschter deutscher Geschichte an - inspiriert von schriftlichen Überbleibseln ihres Großonkels beleuchtet sie die Geheimdiensttätigkeiten von Nationalsozialisten im New York der 1930er-Jahre.

Hauptfigur Josef wandert in den 1920er-Jahren von Deutschland in die USA aus, sucht das Glück in der Fremde, weg vom bedrückenden Elternhaus. Er arbeitet in einer Druckerei, geht abends aus, genießt die amerikanische Jazzkultur und hat in seiner kleinen Wohnung ein Hobby: mit einem selbstgebauten Funkgerät nimmt er weltweit Kontakt mit anderen Funkamateuren auf. Sein Geschick darin und spätere Kontakte verhelfen ihm zu einem neuen Job: er soll für eine Firma Zahlencodes nach Deutschland funken. Dass er damit in die Spionagetätigkeiten der Nationalsozialisten gerät, merkt er zu spät oder will es nicht wahrhaben - er steckt nun mitten in den Aktivitäten kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Später wird Josef noch aus Angst vor der Todesstrafe und durch den Verrat seiner Freundin zum Doppelagenten für das FBI - was ihn aber nicht vor einer späteren Haftstrafe schützt.

1949 wird er nach fünf Jahren Gefängnis nach Deutschland abgeschoben, wo er bei seinem Bruder Carl unterkommt - doch auch hier findet er keine Ruhe, da ihn die Fragen nach seiner Vergangenheit und der Argwohn des Bruders nicht loslassen. Er wankt zwischen Abmilderungsversuchen und Schuldeingeständnissen. War er Täter, Kollaborateur oder Verräter?

Aufwendig recherchierte historische Details verdeutlichen die gesellschaftliche und politische Situation jener Zeit in New York 1939, im Nachkriegsdeutschland und in Südamerika in den 1950er-Jahren - denn diese Städte werden zu lebendig aufblühenden Handlungsschauplätzen im Roman, der nicht chronologisch erzählt wird. Die einzelnen Kapitel sind als Rückblicke datiert und geografisch verortet. Ulla Lenze erzählt dabei in einer dichten und packenden Prosa. Die aufgeladene Stimmung in New York kurz vor Kriegsausbruch und das ärmliche Nachkriegsdeutschland fängt sie nuanciert und präzise ein. Auch das Zwischenmenschliche bei dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Brüdern ist intensiv. Ulla Lenze hält die Dialoge und Sätze knapp, kein Wort ist zuviel.

Doch der Charakter Josef, der erst zu Joe, später dann zu José wird, blieb für mich als Leser emotional farblos und nicht greifbar - wie ein Fähnchen im Wind oder der passive, unreflektierte Empfänger von Befehlen. Ihn nur als naiv darzustellen, wäre mir hier zu einfach. Er bleibt heimatlos und findet keinen Weg, seine Taten zu rechtfertigen.

"Er schaltete den Apparat an und nahm Platz. Leise Signale tröpfelten durch einen Strom aus Knistern und Pfeifentönen. Er sendete sein Rufzeichen, dann ein CQ - come quick. Er wiederholte das ein paar Mal und genoss das Weltraumrauschen und Knistern, das Gefühl, die ganze Welt zu sich strömen zu lassen. "

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere