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Veröffentlicht am 08.11.2021

Wenn das Gestern und das Vorgestern sich ins Heute weben

Die Enkelin
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„Die Enkelin“ beginnt langsam. Seeeeehr langsam. Langsamer als ich es nach dem Lesen der ersten zehn Seiten erwartet hatte. Gleich eingangs entdeckt man an der Seite des 70jährigen Kaspars die Leiche seiner ...

„Die Enkelin“ beginnt langsam. Seeeeehr langsam. Langsamer als ich es nach dem Lesen der ersten zehn Seiten erwartet hatte. Gleich eingangs entdeckt man an der Seite des 70jährigen Kaspars die Leiche seiner Frau, die, man weiß es nicht genau, entweder den Freitod gewählt oder betrunken verunfallt ist, um daraufhin mit ihm herauszufinden, dass Birgit ihm doch weniger vertraut als angenommen war und Geheimnisse mit sich getragen hatte, die er nur zum Teil, und selbst das teils nur fragmentarisch, enthüllen kann. Briefe, Tagebucheinträge, Aufzeichnungen…, häufig unvollständig, lassen ihn eine ganz andere Frau erkennen als Diejenige, die einst zu ihm in den Westen geflohen ist, für ihn, seinetwegen.
Relativ weitschweifig wird hier rückblickend erzählt, wie genau Kaspar und Birgit sich dereinst kennengelernt hatten, wie ihre Flucht aus der DDR heraus verlief…, und das alles bleibt doch relativ unpersönlich. Birgit ist tot, Kaspar strahlte nun auch keine auffällige Trauer aus, die augenscheinlich doch so große Liebe wirkte eher gemütlich als von überbordenden Gefühlen geprägt; ich konnte die Beiden kaum als Paar, schon gar nicht als glückliche Eheleute, wahrnehmen, sondern sie erweckten auf mich in ihrer Darstellung eher den Eindruck einer Zweckgemeinschaft, in der sich in erster Linie Kaspar um die verloren wirkende Birgit sorgte.
Diese hatte mit der Flucht tatsächlich ihr bisheriges Leben verworfen, war in eine quasi völlig neue Umwelt, eine andere Kultur, hineingeworfen worden, aber diese Zerrissenheit hätte sie selbst wohl deutlicher machen können als Kaspar, der immer neue Facetten seiner Frau aufdeckte und oftmals auch nur mutmaßen konnte. Mir blieb das alles zu distanziert, zu unpersönlich – bis Kaspar sich dann zu den Orten aus Birgits DDR-Vergangenheit aufmacht, Plätze besucht, Menschen aufsucht und sich plötzlich mit einer Familie in einer völkischen Siedlung konfrontiert sieht, die völlig andere Werte vertritt als er.
Aber bis es zu diesem Aufeinandertreffen kommt und die titelgebende „Enkelin“ zum ersten Mal auf der Bildfläche erscheint, sind doch schon so einige Buchseiten vergangen/gelesen.

Aber hier gelingt Schlink das Kunststück, auch die Figur der Birgit plötzlich nahbarer zu machen; in ihrer früheren Umgebung spiegeln sich ihre DDR-Erfahrungen wider und auch die ihrer Kaspar bis kurz zuvor unbekannten Tochter. Erst hier wurden für mich die Unterschiede DDR/BRD richtig deutlich und Erfahrungswerte persönlicher vermittelt, wobei ich behaupten möchte, dass das nun wiederum daran liegt, dass die Menschen hier noch quicklebendig sind, während die tote Birgit zuvor eher wie eine Schattenfigur gewirkt hat.
Kaspar, der ältliche Mann, der seinen Buchladen sicherlich in den nächsten Jahren aufgeben wird, und Sigrun, die 14Jährige, die in den nächsten Jahren erst volljährig werden wird, sind an sich schon komplett gegensätzliche Menschen, die noch dazu besonders auffallen, da das Mädchen völkisch-nationalistische Ideologien vertritt, während der lang Erwachsene eine eher aufgeschlossene und interessierte Persönlichkeit hat; nicht, dass er allzu progressiv wirkt, aber er ist doch sehr reflektiert.
Ich fand es sehr spannend, wie er versucht hat, sich auf Sigrun und ihr Weltbild einzulassen, in dem sie beispielsweise Irma Grese zu einer Ikone stilisiert und Anne Franks Tagebuch als infame Fälschung ansieht, und ihr zugleich eine völlig andere Weltanschauung zu vermitteln, ohne allzu belehrend wirken zu wollen. Der beiläufige Einblick in die völkische Gemeinschaft war für mich sehr erschreckend; zugleich wurde aber auch verständlich dargestellt, wieso sich Sigruns Mutter ihr im Laufe ihres Lebens angeschlossen hat, was den Schreck doch auch noch vergrößerte, denn ihr Anschluss und ihr Verharren war eben nachvollziehbar und machte sehr deutlich, worin der Reiz dieser völkischen Gemeinden auch heute noch leicht liegen kann.
Das Ende des Buchs hat mich zugleich enttäuscht und mir gefallen; einerseits hoffte ich die ganze Zeit, Sigrun möge sich lösen und vor Allem von einer anderen Realität als der ihr eingetrichterten überzeugen lassen können , auch von dem, was sie bei ihren Besuchen in Berlin positiv und eben grundsätzlich anders erlebte. Andererseits dachte ich aber ständig, dass nicht plötzlich alles gut sein könnte und Sigrun den ganzen Nationalsozialismus sicher nicht mit einem Male verworfen haben würde. So wie er gestaltet wurde, ließ der Schluss mich voller Hoffnung traurig, zwar voll sehr viel trauriger Hoffnung, aber eben auch mit diesem klitzekleinen durch den trüben Himmel hervorblitzenden Sonnenstrahl.

Letztlich hat mir „Die Enkelin“ sehr gut gefallen; bis darauf, dass die Erzählung sehr gemächlich anlief, habe ich nichts zu bemängeln und prinzipiell zählt dies definitiv auch zu den Büchern, die mich in den letzten Jahren am Meisten zum Nachdenken angeregt haben.

Veröffentlicht am 04.10.2021

Highlight - und sehr viel Humor!

The Stranger Times
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Ich fluche hier immer noch vor mich hin, denn das wahnwitzigste, das ich in den letzten Tagen, Monaten, Jahren… getan habe, war dieses Buch zu lesen: Es ist der Auftakt einer Trilogie, von der bisher, ...

Ich fluche hier immer noch vor mich hin, denn das wahnwitzigste, das ich in den letzten Tagen, Monaten, Jahren… getan habe, war dieses Buch zu lesen: Es ist der Auftakt einer Trilogie, von der bisher, selbst im englischen Original, nur dieser Band erschienen ist. Gemeinhin lese ich Buchserien erst dann „am Stück“, wenn sie komplett erschienen sind; in diesem Fall hatte mich eine Leseprobe diesen ersten Band aber unbedingt lesen lassen wollen, erinnerte mich der Stil doch ein wenig an Roald Dahl und der Inhalt an einen Tim-Burton-Film – und was soll ich sagen? Nach dem Lesen will ich diese Geschichte immer noch und ganz definitiv von Burton verfilmt sehen.
In diesem Band passiert zunächst eigentlich noch gar nicht so viel, außer dass man die Redaktion der „Stranger Times“ kennenlernt, in der sich die Protagonistin Hannah völlig ahnungslos plötzlich angestellt wiederfindet, und eine vage Ahnung einer, um über den Romananfang hinaus nicht zu viel zu spoilern, Wesensart aus einer Zwischenwelt erhält, die jüngst ihr Unwesen vor Ort zu treiben begonnen hat, dem prompt ein williger Nicht-Redakteur der Zeitung zum Opfer fällt, an dessen angeblichen Suizid seine Nicht-KollegInnen nicht glauben wollen. Das klingt nun ein wenig diffus; tatsächlich sind die sonstigen Geschehnisse, bis im letzten Romandrittel jemand Wissendes Tacheles redet, noch etwas diffus, aber für mich konzentriert sich dieser Band nun tatsächlich sehr auf das Vorstellen der Figuren; als die genaueren Umstände letztlich erläutert werden, passiert das auch plötzlich hoppladihopp, während sich die Geschichte zuvor noch eher gemütlich lesen ließ. Mein einziger Kritikpunkt besteht da auch in diesen sehr schnell erfolgenden Erklärungen, die den Band etwas wirken lassen als sei dem Autor schließlich siedend heiß eingefallen, dass bis zum Cliffhanger nun aber doch noch „wirklich etwas passieren“ müsse. Da war also mit einem Mal sehr viel Action und zack, war der Band zu Ende.

