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Veröffentlicht am 03.07.2020

Vom Krimi zum Horror - vom Feinsten!

DER JUDAS-SCHREIN
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Wie die meisten von euch wissen, bin ich absoluter Andreas Gruber Fan. Nun habe ich mich erstmals an seinen aus dem Jahr 2005 neu aufgelegten Horrorroman "Der Judasschrein" gewagt und bin genauso begeistert.
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Wie die meisten von euch wissen, bin ich absoluter Andreas Gruber Fan. Nun habe ich mich erstmals an seinen aus dem Jahr 2005 neu aufgelegten Horrorroman "Der Judasschrein" gewagt und bin genauso begeistert.
In die Stimmung, die in Grein am Gebirge herrscht, brauchte ich mich nicht wirklich einzustimmen, denn kurz bevor ich das Buch zu lesen begann, wurden auch unser Ort überflutet. Und wenn ich aus dem Fenster blickte, sah ich genau dasselbe regnerische und düstere Wetter, wie im Buch beschrieben. Die Stimmung war also schon mal gegeben!

Gemeinsam mit dem Wiener Kommissar Alex Körner, der mit knapp 14 Jahren seinen Geburtsort Grein am Gebirge verlassen hat, kehre ich das niederösterreichische Dorf zurück. Ein spektakulärer Mordfall an einem jungen Mädchen führt ihn und sein Team zurück an dem Ort, den er nie mehr betreten wollte. Vor 27 Jahren hat er ihn nach einem furchtbaren Vorfall verlassen. Zur selben Zeit tritt der Fluss über die Ufer und die Brücke, die aus Grein hinausführt, ist nicht mehr passierbar. Die Lage beginnt sich immer mehr zuzuspitzen....

Es beginnt als typischer Krimi mit Ermtittlungsarbeiten, während die düsteren und rätselhaften Anteile immer mehr zunehmen. Spannung und Mystik gehen Hand in Hand. Körner und seine Kollegen stoßen bei den Dorfbewohnern auf eine Mauer des Schweigens. Diese scheinen ein Geheimnis zu haben, denn sie stellen sich gegen die ermittelnden Polizisten. Zusätzlich fallen Körner und seinem Team einige verstörende Merkmale bei einigenBewohnern auf.

Die außergewöhnliche Verstümmelung weiterer Todesopfer hinterlassen bei Körner und seinem Team immer mehr Rätsel, aber auch ein sehr unheimliches Gefühl. Als Leser rätselt man mit den Ermittlern mit. Seltsame Tagebucheinträge eines Messdieners aus dem Jahre 1864 und weitere Rückblenden ins Jahr 1937 über ein großes Grubenunglück verdichten die gruselige Atmosphäre. Der Spannungsbogen steigt kontinuerlich an. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.
Diese Stimmung im Dorf und unter den Einheimischen ist die ganze Zeit über greifbar und vom Autor perfekt insziniert. Viele Eigenheiten zeigen aber auch ganz normale Züge. Jeder, der je in ein kleines Dorf zugezogen ist, weiß wie schwierig es ist, dort angenommen zu werden.

Zum Ende legt Gruber noch ein Schäufelchen nach und zieht den Leser in einen Sog des Grauens.

In Anlehnung an H.P. Lovecraft und seinen Cthulhu-Mythos hat Andreas Gruber eine grandiose Geschichte geschrieben, die mich, die eigentlich keinen Horror liest, vollkommen überzeugen konnte.

Fazit:
Mein Ausflug ins Horror-Genre, allerdings mit einem wohlbekannten Autor, hat mir spannende Stunden bereitet. "Der Judasschrein" konnte mich mit düsterer Stimmung, seltsamen Dorfbewohnern, die vor nichts zurückschrecken und einem Vorfall in der Vergangenheit, der das Böse erweckt, überzeugen...einfach grandios!

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Veröffentlicht am 04.06.2020

Die Legende vom großen Bären

Der Schattengrizzly der Rocky Mountains
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Die Bücher von Natascha Birovljev über die Willow Ranch in den Rocky Mountains sind Herzensbücher für mich geworden. Aktuell habe ich nun den dritten Band beendet und kann es gar nicht erwarten das nächste ...

Die Bücher von Natascha Birovljev über die Willow Ranch in den Rocky Mountains sind Herzensbücher für mich geworden. Aktuell habe ich nun den dritten Band beendet und kann es gar nicht erwarten das nächste Buch in den Händen zu halten. Leider dauert es nun wieder ein Jahr...

Man kann Band 3 sicher auch alleinstehend lesen, doch habe ich in der Leserunde bemerkt, dass Einsteiger zu Beginn kleine Schwierigkeiten mit den Figuren haben, weil doch schon viele Hintergrundinfos zu den einzelnen Charakteren fehlten. Deswegen rate ich mit Band 1 zu beginnen!

Wie schon in den vorherigen Bänden wird im Prolog eine Indianerlegende erzählt. Diesmal geht es um den großen Bären am Firmament und seinen Jägern. Danach steigen wir direkt ein. Lee und Nick, die Eigentümer der Willow Ranch, sind sich noch immer nicht einig, wie die (finanzielle) Zukunft aussehen soll. Nick möchte mit den Plänen von Lee, ein Gästehaus zu eröffnen und Reittouren anzubieten, nichts zu tun haben. Er setzt rein auf die Pferdezucht. Daraufhin bietet Lee's Ehefrau Naira ihre Hilfe für die erste Zeit an. Lee's Schwester Lyla, die sich nach der Trennung von Nick eine Auszeit genommen hat, kehrt aus dem Yukon zurück. Auch sie steckt in einem Zwiespalt, was ihre Zukunft betrifft. Noch immer sucht sie nach weiteren Antworten zu ihren indianischen Wurzeln. Um sie auf andere Gedanken zu bringen und weil er Hilfe nötig hat, bietet ihr Lee die Leitung der Wildtierstation an. Dabei soll ihr Woodwind, der Bruder von Lonefather Jones, zur Hand gehen. Nach einem Gefängnisaufenthalt tauchte dieser plötzlich bei seinem Bruder unerwartet auf. Der Traumfänger-Knüpfer wollte eigentlich erneut auf Wanderschaft gehen, doch mit der Rückkehr seines Bruders kommt auch die Vergangenheit zurück, die ein Versprechen einfordert. Zusätzlich verwirren ihn seine Gefühle für Lyla immer mehr...

Woodwind kommt als neuer Charakter hinzu, der undurchsichtig bleibt und für so einige Spekulationen herhalten muss. Dorothy und ihre Tochter Sam, die auf der Ranch einen Neuanfang versuchen, bereichern ebenfalls als Neuankömmlinge die Geschichte. Sam wächst dem Leser sehr schnell ans Herz. Sie ist ein naturverbundenes Mädchen, die Pferde über alles liebt und sich schnell auf der Ranch einlebt. Doch schon bald kommen dunkle Wolken über die Willow Ranch. Ein Teil der First Natives, wie die Indianer genannt werden, stellen sich gegen Lee's Idee Ausritte in die Rocky Mountains anzubieten. Woodwinds etwas dubiose Aktivitäten lassen ebenfalls Ärger wittern und ein weiterer Neuankömmling hegt ebenfalls dunkle Pläne. Wohlbekannte Nebenfiguren, wie Tante Jeanne, Eric oder Lylas Freundin Sarah dürfen ebenfalls nicht fehlen.

Im Mittelpunkt steht diesmal Lyla. Sie ist jedoch nicht immer im Zentrum der Geschichte. In weiteren Handlungssträngen begeben wir uns auch in die Berge. Rund um geheimnisvolle Bärenspuren, langen Ausritten in der Natur oder Vorfällen in der Wildtierstation, kommt es auch zu Schicksalsschlägen und Auseinandersetzungen. Es wird spannend, aber auch sehr emotional.

Die bildhafte Beschreibung der atemberaubenden Naturlandschaft in den kanadischen Rocky Mountains beherrschen auch diesen dritten Band der Reihe rund um die Willow Ranch und ihren Bewohnern. Mystik und das geheimnisvolle Flair rund um die Indianerlegenden und das Leben mit der Natur sind immer wieder Bestandteil in den einzelnen Büchern, ebenso wie die Tierwelt.
Wie gewohnt baut die Autorin die Geschichte langsam auf. Für manche dauert es diesmal vielleicht etwas zu lange bis es spannend wird, doch für Nichtkenner der Reihe finde ich es positiv die Charaktere der Haupt- und Nebenfiguren zuerst intensiver kennenzulernen, indem man ihre Gedanken und Zweifel mitverfolgen kann. Man spürt ihre Sorgen und Ängste, aber auch Neid und Eifersucht durch die Zeilen. Es geht um Mut, Zusammenhalt und den Weg zu sich selbst.
Der spannende Showdown am Ende lässt einem den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Jedoch gibt es diesmal auch ein etwas emotionales Ende, das mir Tränen in die Augen trieb - was bei mir sehr selten vorkommt.

Man merkt einfach mit jeder Zeile die Liebe der Autorin zu ihrer neuen Wahlheimat. Ich freue mich schon auf einen weiteren Band.

Fazit:
Die Autorin überzeugt auch im dritten Teil mit atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen, mystischen Indianerlegenden und erzählt in gewohnter fesselnden Art vom Schicksal der Bewohner und Freunde der Willow Ranch.

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Veröffentlicht am 31.05.2020

Das stumme Mädchen

Stumm vor Angst
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Es geht weiter mit dem indischstämmigen Kommissar Surendra Sinha. Diesmal schreibt Ingrid Zellner wieder ohne ihre Autorenkollegin Simone Dorra, die beim lezten Fall "Mordshass" mit ihrem Ermittler Malte ...

Es geht weiter mit dem indischstämmigen Kommissar Surendra Sinha. Diesmal schreibt Ingrid Zellner wieder ohne ihre Autorenkollegin Simone Dorra, die beim lezten Fall "Mordshass" mit ihrem Ermittler Malte Jacobsen Surendra beistehen durften.
Auch "Stumm vor Angt" reiht sich mühelos an meine begeisterten Bewertungen zu den beiden Vorgängern "Adlerschanze" und "Mordshass" ein.

Noch immer ist Surendra Sinha vom Dienst suspendiert. Ihn quält die Unsicherheit, wie sein Verfahren ausgehen wird. Deswegen möchte er seinen ehemligen Vorgesetzten und Freund Frank Hasemann auf der Schwäbisch Alb besuchen und sich mit ihm aussprechen. Bei einem gemeinsamen Besuch auf der Burg Hohenzollern lernt Surendra Linnea kennen. Das zehnjährige Mädchen spricht nach einem schrecklichen Vorfall, bei dem ihr Vater im gemeinsamen Elternhaus verbrannt ist, nicht mehr. Der Täter wurde gefasst, doch eine der Hauptbelastungszeuginnen, Vanessa März, wurde nach dem Prozess ermordet und verbrannt. Sinha kannte die Zeugin aus einem früheren Fall und beginnt betreffend dem Feuer und dem Mord zu recherchieren. Da "stolpert" er über einen weiteren Toten, der ebenfalls einen Bezug zu Linneas Vater und dessen Firma aufweist. Außerdem war Linneas Mutter, Natalia Gruber, die ehemals beste Freundin der verbrannten Hauptentlastungszeugin.... Surendra ahnt, dass der Fall noch längst nicht abgeschlossen ist und nutzt die neue Freundschaft mit Linnea aus, mehr über das Umfeld der Familie zu erfahren. Kurze Zeit später flattert eine Anzeige wegen Kindesmissbrauch ins Haus. Nun ist sich Surendra sicher, dass der wahre Täter noch frei herumläuft...

Wie schon in den Vorgängerbüchern schreibt Ingrid Zellner wieder extrem spannend und fesselnd. Diesmal steht neben dem Fall das Thema Fremdenhass im Fokus. Surendra, der zwar indischstämmig ist, aber in Deutschland geboren wurde, wird immer wieder Zielscheibe von rassistischen Anfeindungen, die sogar handgreiflich werden. Gelungene Sozialkritik, denn auch Sterbehilfe und Kindesmissbrauch sind Themen, die die Autorin einfließen lässt.

Überraschende Wendungen und falsche Fährten, die die Autorin geschickt legt, halten den Spannungslevel oben. Ich habe während des Lesens fleißig mitgeraten, wer hinter den Morden stecken könnte und war ausschließlich auf dem Holzweg. Genauso muss Krimi sein! Einzig am Ende hatte ich einen kleinen Kritikpunkt, den ich hier aber nicht erklären kann, ohne zu spoilern.

Hinzu kommen die vielschichtigen Figuren, die oftmals nicht zu durchschauen sind. Alte Bekannte, wie meine Lieblingsfigur Zinobia, Surendras Mutter, die diesmal zwar nur einen eher kurzen, aber sehr intensiven Auftritt hat, runden das Bild ab. Ich liebe ihre Bemühungen Surendra unter die Haube zu bringen, ihre Kochkünste und ihren Mut sich gegen jeden zu stellen, der ihrem Sohn Böses will. Zusätzlich konnte das kleine Fellknäuel Saleti meine Herz erobern, die neu bei Surendra eingezogen ist.
Viel Lokalkolorit rund um die Schwabisch Alb und diverse indische Köstlichkeiten und Bräuche runden das Gesamtbild großartig ab. Wieder eine absolut gelungen Mischung mit Suchtpotential!

Schreibstil:
Ingrid Zellner schreibt fesselnd und sehr lebendig. Die Charaktere sind vielschichtig, mitten aus dem Leben gegriffen und werden beim Lesen zu Freunden. Ihre Emotionen, Gedanken und Gefühle erlebt man direkt mit. Immer wieder kommt es zu spannenden Wendungen, die den Leser überraschen.

Fazit:
Das dritte Buch um Kommissar Surendra Sinha konnte mich wieder genauso überzeugen, wie bereits die Vorgänger. Mit viel Lokalkolorit, exotischen Beigaben, Spannung und einer Prise Humor überzeugt die Autorin wieder auf ganzer Linie. Ich freue mich, wenn diese Reihe fortgesetzt wird und empfehle sie gerne weiter!

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Veröffentlicht am 25.04.2020

Auch Teil 2 wird zum Jahres-Highlight

Neuleben
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Mein erster Roman 2020 mit dem Prädikat "Lieblingsbuch-Status" und das zweite Buch der Autorin, welches dieses von mir erhält. Denn auch der erste Band "Zwei Handvoll Leben" hat von mir vor einem Jahr ...

Mein erster Roman 2020 mit dem Prädikat "Lieblingsbuch-Status" und das zweite Buch der Autorin, welches dieses von mir erhält. Denn auch der erste Band "Zwei Handvoll Leben" hat von mir vor einem Jahr diese Auszeichnung bekommen.

Katharina Fuchs führt ihre Familiengeschichte nun mit ihrer Tante Therese und ihrer Mutter Gisela fort, nachdem wir in "Zwei Handvoll Leben" ihre Großmütter begleiten durften.
In "Neuleben" befinden wir uns in der Nachkriegszeit und verfolgen zwei berührende Frauenschicksale, die sich dem Frauenbild der damaligen Zeit widersetzen und sich nicht nur Ehemann, Kinder und Küche widmen möchten.

Therese's Schicksal als Kind und junge Frau hat mich bereits im ersten Teil sehr berührt. Als Folge einer schweren Ohrenentzündung, die sie fast mit dem Leben bezahlt hat, sowie einer falschen Behandlung, bleibt ihr Gesicht schief. Während des Zweiten Weltkrieges nur knapp der Euthanasie entkommen, steht sie nun vor der nächsten Hürde. Als Tochter eines Wehrmachtsoffiziers und einer Großgrundbesitzerin darf sie in der neu gegründeten DDR nicht Jura studieren. Noch ist es möglich in den Westen zu gehen. Deshalb zieht sie zu ihrem leiblichen Vater Leonhard nach West Berlin. Als eine von nur zwei Frauen wird sie sowohl von den Kommilitonen, als auch von einigen Professoren schikaniert und immer wieder bloßgestellt. Zusätzlich ist sie keine Schönheit und kleidet sich eher hausbacken, um nicht aufzufallen. Doch Therese brennt für ihren Wunsch Richterin zu werden und gibt nicht so schnell auf.
Auch ihre Schwägerin Gisela hat nach der Hochzeit mit Therese Bruder Felix eigene Pläne. Die hübsche und modebewusste junge Frau hat das Talent ihrer Mutter Anna geerbt. Sie schneidert für ihr Leben gern und möchte selbstentworfene Kleider in einem großen Kaufhaus herstellen. Für Frauen zu dieser Zeit alles andere als selbstverständlich. Als Ehefrau hatte man sich den Kindern und dem Ehemann zu widmen, der das Geld nach Hause brachte. Wollte man arbeiten gehen, benötigte man die Unterschrift und das Einverständis des Ehemannes. Etwas, was ich heute einfach unvorstellbar finde!
Aber auch die Männer haben ihren Rucksack zu tragen. Viele kamen traumatisiert oder als Invalde aus dem Krieg zurück und versuchen nun wieder Fuß zu fassen, was nicht jedem gelingt.

Katharina Fuchs hat das Feeling dieser Zeit wunderbar einfangen. Der langsame Aufschwung und die harte Realität durch die Teilung Deutschlands, wird mit viel Herzblut erzählt. Als Österreicherin, und in den späten Sechziger Jahren geboren, war für mich die DDR einfach Fakt. Wie es so richtig dazu gekommen ist, haben wir in der Schule nie gelernt. Ich hatte zwar damals eine Brieffreundin aus Ostdeutschland und hatte oftmals geschwärzte Zeilen in den Briefen, doch wie es damals zu der Teilung kam, wusste ich nicht so genau. Niemand hätte gedacht, dass es plötzlich eine Mauer mitten durch Berlin geben und auch keiner, dass diese erst Ende 1989 wieder verschwinden wird.
Aber auch bestimmte Momente aus dieser Zeit, wie das WM-Finale in Bern 1954, geben dem Roman zusätzliche Authentizität.

Schreibstil und Charaktere:
Der Schreibstil von Katharina Fuchs hat einfach alles, was mich an eine Geschichte fesselt. Er ist lebendig, einfühlsam, bildhaft und atmosphärisch.
Die Figuren sind Menschen, wie du und ich, und zeigen doch viel Persönlichkeit und Stärke. Obwohl die Autorin hier über ihre Tante und ihre Mutter schreibt, muss es nicht automatisch heißen, dass die Figuren auch berühren und authentisch dargestellt werden. Es gehört eine Portion Gefühl und vorallem Schreibkunst dazu, dass man die Charaktere so transportieren kann, dass sie auch den Leser mitreißen und bewegen. Außerdem erscheint es mir nicht einfach, die geheimsten Wünsche und Hoffnungen der eigenen Eltern niederzuschreiben.

Fazit:
Auch "Neuleben" konnte mich genauso überzeugen, wie bereits der erste Band der Autorin "Zwei Handvoll Leben". Hier wurde Zeitgeschichte, basierend auf der eigenen Familiengeschichte, grandios umgesetzt. Ein Roman, der alles beinhaltet, was man sich als Leser wünscht. Ein Buch, das mich gefesselt und sehr berührt hat.
Für mich ein Lese-Highlight in diesem Jahr. Der Roman reiht sich in die Reihe meiner wenigen Bücher ein, die das Prädikat ♥♥♥ Lieblingsbuch-Status ♥♥♥ erhalten. Absolute Leseempfehlung! (aber vorher Band Eins lesen!!)

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Veröffentlicht am 13.04.2020

Überzeugende Familiensaga mit italienischem Flair

Belmonte
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Zuerst eine Warnung in eigener Sache:
Wenn ihr das Buch lesen möchtet, seht euch NICHT den Stammbaum am Beginn des Buches an!! Er verrät zu viel und spoilert ungemein!

Simona, deutsch-italienisches Gastarbeiterkind ...

Zuerst eine Warnung in eigener Sache:
Wenn ihr das Buch lesen möchtet, seht euch NICHT den Stammbaum am Beginn des Buches an!! Er verrät zu viel und spoilert ungemein!

