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Veröffentlicht am 27.09.2020

Die Frauen von Gut Falkensee

Die Frauen von Gut Falkensee
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In ihrer Familiensaga „Die Frauen von Gut Falkensee“ greift Luisa von Kamecke auf die Geschichte ihrer eigenen westpreußischen Familie zurück. Sie füllt das Geschehen mit Hintergrundwissen der örtlichen ...

In ihrer Familiensaga „Die Frauen von Gut Falkensee“ greift Luisa von Kamecke auf die Geschichte ihrer eigenen westpreußischen Familie zurück. Sie füllt das Geschehen mit Hintergrundwissen der örtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, so dass Gut Falkensee und seine Bewohner schnell vor dem geistigen Auge entstehen. Hier ist es von besonderem Reiz, dass sie Angehörige der unterschiedlichen Klassen gegenüberstellt und zugleich bewusst macht, dass auch die privilegierte Klasse wie der westpreußische Landadel trotz pflichtbewusster Sparsamkeit durchaus in finanzielle Schwierigkeiten geraten kann und daraus folgend Zwängen unterworfen ist.

Wie kann also etwas, das eine Lebensgrundlage bildet, von der nicht nur eine Familie, sondern auch die Dienstboten abhängig sind, gerettet werden?

Im Falle von Gut Falkensee und der von Bargelows verhindert im Jahre 1904 nur eine Heirat der ältesten Tochter mit einem wohlhabenden Mann den Ruin. Es ist vor allem das Bewusstsein, das Erbe der Familie zu erhalten und der Verantwortung genüge zu tun, die Charlotte zustimmen lassen, diesen Schritt zu gehen, obwohl es die impulsive und wissbegierige junge Frau vielmehr danach drängt, ihre Studien, von denen die Eltern nichts ahnen, in Paris fortzusetzen, um noch mehr über Landwirtschaft, Chemie und andere Wissenschaften zu lernen. Charlottes Traum ist es nämlich, das Landgut selbst führen zu können, auch wenn dieser Wunsch wegen ihres Geschlechts nahezu unerfüllbar bleiben wird.

Und so entscheidet sich die kluge Charlotte, die trotzdem den Ernst der Lage erkennt. Sie tut letztlich das, was nötig ist, um Falkensee zu retten: Sie heiratet Baldur von Krammbach. Womit sie bei allem jedoch nicht gerechnet hat, sind ihre Empfindungen für den Polen Karol...

Luisa von Kamecke gelingt es, die Ereignisse in einem lebhaften Rahmen zu setzen, in dem ihre Protagonisten mehr oder weniger erfolgreich handeln und einige Entscheidungen treffen. Sie bezieht die politische Situation ein und berücksichtigt hierbei das Verhältnis von Polen und Deutschen. Daneben stellt sie unterschiedliche Lebensmodelle und -wege dar.

Trotz einiger freudiger Ereignisse und vieler berührender Momente überwiegt ein schicksalsträchtiges Geschehen, und es herrscht insgesamt eine traurige Grundstimmung, das von verlorenen Möglichkeiten geprägt ist. Und obwohl die Autorin nicht alles bis in die Tiefe auslotet, entwickeln sich durchaus nachvollziehbare Gefühle, wenngleich sie nicht immer Wohlwollen hervorrufen. Luisa von Kamecke positioniert ihre zahlreichen Figuren gut in der Geschichte und verleiht ihnen gemischte Charakterzüge. Sie stellt sie nicht auf einen Sockel, sondern zeigt auch ihre Schwächen auf, die zu fehlbaren Menschen machen, die scheitern können.

Die Frage ist, ob aus diesen Niederlagen etwas Neues erwachsen kann...

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Veröffentlicht am 01.07.2020

Sommerflüstern

Sommerflüstern
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Seit fünf Monaten wohnt Taylor mit ihrer Familie in der neuen Stadt. Während ihre ein Jahr jüngere Schwester Lucy sich schnell eingelebt und einen kleinen Freundeskreis gefunden hat, ist die siebzehnjährige ...

