Profilbild von Jidewi

Jidewi

Lesejury Profi
offline

Jidewi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jidewi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.10.2020

Jahresringe konservieren mehr als nur Momente in der Zeit

Das Flüstern der Bäume
0

Wie klein und unbedeutend wir Menschen sind in unserem kurzen, sterblichen Dasein und wie wenig wir doch wissen über das Leben unserer Familien, der Generationen vor uns, die gewollt oder ungewollt unser ...

Wie klein und unbedeutend wir Menschen sind in unserem kurzen, sterblichen Dasein und wie wenig wir doch wissen über das Leben unserer Familien, der Generationen vor uns, die gewollt oder ungewollt unser jetziges Dasein prägen. Die uns Laster der Vergangenheit aufhalsen, deren Bedeutung wir nie gänzlich begreifen können und uns mit besonderen Gaben segnen, die uns nahezu in den Schoß fallen, das Leben erleichtern. Wie mächtig ist dagegen die Natur und vor allem die Bäume, die uns alle überdauern und in ihren Jahresringen alles abspeichern, jede Dürre, jedes ertragreiche Jahr, lesbar, konserviert für Jahrhunderte.

Diese Demut hat mich überfallen während ich "Das Flüstern der Bäume" von Michael Christie nahezu in einem Zug verschlungen habe, der in seinem Mehrgenerationen Drama die Geschichte der Familie Greenwood langsam entmantelt, dem Lösen einer Baumrinde eines mächtigen Mammutbaumes gleich und mit einem markanten Schnitt durch den Stamm Jahresring um Jahresring offenlegt. Zu Tage gefördert wird eine komplexe, spannende, emotionale Geschichte, die mich mit Staunen erfüllt, emotional aufwühlt und mich mit vielen Fragen ins Hier und Jetzt entlässt, allen voran mit der Gewissheit, wie wenig wir in unserem Leben eigentlich über uns wissen, wie klein das Puzzleteil ist, dass wir im großen ganzen Bild ergänzen. Manchmal wollte ich schreien, denn als Leser wird dir auf unbeschreibliche Weise eben dieses Bild auf diese Familie eröffnet, dass du mit jeder Generation teilen willst, dich aber der Entscheidung jedes einzelnen Protagonisten beugen musst der eben sein kleines Puzzleteil erfüllt, nicht mehr und nicht weniger. Das ist die Aufgabe, die jedem einzelnen in seiner Zeit durchs Leben zufällt.

Der Roman ist ein wahrer Pageturner, zwingt den Leser weiterzulesen, tiefer in die Jahresringe der Zeit einzudringen, denn die Bäume sind die einzig wahren Zeitzeugen und ihren Geschichten zu lauschen, dem roten Faden der Handlung, das ist eben der besondere Reiz der Geschichte. Die Sprache ist fließend, leicht, dazu mit spannenden Wendungen versehen. Die Zeitsprünge sind animierend und gut gewählt, lassen sie den Leser zu Beginn die Größe der wahren Geschichte nicht greifen, sondern eher im Unklaren über die Bedeutung der Sätze, Protagonisten, Momentaufnahmen, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Es steckt so viel Liebe zum Detail in diesem Roman, jede einzelne Figur ist so wunderbar gezeichnet, für sich klar und deutlich vorstellbar und überdauert die Zeit mit dem immer klaren Bezug zur Natur und vor allem zu den Bäumen, die als Wächter überdauern. Die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein und doch eint sie mehr, als ihnen selbst bewusst ist. Mich begleitet vor allem nach dem Ende die Frage, wieviel zwischen den Generationen unausgesprochen bleibt, verloren mit der Zeit, hinfort getragen vom Wind. Nur konserviert durch die Jahresringe der Bäume, den Zeugen der Zeit, denen jedoch die Stimme fehlt das Puzzle unseres Lebens über Generationen hinweg zu beleuchten und unser kleines Dasein so viel größer erscheinen zu lassen. Eine klare Empfehlung für alle, die sich auf eine unglaubliche Reise durch die Zeit einlassen wollen, die verzahnte Mehrgenerationen Romane lieben und sich immer schon gefragt haben, was eigentlich nach dem Ende bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.09.2020

Der charmante Sheriff von Raufarhöfn wickelt jeden Leser um den Finger

Kalmann
0

"Kalmann" wie er leibt und lebt, mit Cowboyhut und Sheriffstern, Mauser im Holster ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn in den weiten Islands. Joachim B. Schmidt beschreibt einen unglaublich ...

