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Veröffentlicht am 31.03.2020

Chronik einer Abwesenheit

Die Kartographie der Hölle
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Knud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer ...

Knud wohnt in Nyköbing auf Falster, über seinem Bett hängt eine alte Landkarte mit dem Paradies. Doch in Knud sieht es alles andere als paradiesisch aus. Sein Leben ist geprägt vom Suchen, von innerer Leere und einer Abwesenheit im eigenen Leben. "Die ersten dreißig Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht, mir selbst ein Loch zu graben, das so tief war, dass ich mich daraus nicht mehr würde befreien können." (S. 312)

Er geht nach Kopenhagen zum Studium, nach 17 Jahren Literaturwissenschaft kein Abschluss, aber ein zufälliger Job in der Werbebranche und ein Ausflug ins Filmmetier - er wird Laienschauspieler in Lars von Triers "Idioten". Sein eigentliches Lebensziel ist ein Buch beim Insel-Verlag zu veröffentlichen, was er letztendlich mit "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod" auch schafft und einer Art kleinem Befreiungsschlag gleichkommt.

Knud Romer ist zum unerbittlichen Chronist seines eigenen Lebens geworden - teils fiktiv, teils bestimmt autobiografisch. Dabei jongliert er so präzise und professionell mit neuen Sprachbildern und der Sprache an sich. Schlag auf Schlag taucht er in die Erinnerungen seiner Kindheit in Nyköbing und die Ausflüge zur Oma in Frankfurt. Sehr emotional und mitfühlend beschreibt er später, nach dem Tod der Mutter, das geistige Wegdriften des Vaters: "Mutter ist seit zwei Jahren tot, und ihr Tod ist ein kleines Mädchen mit Zöpfen, auf das Vater aufpasst." (S. 16).

Im Literaturstudium bezieht er sich im Sekundentakt gekonnt auf Autoren und Literatur - aber zu seiner Literatur-Liebe gesellen sich im Selbstfindungstrip zudem Alkohol und Drogen - ein Grund für das Erscheinen seines imaginären amerikanischen Freundes M.? "Ich würde in einem wachen Albtraum von innen nach außen gestülpt." (S. 271) Dessen Leben als Sohn eines CIA-Agenten in Istanbul und Teheran ist sehr turbulent - rasant in Sachen detaillierter und scharfer Beobachtungsgabe nimmt der Autor dabei Land, Leute, Gepflegenheiten und politische Unruhen sezierend unter die Lupe.

Originell, sarkastisch, dramatisch, humorvoll, poetisch, drastisch-grotesk - in sprachlicher Höchstform sucht Knud, innerlich getrieben und rastlos nach einem Entkommen aus der inneren Langeweile, Angst und Psychose. "Die Zukunft ist verbraucht. Es ist aussichtslos, das Leben besteht aus Leerlauf und Wiederholungen, bei denen das Ergebnis von vornherein bekannt ist." (S. 43) Diese Schnelligkeit an Bildern, Pointen, Geschichten und Dramen geben dem Roman keinen Ruhepunkt - der Leser muss immer aufmerksam sein, in schneller Abfolge kommen kleine Pointen und Anspielungen auf Film, Literatur oder Musik. Bis der Autor am Ende, nach dem Tod des Vaters, ins leere Elterhaus zurückkommt und die Landkarte von der Wand nimmt. Die Kartografie der Hölle ist vorerst beendet.

"Ein Schatten kroch mit hinein und verschwand endlich dort, wo er hergekommen war, zwischen den Büchern: das bucklige Männlein." (S. 552)

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Einsames, hölzernes Herz

Ich erwarte die Ankunft des Teufels
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Mary MacLane ist 19 und sitzt mit ihrer langweiligen Familie in der öden, vertrockneten Bergbau-Stadt Butte in Montana fest. Ihr fehlt der intellektuelle Input und Menschen, die wie sie denken - mit einem ...

