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Veröffentlicht am 24.11.2020

Ein absolutes Muss

Generation haram
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Inhalt:
Melisa Erkurt schreibt über das Schulsystem in Wien, über ihren eigenen Weg bis hin zum Studium, Beruf als Lehrerin und Journalistin. Doch sie gilt als eine Ausnahme, als eine der wenigen "Vorzeigemigrantinnen", ...

Inhalt:
Melisa Erkurt schreibt über das Schulsystem in Wien, über ihren eigenen Weg bis hin zum Studium, Beruf als Lehrerin und Journalistin. Doch sie gilt als eine Ausnahme, als eine der wenigen "Vorzeigemigrantinnen", welche es in Österreich geschafft, die Sprache gelernt, Karriere gemacht und sich zum Vorbild für zahlreiche Kinder und Jugendliche hochgearbeitet haben. Aber es sind nicht die Eltern, welche ihre Kinder nicht unterstützen können, und nicht die Kultur, welche bei einigen ausländischen Kindern gelebt wird, welche den Kindern Steine in den Weg legen. Es sind auch nicht die Lehrpersonen, welche alleine die Schuld an dieser Misere tragen.
Es ist die Schulpolitik - respektive von bürgerlichen alten, weissen Männern gefällte Entscheide - welche gar nicht erst Spielraum lässt und vor allem für die Zusammensetzung der heute an vielen Orten anzutreffenden Schulklassen überhaupt nicht mehr zeitgemäss ist. Es sind die fehlenden Vorbilder und der gläserne Deckel, welche Kinder und Jugendliche gezielt in ihrem Werden beschneidet und genau dagegen schreibt Melisa Erkurt an. Sie zeigt Missstände auf, erzählt aber auch, welche Dinge und Menschen ihr geholfen haben, ihren Weg zu gehen.

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich ehrlich sagen, dass ich schockiert bin von den Erlebnissen, die Melisa Erkurt aus ihrer eigenen Erinnerung als Schülerin und Lehrerin beschreibt, vom Rassismus und Sexismus, den sie am eigenen Leib erlebt hat und miterleben musste und auch vom Schulsystem, das wohl an einigen Orten in Wien anzutreffen ist. Auch haben mich die Schilderungen von Erkurts Familienleben sehr stark berührt. Ihr Vater erinnert mich an meinen Schwiegervater und einige der Kommentare und Vorurteile sind mir und meiner Schwiegerfamilie leider nur allzu vertraut, weshalb mich das Buch einige Male zum Weinen gebracht hat.
Was Erkurt an Rassismus - vor allem, aber nicht nur - gegen muslimische Kinder und Lehrpersonen schildert, ist harte Kost und wie gezielt sie auch auf die Sexismuskomponente eingeht (was fast noch verstörender zu lesen ist) und dafür plädiert, Mädchen und junge Frauen endlich zu stärken, ihnen eine Stimme zu geben und alle Jugendlichen - unabhängig von Geschlecht und Herkunft - besser und feministischer aufzuklären und auszubilden, hat mich so viele Ausrufezeichen in dieses Buch malen lassen.

Was lerne ich für meinen Beruf aus diesem Buch?
Es befällt mich eine Ohnmacht, wenn ich daran denke, dass ich auch Teil eines Schulsystems bin und in meinem so kleinen Bereich noch weniger erreichen kann, als Erkurt. Wer lernt ein Instrument an einer Musikschule? Kinder, deren Eltern es sich leisten können. Also in der Regel keine Flüchtlinge, schlecht Deutsch sprechende und nicht mit unserer Kultur vertrauten Kinder (obwohl der Instrumentalunterricht in der Schweiz für genau diese Kinder eigentlich bezahlt werden würde, aber es ist kaum möglich, deren Familien zu erreichen, weil sie oft so sehr beschäftigt damit sind, zu arbeiten und sich und ihre Kinder über Wasser zu halten). Gleichzeitig bin ich aber auch dankbar dafür, in einem eingiermassen stabilen Bildungssystem arbeiten zu dürfen und im Einzelunterricht noch gezielter und viel auführlicher auf jedes Kind eingehen zu können, als Lehrpersonen, welche komplett durchmischte Klassen mit viel zu vielen Kindern in viel zu engen Räumen unterrichten müssen, wie dies an einigen der Schulen geschieht, die Melisa Erkurt schildert.
Was lerne ich aber für mich und meinen Beruf aus dem Buch?
Es ist wichtig, noch sichtbarer zu sein, Eltern noch gezielter zu erreichen (gerade aktuell fast unmöglich) und sie auch auf die Stellen aufmerksam zu machen, welche ihren Kindern den Unterricht bezahlen, sofern er denn stattfinden kann. Ausserdem brauchen die Kinder und Familien Vorbilder und einmal mehr bin ich so froh, dass mein bosnischer Nachname bei Besuchstagen und Instrumentenparcours die Hemmschwelle bei Kindern und Eltern senkt und sie auf mich zukommen lässt.

Meine Empfehlung und Fazit:
Ich werde das Buch wohl noch vielen Menschen empfehlen, es wirft so wichtige Fragen auf und fasst schonungslos zusammen, was alles schief läuft, zeigt aber auch auf, wie dies verändert werden kann. Was wir alle lernen müssen: zu verstehen, dass multilinguale Menschen, die zudem vielleicht noch in mehreren Kulturen zu Hause sind und sich bereits sehr selbstständig um sich und ihre Ausbildung kümmern müssen, weil dies von ihren Betreuungspersonen nicht immer gewährleistet werden kann, in erster Linie eine Bereicherung sind. Nicht nur für unser Bildungssystem, sondern auch für unser alltägliches soziales Leben, unsere Politik und Kultur. Jungen Menschen eine Chance zu geben und an sie zu glauben kann aufreibend und mit vielen Hindernissen verbunden sein, aber nur weil eine Lehrerin ihr Vertrauen in Melisa Erkurt gehabt und sie permanent bestärkt hat, durfte ich dieses Buch lesen und haben so viele Menschen eine Stimme bekommen, die von dem System, in dem sie leben und ausgebildet werden zum Verstummen gebracht worden sind.

Veröffentlicht am 21.10.2020

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Ich bin Linus
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Inhalt:
Manchmal sind wir uns selber ein Gefängnis. Manchmal sehen wir nicht das in uns, was andere schon lange erkannt haben. Und manchmal wissen wir nicht, dass es möglich ist, unsere tiefsten Träume ...

Inhalt:
Manchmal sind wir uns selber ein Gefängnis. Manchmal sehen wir nicht das in uns, was andere schon lange erkannt haben. Und manchmal wissen wir nicht, dass es möglich ist, unsere tiefsten Träume und Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen und uns neu zu erschaffen. So ist es Linus ergangen. Linus, der - wie so viele von uns - von Geschlechterrollen geprägt ist. Mädchen können im Einkaufszenter zwischen Spielwaren und Kleidung in pink und lila wählen, Jungs bleiben grün und blau vorbehalten. Männer benehmen sich so, Frauen halt anders. Dass man diese Bilder aufbrechen kann, mit den Rollen und Attributen spielen darf und soll, das wird vielen von uns, die sich in ihrem - von Geburt an von der Aussenwelt zugeschriebenen - Geschlecht wohl fühlen und vielleicht sogar noch weiss und heterosexuell sind, gar nie klar. Und was es bedeutet, diesen Schritt zu wagen und sich auf die Suche nach sich selber und einem ganz neuen Frauen- oder Männerbild und den zahlreichen Kombinationen und Möglichkeiten dazwischen zu machen und dies darüber hinaus noch in die Öffentlichkeit zu tragen, können sich viele von uns nicht annähernd vorstellen. Aber Linus hat es getan. Linus ist der Mann geworden, der er schon immer war und durch die Dokumentation seines Weges in den sozialen Medien und nun auch in Buchform ist er nicht nur verletzlich und angreifbar, sondern gleichzeit und vielmehr genau das Vorbild für zahlreiche Menschen geworden, das er sich als Kind gwünscht hätte.