"Kalmann" wie er leibt und lebt, mit Cowboyhut und Sheriffstern, Mauser im Holster ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn in den weiten Islands. Joachim B. Schmidt beschreibt einen unglaublich herzlichen, charmanten, etwas naiven, aber stets mit einem Augenzwinkern versehenden Charakter, der Haifischjäger ist, von seinem Großvater die Welt erklärt bekommen hat, die manchmal einfach so unglaublich kompliziert ist und sich unversehens mit einer großen Blutlache konfrontiert sieht. Von da an wird alles noch viel komplizierter, aber Kalmann setzt seinen Rucksack auf, rückt den Hut zurecht und kümmert sich, denn das ist sein Job.

Mit Kalmann wurde ein sehr skurriler, jedoch herzlicher Charakter geschaffen, der den Leser in die wunderschönen Weiten Islands entführt, ihm alles über das Haifischen und die Kunst der Gammelhaiherstellung beibringt, ihn staunen lässt über sein Geschick mit Petra und immer wieder herzlich zum Lachen und schmunzeln bringt. Er sieht die Welt so einfach und klar, wie es uns manchmal nicht möglich ist. Kalmann mag seine Defizite haben, aber mit dem Herz am rechten Fleck und dem richtigen Gespür löst er alle Probleme. Es ist so charmant und sympathisch geschrieben, dass der Leser sich gar nicht lösen kann von der Geschichte und seinen Charakteren, die Tiefgang aufweisen und mit schönen Anekdoten aufwarten. Dabei ist die Handlung überraschend, birgt einige Wendungen und hat mich zum Schluss verblüfft. Eine Empfehlung für alle, die gerne beim Lesen schmunzeln, besondere Charaktere schätzen und Krimis mit Wendungen favorisieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.09.2020

Eine schonungslose Ohrfeige, bitter, ernst und nur versüßt durch die lyrische Meisterleistung

Triceratops
0

Das Werk "Triceratops" von Stephen Roiss ist unglaublich nachhallend, emotional und so tiefgründig geschrieben, dass die Kürze der Kapitel ohne viele Worte, ohne Verschachtelungen und Ausflüchte mehr beschreiben, ...

Das Werk "Triceratops" von Stephen Roiss ist unglaublich nachhallend, emotional und so tiefgründig geschrieben, dass die Kürze der Kapitel ohne viele Worte, ohne Verschachtelungen und Ausflüchte mehr beschreiben, als das geschriebene Wort einfangen könnte. Ich habe selten ein Buch gelesen, dass sich so brutal, ehrlich, ungeschönt und ungekünstelt mit einer familiären Tragödie beschäftigt, die sich über Generationen erstreckt.

"Wir" sind der Hauptprotagonist, ein kleiner Junge, der Drachen liebt und Monster, die ihn für einen Augenblick sein zerrüttetes Umfeld vergessen lassen. Seine Mutter schluckt lieber Pillen, als den Problemen auf den Grund zu gehen und sein Vater findet Antworten zumeist in der Bibel, oder im Fernsehprogramm, je nachdem. Seine Schwester ist mehr Schein als Sein und so verbringen "Wir" ein recht isoliertes Leben, bis "Wir" auf weitere Ausgestoßene treffen. „Wir“ beginnen das Leben nach unseren Regeln zu leben, ohne abschätzen zu können, welche Tragödien das Leben noch für uns bereithält.