Mary MacLane ist 19 und sitzt mit ihrer langweiligen Familie in der öden, vertrockneten Bergbau-Stadt Butte in Montana fest. Ihr fehlt der intellektuelle Input und Menschen, die wie sie denken - mit einem einsamen, hölzernen Herz. Sie beginnt tagebuchartig ihre Darstellung des eigenen Lebens, der Menschen in Butte, über die Nichtigkeit des Lebens, ihre Einsamkeit und Liebe zu einer Frau festzuhalten. "Denn Dinge sind immer am schwersten zu ertragen, wenn es keine Worte dafür gibt." (S. 74)

In ihren Aufzeichnungen schwankt sie zwischen einer narzisstischen Selbstherrlichkeit ("Ich bin ein Genie!"), Todessehnsucht, Gesellschaftskritik und Jubel - und immer wartet sie auf die Ankunft des Teufels, der ihr Glück bringen soll und gerne für eine Zeit ihr Liebhaber sein kann. MacLane versteht dabei ihr schriftstellerisches Handwerk - um Rhythmik, Takt und das Auskosten von Phrasen. Sie lobt ihren Körper und Organe (die Leber!), beschreibt über mehrere Seiten das Essen einer Olive (Achtsamkeit) und die Zähnbürsten ihrer langweiligen Familie. Sie prangert das Ehedasein und die öde Landschaft in Butte an und schwärmt von ihrer unerwiderten Liebe zu einer Frau. Das alles fasziniert, wenn man das Jahr 1902 und die damaligen Umstände bedenkt, und irritiert zugleich, denn MacLanes Sichtweise ist teilweise merkwürdig. boshaft witzig und verstörend - aber genau dieses Merkwürdige feiert sie ja auch frenetisch an sich.

Hervorzuheben ist das hochwertig und schön gestaltete Cover vom Verlag, die für mich überaus gelungene Übersetzung von Ann Cotten und die beiden sehr interessanten Nachworte von Ann Cotten und Juliane Liebert. Zusammen mit dem Reclam Verlag geben sie Mary MacLane über 100 Jahre nach ihrer erfolgreichen Erstveröffentlichung wieder ihre Stimme als historische, feministische und künstlerische Frau, die auf ihre eigene bizarre Art auf ihr Glück vom Teufel wartet.

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Fragmente des Lebens

Was wir sind
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Hannah, Cate und Lissa sind jung, lebensfroh und unzertrennliche Freundinnen. Sie wohnen gemeinsam in einem charismatischen Haus am Rande von London Fields, gehen zu Kulturveranstaltungen, lesen, diskutieren, ...

Hannah, Cate und Lissa sind jung, lebensfroh und unzertrennliche Freundinnen. Sie wohnen gemeinsam in einem charismatischen Haus am Rande von London Fields, gehen zu Kulturveranstaltungen, lesen, diskutieren, kochen und wissen genau, wer sie sind und wer sie sein wollen und werden.

Zehn Jahre später sind sie Mitte Dreißig und jede der emanzipierten Frauen hat ihr eigenes Problem: Hannah wird trotz mehrmaligen künstlichen Befruchtungen nicht schwanger und schlittert in eine Ehekrise. Cate leidet nach der Geburt ihres Sohnes an einer wiederkehrenden Depression - ihr einziger gedanklicher Halt ist das Erinnern an eine alte Liebe. Lissa zweifelt an ihrem Können als Schauspielerin und findet keine feste Beziehung. Sie sind nicht dort, wo sie sich erhofft hatten. Jede Frau will ein wenig von dem, was die andere hat.

Inmitten von Ehe- und Beziehungskrisen, Karrieren und Kinderwünschen gibt die Autorin Anna Hope jeder Frau ihre eigene Stimme und fragt: Was heißt es, im 21. Jahrhundert eine Frau zu sein? Wie führe ich abseits meiner eigenen und fremden Ansprüche und Erwartungen ein sinnerfülltes Leben? Wie finde ich mich zurecht als Rolle der Tochter, Mutter, Ehefrau, Freundin und Feministin?