Über Linus:
Es freut mich sehr, dass ich Linus seit eingen Jahren von Instagram kenne und auch seinem Buchblog schon länger folgen darf. Seine Buchtipps sind Gold wert und blicken stets über den heteronormativen Tellerrand hinweg, was ich natürlich nicht nur als Pädagogin sondern einfach nur als Mensch als um so bereichernder empfinde. Sehr gerne wollte ich deshalb auch "Ich bin Linus" lesen und kann selber kaum glauben, dass ich das Buch - abgesehen von den letzten dreissig Seiten, die ich dann gestern noch gelesen habe - innerhalb eines (vollen) Arbeitstages verschlungen habe.

Meine Meinung:
"Ich bin Linus" ist ein positives Buch, das einen nicht ganz einfachen Weg zeigt, aber ermutigt, diesen Weg um jeden Preis zu gehen und sich dadurch selber zu befreien. Linus berichtet aber auch über unschöne Seiten seines Weges, beispielsweise über die Ablehnung, die er durch die Aussenwelt aber auch manchmal sich selber erfahren hat, die Hasskommentare, die Verfolgung und auch die Gewalt mit der trans Menschen immer noch begegnet wird. Dies hat mich tief berührt und sprachlos gemacht und bei den Seiten, in denen Linus über sein Datingverhalten spricht, wollte ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und sagen "du bist gut, du bist genug, du hast alles Glück und alle Liebe der Welt verdient".
Sehr informativ werden ausserdem Behördengänge, medizinische Möglichkeiten und Tipps und Tricks für den Alltag beschrieben. Was sich an Regeln und Gesetzen so absurd und skurril liest, ist für zahlreiche Menschen, die sich mitten in ihrer körperlichen und/oder sozialen Transition befinden, bittere und alltägliche Realität. Diese Diskriminierung muss wirklich ein Ende haben. Ist es denn so schwierig, Menschen in ihrem eigenen Werden und Sein zu unterstützen? Linus macht es uns besonders einfach (was zusätzlich zum packenden Stil für diese Lektüre spricht): er liefert praktische Tipps, wie man sich sprachlich richtig ausdrücken, für trans Menschen einen sicheren Hafen schaffen und sie auf ihrem Weg unterstützen kann. Ausserdem finden sich im Anhang noch weiterführende Buchtipps.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch zeigt auf, was es bedeutet, in Deutschland trans zu sein. Was es bedeutet, einen so grossen und wichtigen Schritt auf sich selber zuzugehen und wie sehr Intoleranz und Diskriminierung im sich selbt als fortschrittlich bezeichnenden Westeuropa immer noch unsere Sprache, eine medizinische Routinekontrolle, unsere öffentlichen Gebäude, unser Verhalten und unsere Denkmuster prägen. Abgesehen davon, dass Linus ein wundervoller Mensch ist und dass es sich lohnt, ihm zuzuhören (egal, über was er spricht), hilft dieses Buch auch, sich alltäglichen Denk- und Verhaltensmuster bewusst zu werden und diese aufzubrechen, um Raum für mehr Akzeptanz und Sicherheit zu schaffen.

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Veröffentlicht am 18.10.2020

Kritisch und äusserst unterhaltsam

Die Ladenhüterin
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Inhalt:
Keiko ist anders. Sie wirkt auf andere Menschen speziell und weiss oft nicht, wie sie sich gegenüber ihren Mitmenschen verhalten soll. Also hat sie sich sorgfältig die Umgangsformen ihrer Mitarbeiter:innen ...

Inhalt:
Keiko ist anders. Sie wirkt auf andere Menschen speziell und weiss oft nicht, wie sie sich gegenüber ihren Mitmenschen verhalten soll. Also hat sie sich sorgfältig die Umgangsformen ihrer Mitarbeiter:innen angeeignet, deren Körpersprache, Stimmlage und Wortwahl kopiert und schafft es so, sich perfekt in ihre Position als Aushilfsverkäuferin in einem kleinen Supermarkt einzugliedern. Die Arbeitsabläufe, die festgelegten Höflichkeitsformen und die immer gleichen Tätigkeiten und Floskeln geben ihrem Alltag Struktur. Sie ist vielleicht sogar glücklich und sieht einen Sinn in ihrem Leben. Doch die anhaltenden Fragen nach einem Mann und Kindern sowie einem "richtigen Beruf" ihres Umfeldes bringen sie ins Zweifeln und sie beschliesst, sich einen Mann ins Leben zu holen, der ihr schönes, über Jahre hinweg aufgebautes System, sich in der Gesellschaft zu bewegen, durcheinander bringt.

Meine Geschichte als Verkäuferin:
Schon wieder habe ich durch Marias Lesekreis einen buchigen Schatz entdecken dürfen und ich habe das Buch auch noch rechtzeitig gelesen, heute nämlich findet unter diesem Post die (spoilerfreie) Schlussdiskussion statt. Schaut da also gerne vorbei.
Gleich die ersten Sätze haben mich total in ihren Bann gezogen und ich habe mich an meine Zeit als Verkäuferin in der Bäckerei zurückerinnert. Drei Jahre lang habe ich während des Gymnasiums und den ersten zwei Studienjahre dort gejobbt, immer mehr Verantwortung übernommen und vor allem in den Semesterferien im Sommer fast Vollzeit und ansonsten an jedem Wochenende und Feiertag dort gearbeitet und so die dem Geschäft eigenen Abläufe verinnerlicht und die aberwitzigsten Erfahrungen mit Kund:innen und Mitarbeiter:innen gemacht. Eine Szene in Muratas Buch - die Szene, in der Keiko noch von der Arbeit träumt und von ihrer eigenen Stimme, die "herzlich willkommen" ruft, erwacht - hat mich so sehr an mich selber erinnert. Gerade in den Semesterferien, wenn ich manchmal zehn oder zwölf Wochen fast oder ganz Vollzeit in der Bäckerei gearbeitet (und daneben unterrichtet, geübt, Konzerte gespielt, für Prüfungen gelernt, Nachhilfe gegeben, gebabysittet und Arbeiten geschrieben) habe, bin ich irgendwann komplett am Ende meiner Kräfte davon erwacht, wie ich massenweise Croissants (in der Schweiz natürlich "Gipfeli") in zahlreiche Tüten gepackt habe. Ich sass im Bett und habe mit meinen Händen die Bewegungen des Einpackens gemacht. Dann wusste ich jeweils, dass es wieder Zeit für eine Pause war und habe mein Pensum zurückgefahren.

Meine Meinung:
Aber auch abgesehen von meinem persönlichen Wiedererkennungswert habe ich dieses äusserst gesellschaftskritische Buch sehr gerne und heute innerhalb von kürzester Zeit verschlungen. In "Die Ladenhüterin" wird vor allem der von aussen forcierte Drang, sich sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich nahtlos in die Gesellschaft einzugliedern, thematisiert. Es scheint mir, wenn ich mir andere Kritiken und vor allem auch andere Literatur aus Japan anschaue, ein Drang zu sein, der in Japan noch mehr vorherrscht, als hier. Die Haltung, dass man der Gesellschaft - vor allem als Frau - nur dienlich ist, wenn man sich entweder fortpflanzt und/oder einem wichtigen Beruf nachgeht, lässt sich natürlich auch in der Schweiz und den umliegenden Ländern finden, aber es scheint mir so, als würde diese fast schon zwanghafte Eingliederung eines jeden Individuums in das vorherrschende einheitlich machende System in Japan noch einmal ganz andere Züge annehmen.
Und hier kommt Keiko ins Spiel. Keiko, die nicht versteht, warum man um einen verstorbenen Vogel trauern muss, wenn man ihn doch auch einfach essen kann und Keiko, die schon wüsste, wie sie ihren schreienden Neffen zum Verstummen bringen würde und dabei wäre nicht endloses Schaukeln, sondern vielmehr ein Messer die Lösung. Aber Keiko ist nicht grausam, vielmehr ist sie über alle Massen praktisch veranlagt. Und diese Veranlagung lässt sie auch zur logischen Überlegung kommen, dass ein Mann im Haus die Fragen nach einem Mann im Haus würde verstummen lassen. Dass dies natürlich nicht aufgeht und vor allem ihr sorgsam und seit Jahren bewährtes System durcheinander bringt, stellt sie vor neue Herausforderungen, welchen sie mit dem ihr eigenen Pragmatismus, Verstand und ihrer Leidenschaft für den Beruf begegnet.