Der Roman überzeugt vor allem durch teilweise verstörende, aber zutiefst wahre, visuell gut vorstellbare Situationsbeschreibungen, skurrile Dialoge und dem bedrückenden Gefühl, dass in dieser Welt jeder für sich alleinsteht. Ich war zutiefst berührt, angewidert und teilweise sprachlos ob hin der lyrischen Kraft gepaart mit der brutal geschilderten Zerrüttung dieser Familienverhältnisse, die das alles relativiert, so fern erscheinen lässt als würde es niemanden tangieren. Worte sind nicht kongruent mit Taten. Fragezeichen, die sich im Leser auftürmen werden zum Schluss wunderbar resümiert, gar reflektiert und die Frage, die zum Ende hin bleibt, ist die, wo alle waren, als es geschehen ist und das im Grunde genommen wir alle in der Masse, die wir darstellen doch komplett vereinsamte, unverstandene und alleingelassene Wesen sind. Stephan Roiss hat sich diesem Thema so wunderbar angenähert, so respektvoll und zugleich ehrlich, dass mir teilweise die Sprache fehlte, die Worte, um zu beschreiben, was das Buch eigentlich ausdrücken kann. Die Geschichte ist so echt wie ein Spiegelbild, jedoch zu Boden geworfen, in einzelne Scherben zersprungen, die krampfhaft zusammengefügt werden sollen, es jedoch nicht ohne Blut, Kratzer und Tränen funktioniert. Und selbst wenn die Teile sich fügen bleibt es immer der gesprungene Spiegel, egal wie es betrachtet wird. Es ist so viel mehr, als Sprache je beschreiben könnte. Eine nachdrückliche Empfehlung für alle, die tiefgründige Lyrik lieben, nahbare Charakterstudien, detailverliebte Formulierungen schätzen und sich nicht davor scheuen eine Ohrfeige zu erhalten, denn die Welt, die sich hier eröffnet ist nicht nur fiktiv sondern für viele Familien eine traurige, aber beständige Realität.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.09.2020

Eine überaus mitnehmende, märchengleiche Geschichte, deren Weisheit ins Hier und Jetzt strahlt

Der Halbbart
0

"Der Halbbart" von Charles Lewinsky ist vollkommen zurecht auf der Longlist für den deutschen Buchpreis gelandet, denn sein mittelalterliches Werk rund um Sebi und seine Wegbegleiter ist einnehmend, emotional ...

"Der Halbbart" von Charles Lewinsky ist vollkommen zurecht auf der Longlist für den deutschen Buchpreis gelandet, denn sein mittelalterliches Werk rund um Sebi und seine Wegbegleiter ist einnehmend, emotional und gleichzeitig mit so vielen erleuchtenden Momenten gesegnet, die über die Zeilen hinaus einen klaren Mehrwert für den Leser generieren. Charles Lewinsky schafft es das Mittelalter in seiner Komplexität so anschaulich zu verpacken, dass die Parallelen zu unserem heutigen Leben auf dem Silbertablett serviert werden. Der Leser kommt nicht umhin, inne zu halten und das Ganze auf sich wirken zu lassen. Anregende Reflektionen, nachhallende Momente und der metallische Geschmack von Blut auf der Zunge inklusive.

Sebi ist nur ein einfacher Bub und lebt mit seiner Familie in eben diesem kleinen Dorf. Als ein Fremder zu der Gemeinde stößt, begegnet diese ihm mit Abkehr. Sebi jedoch erkennt sogleich, dass der fremde Mann in seiner Sonderbarkeit besonders ist und tauft in kurzerhand Halbbart. Er lehrt Sebi über die Vielfältigkeit des Lebens, Freud und Tragödie, die Doppelzüngigkeit der Menschen, die Konsequenzen von Entscheidungen und das richtig oder falsch in vielerlei Kontext relativ ist. Der Leser begleitet Sebi auf einer erstaunlichen Reise durch das 14. Jahrhundert, durchtränkt mit den Tücken und Abgründen der Zeit, dem Spagat zwischen Glauben und Aberglauben, sowie vor allem dem Bewusstsein, dass der schwierigste Weg, der zu sich selbst ist.