Simona, deutsch-italienisches Gastarbeiterkind in 3. Generation, wuchs bei ihrer Großmutter Franca im Allgäu auf. Als diese stirbt, erbt sie das Elternhaus ihrer Nonna im verschlafenden Dorf Belmonte bei Ancona in Italien. Eine Überraschung für Simona, die keine Ahnung von diesem Besitz hatte und eben erst ihren Job als Landschaftsgärtnerin verloren hat. Auch die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund fühlt sich nicht mehr so an, wie es sein sollte. Dieser Umstand und die Kündigung lässt Simona Richtung Süden nach Belmonte in die italienische Marken in Mittelitalien aufbrechen. Im kleinen mittelalterlichen Dorf wartet aber nicht nur ein altes Haus mit einem großen Garten, der ihr Gärtnerherz höher schlagen lässt, sondern auch ihre unbekannte italienische Familie. Eines Tages hat sie eine von Franca besprochene Kassette im Briefkasten, auf der sie ihre Lebensgeschichte erzählt....

Antonia Riepp erzählt in diesem bezaubernden Roman über vier Generationen von Frauen einer Familie. Auf unterschiedlichen Zeitebenen berichten Teresa und Franca in der 3. Person aus der Vergangenheit, sowie Simona in der Gegenwart aus der Ich-Perspektive aus ihren Leben.
Das hört sich kompliziert an - ist es aber nicht. Während man im ersten Kapitel mit Teresa im Jahr 1944 in die Berge geht, um Partisanen zu unterstützen, lernen wir später ihre Tochter Franca kennen, die als Gastarbeiterin in Deutschlandein neues Leben beginnen möchte.
Die Lebensgeschichten von Simona und ihren Vorfahren wird abwechselnd erzählt. Über jedem Kapitel steht der Name der Protagonistin, die wir begleiten. Normaler Weise begeistert mich der Handlungsstrang in der Vergangenheit immer mehr, doch dieser Roman hat mich auf allen Ebenen gleichermaßen überzeugt. Ich zitterte mit Teresa, die an ihrer erzwungenen Ehe zerbricht, hoffte mit Franca, dem "Bastard", auf eine bessere Zukunft, schüttelte den Kopf über die verzogene Marina und erlebte mit Simona die Herzlichkeit ihrer italienischen Familie. Sie lernt die fast hundertjährige Marta kennen, die Teresas beste Freundin und Francas Ersatzmutter war und die noch immer ein Geheimnis hütet, sowie Irma, Francas Freundin und Ersatzschwester.

Während Simona auf der Suche nach ihren Wurzeln ist und sich in Belmonte auf die Spuren ihrer Ur- und Großmutter macht, erzählt Antonia Riepp in wunderbar lebendigen und sehr bildhaften Beschreibungen über diese Gegend in Italien und lässt uns teilhaben am Leben im beschaulichen Dorf und ihren temperamentvollen Bewohnern. Die Geschichte ist nicht vorhersehbar und beinhaltet einige überraschende Wendungen.
Die Charaktere sind vielschichtig und lebendig. Einige wachsen uns ans Herz, andere haben mich aufgeregt und wiederum ein Teil blieb zuerst undurchschaubar. Alle haben Ecken und Kanten und sind Menschen, wie du und ich.
Wir erfahren mehr über den Kampf der Partisanen während des zweiten Weltkrieges, schütteln den Kopf über die streng konservatibven Moralvorstellungen dieser Zeit im erzkatholischen Italien, erleben die Wirtschaftskrise und Not der Nachkriegszeit, die viele Italiener als Gastarbeiter nach Deutschland führten und Simonas Sinnkrise, die durch die Suche nach ihre Wurzeln ein Ende findet. Besonders die Schicksale von Teresa und Franka haben mich sehr berührt.

Schreibstil:
Der Schreibstil von Antonia Riepp ist einfühlsam und mitreißend. Ich habe mit allen drei Frauenfiguren mitgefiebert und mitgelitten.
Die Landschaftsbeschreibungen der italienischen Marken ist lebendig und sehr bildhaft und auch die typischen italienischen Lebensgewohnheiten werden wunderbar vermittelt. Belmonte ist ein fiktiver Ort. Die Autorin hat sich das Dorf Castiglioni di Arcevia in den Marken als Vorbild genommen.

Fazit:
Eine großartige und bezaubernde Familiengeschichte, die mich auf allen Zeitebenen begeistern konnte. Hätte ich diesen bewegenden Roman nicht bei Lovelybooks gewonnen, wäre mir eine wunderbare Geschichte entgangen. Den Roman kann ich zu 100% weiterempfehlen!

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