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Veröffentlicht am 17.08.2020

Wenn die eigene Existenz ein Geheimnis ist

Das zweitbeste Leben
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Dana und ihre Mutter Gwen sind ein Geheimnis, denn Danas Vater und Gwens Ehemann James hat bereits eine Familie: Ehefrau Laverne und Tochter Chaurisse. Während Letztere glauben, ein glückliches normales ...

Dana und ihre Mutter Gwen sind ein Geheimnis, denn Danas Vater und Gwens Ehemann James hat bereits eine Familie: Ehefrau Laverne und Tochter Chaurisse. Während Letztere glauben, ein glückliches normales Familienleben zu haben, wissen Dana und Gwen von James 'erster' Familie. Insbesondere Dana leidet darunter, ihren Vater geheim halten zu müssen und nur einmal die Woche zu sehen. Als sie zufälligerweise die gleichaltrige Chaurisse kennenlernt, freunden die Beiden sich an ohne dass ihre Halbschwester weiß, wer Dana ist.
Die erste Hälfte des Buches wird aus der Sicht von Dana erzählt, die bereits als Kleinkind verinnerlichen musste, nicht über ihren Vater zu reden. Ohne ihn anzuklagen, macht sie jedoch deutlich, wie schwierig diese Situation für sie ist und wie sehr ihr Selbstbewusstsein darunter leidet. So sehr, dass sie es in ihrer ersten Beziehung hinnimmt, wieder verheimlicht zu werden. Mit zunehmendem Alter wird ihre Neugier auf ihre Halbschwester und deren Mutter immer größer und gemeinsam mit Gwen spionieren sie ihnen gelegentlich nach.
In der zweiten Hälfte erzählt Chaurisse, die auch während ihrer Freundschaft mit Dana ahnungslos bleibt, von ihrem Leben. Es ist ein typisches Teenagerdasein, das in erster Linie von den üblichen Problemen geprägt ist: Aussehen, Vergleich mit Anderen usw. Von ihr erfährt man auch mehr über die Vergangenheit von James, für den ich zumindest zeitweise fast so etwas wie Mitgefühl aufbringen konnte, aber wirklich nur fast.
Denn es sind die Frauen, die hier die starken Charaktere sind: Dana, Chaurisse und Gwen. Laverne bleibt außen vor, denn sie stellt sich nicht der Realität, sondern verschließt die Augen mit der Hoffnung, dass Alles so bleibt wie es war. Die Männer hingegen entpuppen sich der Reihe nach als Feiglinge, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind oder einfach nur Angst haben. Und James schreckt sogar nicht davor zurück, seiner Tochter Dana die Schuld am Vorgefallenen zuzuweisen.
Obwohl die Handlung in einem schwarzen Milieu stattfindet, taucht der besonders in den Südstaaten der USA herrschende Rassismus (das Ganze spielt in den 80ern und früher) nur beiläufig auf in Sätzen wie "Deine Mama hat für weiße Leute die Wäsche gewaschen ...". Letzten Endes liest es sich wie eine Geschichte, die sich so in jeder Gesellschaft hätte ereignen können - von einigen wenigen Besonderheiten abgesehen.
Ein einfühlsamer und interessanter Einblick in zwei letzten Endes unglückliche Familienleben, verursacht durch den Egoismus und die Feigheit eines Mannes.

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Veröffentlicht am 07.06.2020

Unterhaltsamer Fantasy-Jugendroman

Niemandsstadt
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Neu ist die Geschichte nicht wirklich: Ein junger Mensch reist aus der 'normalen' Welt in eine parallel existierende, phantastische Welt - wie beispielsweise auch in 'Un Lon Dun' von China Miéville aus ...