Generell bin ich keine besondere Freundin von Fantasy, aber „The Stranger Times“ hat mir nun ähnlich viel Spaß bereitet wie die „besonderen Kinder“ von Ransom Riggs, auch wenn „The Stranger Times“ sich definitiv an ein erwachseneres Publikum richtet als jene Jugendbuch-Reihe und im Gegensatz dazu seeeeeehr viel britischen, oftmals, schwarzen Humor und im Allgemeinen sehr schlagfertige Figuren beinhaltet, deren Unterhaltungen ich immer sehr genossen habe.
Im Allgemeinen hat es mir, abgesehen von der unvermittelten Hektik zum Schluss hin, wirklich sehr gut gefallen und ich kann das Erscheinen der Folgebände kaum erwarten; erwähnen möchte ich zudem, dass das gebundene Buch mit einem schwarzen Buchschnitt daherkommt, was es noch spezieller wirken lässt, und in diesem Fall sollte man auch ganz unbedingt noch die sehr amüsant gestaltete Danksagung am Schluss lesen und das Buch nicht gleich nach der „Hauptgeschichte“ zuklappen.

Veröffentlicht am 13.09.2021

Wie perfekt kann es für Albert laufen?

Das geheime Leben des Albert Entwistle
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Dieser Roman wird als „Feel-Good-Geschichte“ beworben, wobei ich dieser Klassifizierung nur insofern widersprechen möchte, als dass es sich hierbei schon eher um eine Feel-Too-Good-Geschichte handelt: ...

Dieser Roman wird als „Feel-Good-Geschichte“ beworben, wobei ich dieser Klassifizierung nur insofern widersprechen möchte, als dass es sich hierbei schon eher um eine Feel-Too-Good-Geschichte handelt: Der allein mit seiner Katze sehr zurückgezogen lebende Albert Entwistle wird mit dem Fakt konfrontiert, dass seine Pensionierung unverschiebbar bevorsteht, was ihn völlig aus der Bahn wirft, denn seine Arbeit als Postbote ist das Einzige, was seinem Leben eine gewisse Struktur gibt und ihm überhaupt noch ein gewisses Maß an regelmäßiger sozialer Interaktion abverlangt, auch wenn er stets bemüht ist, menschliche Kontakte zu vermeiden. Als Gracie, seine Katze, stirbt, wird Albert sich seiner Einsamkeit erst so richtig bewusst und beschließt, sich und sein Leben etwas mehr für Andere zu öffnen – und seine große und einzige Liebe George zu suchen, was mit Alberts Outing einhergeht, der seine Homosexualität bislang stets verschwiegen hat.
Zusammen mit der alleinerziehenden Auszubildenden Nicole, sich selbst der Liebe ihres neuen Freundes unsicher, erfindet sich Albert neu bzw. findet sich überhaupt erst selbst und noch dazu eine etwas außergewöhnliche „Ersatzfamilie“.

Der gegenwärtige Teil des Romans wird in der Vergangenheitsform erzählt und wird immer wieder von einer sich fortsetzenden Erzählung „von Damals“ unterbrochen, die von Alberts und Georges Liebesgeschichte und ihrem tragischen, plötzlichen Ende handelt. Jener lang zurückliegende Teil wird im Präsens wiedergegeben, was für mich deutlich symbolisiert hat, wie lebendig seine Gefühle und das fast 50 Jahre zurückliegende Geschehen in Alberts Erinnerung noch sind.

Auch dass Nicole ihn unter ihre Fittiche nahm, und in gewisser Weise er sie, hat Alberts Entwicklung besonders gut getan. Allgemein muss wohl festgehalten werden, dass dieser Roman ohne die diversen Nebenfiguren kaum funktioniert haben würde, weil Albert in jenem Fall wirklich nur auf der Stelle hätte treten können. Zugleich habe ich in den Nebenfiguren aber auch den einzigen und dabei relativ großen Schwachpunkt ausmachen können: Die Figuren geben ein sehr authentisches Bild der Gesellschaft ab und es wäre zwar schön und im Grunde genommen nur natürlich, würden alle Alberts Outing positiv aufnehmen oder bloß mit einem Schulterzucken hinnehmen, aber auch für die heutige Zeit fand ich es unglaubwürdig, dass Albert in der Kleinstadt, in der er lebte, einfach nur bejubelt wurde und er rein gar keinen Anfeindungen ausgesetzt war; stattdessen bekundeten selbst die, die zuvor stets mit homophoben Äußerungen aufgefallen waren, dass „es war ja gar nicht so gemeint“ und sowieso.
Ich fand es schade, weil ich hier durchaus Potenzial sah, auch älteren Ungeouteten, die es erlebt haben, dass ihre Sexualität als Verbrechen behandelt wurde, Mut zu machen, sich noch zu outen, weil auch der gesellschaftliche Umgang da längst anders ist, aber es war mir dann einfach zu „feel good“, dass Albert absolut null negative Reaktionen erfuhr.

