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Veröffentlicht am 24.04.2020

Hat nicht ganz die eindringliche Wucht des Vorgängers, ist aber ebenso lesenswert

Die Zeuginnen
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Mehr als 30 Jahre nach „Der Report der Magd“ ist 2019 eine Fortsetzung erschienen, in der, das soll bereits verraten sein, auch Desfreds Geschichte noch einmal erwähnt wird. In der Erzählung selbst sind ...

Mehr als 30 Jahre nach „Der Report der Magd“ ist 2019 eine Fortsetzung erschienen, in der, das soll bereits verraten sein, auch Desfreds Geschichte noch einmal erwähnt wird. In der Erzählung selbst sind 15 Jahre vergangen, und auch hier gibt es wieder Ich-Erzählerinnen, dieses Mal sind es drei, neben Tante Lydia, die man schon aus dem Vorgänger kennt, zwei junge Frauen, eine davon in Gilead, die andere in Kanada aufgewachsen.

Auch hier ist die Geschichte wieder sehr eindringlich, aber die Wucht des Reports der Magd erreicht diese Erzählung bei weitem nicht, was möglicherweise auch darin liegt, dass die Perspektive immer wieder gewechselt wird. Bei Desfreds Bericht wurde die ganze Dramatik wesentlich deutlicher, weil man so eng bei ihr war – und natürlich kennt man die Zustände in Gilead bereits aus dem Vorgängerband. Dennoch sind auch diese Zeuginnenaussagen sehr eindringlich und machen das Dilemma deutlich, das Frausein in Gilead bedeutet. Besonders Tante Lydias Bericht hat eine ganz eigene Aussagekraft – hier wird sie einem sogar fast sympathisch, erstaunlich, war sie doch im ersten Band noch jemand, der regelrecht Hass hervorrufen konnte.

Unbedingt sollte man Desfreds Geschichte bereits kennen, um die Fortsetzung überhaupt komplett zu verstehen und sie würdigen zu können. Ich selbst habe beide Romane hintereinander gelesen und war erst ein wenig enttäuscht, dass Desfred selbst keine Stimme mehr bekommen hat, aber am Ende hat es schon gepasst und ich habe einen Eindruck bekommen, was nach den letzten Sätzen ihres Reports geschehen ist.

Auch hier gibt es übrigens wieder im Anhang eine wissenschaftliche Tagung, die ca. 200 Jahre später stattfindet und die (ähnlich wie im ersten Band Desfreds Report) die Zeuginnenaussagen analysiert – und hier erfährt man ganz am Schluss noch einmal etwas über Desfreds Schicksal, das für mich ein gelungener Abschluss der Geschichte ist. Also unbedingt diesen „historischen Anmerkungen“ genannten Abschnitt lesen!

„Die Zeuginnen“ ist eine gelungene Fortsetzung von „Der Report der Magd“, die offene Fragen des Vorgängers beantwortet, aber nicht dessen eindringliche Wucht erreicht. Wer jedoch den ersten Band gut fand, sollte hier unbedingt zugreifen, ansonsten gilt: Erst Band 1, dann Band 2 lesen, was ich ausdrücklich empfehle.

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Veröffentlicht am 19.04.2020

Gelungene Interpretation der Arthus-Saga

Der Winterkönig
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Geschichten und Romane über den legendären Arthur/Arthus gibt es viele, und auch Bernard Cornwell hat seine eigene Interpretation geschrieben. „Der Winterkönig“ ist der erste Band einer Trilogie.

Der ...

Geschichten und Romane über den legendären Arthur/Arthus gibt es viele, und auch Bernard Cornwell hat seine eigene Interpretation geschrieben. „Der Winterkönig“ ist der erste Band einer Trilogie.

Der Roman spielt im 5./6. Jahrhundert nach Christus in Britannien. Erzählt wird die Geschichte von Derfel, einem Wegbegleiter sowohl Merlins als auch Arthurs, der rückblickend berichtet. Derfel ist ein guter Erzähler, er berichtet oft humorvoll, aber auch mit den nötigen Emotionen, mit ihm ist man mitten drin, und sogar den Kampfszenen – und Kämpfe gibt es reichlich – gibt er den nötigen Drive, um den Leser bei der Stange zu halten, üblicherweise neige ich dazu, Kampfszenen quer zu lesen, hier blieb ich dran. Insgesamt ist die Geschichte spannend und sehr eindringlich erzählt, oft aber auch sehr blutig.

