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Veröffentlicht am 22.06.2020

Lesenswerter Krimi trotz einiger Patzer

Dunkles Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 6)
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In Le Lavandou fällt eine Frau von einer Brücke und wird von einem Lastwagen erfasst. Gerichtsmediziner Leon Ritter stellt fest, dass sie zuvor bereits tot war. Und dass vieles auf einen rituellen Mord ...

In Le Lavandou fällt eine Frau von einer Brücke und wird von einem Lastwagen erfasst. Gerichtsmediziner Leon Ritter stellt fest, dass sie zuvor bereits tot war. Und dass vieles auf einen rituellen Mord hinweist, denn ihr Körper ist gezeichnet von sehr speziellen Folterspuren. Dem Polizeichef Zerna behagt diese These keineswegs, immerhin steht die Sommersaison kurz bevor, Scharen von Touristen werden erwartet, die nicht verschreckt werden sollen. Doch da taucht bereits das nächste Opfer auf.
Wie in allen anderen auch vermag Remy Eyssen in diesem sechsten Band der Reihe das südfranzösische Flair der Provence wunderbar einzufangen. Malerische Landschaften erstehen vor Lesers Augen ebenso wie das dörfliche Leben, welches sich immer wieder auf den Bouleplatz vor dem Bistro Chez Miou konzentriert, wo auch diesmal grandiose Szenen des Boulespiels staunen lassen.
Ganz im Gegensatz zu diesem beschaulichen Ambiente erweisen sich die Verbrechen, die den Ort heimsuchen, als unvorstellbar grausam. Gemeinsam mit detailliert geschilderten, durchaus lehrreichen Obduktionshandlungen und immer wieder eingestreuten Passagen mit Blick auf die eingesperrten und misshandelten Frauen zerren sie an Lesers Nerven.
Glücklicherweise darf man darauf vertrauen, dass der sympathische Dr. Ritter und seine Lebensgefährtin Isabelle Morell, stellvertretende Polizeichefin, allen Hindernissen zum Trotz auch diesen Fall meistern werden.
Und so könnte der Roman, der spannend von der ersten bis zur letzten Seite und erfreulich gut zu lesen ist und trotz aller Brutalität beim Lesen ein Wohlgefühl hervorruft, die perfekte Krimilektüre darstellen. Denn eigentlich stimmen sämtliche Komponenten.
Doch es gibt Nachlässigkeiten. Leider nicht nur im Nebensächlichen, wo sie verzeihbar wären (obgleich es nicht schön ist, zu lesen, dass die Sonne im Osten hinter Bergen versinkt), sondern auch den Kriminalfall selbst betreffend. Das ist umso schmerzhafter, da alles andere so gelungen, so sicher, so lebendig, so rund ist. Man möchte Autor und Verlag an die Schultern packen und auf die Patzer weisen: Macht das bitte sofort weg, dann gibt es die fünf Sterne!
Da es so aber nicht läuft, sind es diesmal nur vier.

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Veröffentlicht am 15.05.2020

Eine zauberhafte Geschichte leichthin erzählt

Wie uns die Liebe fand
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Die zweiundneunzigjährige Madame Nanon, genannt Madame Nan, ist im Besitz eines ausgezeichneten Gedächtnisses, wie sie zu Beginn betont. Und erzählt dann detailreich und lebendig die Geschichte, wie sie ...

Die zweiundneunzigjährige Madame Nanon, genannt Madame Nan, ist im Besitz eines ausgezeichneten Gedächtnisses, wie sie zu Beginn betont. Und erzählt dann detailreich und lebendig die Geschichte, wie sie in dem elsässischen Dorf Bois-de-Val als Witwe vor etwa vierzig Jahren mit ihren vier Töchtern den Lebensmittelmarkt ihres Nachbarn Herr Boberschram übernimmt. Und sich in ihn verliebt. Damit sich diese Liebe erfüllen kann, wenden die älteste Tochter Marie und ihr Freund Malou einen Voodozauber an, der schon rasch das ganze dörfliche Treiben auf den Kopf stellt und natürlich auch für Überraschung sorgt.
Claire Stihlé hat ihre Ich-Erzählerin mit einer bewegten Vergangenheit, einer starken Persönlichkeit, außergewöhnlicher Beobachtungsgabe, Sensibilität und Klugheit ausgestattet. Und konfrontiert sie mit einem Dilemma, so gewaltig, dass sie daran zu zerbrechen droht.
Dennoch besticht das Buch durch Leichtigkeit und eine zauberhaft ätherische Milieudarstellung. Augenzwinkernd werden Eigenarten und Konflikte der Töchter eingeflochten und die Dorfbewohner mit all ihren Marotten ins Leben gestellt. Durch die Figur Malou, dem seine afrikanische Herkunft spezielle Möglichkeiten eröffnet, erweisen sich die Vorteile toleranten und unvoreingenommenen Umgangs mit dem Ungewohnten. Werte wie Ehrlichkeit und Toleranz spielen wichtige Rollen, die Verbindung mit Warmherzigkeit, Humor und einer offenen Einstellung zu Erotik wehrt den moralischen Zeigefinger erfolgreich ab.
Für den gewissen Esprit sorgen elsässische Sprichwörter, die hin und wieder eingestreut sind und gemeinsam mit historischen Informationen und typischen Speisen die besondere Stellung dieser Region unterstreichen. Kochbegeisterte erfreut sicherlich im Anhang die Rezeptsammlung einiger Gerichte, mit denen Madame Nan ihre Kundschaft verwöhnt.
Kleine Wunder dürfen in einem solchen Kosmos nicht fehlen, und so finden romantische Gefühle ihren Ausdruck in unerklärlichen romantischen Naturphänomenen. Wer also einmal einen Schmetterlingstornado erleben möchte, der sich um zwei Liebende formiert, sollte der lebensweisen Erzählerin aufmerksam lauschen.