Seit fünf Monaten wohnt Taylor mit ihrer Familie in der neuen Stadt. Während ihre ein Jahr jüngere Schwester Lucy sich schnell eingelebt und einen kleinen Freundeskreis gefunden hat, ist die siebzehnjährige Taylor nicht unbedingt für ihre Kontaktfreudigkeit bekannt. Und sie mag es überhaupt nicht, dass Schulrückkehrer Hunter Reeves sich nicht von ihr abweisen lässt. Und zudem noch ihren Spind als den seinen beansprucht, weil er die älteren Rechte hat.

Dann erinnert sich Taylor, dass sie an ihrem ersten Schultag in eben jenem Spind einen Zettel gefunden hatte: „Fange an deinen Lieblingssong zu hassen.“ Sie zählt eins und eins zusammen und vermutet, dass die Nachricht eigentlich für Hunter bestimmt ist. Tatsächlich weiß Hunter damit etwas anzufangen. Was folgt, ist eine gemeinsame Schnitzeljagd. Und Taylor – so sehr sie sich auch bemüht – wird Hunter irgendwie nicht mehr los.

„Sommerflüstern“ von Tanja Voosen hat mich positiv überrascht. Meine Erwartung, eine jener üblichen leichten Liebesgeschichten zwischen Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsensein zu lesen, wurde mit um einige ernstzunehmende Facetten in dem zeitgenössischen Plot ergänzt.

Da die Autorin das Geschehen aus der Ich-Position von Taylor beschreibt, hat sie sich mit ihrem Erzählton dem Alter ihrer Protagonistin angepasst, und der ist erfrischend locker, ohne all zu flapsig zu sein. Daneben gibt es nachdenkliche Momente, die den durch die Ereignisse gewonnenen Eindruck vertiefen.

Ganz offensichtlich profitiert „Sommerflüstern“ von seinen außergewöhnlichen Hauptfiguren Taylor und Hunter, deren Interaktion und den vielen Wortgefechten. Beide sind nicht auf den Mund gefallen, die „Bälle“, die sie sich zuwerfen, sind vordergründig amüsant und witzig, oft ironisch, manchmal auch sarkastisch, haben Biss und Charme gleichermaßen. Sie offenbaren Intelligenz und Geschick beim Einsatz von Sprache und eine gewisse Reife.

Jedoch haben Taylor und Hunter trotz ihres jugendlichen Alters in der Vergangenheit nicht nur positive Erfahrungen gemacht, sondern Dinge erlebt, die sie in ihrer Wesensbildung beeinflussten.

Es fällt Taylor unsagbar schwer, Hunters Zuneigung zu akzeptieren. Sie ist eine Einzelkämpferin, etwas kantig und jähzornig und im Grunde immer in Verteidigungshaltung. Ihre starke Persönlichkeit nimmt sie selbst gar nicht wahr, genauso wenig wie ihre Wirkung auf Hunter. So stellt sie für diesen eine Nuss mit harter Schale, aber weichem Kern dar. Und er arbeitet mit Geduld und vielleicht auch ein bisschen Verbissenheit daran, sie zu knacken, weil er erkennt, dass sie niemand in ihr Inneres schauen soll.

„Kennst du das Gefühl, wenn du einem Menschen begegnest und ihn auf den ersten Blick nicht ausstehen kannst? Von solchen Menschen sollte man sich fernhalten, weil sonst etwas ganz Schreckliches passieren könnte.“ „Nein“, antwortete er. „Kennst du das Gefühl, wenn du einem Menschen begegnest und ihn auf den ersten Blick furchtbar sympathisch findest, weil er dich zum Lachen bringt? Von solchen Menschen sollte man sich nicht fernhalten, weil einem sonst etwas ganz Wunderbares entgeht.“ (Seite 29)

Hunter kontert mit Schlagfertigkeit und motiviert Taylor, ihre selbstgewählte Isolation zu verlassen. Seine eigenen Sorgen hingegen versteckt er hinter einer heiteren Fassade und reagiert anfangs stur, wenn die Rede darauf kommt. Einmal Vertrauen gefasst, ist er hingegen aufgeschlossen und geradlinig.

Nicht nur hier zeigt Tanja Voosen Geschick bei der Schilderung, sondern ebenso bei der Entwicklung der Helden und ihrer Emotionen, die ich als einfühlsam und überzeugend einschätze.

Der im letzten Drittel der Geschichte gewählte Handlungsverlauf hat mich indes ein wenig überrollt, weil er teilweise konstruiert wirkt. Obgleich sie einen gewissen Kick in das Geschehen bringen, hätte es solcherart dramatische Szenen meines Erachtens nicht gebraucht.

Davon abgesehen, ist "Sommerflüstern“ eine hinreißende Liebesgeschichte, die vor allem wegen ihres bemerkenswerten Protagonistenpaares Taylor und Hunter fasziniert.

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Veröffentlicht am 30.04.2020

Hetty Flattermaus fliegt hoch hinaus

Hetty Flattermaus fliegt hoch hinaus
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Hetty Flattermaus, die eigentlich Henriette Penelope heißt, hat einen Traum: Sie möchte den großen Schlosspark erkunden und wünscht sich Freiheit und Abenteuer. Das winzige, nur haselnussgroße Hummelfledermausmädchen ...

Hetty Flattermaus, die eigentlich Henriette Penelope heißt, hat einen Traum: Sie möchte den großen Schlosspark erkunden und wünscht sich Freiheit und Abenteuer. Das winzige, nur haselnussgroße Hummelfledermausmädchen ist ungestüm und unerschrocken und sehr neugierig. Wenn ihre Mutter, die sie heiß und innig liebt, doch nicht immer tausend Tode sterben würde, sobald das Töchterlein nicht bei ihr ist. Ja, Hulda ist ungemein auf Sicherheit bedacht, um Hetty vor Gefahren zu beschützen. Ihre Zuneigung und ihre sorgenvollen Ängste sind so stark, dass sie das furchtlose Töchterlein förmlich erdrückt und sie in ihrem Drang nach Freiheit unbemerkt einschränkt. Allerdings ist Hetty sehr gewitzt und trickst ihre Mutter, die sie mit einem Ultraschall-Peilsender zur Kontrolle ihres Standortes ausgestattet hat, aus. Und eines Tages ist die Gelegenheit da, und Hetty geht endlich auf heimliche Entdeckungsreise.


Annette Roeder hat mit „Hetty Flattermaus fliegt hoch hinaus“ den ersten Band der Reihe um die kleine Fledermaus Hetty geschrieben, der sowohl zum Vorlesen als auch für die Lektüre eines Erstlesers prima geeignet ist. Denn die Geschichte wurde in kindgerechter Sprache verfasst und mit witzigen Reimen und Wortschöpfungen versehen, auch wenn die lustigen Stellen nicht immer gelungen sind und auf Grund ihrer Länge gelegentlich zu sehr gewollt wirken. Befremdlich für Erwachsene dürfte sein, dass Hetty ihre Mutter anlügt, es jedoch zu keinem Zeitpunkt zu einer Entschuldigung kommt. Darin liegt wahrscheinlich eine deutliche Erwartungshaltung der Großen, die die Kleinen selbst nicht so empfinden und bietet insofern durchaus Möglichkeiten der Diskussion.

Manchmal fehlt beim Hettys Abenteuern das Prickeln. Aber Kinder, die es etwas ruhiger mögen, kommen hier auf ihre Kosten.

Hervorzuheben ist, dass die Autorin zeitgenössische Probleme wie Mobbing und Helicoptermütter in ein passendes Gewand gekleidet hat, ohne Kinder zu überfordern. Und auch die Themen wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Vorurteile und die Hoffnung, mehr Selbständigkeit zuzulassen und die Welt mit offenen Augen zu betrachten, dürften bei Kindern auf positive Resonanz stoßen.

Erwähnt werden sollen zudem die von der Autorin eingebundenen exakten naturkundlichen Informationen zu Fledermäusen und sonstigem Getier.

Zu guter Letzt macht der Bilderreichtum die „Hetty“ zu einem besonderen Erlebnis. Die schönen und mit vielen Details ausgestatteten Illustrationen von Julia Christians sind wahrlich ein Augenschmaus, prägen den guten Gesamteindruck und begeistern damit Klein und Groß.

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Veröffentlicht am 19.04.2020

Die Trossfrau

Die Trossfrau
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Magdalena wird als Tochter eines Hufschmiedes ungefähr anno 1600 geboren. Sie hat keinen leichten Stand in der Familie, nachdem ihre beiden Brüder früh sterben, und sie bekommt zusätzlich den Unmut zu ...

Magdalena wird als Tochter eines Hufschmiedes ungefähr anno 1600 geboren. Sie hat keinen leichten Stand in der Familie, nachdem ihre beiden Brüder früh sterben, und sie bekommt zusätzlich den Unmut zu spüren, dass sich kein Mann für sie finden lässt, der ihr zeigt, wo ihr Platz ist. Magdalena mag sich nicht mit der ihr zugedachten Frauenrolle arrangieren. Vielmehr beweist sie Geschick, allein durch die Beobachtung ihres Vaters bei der Arbeit kann sie selbst Pferde beschlagen. Als sie dies eines Tages beim Tier des durchreisenden Junkers Leonhart tut, eskaliert die Situation: Magdalena, die zuvor schon von allen misstrauisch beäugt wurde und selbst bei den Eltern auf Unverständnis und Ablehnung stößt, muss den Hof verlassen. Ein hartes Los für die junge Frau. Sie wird unmittelbar hineingezogen in das kriegerische Treiben, denn ab 1618 hält der Dreißigjährige Krieg ganz Europa in seinem Griff.

Magdalena hat Glück im Unglück. Sie wird von eben jenem Junker Leonhart, der sie die nächsten Jahre auf die eine oder andere Weise begleitet, mitgenommen in eine ungewisse Zukunft. Sie schließt sich als Marketenderin einem Soldatentrupp an und gerät in die unaufhaltsam schwelenden Konflikte der damaligen Zeit. Ihr Schicksal ist nun vom Krieg abhängig, und sie lernt neben Unheil und Verlust auch Freundschaft und Liebe kennen.


Carmen Mayers Heldin in „Die Trossfrau“ ist ein junges Mädchen aus dem einfachen Volk, das ihr Leben in die eigenen Händen nehmen und einiges ertragen muss, als sie vom Vater des Hauses verwiesen wird. Magdalena begreift früh, dass sie sich keinesfalls an die Vorgaben der Männer halten will, die ihr ein Dasein als unterwürfiges, gehorsames Weibsbild aufzwängen wollen. Weil sie viel mehr als das kann. Ob es realistisch ist, dass Magdalena sich Rechnen und Lesen heimlich beibringt, mag dahingestellt bleiben. Dass sie sich eine andere Existenz als die ihr zugedachte wünscht, ist verständlich. Magdalena sieht sich als eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurde. Gleichwohl versucht sie, nicht nur den Kopf hoch zu halten und zu dem zu stehen, was sie denkt, sondern auch dem Leben ein paar Glücksmomente abzuringen. Dies ist wahrlich ein schwieriges Unterfangen.

Europa blutet. Die Katholische Liga und Protestantische Union stehen sich gegenüber, und die Menschen werden aufgerieben im Kampf der Mächtigen um den „wahren“ Glauben. Die Schilderung der Autorin ist schnörkellos, geradezu und überzeugend. Durch die Einbindung des historischen Hintergrundes vermittelt sie ein greifbares Bild von Gewalt, Gräuel und Schrecken, denen die Menschen ausgesetzt sind. Wesentliche Ursachen und Ereignisses des Dreißigjährigen Krieges werden angesprochen und gut in die Handlung eingebunden, muten allerdings vereinzelt etwas sachlich an. Trotzdem erlauben sie einen Einblick in das Geschehen, insbesondere durch die Kumulierung auf das Trossleben und damit diejenigen Menschen, die mit den Heeren ziehen und sich um die Verpflegung der Männer kümmern und die Verwundeten versorgen. Sie sind so etwas wie die friedliche Seite des Krieges. Obwohl dieses Dasein anstrengend, entbehrungsreich und roh ist, schafft es außerdem ein gewisses Maß an Sicherheit in einer aufeinander angewiesenen Gemeinschaft und sorgt für ein Auskommen. Ja, es bleibt auch Gelegenheit für Freundschaften und die Liebe. Indes wirken Gefühle oft ein wenig zurückhaltend und aus der Distanz betrachtet.

Neben dieser Schilderung thematisiert Carmen Mayer Aberglauben und Hexenverfolgung. Magdalena wird auf Grund ihrer Andersartigkeit mit dem Vorwurf, eine Hexe zu sein, konfrontiert. Die Autorin zeigt jedoch auch am Beispiel des Junkers Leonhart, dem Magdalena im Laufe der Jahre immer wieder begegnet, dass es erbitterte Gegner solcher Anschuldigungen gibt.

„Die Trossfrau“ ist ein treffendes Beispiel für ein Frauenschicksal im Dreißigjährigen Krieg und belegt einmal mehr die Sinnlosigkeit von gewalttätigen Auseinandersetzungen, nicht nur in Bezug auf Glaubensfragen.

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Veröffentlicht am 12.04.2020

"Das Zeitalter der Frauen bricht an..."

Die Frauen vom Alexanderplatz
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Berlin kommt Ende 1918 nicht zur Ruhe. Gerade ist der erste Weltkrieg beendet worden, der unvorstellbares und schreckliches Leid über die Völker gebracht hat. Und noch hält die Novemberrevolution die Menschen ...

Berlin kommt Ende 1918 nicht zur Ruhe. Gerade ist der erste Weltkrieg beendet worden, der unvorstellbares und schreckliches Leid über die Völker gebracht hat. Und noch hält die Novemberrevolution die Menschen in Atem, in deren Folge das deutsche Reich zu einer Republik geworden ist. Die instabile Regierung hat die Lage nicht im Griff. Aufruhr, andauernde Scharmützel und Straßenschlachten, in denen quasi jeder gegen jeden kämpft, lösen weiteres Chaos aus.

In dieser Zeit trifft die junge Fritzi in der Großstadt ein. Die Tochter eines Müllers aus Rieseby in der Nähe von Eckernförde ist auf der Suche nach Benno, dem Vater ihrer Tochter Christel. Vier Jahre lang hatte sie darauf gehofft, dass ihre Jugendliebe wieder heimkehrt. Nun will sie nicht länger warten und ihm nach all der Zeit offenbaren, dass er Vater ist und sie heiraten soll.

Als sie Benno endlich findet, ist dieser gar nicht begeistert. Der Matrose hat auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg Unterschlupf bei Vera gefunden und sich in die Schneiderin verliebt. Vera trägt die Verantwortung für Familie und Haushalt, auf ihren Schultern lastet nach dem Tod des Vaters allein die Sorge für die Mutter, bis ihr Bruder Georg aus dem Krieg zurückkehrt und sie die Werkstatt erneut eröffnen können. Als Georg dann in der Tür steht, erschrickt Vera über die Veränderung des jungen Mannes.