Neu ist die Geschichte nicht wirklich: Ein junger Mensch reist aus der 'normalen' Welt in eine parallel existierende, phantastische Welt - wie beispielsweise auch in 'Un Lon Dun' von China Miéville aus dem Jahre 2008. Dort wie hier gilt es, das Phantastische zu retten, das von einer bösartigen Macht bedroht wird.
Die beiden Protagonistinnen, 15, 16 Jahre jung, sind Freundinnen, aber so verschieden wie Salz und Pfeffer. Während Josefine sich eher zurückzieht und in ihren Träumen verliert, in denen sie nach Niemandsstadt gelangt, lebt Eli voll und Ganz im Hier und Jetzt und vor den Augen ihrer Follower. Doch als Josefine ihre Hilfe braucht, steht Eli ihr zur Seite und stürzt sich voller Kampfesmut in ein Abenteuer, wie sie es sich nie hätte träumen lassen.
Was an dieser Geschichte besonders gut gelungen ist, wie ich finde, ist die unterhaltsame Sprache. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht eines der beiden Mädchen, die sich unmittelbar in einem munter-flapsigen Ton an die Lesenden wenden. Selbstironisch und sich selbst nie zu ernst nehmend schildern sie ihre Erlebnisse und Abenteuer, sodass es bei aller Spannung auch viel zu grinsen gibt. Nebenbei erfährt man zudem viel über den Druck, unter dem manche Teenager stehen bzw. sich ihn selber machen, indem sie sich ständigen Vergleichen und Bewertungen unterwerfen - aber auch, wenn sie sich diesen entziehen wollen.
Zwar sind die Figuren und Dinge der Niemandsstadt bei weitem nicht so phantasievoll wie bei China Miéville in 'Un Lon Dun', dafür jedoch hat der Autor Tobias Goldfarb nicht nur seine beiden Protagonistinnen, sondern ebenso die Existenz der Parallelwelt deutlich komplexer entwickelt, wenn auch mit gelegentlichen Widersprüchen oder Unlogiken. Und das Ende ist im Vergleich zur gesamten Geschichte derart unspektakulär, dass ich es nochmals gelesen habe, da ich dachte, ich hätte etwas übersehen.
Alles in allem ein solider unterhaltsamer Jugend-Fantasy-Roman.

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Veröffentlicht am 23.05.2020

3,5 ⭐ Ausserordentlich gut zu lesen, aber von Allem etwas zu viel

Die Geheimnisse meiner Mutter
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Rose leidet schwer daran, dass ihre Mutter sie einfach verlassen hat, als sie noch ein Baby war. Obwohl ihr Vater sich liebevoll um sie kümmerte, ist das Verschwinden ihrer Mutter ein Trauma, das es ihr ...

Rose leidet schwer daran, dass ihre Mutter sie einfach verlassen hat, als sie noch ein Baby war. Obwohl ihr Vater sich liebevoll um sie kümmerte, ist das Verschwinden ihrer Mutter ein Trauma, das es ihr schwer macht, einen Platz für sich im Leben zu finden. Als sie mit über 30 Jahren von ihrem Vater erfährt, dass eine ehemals berühmte Schriftstellerin die Letzte war, die ihre Mutter gesehen hat, setzt Rose alles daran, mehr zu erfahren.
Es ist ein schön zu lesendes Buch, denn die Autorin hat einen überaus süffigen Schreibstil, der einen die Zeit beim Lesen völlig vergessen lässt. Dies konnte ich bereits bei ihrem vorherigen Werk feststellen 'Das Geheimnis der Muse', wenn auch nicht so durchgehend wie dieses Mal. Und inhaltlich lassen sich ebenfalls Ähnlichkeiten entdecken: Wie im Vorgänger ist die Lektüre vollgepackt mit Themen unterschiedlichster Art - für meinen Geschmack einfach zu viel. In zwei Erzählsträngen wird zum einen die Geschichte der jungen Elise geschildert, Roses Mutter. Und zum andern wie Rose sich auf die Suche nach dieser Geschichte macht. In beiden Fällen ist es eine Suche nach dem eigenen Ich, wenn auch unter völlig verschiedenen Voraussetzungen. Während Elise mit knapp 20 Jahren eine Liebesbeziehung mit einer älteren, sehr erfolgreichen Schriftstellerin eingeht und an deren Seite um Selbstbehauptung und Selbstwertgefühl kämpft, weiß ihre Tochter überhaupt nicht, was sie vom Leben will.
Obwohl dies durchaus seitenfüllende Themen sind, scheinen sie der Autorin nicht genug gewesen zu sein. So kommen noch die Schwierigkeiten ihrer Fast-Schwiegerfamilie dazu, Exkurse zum Selbständigmachen mit einem Foodtruck, die Existenz als Bloggerin mit Familie, eheliche Gewalt und noch ein paar mehr. Und das Ende, das offenbar einen Kontrapunkt zu Roses Geburt setzen soll, war nun überhaupt nicht nötig. Ein bisschen weniger von Allem und es wäre ein grandioses Buch geworden, denn erzählen kann Jessie Burton sehr gut. Aber so habe ich immer wieder unterbrechen müssen, weil es mir schlicht zu viel wurde und ich eine Pause brauchte. Wäre es etwas fokussierter gewesen - ich hätte das Buch in einem Rutsch durchgelesen.
Deshalb gibt es 3,5 Sterne und ich habe die Hoffnung, dass das nächste Werk der Autorin vielleicht nicht mehr ganz so ausufernd wird.