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Veröffentlicht am 08.05.2020

Faszinierendes Leseerlebnis

Die Brüder Fournier
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Die Brüder Iason und Vincent Fournier wachsen in den 60er und 70er Jahren im fiktiven Brüsseler Vorort Envie als Söhne viel beschäftigter Eltern auf. Während Vincent, der jüngere, leichtfüßig seinen Weg ...

Die Brüder Iason und Vincent Fournier wachsen in den 60er und 70er Jahren im fiktiven Brüsseler Vorort Envie als Söhne viel beschäftigter Eltern auf. Während Vincent, der jüngere, leichtfüßig seinen Weg einschlägt, bringt sich Iason durch seine unbeherrschbare Impulsivität schon früh in Schwierigkeiten. Sein aufsässiges, unangepasstes Wesen fordert pädagogische, psychiatrische, medizinische und gesellschaftliche Kompetenzen seiner Zeit heraus.
Dass das Verfolgen seines Werdegang so überaus interessant ist, liegt vor allem an der Besonderheit des Schreibstils.
Matthias Wittekindt beschreibt sachlich, detailgetreu und scheinbar unbeteiligt Szenen, als ließe er ein Spotlight darüber gleiten. Lediglich die leise Ironie vermittelt einen Hauch von Beurteilung. Zwischen kurzen, scheinbar simplen Sätzen versteckt er tiefe Bedeutungen. Immer wieder gibt es Andeutungen, die in die Zukunft weisen, eine dunkle Bedrohung beschwören und Dinge vermuten lassen, die, wenn sie dann eintreffen, doch wieder ganz anders sind als erwartet.
So schafft er ein Spannungsfeld, in dem sich die Personen bewegen und in das sie die Leser mit hineinziehen.
Unschön und willkürlich erscheint der Klappentext, der ungewöhnlich weit in die Geschichte vorgreift. Da geht es offenbar darum, etwas Reißerisches zu offerieren, um Käufer zu ködern. Schade, denn genau hier liegt die Stärke des Buches nicht. Leser, die sich aufgrund dieser Informationen zum Erwerb entschieden haben, werden vermutlich enttäuscht sein.
Wie auch diejenigen, die der Genrezuordnung auf den Leim gegangen sind. Falls man hier wirklich über einen Kriminalroman sprechen möchte, dann zumindest über einen, der völlig anders ist. Ein traditionelles Verbrechen findet nicht statt, polizeiliche Ermittler erscheinen ganz am Rand, Schuldige, falls es denn welche gibt, werden kaum zur Rechenschaft gezogen.
Alles ist verwirrend und undurchsichtig, der Fokus wird so stark auf Iason gerichtet, dass alles andere verschwimmt und sich verliert.
So bleibt man am Ende mit vielen Fragen und der einzigen Gewissheit zurück, soeben ein faszinierendes, fesselndes Leseerlebnis gehabt zu haben.

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Veröffentlicht am 28.04.2020

Stimmungsvoller Caprikrimi

Mitten im August
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Agente Enrico Rizzi vom Polizeiposten Capri wird erstmalig in seiner Laufbahn mit einem Morddelikt konfrontiert: Vor der Küste bei Punta Carina wird in einem Boot treibend ein junger Mann entdeckt. Offensichtlich ...