Fabrikantentochter Hanna hat andere Pläne als ihre Familie. Nach vier Jahren, die sie als Hilfsschwester in Kriegslazaretten arbeitete, möchte sie jetzt Schwester "mit allem Drum und Dran" werden. Zwar entschädigt ihr gutes Verhältnis zum Vater, der bislang stets ihr einziger und mächtigster Verbündeter ist, sie für die fehlende Zuneigung ihrer Mutter Irene, aber ob er auch ihren Wunsch nach Selbstverwirklichung ohne einen Ehemann verstehen wird, ist fraglich. Und ob er gar die Liebe seiner Tochter zu einer Frau akzeptiert, mehr als unwahrscheinlich...


„Das Zeitalter der Frauen bricht an..“ (Seite 151)

Mit „Die Frauen vom Alexanderplatz“, wobei sich der Titel als unpassend gewählt entpuppt, beleuchtet Elke Schneefuss das Schicksal von drei jungen Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft, die im Angesicht des Endes des ersten Weltkriegs, der Novemberrevolution und der Auswirkungen dieser gesellschaftlichen Umbrüche ihr Leben mehr oder weniger selbst in die Hand nehmen und auf der Suche nach Erfüllung und eigenem Glück sind und dabei Hindernisse und Niederlagen Hindernisse überwinden müssen.

Die Einbindung des historischen Hintergrundes ist sicher und äußert sich in Momentaufnahmen, die dem Geschehen eine gewisse Würze geben und es möglich machen, die Menschen im Wandel der Zeit zu begleiten. Dabei gibt die Autorin bei der Schilderung in drei abwechselnden Erzählsträngen ihren Heldinnen Hanna, Vera und Fritzi, die sich bis auf eine Ausnahme niemals begegnen, den nötigen Raum der Entfaltung, wenngleich hierdurch bisweilen die Intensität, besonders bei der Darstellung von Emotionen verlorengeht. Wiederholungen in Gedankengängen und Dialogen wirken zudem gelegentlich angestrengt, seien allerdings verziehen, da die Autorin ansonsten mit ihrem lebendigen Schreibstil gut unterhält.

Alle Frauen vereint, dass sie sich nicht mehr an die überkommende Moralvorstellungen und Konventionen halten und die ihnen als weibliche Person gesetzten Grenzen sprengen oder überschreiten wollen.

Mit bewundernswerter Geduld und ebensolchem Geschick, vielleicht auch beschwerlicher Hartnäckigkeit verfolgt Hanna mutig und konsequent ihren Traum vom Ergreifen eines medizinischen Berufes und der Erfüllung ihrer Liebe zu Cora.

Vor allem ihre Vera lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen und ist nach anfänglichem Zögern sehr couragiert, nachdem ihr Bruder heimgekehrt. Georg ist im Krieg ein anderer geworden, der Wandel, den er durchgemacht hat, ist katastrophal. Mitten in einem Gebiet, in dem jede Menge Kommunisten und Sozialisten wohnen, agieren er und seine Männer von der Reichswehr und gefährden Hab und Gut und Leben der Menschen.

Fritzis Leben im Dorf als ledige Mutter ist kein Zuckerschlecken. Die Leute schneiden sie, es wird viel getratscht. Sie möchte dem Gerede ein Ende bereiten und eine „ehrbare“ Frau werden. Moralisch ist sie im Recht. Doch schmerzhaft begreift sie, dass Benno nicht mehr der Mann an ihrer Seite sein wird, weil man Liebe nicht erzwingen kann. Indes findet sich das Glück manchmal unerwartet an anderer Stelle…

Elke Schneefuss' „Die Frauen vom Alexanderplatz“ ist als beispielhafte Lektüre für den Aufbruch dreier Frauen in einer neuen Zeit durchaus zu empfehlen.

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