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Veröffentlicht am 17.05.2020

Eine nicht so glückliche Jugend in den 70ern

Die wir liebten
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Edgar und Roman wachsen in den siebzigern Jahren in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit, die sie erleben, was sich jedoch dramatisch ändert, als der Vater sich ...

Edgar und Roman wachsen in den siebzigern Jahren in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit, die sie erleben, was sich jedoch dramatisch ändert, als der Vater sich in eine andere Frau verliebt und bald die Familie verlässt. Ihre Mutter verkraftet diesen Verlust kaum, und nach und nach bricht auch der Rest der Familie zusammen. Doch das Schlimmste kommt noch für die beiden Brüder ...
Was Willi Achten hier beschreibt (und ich wünsche mir für ihn, dass nichts oder nur wenig Autobiographisches darin enthalten ist), ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was einem Kind oder Jugendlichen passieren kann: Die Menschen zu verlieren, die man liebt. Eindringlich und sehr bildhaft beschreibt der Autor das Leben und Erleben der Jungen aus der Sicht des jüngeren Edgar. Mir persönlich war dies zumindest in den ersten beiden Abschnitten etwas zuviel, zeitweise glaubte ich mich fast in einem Film, so detailliert waren Umgebung, Sinneseindrücke und Gefühle dargestellt. Viel Raum bleibt der Phantasie da nicht, dafür dürfte es eine eventuelle Drehbuchschreiberin vermutlich recht einfach haben Auch die Vorliebe des Autors für bestimmte Stilmittel fand ich entbehrlich: Aufzählungen und Wortwiederholungen. Hier ein Beispiel von nur einer Seite: "Ich hatte kein Ziel. Ich wollte allein sein. Ich mochte den Duft...". Ein paar Zeilen weiter "Ich wollte nichts hören ... Wollte nichts sehen ... Wollte in das Gespinst des Nebels schauen, ...". Wieder einige Zeilen weiter: "Ich musste ausruhen. ... Ich musste ausruhen von ... Ich musste ausruhen von ...".
Doch der dritte Teil macht Vieles wieder gut. Edgar und Roman müssen in ein Kinderheim (das steht auch im Klappentext, ich verrate also nichts ) und was sie dort erwartet, grenzt an eine Hölle auf Erden. Was hier beschrieben wird, ist so grausam, dass man kaum glauben kann, dass so etwas in Deutschland vor nicht einmal 50 Jahren möglich war. Ähnlich wie bei vielen institutionellen Missbrauchsfällen wurde auch hier (Schwarze Pädagogik) vertuscht und ein Mantel des Schweigens darüber gelegt. Zu meiner Freude hält sich der Autor in diesem Teil mit seiner Liebe zum Detail zurück und auch seine Lieblingstilmittel finden nur wenig Anwendung
Es ist ein Buch mit einem wichtigen Thema, das die Atmosphäre der Siebziger im Guten wie auch Bösen authentisch darstellt. Menschen, die damals groß wurden, werden sich zurückversetzt fühlen in ihre Kindheit und Jugend; die Anderen eine Zeit kennenlernen, die auch geprägt war durch den Geist des Dritten Reiches.

