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Veröffentlicht am 17.05.2020

Eine nicht so glückliche Jugend in den 70ern

Die wir liebten
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Edgar und Roman wachsen in den siebzigern Jahren in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit, die sie erleben, was sich jedoch dramatisch ändert, als der Vater sich ...

Edgar und Roman wachsen in den siebzigern Jahren in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit, die sie erleben, was sich jedoch dramatisch ändert, als der Vater sich in eine andere Frau verliebt und bald die Familie verlässt. Ihre Mutter verkraftet diesen Verlust kaum, und nach und nach bricht auch der Rest der Familie zusammen. Doch das Schlimmste kommt noch für die beiden Brüder ...
Was Willi Achten hier beschreibt (und ich wünsche mir für ihn, dass nichts oder nur wenig Autobiographisches darin enthalten ist), ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was einem Kind oder Jugendlichen passieren kann: Die Menschen zu verlieren, die man liebt. Eindringlich und sehr bildhaft beschreibt der Autor das Leben und Erleben der Jungen aus der Sicht des jüngeren Edgar. Mir persönlich war dies zumindest in den ersten beiden Abschnitten etwas zuviel, zeitweise glaubte ich mich fast in einem Film, so detailliert waren Umgebung, Sinneseindrücke und Gefühle dargestellt. Viel Raum bleibt der Phantasie da nicht, dafür dürfte es eine eventuelle Drehbuchschreiberin vermutlich recht einfach haben Auch die Vorliebe des Autors für bestimmte Stilmittel fand ich entbehrlich: Aufzählungen und Wortwiederholungen. Hier ein Beispiel von nur einer Seite: "Ich hatte kein Ziel. Ich wollte allein sein. Ich mochte den Duft...". Ein paar Zeilen weiter "Ich wollte nichts hören ... Wollte nichts sehen ... Wollte in das Gespinst des Nebels schauen, ...". Wieder einige Zeilen weiter: "Ich musste ausruhen. ... Ich musste ausruhen von ... Ich musste ausruhen von ...".
Doch der dritte Teil macht Vieles wieder gut. Edgar und Roman müssen in ein Kinderheim (das steht auch im Klappentext, ich verrate also nichts ) und was sie dort erwartet, grenzt an eine Hölle auf Erden. Was hier beschrieben wird, ist so grausam, dass man kaum glauben kann, dass so etwas in Deutschland vor nicht einmal 50 Jahren möglich war. Ähnlich wie bei vielen institutionellen Missbrauchsfällen wurde auch hier (Schwarze Pädagogik) vertuscht und ein Mantel des Schweigens darüber gelegt. Zu meiner Freude hält sich der Autor in diesem Teil mit seiner Liebe zum Detail zurück und auch seine Lieblingstilmittel finden nur wenig Anwendung
Es ist ein Buch mit einem wichtigen Thema, das die Atmosphäre der Siebziger im Guten wie auch Bösen authentisch darstellt. Menschen, die damals groß wurden, werden sich zurückversetzt fühlen in ihre Kindheit und Jugend; die Anderen eine Zeit kennenlernen, die auch geprägt war durch den Geist des Dritten Reiches.

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Veröffentlicht am 09.04.2020

Knud Romers selbstgewählte Hölle

Die Kartographie der Hölle
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Knud Romer wächst behütet auf, verwöhnt und geliebt von seinen Eltern, doch ohne Freunde. So schafft er sich einen Fantasiefreund, M., der ein völlig anderes Leben als Knud lebt. Während dieser mit zunehmenden ...

Knud Romer wächst behütet auf, verwöhnt und geliebt von seinen Eltern, doch ohne Freunde. So schafft er sich einen Fantasiefreund, M., der ein völlig anderes Leben als Knud lebt. Während dieser mit zunehmenden Jahren von einer Karriere im Literaturbetrieb träumt, zieht M. mit seiner Familie von einem Land ins nächste.
Von diesen beiden Lebensläufen erzählt 'Die Kartographie der Hölle' abwechselnd. Während Knud sein Literaturstudium aufnimmt und daran verzweifelt, verharrt die Geschichte M.s bei dessen Kindheit und Jugend, in der er mit seiner Familie von den USA nach Istanbul übersiedelt und dann weiter nach Teheran zieht. Während der fiktive Teil chronologisch dargestellt wird, ist Knuds Leben voller Sprünge, im übertragenen wie auch realen Sinn. Es geht von Dänemark nach Frankfurt nach Wien nach Island nach sonstwohin und man sollte sich nicht daran stören, hin und wieder den roten Faden zu verlieren. Knuds Dasein ist das eines Verlierers, der irgendwann zufällig auf die Gewinnerbahn kommt, die er zwar (eher unbewusst) zu nutzen weiss, die ihn aber gleichzeitig in den tiefsten Abgrund stürzt. Wirklich interessant habe ich diese Geschichte nicht gefunden, ganz im Gegensatz zu der von M. Fast schon sachbuchmäßig, aber durchaus unterhaltsam werden die Verhältnisse in den 70er Jahren in Istanbul und Teheran geschildert, wobei mir aber unklar blieb, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist. Beispielsweise fand ich über die Aussage, dass die Zwillingsschwester des Schahs die eigentliche Macht im Staate und größte Drogenhändlerin des Landes war, nichts offiziell Bestätigtes. Allenfalls Gerüchte.
Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Buch sind eh nicht die Geschichten, sondern die Sprache, die der Autor ausgesprochen kunstvoll zu nutzen weiß. Beispielsweise wie es ist, keinen Großvater zu haben: "Streckt man die Hand in Richtung Vergangenheit aus, ist dort niemand, der sie ergreift. Man ist ohne Familie und ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, man hängt mit nichts und niemandem zusammen. Als sei man vom Himmel gefallen. Man kommt nirgendwoher, man ist für immer ein Zugezogener und muss schauen. wo man bleibt." Oder "Jede Person war eine Tür, durch die man eintrat - und möglicherweise endete man an einem unbekannten Ort. Das konnte überall passieren und den Rest des eigenen Lebens bestimmen." Knud Romer hat einen Blick für das Wesentliche, das er dann scharfzüngig in Worte umsetzt: "Das Postterminal war die Endstation für viele, die ihr Studium hinschmissen. Die Literaturwissenschaft produzierte Verlierer am Fließband - und Invaliden. Das war die beste Zukunftsaussicht: eine Invalidenrente. Es ließ sich auf niedrigster Flamme vegetieren, man hatte Ruhe vor der Gesellschaft und konnte sie von einem höheren, idealistischen Standpunkt kritisieren, ohne gezwungen zu sein, sich für das Kapital zu prostituieren oder selbst zur Ware zu werden, wie es der Arbeitsmarkt verhieß."
Es ist keine Biographie im üblichen Sinn, sondern eher ein kunstvolles Geflecht von Realität und Fantasie mit vielen essayartigen Einschüben zu etwas eigenwilligen, aber durchaus interessanten Themen, wie beispielsweise dem Tourette-Syndrom oder das Leben des Dr. Reinhold Aman, der Welt einzigem Maledictologen (Schimpfwortforscher).

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Veröffentlicht am 05.03.2020

Plötzlich Vater!!!

Vaterschaftstest
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Fabian ist ein liebenswerter, sympathischer Zeitgenosse, der meist wirkt, als wäre er etwas durch den Wind. Er ist Lehrer an einer berufsbildenden Schule und voller Ängste und Komplexe und mit Mitte Dreißig ...

Fabian ist ein liebenswerter, sympathischer Zeitgenosse, der meist wirkt, als wäre er etwas durch den Wind. Er ist Lehrer an einer berufsbildenden Schule und voller Ängste und Komplexe und mit Mitte Dreißig noch immer Jung’mann‘ – zumindest glaubt er das. Denn kurz vor den Sommerferien erfährt er völlig überraschend, dass er Vater von sechzehnjährigen Zwillingen ist. Während er und seine beiden Töchter sich bei gemeinsamen Treffen näher kennenlernen, versucht er herauszufinden, was damals wirklich passierte. Während seiner Nachforschungen muss er gezwungenermaßen Kontakt zu früheren Freundinnen und Freunden aufnehmen, wobei er immer wieder realisiert, wie sehr seine Selbsteinschätzung von dem Eindruck, den er auf Andere macht, abweicht. Dinge, die ihm große Probleme bereiten, werden und wurden von Anderen überhaupt nicht oder nur wenig wahrgenommen.
Markus Behr lässt seinen Protagonisten von einer heiklen Situation in die nächste stolpern, wobei es aber nie so schlimm wird, dass es zum Fremdschämen reicht. Obwohl das Buch recht launig geschrieben ist und mich beinahe durchweg lächeln ließ, kamen mir die Figuren nicht richtig nahe. Vielleicht lag es an manchen Verhaltensweisen, die ich wohl schlicht nicht nachvollziehen konnte. Beispielsweise als Fabian Ronjas Zähne ‚fast bedrohlich findet‘ oder die Augenschatten von Jasmin. Zudem hätte ich mir, auch wenn die Geschichte insgesamt einen heiteren Stil aufweist, etwas mehr Witz gewünscht, wie zum Beispiel in Situationen wie dem Besuch der alten Dame im Hotelzimmer oder das Treffen mit seinem Chef und dessen Hund. Diese Szenen (und auch andere) hätten gerne deutlich lustiger ausfallen dürfen.
Insgesamt ist es ein leichter vergnüglicher Unterhaltungsroman mit Potential nach oben, der vielleicht auch den Blick für das eigene Selbstbild und seine Aussenwirkung etwas schärft.

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Veröffentlicht am 22.02.2020

Vom Lachen, Denken und Zuhören

Picknick im Dunkeln
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Stan Laurel (1890-1965) trifft auf Thomas von Aquin (1225-1274) - häh? Und nicht nur das! Um sie herum herrscht vollkommene Dunkelheit, und keiner von ihnen weiß, was sie an diesem Ort erwartet.
Was sich ...

Stan Laurel (1890-1965) trifft auf Thomas von Aquin (1225-1274) - häh? Und nicht nur das! Um sie herum herrscht vollkommene Dunkelheit, und keiner von ihnen weiß, was sie an diesem Ort erwartet.
Was sich anhört wie der wirre Traum eines Surrealisten, ist das Ausgangsszenario des neuen Buches von Markus Orths. Beworben wird es vom Verlag mit 'eine aufregende philosophische Reise, eine urkomische und todernste Geschichte...', was ich als doch etwas (oder auch etwas mehr) übertrieben betrachte. Ja, es gibt philosophische Momente ebenso wie komische und ernste, doch von allem etwas und nie in Extremform.
Der Schwerpunkt lag für mich auf der Schilderung der Biographien der beiden Männer, die ich insbesondere im Falle Thomas von Aquins als sehr gelungen empfand. Da außer den reinen Fakten zu dessen Leben keine persönlichen Zeugnisse überliefert sind (sieht man von seinen philosophischen und theologischen Schriften ab), sind die entsprechenden Abschnitte zu seinem Leben wohl gänzlich der Phantasie des Autors zu verdanken. Wie er das Leben dieses großen mittelalterlichen Denkers darstellt, finde ich sehr glaubwürdig und authentisch. Wohl wissend, dass nur Wenig davon als verbürgt gelten kann.
Was diese beiden Leben, Thomas' und Stans, miteinander verbindet, ist praktisch nichts außer ihr gemeinsamer Aufenthalt an diesem mysteriösen Ort. Doch in dieser vollkommenen Dunkelheit versuchen sie nun, sich einander anzunähern und zu verstehen, um sich in dem Unerklärlichen, das um sie herum herrscht, gegenseitig Halt zu geben. Wobei Stan klar der 'Bedürftigere' der Beiden ist - Denken schlägt Lachen
Markus Orths zeigt in einer gefühlvollen Sprache mit wirklich kreativen neuen Wortkreationen (Hosenrücktauschverstecke, Schneckenfühlerfingerchen), wie sich zwei Menschen verstehen lernen, die nichts gemeinsam haben. Doch mit Offenheit und Bereitschaft ist es auch möglich, Bande über die Jahrhunderte zu knüpfen. Verbindungen, die einen bis in den Tod begleiten.
Es ist eine gut erzählte, in gewisser Weise phantastische Geschichte, die mich mit ihrer Auflösung jedoch ein bisschen enttäuschte - zu alltäglich kam sie daher. Dennoch: eine schöne und etwas ungewöhnliche Lektüre.