Schreibstil:
Kurze, prägnante Sätze, die dennoch genau beschreiben, was vor sich geht und auch viel zwischen den Zeilen lesen lassen, machen den Schreibstil dieses Buches aus. Sayaka Murata trifft mit ihrer Sprache mitten ins Herz und schafft eine Protagonistin, die man - ein wenig schrullig hin oder her - einfach lieben muss. Die Übersetzerin Ursula Gräfe, die ja auch für ihre Murakami-Übersetzungen bekannt ist, hat ganze Arbeit geleistet und wundervolle Worte für dieses erfrischende und kritische Buch gefunden.

Meine Empfehlung:
Ich empfehle euch dieses herzerwärmende, zum Schmunzeln und Nachdenken bringende Buch, das so liebenswert erzählt, wie sich das Leben als eigentlich glückliche Aussenseiterin in einer nach Vereinheitlichung schreienden Gesellschaft anfühlt, sehr gerne weiter.

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Veröffentlicht am 27.09.2020

Sehr eindringlich und entdeckenswert

„So träume und verschwinde ich“
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Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich erwähnen, wie schön und liebevoll aufgemacht diese kleine und feine, zweisprachige Ausgabe daherkommt. Ob man gerade Deutsch oder Türkisch lernt, beide Sprachen spricht ...

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich erwähnen, wie schön und liebevoll aufgemacht diese kleine und feine, zweisprachige Ausgabe daherkommt. Ob man gerade Deutsch oder Türkisch lernt, beide Sprachen spricht oder auch nur eine davon, dieses Buch ist perfekt als Geschenk oder auch für die heimische Bibliothek geeignet. Ich persönlich spreche nur Deutsch und habe trotzdem die Türkischen Seiten überflogen, nach Regelmässigkeiten gesucht, nach vertrauten oder ähnlichen Wörtern...
Besonders gerne habe ich übrigens die ausführliche Einleitung gelesen. Darin wird erklärt, wie beim Übersetzen vorgegangen worden ist und welche Schwierigkeiten und Lösungen sich dabei ergeben haben. Das fand ich unglaublich spannend. Auch sind einige Hintergrundinformationen zu den Gedichten, sowie die Biografien von Turgut Uyar, Edip Cansever und Cemal Süreya im Buch zu finden, was zusätzlich beim Einordnen dieser sorgfältig zusammengetragenen Auswahl hilft.

Ein paar Worte zum Lesen von Gedichten:
Beim Lesen dieses Büchleins bin ich tief in die Welt der Lyrik eingetaucht, die ich oft meide, wenn es um Bücher geht, weil ich immer irgendwie das Gefühl habe, den Gedichten nicht gerecht zu werden, weil ich mir nicht immer für jedes einzelne Gedicht viel Zeit nehme, alles analysiere und hinterfrage.
Aber ganz ehrlich? Das ist doch auch gar nicht nötig. An einzelnen Gedichten bin ich lange hängengeblieben, habe sie immer und immer wieder gelesen, habe in der Sprache und Stimmung gebadet und nach dem Lesen eine Pause eingelegt. Andere habe ich gelesen, für in Ordnung befunden und bin weitergegangen. Die Zeit der Gedichtanalysen ist vorbei, es ist nicht mehr nötig, jedes Wort auf die Waagschale zu legen, ich kann ganz nach Lust und Laune die Stimmungen erkennen, die Wörter geniessen und mir das aus dem Gedicht holen, was ich gerade brauche. Schön, nicht wahr?