Ja, Gracie stirbt (übrigens in einem recht hohen Katzenalter und noch dazu ohne längere Qual), und wie sich herausstellt, stand auch die Beziehung zwischen seinen Eltern und ihm unter keinem guten Stern, aber in diesem Buch ist es so, dass kaum entscheidet Albert sich dazu, sein Leben etwas umzugestalten, er eigentlich nur noch eine fluffige Wattewölkchenwelt, inklusive eines recht schmalzigen Endes, erlebt. Da was heute Roman sein will, aber auch immer einen tragischen Strang benötigt, gibt es in „Das geheime Leben des Albert Entwistle“ dann den unheilbar krebskranken Enkelsohn einer Arbeitskollegin, der nun halt sterben muss, ohne dass es Alberts persönliche Geschichte groß tangiert, was ich inmitten der sonstigen Wattewölkchenwelt schon unangenehm kurios fand.

Insgesamt habe ich diesen Roman von Matt Cain aber sehr gerne gelesen, wenn auch kapitelweise, da er mir am Stück doch zu kitschig gewesen wäre; andererseits: in meinen Augen die perfekte Urlaubslektüre, wenn es eher lässig-locker idyllisch sein soll. Aber ich hätte mir doch eben auch ein bisschen mehr gegenwärtige Konfrontationen für/mit Albert erwünscht.

Veröffentlicht am 21.11.2020

Äußerst ansprechend, aber auch sehr aufregend

Das Eismonster
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Ich bin großer Fan der Kinderbücher von David Walliams, die übrigens auch in der Hörbuchversion immer sehr erquicklich sind und eine tolle Familienunterhaltung, z.B. auf längeren Reisen, darstellen. „Das ...

Ich bin großer Fan der Kinderbücher von David Walliams, die übrigens auch in der Hörbuchversion immer sehr erquicklich sind und eine tolle Familienunterhaltung, z.B. auf längeren Reisen, darstellen. „Das Eismonster“ ist nun ein richtig schönes Herbst-/Winterbuch: es kommen kalte Wetterverhältnisse sowie unwirtliche Lebensumstände vor, alles ist irgendwie etwas trüber, kälter und aggressiver, so dass die Protagonistin, das unbekümmerte Waisenkind Elsie (die ein klitzekleines bisschen von Pippi Langstrumpfs Art hat) wie ein Licht in der Finsternis wirkt und nicht nur die Freundschaft zwischen ihr und dem aufgetauten Mammut, sondern auch die Beziehung zwischen ihr und der Museumsputzfrau Uschi, absolut anrührend wirkt – zauberhaft auch der Kontakt zu den Bewohnern des Soldaten-Altersheims, die sich hier nochmals auf einen sehr anspruchsvollen „Job“ einlassen. Insgesamt spiegelt „Das Eismonster“ einen tollen Zusammenhalt zwischen allen Alters- und Bevölkerungsschichten zusammen, wenn es darum geht, sich Arroganz und Eitelkeiten entgegenzustellen.
Dabei fand ich den antagonistischen Part in diesem Fall allerdings ungewöhnlich böse für Walliams; hier gibt es letztlich eine regelrechte Kriegsschlacht; das Gros der weiteren Walliams-Bücher traue ich auch schon jüngeren Kindern zu, aber hier würde ich mich doch an das empfohlene Lesealter, ab neun Jahren, halten: Die 6jährigen Zwillinge in unserer Familie würde die Spannung rund um diverses Geschieße etc. definitiv doch noch etwas zu sehr belasten; da würde ich aufkommende Alpträume befürchten.

Ansonsten bin ich einmal mehr begeistert von der Aufmachung auch dieses Buchs von David Walliams: Illustrationen lockern das Ganze stets auf, verbildlichen es vor Allem auch dann mehr, wenn Kinder mit ihnen vielleicht noch unbekannten Begrifflichkeiten konfrontiert werden; nächtliche Szenen werden durch weißen Druck auf schwarzem Papier intensiviert; expressiven Ausdrücken wie lauten Schreien oder auch Wörter, die nachdrücklicher betont werden wollen, sind hier ebenfalls wiederum größer gesetzt; was mit zittriger Stimme vorgetragen wird, ist zudem z.B. in einer leicht abgehackten Schriftart gesetzt. Hier verrät also auch die Schrift in Art und Größe, wie genau die Geschichte gelesen werden will. Der etwas größere Zeilenabstand ist zudem in Hinsicht auf „Neuleser“ sehr augen- und hirnfreundlich und verhindert ein häufiges Verrutschen zwischen den Zeilen. So sollten Kinderbücher generell gestaltet sein!
Ein bisschen albern finde ich allerdings auch hier den Extrahinweis „mit gratis Mammut“: Die Bücher von David Walliams haben eigentlich immer ein „gratis Gadget der Geschichte“, was aber jeweils nur ein ausschneidbares Motiv auf der Innenseite des Schutzumschlags ist. Für das gratis Mammut müsste man also hier den Umschlag zerschneiden, und hätte dann auch nicht mehr als ein kleines ausgeschnittenes Mammutbildchen; dieses Extra ist also auch hier wieder absolut vernachlässigbar.

Generell ist aber „Das Eismonster“ wiederum ein sehr spannendes Kinder-Abenteuerbuch, auch wenn der Abenteuerfaktor zuweilen eben doch vergleichsweise hoch geraten ist.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 30.10.2020

Pinker Titel und doch kein Delfin drin!

QualityLand 2.0 (QualityLand 2)
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Marc-Uwe Kling kommt uns gemeinhin nur in Hörbuchform in die Wohnung; „QualityLand 2.0“ zog zunächst aber in gedruckter Form ein (und ja, danach auch noch als Hörbuch). Den Vorgängerband „QualityLand“ ...

Marc-Uwe Kling kommt uns gemeinhin nur in Hörbuchform in die Wohnung; „QualityLand 2.0“ zog zunächst aber in gedruckter Form ein (und ja, danach auch noch als Hörbuch). Den Vorgängerband „QualityLand“ hatte ich allerdings nicht nur gehört, sondern bei Freunden auch durchgeblättert und damals festgestellt, dass mir auf den Buchseiten die deutliche Intonation und die unterschiedlichen Stimmfarben der Charaktere sehr fehlten, abgesehen davon, dass dort die Kommentarspalten/Werbeunterbrechungen im Vergleich zum Hörbuch recht leblos wirkten. Im Falle von „QualityLand 2.0“ verhielt es sich nun zwar so, dass ich das Hörbuch letztlich doch ein Quäntchen vergnüglicher fand, ich den Roman aber auch gedruckt sehr lesbar fand – jedenfalls lesbarer als „QualityLand“, was vermutlich auch dem Fakt geschuldet ist, dass beim Nachfolger die Unterscheidung in helle und dunkle Edition fehlt, die sich im ersten Band ja grade durch die erwähnten Kommentare/Werbespots bemerkbar machte, welche bei „QualityLand 2.0“ nun gar nicht so vorkommen und mir dabei jetzt ehrlich gefehlt haben. Diese klaren Zwischentöne waren doch irgendwie „besonders“ und ohne wirkte „Qualityland 2.0“ auf mich nun durchgängig ein wenig resignierend; der teils krasse Sarkasmus des ersten Teils hat sich wohl auch durch die tatsächliche globale Entwicklung der letzten Monate selbst überlebt: Irgendwie sind es grad schlechte Zeiten für dystopische Zukunftsszenarien. Da wirkte der zweite Band nun erschreckend realistisch, und das obschon er noch weiter in der Zukunft als der erste Teil angesiedelt ist.

Generell habe ich mich aber sehr an „QualityLand 2.0“ erfreut; nur schon der Fakt, dass es dieses Buch geben würde, war für mich eine der besten Nachrichten in diesem Jahr, und ich hoffe sehr, dass es irgendwann (zeitlich nicht allzu weit entfernt) noch, mindestens, einen dritten Band geben wird.

Hier sehe ich es übrigens als Muss an, mit „QualityLand“ vertraut zu sein, ehe man sich mit dessen 2.0-Version beschäftigt, denn sonst wirken das ganze gesellschaftspolitische System und die persönlichen Verbindungen zwischen den Figuren wohl reichlich verquer.

Ich mochte sehr, dass sich die Thematik in diesem Fall auch sehr vom pinken Delfinvibrator unterschied und da nicht dasselbe Pferd (oder derselbe Delfin eben nicht) geritten wurde, auch wenn ich die Geschichte Richtung Ende ein wenig verworren empfand; Kikis Familie auf der einen Seite und Der Puppenspieler auf der anderen Seite überschnitten sich im Fortschritt auf die jeweilige „Aufklärung“ zuweilen doch sehr, zumal ständig irgendwie der Alte auf der Bildfläche erschien, dass ich mich manchmal an dem davon reichlich losgelösten Strang um Martyn erfreute, der mir im ersten Band noch arg auf den Senkel gegangen war. (Zugegeben hatte er sich noch immer in keinen Sympathieträger verwandelt.)
Mit dem Ende hab ich mich hier nun doch klar schwerer getan.

Ich kann diesen Roman nun also nicht ganz so sehr bejubeln wie den ersten Teil; für „QualityLand“-LeserInnen/HörerInnen ist aber „QualityLand 2.0“ in meinen Augen definitiv auch Pflichtprogramm!


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]