Dabei rollt sie mit zwischenmenschlichem Gespür für Details die Leben der Frauen anhand von Zeitsprüngen und Erinnerungen auseinander - die Rückblicke sind wie verblasste Polaroids und erlauben dem Leser, tiefer mit den Charakteren zu fühlen und die Fragmente ihrer Leben zusammenzupuzzeln. Hope schreibt sehr einfühlsam, emotional weise und zutiefst menschlich. Die Beschreibungen der Umwelt und Menschen ist so bildgewaltig und präzise, dass man sie beim Lesen förmlich vor Augen hat.

Anna Hope entwirft einen sehr intimen, realitätsnahen und ehrlichen Blick (ähnlich wie Sally Rooney) auf zerstörerische Selbsterwartungen und wie wir es schaffen können, das Leben fließen zu lassen und einen Zwischenraum von Haben und Wollen zu finden. Wir alle leben trotz geplatzter Träume und Schmerz weiter. Und es ist ein Roman über das große Auf und Ab von Freundschaften, auch wenn man aus lauter Angst vor Verletzungen nicht über die wirklichen Probleme reden kann. Dabei enstehen leichte Längen, aber Hope navigiert mit so einer sinnlichen Prosa durch die Innenwelten der Frauen, dass ich über diese getrost hinwegschauen konnte.

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Im Visier der Weltmächte

Der Empfänger
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Ulla Lenze nimmt sich in ihrem neuen Roman ein Stück bisher größtenteils unerforschter deutscher Geschichte an - inspiriert von schriftlichen Überbleibseln ihres Großonkels beleuchtet sie die Geheimdiensttätigkeiten ...

Ulla Lenze nimmt sich in ihrem neuen Roman ein Stück bisher größtenteils unerforschter deutscher Geschichte an - inspiriert von schriftlichen Überbleibseln ihres Großonkels beleuchtet sie die Geheimdiensttätigkeiten von Nationalsozialisten im New York der 1930er-Jahre.

Hauptfigur Josef wandert in den 1920er-Jahren von Deutschland in die USA aus, sucht das Glück in der Fremde, weg vom bedrückenden Elternhaus. Er arbeitet in einer Druckerei, geht abends aus, genießt die amerikanische Jazzkultur und hat in seiner kleinen Wohnung ein Hobby: mit einem selbstgebauten Funkgerät nimmt er weltweit Kontakt mit anderen Funkamateuren auf. Sein Geschick darin und spätere Kontakte verhelfen ihm zu einem neuen Job: er soll für eine Firma Zahlencodes nach Deutschland funken. Dass er damit in die Spionagetätigkeiten der Nationalsozialisten gerät, merkt er zu spät oder will es nicht wahrhaben - er steckt nun mitten in den Aktivitäten kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Später wird Josef noch aus Angst vor der Todesstrafe und durch den Verrat seiner Freundin zum Doppelagenten für das FBI - was ihn aber nicht vor einer späteren Haftstrafe schützt.

1949 wird er nach fünf Jahren Gefängnis nach Deutschland abgeschoben, wo er bei seinem Bruder Carl unterkommt - doch auch hier findet er keine Ruhe, da ihn die Fragen nach seiner Vergangenheit und der Argwohn des Bruders nicht loslassen. Er wankt zwischen Abmilderungsversuchen und Schuldeingeständnissen. War er Täter, Kollaborateur oder Verräter?

Aufwendig recherchierte historische Details verdeutlichen die gesellschaftliche und politische Situation jener Zeit in New York 1939, im Nachkriegsdeutschland und in Südamerika in den 1950er-Jahren - denn diese Städte werden zu lebendig aufblühenden Handlungsschauplätzen im Roman, der nicht chronologisch erzählt wird. Die einzelnen Kapitel sind als Rückblicke datiert und geografisch verortet. Ulla Lenze erzählt dabei in einer dichten und packenden Prosa. Die aufgeladene Stimmung in New York kurz vor Kriegsausbruch und das ärmliche Nachkriegsdeutschland fängt sie nuanciert und präzise ein. Auch das Zwischenmenschliche bei dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Brüdern ist intensiv. Ulla Lenze hält die Dialoge und Sätze knapp, kein Wort ist zuviel.

Doch der Charakter Josef, der erst zu Joe, später dann zu José wird, blieb für mich als Leser emotional farblos und nicht greifbar - wie ein Fähnchen im Wind oder der passive, unreflektierte Empfänger von Befehlen. Ihn nur als naiv darzustellen, wäre mir hier zu einfach. Er bleibt heimatlos und findet keinen Weg, seine Taten zu rechtfertigen.

"Er schaltete den Apparat an und nahm Platz. Leise Signale tröpfelten durch einen Strom aus Knistern und Pfeifentönen. Er sendete sein Rufzeichen, dann ein CQ - come quick. Er wiederholte das ein paar Mal und genoss das Weltraumrauschen und Knistern, das Gefühl, die ganze Welt zu sich strömen zu lassen. "

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Veröffentlicht am 04.06.2024

Spur der Brotkrumen

Vor einem großen Walde
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Der britische Autor Leo Vardiashvili hat mit „Vor einem großen Walde“ eine abenteuerliche Familiengeschichte in Georgien mit vielen märchenhaften Elementen verwoben – wie die Brotkrumen bei Hänsel und ...

Der britische Autor Leo Vardiashvili hat mit „Vor einem großen Walde“ eine abenteuerliche Familiengeschichte in Georgien mit vielen märchenhaften Elementen verwoben – wie die Brotkrumen bei Hänsel und Gretel verfolgt ein Sohn auf seiner turbulenten Suche nach Vater und Bruder mysteriösen Spuren und erlebt skurrile sowie bewegende Situationen in einem gespaltenen Land.

Hauptakteur und Ich-Erzähler Saba ist 1992 mit seinem Vater Irakli und Bruder Sandro aus Georgien vor dem Bürgerkrieg nach England geflohen – Mutter Eka musste zurückbleiben. Sie kommen einigermaßen zurecht, als auf einmal der Vater fast 20 Jahre später zurück in das Heimatland geht und nur die Warnung hinterlässt, dass ihm niemand folgen soll. Doch Bruder Sandro tut genau dies und von beiden verliert sich mysteriös jede Spur – Saba steht vor einem Rätsel und beschließt, es zu lösen. In Tbilissi erhält er Unterstützung von dem unerschütterlichen und gastfreundlichen Taxifahrer Nodar, der ihn kreuz und quer durchs Land und in die dunklen Ecken Tbilissis auf der atemlosen Schnitzeljagd begleitet – den Weg leiten verschlüsselte Graffiti-Hinweise des von der Polizei verfolgten Bruders und Stimmen aus dem Jenseits von Sabas verstorbenen Verwandten.

Als sie an dem großen Wald ankommen, der die Grenze zum von Russland besetzten Südossetien aufzeigt, entwirft Leo Vardiashvili einen rasanten Spannungsbogen, der Fantasie und Wirklichkeit packend verschmelzen lässt sowie traumatische Kriegsereignisse zu Tage bringt. Die Abenteuergeschichte ist sehr flüssig-unterhaltsam sowie humorvoll geschrieben, bleibt aber bei politisch prekären Konflikten in Georgien an der Oberfläche – Vardiashvilis Fokus in seinem lesenswerten Debüt liegt auf den Menschen sowie deren Geschichten, Charakteren und Zusammenhalt, wenn Vieles auseinanderbricht. Und dabei verknüpft er gekonnt Märchen mit den gewaltvollen Auswirkungen von Flucht und Krieg.

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