Agente Enrico Rizzi vom Polizeiposten Capri wird erstmalig in seiner Laufbahn mit einem Morddelikt konfrontiert: Vor der Küste bei Punta Carina wird in einem Boot treibend ein junger Mann entdeckt. Offensichtlich wurde er erstochen.
Der Roman ist Luca Venturas Auftakt zu der Krimireihe um den italienischen Ermittler. Der ist noch recht unerfahren im Gegensatz zu seiner neuen Kollegin Antonia Cirillo, die aus unbekannten Gründen als Strafversetzte in seiner Dienststelle landet. Zwischen den beiden klaffen auch sonstige Differenzen, die auf Überwindung warten, die sich in diesem Band aber noch nicht so recht einstellen will.
Rizzi wird zunächst im familiären Umfeld präsentiert. Durch die tatkräftige Hilfe im elterlichen Garten erwirbt er auf Anhieb Sympathien und gewährt dem Leser Einblick in eine italienische Bilderbuchfamilie. Die großartigen Landschaftsbeschreibungen und Schilderungen des örtlichen Lebens helfen, Flair und Urlaubsfeeling zu transportieren. Als nette Zugabe unterstützen die Landkarten in den Umschlagseiten.
Dabei nimmt das Persönliche keineswegs zu viel Raum an. Das Verhältnis zur Krimihandlung ist recht ausgewogen und vermittelt mit dem flüssigen Schreibstil und der ruhigen, leichten Grundstimmung eine lockere Wohlfühlatmosphäre.
Mit der Identifizierung des Opfers als Sohn eines reichen Industriellen und im Naturschutz engagierten Studenten der Meeresbiologie gerät das Thema Umweltschutz in den Fokus, insbesondere die Sorge um die Versäuerung der Meere durch Kohlendioxid und der Szenarien, die sich daraus ergeben.
Motive für die Tat gibt es gleich mehrere. Samt der dazugehörigen Verdächtigen. Hieraus den oder die richtige herauszupicken, ist keineswegs ganz aussichtslos.
Kleinigkeiten wie durchbrochene Kontinuität einzelner Figuren oder winzige Ungereimtheiten schmälern den Lesegenuss dieses stimmungsvollen Romans kaum, echte Krimiliebhaber könnten indes eine kräftige Dosis Spannung und Nervenkitzel vermissen.

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Veröffentlicht am 23.04.2020

Unterhaltsam und nützlich

»Gestatten, ich bin ein Arschloch.«
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Sympathisch und attraktiv sieht er aus, der Mann auf dem Cover, Pablo Hagemeyer. Muss er auch. Schließlich ist er Narzisst, also einer jener Menschen, die den Zugang zu ihrem authentischen, emphatischen ...

Sympathisch und attraktiv sieht er aus, der Mann auf dem Cover, Pablo Hagemeyer. Muss er auch. Schließlich ist er Narzisst, also einer jener Menschen, die den Zugang zu ihrem authentischen, emphatischen Selbst verloren haben, um anstatt dessen ihrer Selbsterhöhung zu frönen und damit ihre Umgebung drangsalieren, etwa so wie der derzeitige US-amerikanische Präsident. Damit das bestmöglich gelingt, ist Außenwirkung existenziell. Zudem ist er Psychiater. Und in dieser Funktion will er all jenen, die unter solchen wie ihm, Narzissten also, leiden, erklären, was es mit denen auf sich hat und wie man mit ihnen umgehen soll.
Der solchermaßen doppelt qualifizierte Autor weiß viel zu erzählen. Kreist um das Thema, schweift auch mal ab. Plaudert, meist leicht und unterhaltsam, mal sachlich, selten wissenschaftlich. Dabei verzettelt er sich gerne.
Theoretische Erkenntnisse werden anhand des Paares Tim und Tina mit Beispielen unterlegt, dann gibt es noch die gestrichelt umrandeten Kästen mit Tipps und die anderen mit Infos, außerdem Erinnerungsausflüge in seine Kindheit, Erlebnisse aus der Praxis, einige veranschaulichende Illustrationen und zwischendurch die pfiffigen und höchst selbstironischen Dialoge mit Ehefrau Carlota. Der fachliche Anspruch schwankt, weitgehend wird in leicht verständlichem Umgangston geschrieben, um dann unvermittelt in psychiatrische Diskurse umzuschwenken mit Schlussfolgerungen, die manchmal kaum nachzuvollziehen sind. So ganz leicht haben es die Leser also nicht immer.
Doch in der zweiten Hälfte wird es konkreter. Wer wissen möchte, was die Störung bedeutet, wie sie sich äußert, ob man selbst betroffen ist, welche Differenzierungen es gibt und ganz besonders: wie man mit einem Narzissten umgeht, der einen gerade zur Verzweiflung bringt, erhält hier Antworten. Fundierte, hilfreiche, erhellende und praxistaugliche Antworten, die Verständnis und Erkenntnis und in der Folge mehr Gelassenheit und Stärke bewirken und darüberhinaus Lösungen anbieten. Sogar mehr als Lösungen: Hier erfolgt ein Appell, ungute Zustände zu ändern. Das nötige Know-How wird mitgeliefert.

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