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Veröffentlicht am 18.02.2020

Düstere Aussichten für eine junge Generation

Fehlstart
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Die 19jährige Aurélie träumt von einem besseren Leben: raus aus der Armut ihres Stadtviertels, weg von ihrer Unterschichtfamilie und hin zu Wissen, Bildung und der Gewissheit, etwas Sinnvolles im Leben ...

Die 19jährige Aurélie träumt von einem besseren Leben: raus aus der Armut ihres Stadtviertels, weg von ihrer Unterschichtfamilie und hin zu Wissen, Bildung und der Gewissheit, etwas Sinnvolles im Leben zu tun. Doch tatsächlich landet sie an der Universität ihres Heimatortes Grenoble, wo sie weiterhin bei ihren Eltern in ihrem alten Kinderzimmer wohnt. Auch die Universität entpuppt sich als Ort der Langeweile mit uninteressanten und öden Vorlesungen. Erst Alejandro, ein junger Kolumbianer, der ebenfalls in Grenoble studiert, weckt ihre Lebensfreude und setzt Energien in ihr frei, die sogar ihre Lernfreude für das Studium wecken. Doch als er sie verlässt, scheint ihr jegliche Motivation wieder abhanden zu kommen.
Was sich wie eine traurige Liebesgeschichte anhört, ist eher die ebenfalls traurige Beschreibung einer Generation, die sich in der Illusion verliert, irgendwann einmal in der Gesellschaft aufzusteigen. Wir folgen Aurélie nach Paris, wo sie sich wie zehntausende Anderer ein besseres, aufregenderes Leben verspricht, fernab von der Ödnis der Provinz und der Armseligkeit ihres Elternhauses. Doch tatsächlich landet sie in einem miserabel bezahlten Hostessenjob mit schlechteren Arbeitsbedingungen als jene ihrer Eltern, nur, um sich ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können und eine völlig überteuerte kärgliche Unterkunft in Paris.
Marion Messina, die Autorin, macht deutlich, dass die Realität weit davon entfernt ist, allen Menschen in Frankreich die gleichen Chancen zu bieten. Wer nicht einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehört, ist dazu verdammt, für kleines Geld so hart zu arbeiten, dass für nichts Anderes mehr Zeit und Energie übrig bleibt. Der Aufstieg in ein besseres Leben ist ein Versprechen, mit dem die Armen ruhig gestellt werden. So düster wie sich das Alles anhört, ist dieses Buch auch. Jeder Versuch eines neuen Anfangs endet mit einer Trostlosigkeit, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.
Es ist eine zutiefst französische Lektüre; jede Menge Bezüge auf französisches Fernsehen, Literatur, Politik und so frage ich mich: Ist es wirklich so schlimm um diese Generation in Frankreich bestellt? Gibt es wirklich keine Hoffnung mehr? Nicht dass ich bezweifle, dass solche Verhältnisse existieren, die es bestimmt auch in Deutschland gibt. Aber ist es wirklich die Mehrheit wie hier beschrieben?
Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesem Buch drei oder vier Sterne gebe, denn im Grunde finde ich das Thema wie auch die Schuldzuweisungen zu einseitig und das Handeln der Protagonistin häufig nicht nachvollziehbar. Doch in Vielem hat die Autorin recht und trifft mit ihren Aussagen voll ins Schwarze. Hinzu kommt ein bemerkenswerter Schreibstil, nüchtern und ausdrucksstark und so lande ich schlussendlich bei 3,5 Sternen

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