Meine Empfehlung:
Mir hat sich eine neue Welt eröffnet, die Welt der Türkischen Gedichte. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich in meiner weissen, Westeuropäischen Blase bewege und genau deshalb war dieser Ausflug enorm wichtig und bereichernd und gerade weil dieses Büchlein als so schön aufgemachte und mit vielen Hintergrundinformationen versehene Geschenkausgabe daherkommt, lohnt es sich definitiv, "So träume und verschwinde ich" für einzelne Weihnachtsgeschenke vorzumerken...

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Veröffentlicht am 10.09.2020

Bitterböse, skurril und irrwitzig

Das Palais muss brennen
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Meine Meinung:
Wie sehr habe ich es geliebt, in dieses vor schwarzem Humor triefende, kritische und rasant erzählte Buch und in Luises Welt voller Widersprüche und Reichtum einzutauchen. Als Tochter der ...

Meine Meinung:
Wie sehr habe ich es geliebt, in dieses vor schwarzem Humor triefende, kritische und rasant erzählte Buch und in Luises Welt voller Widersprüche und Reichtum einzutauchen. Als Tochter der rechtskonservativen Bundespräsidentin Österreichs - von Luisa fast nie "Mutter", sondern stets "Bundespräsidentin" genannt - lebt sie im Palais, das nicht nur ihren Reichtum demonstriert, sondern auch eine Metapher für die ziemlich blasphemisch anmutende Ausgangslage dieses kritischen Romans ist.
Was Luise ihren ganzen Protestaktionen, ihrer radikalen Haltung und ihrem exzessiven Lebensstil zum Trotz nämlich nicht realisiert ist, dass sie als reiche Tochter genau so vom System profitiert und sich ihre Ausschweifungen lediglich aufgrund ihrer Privilegien erlauben kann, die sie ohne ihre prominente Mutter und deren Bankkonto gar nicht hätte. Sie lehnt sich also gegen etwas auf, von dem sie genau so Teil ist wie diese Menschen, von denen sie sich distanzieren will, was die Geschichte um so witziger und skurriler macht. Der Palais wird zum goldenen Käfig, die Systemkritik zum Ast, auf dem Luise sitzt, den sie sich aber gleichzeitig selber absägt.
Wer es dann schliesslich ist, der den Palais - auch wieder metaphorisch - zum Brennen bringt, ist letztendlich egal. Die Konsequenzen treten plötzlich und für die unfassbar naiv gebliebenen Protagonisten überraschend auf und an die Stelle des goldenen Käfigs tritt eine Ohnmacht und Ratlosigkeit, welche Luise und ihre Schwester zwingt, sich ihrem Leben bewusst zu stellen und einen eigenen Weg zu finden.

Sprache:
Mercedes Spannagel schafft es, mit wenigen Worten plakative Szenen heraufzubeschören. Ihre expliziten Formulierungen entblössen die Figuren und lassen tief in ein Leben blicken, das mit all seinen Abgründen, Exzessen und Vorteilen einer privilegierten Oberschicht vorenthalten ist. Gleichzeitig wird auch die Geschichte einer Tochter erzählt, die sich radikal von ihrer Mutter lösen will und dies auf die einzige Weise tut, welche sie kennengelernt hat: laut, schrill und kompromisslos. "Das Palais muss brennen" ist urkomisch, fesselnd und lässt dennoch ein paar leise Töne zu, welche feinfühlig eine verletzte Kinderseele und eine zerstörte Familie beleuchten und so für den spannenden Spagat zwischen intensiven Gefühlen und demonstrativ überzogenem polit-Theater sorgen. Die Sprache erinnert ausserdem ein wenig an das ebenfalls sehr empfehlenswerte Buch "Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft" von Simone Hirth.

Meine Empfehlung:
Dieses kritische, packende und atemlos erzählte Buch mit der in ihrem eigenen Palais gefangenen aber ihre Privilegien wenigstens sinnvoll nutzenden Protagonistin möchte ich euch sehr gerne ans Herz legen.

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