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Veröffentlicht am 09.04.2020

Knud Romers selbstgewählte Hölle

Die Kartographie der Hölle
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Knud Romer wächst behütet auf, verwöhnt und geliebt von seinen Eltern, doch ohne Freunde. So schafft er sich einen Fantasiefreund, M., der ein völlig anderes Leben als Knud lebt. Während dieser mit zunehmenden ...

Knud Romer wächst behütet auf, verwöhnt und geliebt von seinen Eltern, doch ohne Freunde. So schafft er sich einen Fantasiefreund, M., der ein völlig anderes Leben als Knud lebt. Während dieser mit zunehmenden Jahren von einer Karriere im Literaturbetrieb träumt, zieht M. mit seiner Familie von einem Land ins nächste.
Von diesen beiden Lebensläufen erzählt 'Die Kartographie der Hölle' abwechselnd. Während Knud sein Literaturstudium aufnimmt und daran verzweifelt, verharrt die Geschichte M.s bei dessen Kindheit und Jugend, in der er mit seiner Familie von den USA nach Istanbul übersiedelt und dann weiter nach Teheran zieht. Während der fiktive Teil chronologisch dargestellt wird, ist Knuds Leben voller Sprünge, im übertragenen wie auch realen Sinn. Es geht von Dänemark nach Frankfurt nach Wien nach Island nach sonstwohin und man sollte sich nicht daran stören, hin und wieder den roten Faden zu verlieren. Knuds Dasein ist das eines Verlierers, der irgendwann zufällig auf die Gewinnerbahn kommt, die er zwar (eher unbewusst) zu nutzen weiss, die ihn aber gleichzeitig in den tiefsten Abgrund stürzt. Wirklich interessant habe ich diese Geschichte nicht gefunden, ganz im Gegensatz zu der von M. Fast schon sachbuchmäßig, aber durchaus unterhaltsam werden die Verhältnisse in den 70er Jahren in Istanbul und Teheran geschildert, wobei mir aber unklar blieb, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist. Beispielsweise fand ich über die Aussage, dass die Zwillingsschwester des Schahs die eigentliche Macht im Staate und größte Drogenhändlerin des Landes war, nichts offiziell Bestätigtes. Allenfalls Gerüchte.
Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Buch sind eh nicht die Geschichten, sondern die Sprache, die der Autor ausgesprochen kunstvoll zu nutzen weiß. Beispielsweise wie es ist, keinen Großvater zu haben: "Streckt man die Hand in Richtung Vergangenheit aus, ist dort niemand, der sie ergreift. Man ist ohne Familie und ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, man hängt mit nichts und niemandem zusammen. Als sei man vom Himmel gefallen. Man kommt nirgendwoher, man ist für immer ein Zugezogener und muss schauen. wo man bleibt." Oder "Jede Person war eine Tür, durch die man eintrat - und möglicherweise endete man an einem unbekannten Ort. Das konnte überall passieren und den Rest des eigenen Lebens bestimmen." Knud Romer hat einen Blick für das Wesentliche, das er dann scharfzüngig in Worte umsetzt: "Das Postterminal war die Endstation für viele, die ihr Studium hinschmissen. Die Literaturwissenschaft produzierte Verlierer am Fließband - und Invaliden. Das war die beste Zukunftsaussicht: eine Invalidenrente. Es ließ sich auf niedrigster Flamme vegetieren, man hatte Ruhe vor der Gesellschaft und konnte sie von einem höheren, idealistischen Standpunkt kritisieren, ohne gezwungen zu sein, sich für das Kapital zu prostituieren oder selbst zur Ware zu werden, wie es der Arbeitsmarkt verhieß."
Es ist keine Biographie im üblichen Sinn, sondern eher ein kunstvolles Geflecht von Realität und Fantasie mit vielen essayartigen Einschüben zu etwas eigenwilligen, aber durchaus interessanten Themen, wie beispielsweise dem Tourette-Syndrom oder das Leben des Dr. Reinhold Aman, der Welt einzigem Maledictologen (Schimpfwortforscher).

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