Chronik einer Abwesenheit
Die Kartographie der HölleKnud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer ...
Knud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer Leere und einer Abwesenheit im eigenen Leben. "Die ersten dreißig Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht, mir selbst ein Loch zu graben, das so tief war, dass ich mich daraus nicht mehr würde befreien können." (S. 312)
Er geht nach Kopenhagen zum Studium, nach 17 Jahren Literaturwissenschaft kein Abschluss, aber ein zufälliger Job in der Werbebranche und ein Ausflug ins Filmmetier - er wird Laienschauspieler in Lars von Triers "Idioten". Sein eigentliches Lebensziel ist ein Buch beim Insel-Verlag zu veröffentlichen, was er letztendlich mit "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod" auch schafft und einer Art kleinem Befreiungsschlag gleichkommt.
Knud Romer ist zum unerbittlichen Chronist seines eigenen Lebens geworden - teils fiktiv, teils bestimmt autobiografisch. Dabei jongliert er so präzise und professionell mit neuen Sprachbildern und der Sprache an sich. Schlag auf Schlag taucht er in die Erinnerungen seiner Kindheit in Nyköbing und die Ausflüge zur Oma in Frankfurt. Sehr emotional und mitfühlend beschreibt er später, nach dem Tod der Mutter, das geistige Wegdriften des Vaters: "Mutter ist seit zwei Jahren tot, und ihr Tod ist ein kleines Mädchen mit Zöpfen, auf das Vater aufpasst." (S. 16).
Im Literaturstudium bezieht er sich im Sekundentakt gekonnt auf Autoren und Literatur - aber zu seiner Literatur-Liebe gesellen sich im Selbstfindungstrip zudem Alkohol und Drogen - ein Grund für das Erscheinen seines imaginären amerikanischen Freundes M.? "Ich würde in einem wachen Albtraum von innen nach außen gestülpt." (S. 271) Dessen Leben als Sohn eines CIA-Agenten in Istanbul und Teheran ist sehr turbulent - rasant in Sachen detaillierter und scharfer Beobachtungsgabe nimmt der Autor dabei Land, Leute, Gepflegenheiten und politische Unruhen sezierend unter die Lupe.
Originell, sarkastisch, dramatisch, humorvoll, poetisch, drastisch-grotesk - in sprachlicher Höchstform sucht Knud, innerlich getrieben und rastlos nach einem Entkommen aus der inneren Langeweile, Angst und Psychose. "Die Zukunft ist verbraucht. Es ist aussichtslos, das Leben besteht aus Leerlauf und Wiederholungen, bei denen das Ergebnis von vornherein bekannt ist." (S. 43) Diese Schnelligkeit an Bildern, Pointen, Geschichten und Dramen geben dem Roman keinen Ruhepunkt - der Leser muss immer aufmerksam sein, in schneller Abfolge kommen kleine Pointen und Anspielungen auf Film, Literatur oder Musik. Bis der Autor am Ende, nach dem Tod des Vaters, ins leere Elterhaus zurückkommt und die Landkarte von der Wand nimmt. Die Kartografie der Hölle ist vorerst beendet.
"Ein Schatten kroch mit hinein und verschwand endlich dort, wo er hergekommen war, zwischen den Büchern: das bucklige Männlein." (S. 552)