Der Schreibstil ist zunächst gewöhnungsbedürftig, mit Glossar und etwas Übung ist es jedoch einfach in die Authentizität der skizzierten Zeit abzutauchen. Die Sprache reicht von malerisch, lyrisch und Metaphern reich über zu blutig, ehrlich und sehr detailliert. Der Erzählstil ist auch besonders, wird alles nur aus der Sicht von Sebi erzählt, der das Ganze in einer intimen, mit Anekdoten gespickten Geschichte verpackt, in der er zu keiner Zeit ehrliche Worte scheut. Sebi ist dabei gefühlt eine alte Seele in einem jungen Körper und seine Entwicklung zu verfolgen war für mich der spannendste Aspekt des gesamten Buches, weil er immer wieder über sich hinauswächst. Viele Charaktere, die ihn auf dieser Reise begleiten, sind sehr liebevoll skizziert, teilweise nahbar, teilweise distanziert und mit Abscheu zu betrachten. Das verleiht aber der Geschichte eben diesen authentischen, roten Faden, denn anders ist diese Zeit auch nicht darstellbar, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Der Roman ist in viele, kleine Kurzgeschichten verpackt, sodass die Kapitel nicht endlos erscheinen. Das Buch zu lesen, war ein wahrer Genuss für mich und hat mich oft innehalten lassen, denn die Weisheiten und kleinen Geschichten am Rande erscheinen gerade in unsteten Zeiten wie diesen aktueller denn je. Ich habe selten ein Buch gelesen, dass so viel Zeit einfordert, zum Nachdenken zwingt und dabei so leicht zu lesen, dass die Seiten trotz ihrer Vielzahl im Nichts verschwinden. Eine Empfehlung für alle, die Märchen mögen, das Mittelalter in all seinen Facetten lieben und Literatur schätzen, die über den Tellerrand hinauszublicken vermag. Nachhallend, einnehmend und unglaublich tiefsinnig!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.09.2020

Personal Branding kann so einfach sein- wenn du weißt, wie es geht!

Nur wer sichtbar ist, findet auch statt
0

Das neue Sachbuch von Tijen Onaran mit dem Titel "Nur wer sichtbar ist, findet auch statt" beschäftigt sich eindrücklich, nahbar und mit natürlichen Beispielen und Hacks mit dem sehr persönlichen Thema ...

Das neue Sachbuch von Tijen Onaran mit dem Titel "Nur wer sichtbar ist, findet auch statt" beschäftigt sich eindrücklich, nahbar und mit natürlichen Beispielen und Hacks mit dem sehr persönlichen Thema Personal Branding, Fokus auf soziale Netzwerke gesetzt.

Tijen Onaran findet einen sehr persönlichen Einstieg in das Thema über ihre eigenen Erfahrungen, was das ganze Pamphlet für den Leser direkt realistischer wirken lässt und auf Augenhöhe holt. Viele Sachbücher verlieren ihren Leser bereits zu Beginn mit Tipps und Tricks, die von oben herab diktiert werden, in diesem Fall hingegen wird der Leser sympathisch abgeholt, mit offenen Armen empfangen, unabhängig seiner vorherigen Vorbereitung zum Personal Branding. Die Kapitel sind klar und deutlich gegliedert, bauen aufeinander auf und greifen thematisch ineinander wie Zahnräder eines Uhrwerks. Der Stil ist leicht, erzählend und gleicht einem Roman, daher liest es sich trotz der Komplexität des Themas schnell und flüssig. Dabei bleibt die Einfachheit bei Erklärungen im Vordergrund, inkludiert so jeden Leser mit beliebigem Background. Herauszuheben sind die schlüssigen Zusammenfassungen am Ende, sowie die Animation das Ganze für sich auszuprobieren, zu hinterfragen und zu reflektieren, eben seinen eigenen Standpunkt zu definieren. Dabei schafft es Tijen Onaran diese sehr schwer zu definierenden Themen immer wieder sympathisch zu be- und umschreiben, Rahmen abzustecken, ihre eigenen Unsicherheiten zu integrieren und dabei aber auch Raum zu lassen für den Leser, der bei dem ganzen Spiel um das Thema Branding vielleicht seine Rolle noch nicht gefunden hat. Es geht nicht darum einen Leitfaden zu bieten für die beste Definition von eigener Darstellung, sondern seinen eigenen Weg zu finden und Möglichkeiten, Diversität aufzuzeigen. Für mich persönlich sind nicht alle Kapitel gleich wertvoll aufgrund meiner Vorbildung und nicht alle Tipps und Tricks umsetzbar, den Anspruch erhebt das Buch jedoch auch nicht. Perfekt geeignet für alle, die sich immer schon gefragt haben, wie sie das Beste aus sich selbst herausholen können und die Social Media eher als ein Netz der Verwirrung ansehen, denn als reale Plattform, die die eigene Position stärken kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere