Profilbild von Sago

Sago

Lesejury Star
offline

Sago ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Sago über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.08.2020

Cornwall kann auch düster sein

Ich will dein Leben
1

Dieser Roman punktet eher mit psychologischen Thriller-Elementen als mit nägelkauender Spannung. Darum ist der Titel auch etwas zu reißerisch gewählt und wird der Geschichte nicht gerecht. Wer wie ich ...

Dieser Roman punktet eher mit psychologischen Thriller-Elementen als mit nägelkauender Spannung. Darum ist der Titel auch etwas zu reißerisch gewählt und wird der Geschichte nicht gerecht. Wer wie ich Cornwall und die 80er Jahre mag, ist hier genau richtig.

Tamsyn ist die einzige Ich-Erzählerin des Romans und ist mir als Leserin daher am nächsten gekommen. Dennoch spürt man früh, dass mit Tamsyn etwas ganz und gar nicht stimmt. Mit Mutter, Bruder und schwer krankem Großvater lebt sie in sehr einfachen Verhältnissen, nachdem ihr Vater verunglückt ist. Heimlich hat er sich einst mit Tamsyn zu einem Ferienhaus an den Klippen geschlichen. Von diesem Haus ist Tamsyn nahezu besesssen. Durch ein Fernglas beobachtet sie die reiche Familie Davenport, die Besitzer des Hauses. Als deren Tochter Edie aus dem Internat zu Besuch kommt und die beiden Mädchen aufeinandertreffen, entwickelt sich nicht nur eine sehr eigenartige, nicht wirklich als Freundschaft zu bezeichnende Beeziehung. . Vielmehr werden auch verhängnisvolle Ereignisse in Gang gesetzt, deren Ausgang ich bis zum Schluss nicht vorausahnen konnte.

Die Autorin spielt mit verschiedenen Perspektiven und Erzählzeiten. Es gelingt ihr, eine düstere Stimmung zu kreieren, wobei noch nicht alle Stilelemente vollendet eingesetzt werden. So kam das wiederholte Auftauchen düsterer Raben etwas platt daher.

Mir persönlich hat aber gefallen, dass hier nicht mit plumpen Knalleffekten aufgewartet wurde. Vielmehr gleicht die Geschichte einem Schneeball, der langsam, aber unaufhaltsam einen Berg hinabrollt und schließlich wie eine Lawine das Leben der Protagoniten auf den Kopf stellt. Ein ungewöhnlicher Roman, der mich bis zum Schluss gefesselt hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Handlung
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.06.2020

Hinter dahinter

Die Spiegelreisende 4 – Im Sturm der Echos
0

Wahrhaft apokalyptisch und weltenumspannend wird es im vierten und letzten Teil der Spiegelreisenden-Saga.
Auch wenn die Autorin stets den Überblick behält und ihre komplex aufgebaute Geschichte ...

Wahrhaft apokalyptisch und weltenumspannend wird es im vierten und letzten Teil der Spiegelreisenden-Saga.
Auch wenn die Autorin stets den Überblick behält und ihre komplex aufgebaute Geschichte zu einem runden Abschluss bringt, hat mir der Charme, den vor allem die ersten beiden Bände aufwiesen, ein wenig gefehlt. Ophelias animierter Schal, ihr Verlobter und mittlerweile Ehemann Thorn, ein Protagonist, der mich auf fast unvergleichliche Weise sowohl abgestoßen als auch faszinzert hat... All das tritt nun immer mehr in den Hintergrund in Ophelias Kampf gegen den mysteriösen "Anderen", den sie einst auf einer Spiegelreise in ihrer Kindheit befreit hat. Denn die Archen beginnen sich aufzulösen und es droht nichts anderes als der Weltuntergang...

Bis zur finalen Auseinandersetzung muss sich Ophelia erneut auf der Arche Babel behaupten und in einem merkwürdgen Institut für Abweichungen einiges über sich ergehen lassen. Dieser Teil wies nach meinem Empfinden doch einige Längen auf. Die bewunderswerte Fantasie der Autorin brachte dort auch einige Ideen hervor, die für mich persönlich etwas zu kryptisch und nicht anschaulich genug waren. Als zum Schluss des Bandes Ophelias herrlich versponnene Familie noch einmal in den Fokus rückte, wurde mir klar, wie sehr ich solche Szenen vermisst hatte.

Dass das Ende etwas offen gestaltet wurde, ist ein gewagter Schachzug, lässt aber Leser mit Sehnsucht nach einem Happyend sicher enttäuscht zurück. Dennoch glaube ich nicht, dass hier ein Hintertürchen zu einer späteren Fortsetzung offengelassen wurde. Ich bleibe gespannt, mit welchem Werk Christelle Dabos als nächstes überraschen wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.06.2020

Facettenreicher Familienroman

Das Holländerhaus
0

Ein wenig erinnert dieser Familienroman an das Märchen von Aschenputtel. Danny und Maeve könnten eigentlich behütet aufwachsen. Ihr Vater Cyril ist mit Immobilien zu Reichtum gekommen und hat für seine ...

Ein wenig erinnert dieser Familienroman an das Märchen von Aschenputtel. Danny und Maeve könnten eigentlich behütet aufwachsen. Ihr Vater Cyril ist mit Immobilien zu Reichtum gekommen und hat für seine Familie das Holländerhaus erworben, eine ganz außergewöhnliche, extravagante Villa. Doch Cyrils Frau ist eines Tages einfach auf und davon, um nach Indien zu gehen. Die Kinder können es kaum begreifen. Die ältere Schwester Maeve erkrankt kurz darauf sogar an Diabetes. Nach einer Weile nimmt Cyril sich mit Andrea eine neue Frau, die zwei Mädchen mit ins Holländerhaus bringt. Es dauert nicht lange und Maeve verliert ihr Zimmer an eine der Stiefschwestern. Nach Cyrils Tod bringt Andrea Maeve und Danny nicht nur um das Holländerhaus, sondern um ihr gesamtes Erbe.
Das alles schildert uns der inzwischen erwachsen gewordene Danny rückblickend als Ich-Erzähler. Der Wunsch nach Rache an Andrea bestimmt nun Maeves Leben und damit auch Dannys. Allein auf Maeves Wunsch hin studiert er sogar Medizin, um noch möglichst lange den einzigen zur Verfügung stehenden Treuhandfonds zu schädigen.
Der Klappentext verrät, dass eines Tages die Karten ganz neu gemischt werden. Ich hatte eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie das geschehen würde, doch Ann Patchett hat mich raffiniert in die Irre geführt und die Geschichte auf für mich vollkommen unerwartete Weise zu einem Ende geführt.
Die Autorin hat plastische Figuren geschaffen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Einzig Maeves und Dannys Mutter ist mir ein Rätsel geblieben, deren Motive ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Von den Hausangestellten wird sie als eine Heilige gerühmt. Schon immer war es mir ein schleierhaft, warum ausgerechnet Heiligen verziehen wird, ihre Kinder im Stich zu lassen, um sich Fremder anzunehmen. Nicht umsonst wird auch im Roman die Geschichte von Buddha angeführt, der ebenso gehandelt hat.
Das Buch ist wirklich wunderschön aufgemacht. Das Bildnis auf dem Umschlag illustriert genau das Gemälde, das von der jungen Maeve angefertigt wurde. Rückseite und Innenseiten des Umschlags zieren Delfter Kacheln, passend zum Holländerhaus.
Fazit: Ein leiser tiefgründiger Roman, der noch lange nachwirkt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.05.2020

Slàinte

How To Be Irish
0

Mit herrlich schrägem schwarzen Humor schildert der irische Anthropologe David Slattery, wie es vielleicht auch uns gelingen kann, sich wie ein waschechter Ire zu verhalten. Trotzdem macht er uns wenig ...

Mit herrlich schrägem schwarzen Humor schildert der irische Anthropologe David Slattery, wie es vielleicht auch uns gelingen kann, sich wie ein waschechter Ire zu verhalten. Trotzdem macht er uns wenig Hoffnung, dass wir ggf. je mehr sein werden als sogenannte Hereingeschneite oder auch Plastic Paddys. Vieles war mir wirklich grundlegend neu. Zum Beispiel hatte ich noch nie gehört, dass es früher eine traditionelle Art des Heiratsantrages war, die Angebetete zu fragen, ob sie gern zusammen mit der Sippe des Fragestellers beerdigt werden würde. „Überraschenderweise fasste die heiratswillige Frau das nicht als Drohung auf.“ Herrlich! Da die Iren nicht nur gern klagen, sondern offensichtlich auch eine morbide Ader haben, widmet sich das erste Kapitel der typisch irischen Beerdigung. Das darin Beschriebene kam mir wirklich sehr irisch vor, während andere Kapitel zwar auch äußerst unterhaltsam waren, aber fast ebenso in Deutschland spielen könnten, zum Beispiel das Kapitel über das Berufsleben mit dem wunderbaren Titel „Unverschämt genug für zwei Ärsche“, oder das Kapitel über Handwerker. Andererseits kennzeichnet es den deutschen Handwerker eher, zu vereinbarten Terminen zu Beginn erst gar nicht aufzutauchen. Zumindest das heben sich irische Handwerker anscheinend für spätere Bauphasen auf. Mich hat das Buch wirklich bestens unterhalten, auch wenn das hohe Humorniveau natürlich nicht ununterbrochen aufrecht erhalten werden kann. Als großer Fan der keltischen Vergangenheit Irland hätte ich mir lediglich mehr Ausflüge dorthin oder ins Gälische erhofft. Als Eigentümerin dreier in Irland gezüchteter Irish Tinker (Pferde der Irish Travellers) hätte ich mir auch ein Kapitel über die Irish Travellers gewünscht. Lediglich eines ihrer gescheckten Ponys galoppiert mal am Rande durch Dublin. Das werden aber nahezu alle anderen Leser nicht vermissen und ist daher kein Kritikpunkt. Einzig das Ende war mir zu aprupt, hier fehlte ich mir noch eine Art Schlusswort.
Die Innenseite des Buchcovers zeigt ein Foto von Slattery mit sympathischem verschmitzten Lächeln in der Marsh’s Library in Dublin. Unter dem Tisch sind seine Füße in einer Schüssel. Skurril und liebenswert, auch die Einbandgestaltung hat mir sehr gut gefallen. Passenderweise sind Vor- und Rückseite grün wie die grüne Insel und zeigen wollige Schafe. Dank des Buches weiß ich nun, dass Irlands Nationalfarbe aber Blau ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.05.2020