Dazu kommt, dass Derfel dem Leser schnell sympathisch ist. Mit ihm ist dem Autor ein großartiger Protagonist gelungen, dem man gerne durch dessen Leben folgt. Alle anderen Charaktere sind natürlich durch Derfels Blick geprägt, und manch einer kommt gar nicht gut weg. Allesamt sind sie dennoch gelungen gezeichnet und wirken authentisch.

Der Zeitraum der Geschichte fällt in die sogenannte Dark-Age-Ära, das heißt, es gibt wenig Gesichertes aus dieser Zeit. Dennoch bietet der Roman auch historisches Hintergrundgeschehen, wie etwa das sich ausbreitende Christentum, die Beziehungen zwischen dieser und den alten Religionen, die Hinterlassenschaften der römischen Besetzung. All das spielt hier seine Rolle. Dennoch ist eben auch viel fiktiv, wie der Autor auch in seinen Anmerkungen am Ende des Buches ausführt. Es gibt noch weitere Boni: Eine Karte Britanniens, etwa 480 v. Chr., ein Personenverzeichnis und ein Ortsverzeichnis, in dem die historischen nachgewiesenen Orte gekennzeichnet sind und auch ausgeführt wird, wie diese heute heißen.

Wer die Artus-Saga mag, kann hier eine interessante Interpretation finden, die mit einem sympathischen Erzähler, Humor und Spannung punktet. Ich fühle mich gut unterhalten und freue mich auf die beiden Folgebände.

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Veröffentlicht am 11.04.2020

Wird noch lange nachhallen

Der Report der Magd
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Geburtenrückgang auf Grund Umweltverschmutzung, aber auch Selbstbestimmung von Frauen in Bezug auf Schwangerschaft, führt zu einer Revolution und der Entstehung eines totalitären, theokratischen Staates, ...

Geburtenrückgang auf Grund Umweltverschmutzung, aber auch Selbstbestimmung von Frauen in Bezug auf Schwangerschaft, führt zu einer Revolution und der Entstehung eines totalitären, theokratischen Staates, Gilead genannt, in dem die Frauen auf ihre Fruchtbarkeit reduziert werden. Wie schon in der Bibel müssen Frauen, die sich als fruchtbar erwiesen haben, für unfruchtbare Frauen Kinder bekommen. Sie werden, in Analogie zur biblischen Geschichte von Jakob, Rahel und Bilha Mägde genannt.

Eine dieser Mägde ist Desfred (im Original Offred), alleine dieser Name zeigt schon die ganze Perfidie, mit der Frauen hier behandelt werden – sie gehört dem Mann, dem sie gerade dient, als des Freds Magd oder of Fred. Auch der Geschlechtsakt zwischen Magd und Mann bzw. die Geburt des daraus entstandenen Kindes schlägt in die selbe Kerbe, denn die Ehefrau des Mannes ist immer dabei, im Grunde ist die Magd dabei nur eine Art Zwischenmedium und das Kind gehört der Ehefrau.

Die Autorin lässt Desfred selbst in Ich-Form erzählen, immer wieder erinnert sich die Frau dabei an ihr Leben vorher mit Mann und Kind, aber auch an ihr Leben in der Umerziehungsanstalt, in der aus den fruchtbaren Frauen gehorsame Mägde gemacht werden. Doch Desfred hat sich ein Stück Unabhängigkeit erhalten, ihre Gedanken kann ihr niemand nehmen und im Laufe der Geschichte setzt sie ein paar Mal ihr Leben aufs Spiel. Hinrichtungen sind in Gilead an der Tagesordnung, und schon zu lesen kann eine Magd ihre Hand kosten. Männer sind durchaus auch gefährdet, aber es gibt auch geheime Clubs für Hochgestellte, in denen diese ihren Trieben frönen können.

Am Ende bleibt offen, ob Desfred hingerichtet wird, überlebt oder sogar flüchten kann, erfährt der Leser nicht. Allerdings gibt es noch eine Art Nachwort, „Historische Anmerkungen“ genannt, in dem im 22. Jhdt. rückblickend der Staat Gilead analysiert wird und man dafür auch Desfreds Report heranzieht. Mittlerweile gibt es auch eine Fortsetzung „Die Zeuginnen“, in der man wohl mehr über Desfreds Schicksal erfährt.

Der Roman ist erschütternd, aber, wenn man sich die Geschichte der Frauen anschaut, womöglich gar nicht so unrealistisch – und das ist eigentlich das erschreckendste daran. Dazu trägt auch Atwoods Sprache bei, denn Desfreds Report zeugt von einer gebildeten Frau, der ihre Bildung aber nahezu nichts mehr nützt. Dass es diesen Report überhaupt gibt, lässt hoffen, dass sie dem Regime entkommen konnte, denn dort war Frauen nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben verboten. Der Roman ist aber auch sehr spannend, man leidet mit den Frauen, und als Desfred anfängt auch Verbotenes zu tun, hat man Angst um sie. Ich jedenfalls konnte mich in sie hineinfühlen und ich habe mich gefragt, was ich wohl in so einer Situation tun würde.

Margaret Atwood schrieb diesen Roman bereits 1985, doch er ist immer noch aktuell, und wird es wohl auch bleiben. Die historischen Anmerkungen machen den Roman erst richtig rund, man sollte sie unbedingt lesen, denn sie gehören dazu.

Der Autorin ist ein spannender Roman gelungen, der zum Nachdenken anregt und lange nachhallen wird. Ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen und vergebe volle Punktzahl.

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Veröffentlicht am 09.04.2020

Lesenswert!

Die Schule am Meer
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1925 wird auf Juist die reformpädagogischorientierte „Schule am Meer“ gegründet. Schon früh gibt es Anfeindungen durch Insulaner, aber auch viele positive Meinungen. Sandra Lüpkes erzählt die Geschichte ...

1925 wird auf Juist die reformpädagogischorientierte „Schule am Meer“ gegründet. Schon früh gibt es Anfeindungen durch Insulaner, aber auch viele positive Meinungen. Sandra Lüpkes erzählt die Geschichte dieser Schule aus Sicht mehrerer, zum Teil fiktiver Charaktere. Im Nachwort erfährt man dann ein bisschen mehr über Fiktion und Realität.

Anni Reiner gehört neben ihrem Mann Paul zum Lehrpersonal der Schule. Sie ist jüdischer Abstammung und Mutter mehrerer Töchter. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Schule, die in Internatsform geführt wird. Das Familienleben kommt oft zu kurz, was Anni bedauert. Auf Grund ihrer Abstammung wird es im Laufe der Jahre immer schwieriger für sie.

Auch der Musiker Eduard Zuckmayer ist Lehrer an der Schule, allerdings kein Gründungsmitglied. Er kann hier seine Kriegstraumata verarbeiten.

Maximilia Mücke, genannt Moskito, ist Schüler der Schule. Seine Eltern leben in Bolivien und er hat am Anfang starkes Heimweh. Die einzelnen Kapitel des Romans geben seine Schulzeit in Schuljahren wieder. Seine Entwicklung ist interessant und gut mitzuerleben.

Auch Marje, von der Insel stammend, ist Schülerin, klug und ehrgeizig und mit einem Geheimnis um ihre Herkunft, das sie zunächst selbst nicht kennt.

Gustav Wenniger ist zunächst Kellner auf Juist, will aber hoch hinaus. Seine nationalsozialistische Gesinnung macht ihn schnell zu einem Gegner der Schule. Er ist der Antagonist der Geschichte.

Auch weitere Charaktere lernt man mehr oder weniger gut kennen, sowohl Insulaner als auch Menschen, die mit der Schule zu tun haben. Alle Charaktere hat die Autorin gut gestaltet, man hat schnell Bilder vor Augen.

Auch die Insel selbst spielt ihre Rolle, widrige Wetterverhältnisse, die eingeschränkte Erreichbarkeit, aber auch ihre wilde Naturschönheit, ihre Tier- und Pflanzenwelt. Wer Juist kennt, wird sich schnell zu Hause fühlen, ich finde es immer wieder schön, Romane von Orten zu lesen, die ich gut kenne.

Aber auch wer Juist nicht kennt, wird sich durch die Beschreibungen ein Bild machen können, von den Örtlichkeiten der Schule z. B. auch durch einen gezeichneten Lageplan. Sehr schön sind auch die Fotos, die die Buchdeckel von innen schmücken und die das Schulleben wiedergeben. Dieses Schulleben und die Ideale, die dahinter stehen, wird im Roman ausführlich dargestellt, mit Stärken und Schwächen, insgesamt hat mir das Schulkonzept gefallen, auch heute wirkt es noch modern. Nur gegen Ende fand ich die Entwicklung weniger schön.

Der aufkommende Nationalsozialismus macht der Schule sehr zu schaffen, und nimmt auch den Leser mit, der ja schon weiß, was noch alles kommen wird. Schön ist, dass man in einem Epilog ein bisschen darüber erfährt, wie es manchen Charakteren noch ergangen ist. Für andere allerdings bleibt es offen.

Mir hat der Roman wirklich gut gefallen, auch wenn ich manche Entwicklung nicht so schön finde, z. B. haben mich die letzten Sätze des Epilogs erschüttert, gerade hier hätte sich die Autorin auch anders entscheiden können. Aber wahrscheinlich sollte man als Leser an dieser Stelle erschüttert werden, immerhin geht es um eine sehr dunkle Zeit.

Sandra Lüpke stellt dem Leser eine für leider viel zu wenige Jahre real existierende Schule vor und macht sie durch historisch belegte, aber auch durch fiktive Charaktere für den Leser erlebbar. Auch die Insel Juist und der historische Hintergrund wird lebendig. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, mir eine andere Seite meiner Lieblingsinsel gezeigt und mich emotional gepackt. Sehr gerne vergebe ich volle Punktzahl und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 05.04.2020

Spannend

Erbarmungsloser Herbst
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Inspektor Akyl Borubaew wird zu einer Drogentoten gerufen, doch er kann den Fall nicht bearbeiten, denn Michail Tynalijew, der Minister für Staatssicherheit, suspendiert ihn.

Eigentlich ist dieser Roman ...

Inspektor Akyl Borubaew wird zu einer Drogentoten gerufen, doch er kann den Fall nicht bearbeiten, denn Michail Tynalijew, der Minister für Staatssicherheit, suspendiert ihn.

Eigentlich ist dieser Roman der letzte Band einer Tetralogie (des sogenannten kirgisischen Quartetts), für mich ist es aber der erste der Reihe, den ich gelesen habe. Geschadet hat das nicht, denn es wird genug über Vorheriges erwähnt, dass ich den Roman verstehen, ihn sogar mit Vergnügen lesen konnte.

Der Autor lässt Akyl selbst in Ich-Form erzählen, das passt hier sehr gut, da man mit ihm zusammen ein halsbrecherisches Abenteuer erlebt, das ihn immer wieder in tödliche Gefahr bringt, und mit einigen überraschenden Wendungen aufwartet. Akyl hat selbst einigen Dreck am Stecken, aber durchaus auch seine eigenen Moralvorstellungen, er kennt die Risiken, die er eingeht und kann sich wehren, sowohl mit Waffen als auch mit Köpfchen – erinnert sehr an die Hardboiled-Romane.

Die anderen Charaktere sind teilweise sehr klischeehaft, aber immerhin treibt sich der Protagonist vor allem im Milieu organisierter Kriminalität herum. Die Bosse dagegen sind schon Typen für sich. Interessant ist auch Akyls Geliebte Saltanat, eine usbekische Agentin/Profikillerin. Es wundert bei diesem Charakterenensemble nicht, dass der Roman sehr brutal und blutig ist. Da dies aber zur Thematik passt, ist es soweit okay. Zudem ist der Roman sehr spannend, ein regelrechter Pageturner.

Über Kirgisistan wusste ich bisher so gut wie nichts. Jetzt weiß ich einiges mehr, nicht nur aus dem Roman, ich habe über Akyls Heimatland auch gegoogelt. Aber nicht nur in diesem Land spielt der Roman, der Leser reist mit dem Protagonisten auch nach Thailand und Malaysia, und – ganz kurz – nach Usbekistan.

Auch wenn ich die drei Vorgängerbände nicht kenne, konnte ich dem Roman problemlos folgen und hatte spannende Lesestunden. Der erste Band ist bereits bestellt. Für Zartbesaitete ist dieser Roman wohl nichts. Wer aber auch eher heftige (in Richtung hardboiled) Thriller liest, die, passend zur Thematik, auch Szenen mit Gewalt und Blut beinhalten, und zudem einmal in andere Länder schauen möchte, kann bedenkenlos zugreifen.

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