Wirklich mal etwas ganz Anderes

Das gläserne Meer
0

Zunächst einmal dies: Schon allein von der Optik her hat der Dumont-Verlag hier ein wunderschönes Buch geschaffen, das auch nach dem Lesen ein echtes Schmuckstück im Regal ist. Die Zeichnung einer beinahe ...

Zunächst einmal dies: Schon allein von der Optik her hat der Dumont-Verlag hier ein wunderschönes Buch geschaffen, das auch nach dem Lesen ein echtes Schmuckstück im Regal ist. Die Zeichnung einer beinahe märchenhaft anmutenden Landschaft, in der sogar Phönixe fliegen, zieht sich über den gesamten Buchumschlag und ziert so auch den Buchrücken. Alles ist in Weiß und Rot gehalten. Normalerweise mag ich Rottöne gar nicht, aber hier handelt es sich um ein sehr sanftes, dezentes Hummerrot. Dann ist der Roman auch noch herrlich dick und kann den Leser so eine etwas längere Zeit begleiten.
Anklänge an russische Märchen hat auch die Geschichte um die Zwillinge Jarik und Dima. In ihrem Heimatort Petroplawilsk wird ein gigantisches Gewächshaus errichtet, eben das gläserne Meer aus dem Titel. Es dehnt sich immer mehr aus, verschluckt ganze Landstriche, alle Gebäude, die zu hoch sind, werden einfach gekappt. Ununterbrochen soll es produzieren und so wird es von gigantischen Spiegeln erhellt, die nachts das Sonnenlicht aus dem All heranlenken. Dunkelheit gibt es nicht mehr, und so verschwindet nach und nach auch beinahe alle Freizeit. Nur wer daran mitwirkt, das Gewächshaus weiter zu bauen, gilt etwas. Zunächst arbeiten Jarik und Dima gemeinsam dort, bis Jarik von dem dahinter stehenden Investor, dem Miliardär Basarow, quasi entdeckt und immer weiter gefördert wird. Jarik soll den Arbeitern als Leitbild dienen und vorgaukeln, auch sie könnten den Aufstieg schaffen. Beschrieben wird Basarow bei der ersten Begegnung wie der leibhaftige Teufel, und genauso führt er Jarik, der für Frau und Kinder sorgen muss, auch erfolgreich in Versuchung.
Dima hingegen war schon immr ein Träumer. Lange Zeit interessiert er sich überhaupt nicht für Frauen, sondern lebt nur für das beinahe symbiotische Verhältnis mit seinem Bruder. Er ist dem Arbeitsdruck nicht lange gewachsen und hört eines Tages ganz auf zu arbeiten. Von da an geht sein Abstieg immer weiter, Strom und Gas werden in der gemeinsam mit der Mutter bewohnten Wohnung nach und nach abgestellt, sie leben von verdorbenen Essensresten. Alles Geld, das Dima von Jarik erhält, spart er, um davon eines Tages die Datsche ihres verstorbenen Onkels zurückzukaufen und mit seinem Bruder dort wie in Kindertagen zu leben. Eher unfreiwillig wird Dima zur Leitfigur der Revolutionäre, die zum alten Leben zurückkehren wollen, und bringt später sogar einen kleinen Teil des Glashaus-Daches zum Einsturz. Seine Verwandtschaft mit Dima wird für Jarik immer gefährlicher und er muss weitere Kompromisse eingehen, um Dima zu schützen. Doch im Grunde hat er sich längst gegen seinen Bruder und ihre Herkunft entschieden.
Der Roman wirft viele Fragen auf, die auch ich mir manchmal schon gestellt habe. Ab wann ist der Preis für den Erfolg zu hoch? Ist nicht Zeit im Grunde komplett unbezahlbar? Die Brüder stehen dabei für zwei Extreme, denn so wie Dima möchten sicher die wenigsten leben.
Nur zum Ende hin hatte die Geschichte für mich leichte Längen, ansonsten hat sie mich unerwartet gefesselt. Außerdem ist dies mal ein ganz eigener Roman, der mich wirklich an keinen anderen erinnert hat. Das Ende war mir persönlich zu offen gestalten und ich hätte mir noch mehr Märchenmotive gewünscht. Das ist aber auch die einzige Kritik. Dieses Buch werde ich in sehr guter Erinnerung behalten!


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere