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Veröffentlicht am 23.11.2020

Psychothriller, der aufgrund der grausamen Familiengeschichte erschütternd ist

Die Rabentochter
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Rachel ist 26 Jahre alt und lebt seit 15 Jahren freiwillig in einer Psychiatrie. Sie hat die Vision, ihre Mutter getötet zu haben, woraufhin sich ihr Vater selbst erschoss. Als der Bruder eines Mitpatienten, ...

Rachel ist 26 Jahre alt und lebt seit 15 Jahren freiwillig in einer Psychiatrie. Sie hat die Vision, ihre Mutter getötet zu haben, woraufhin sich ihr Vater selbst erschoss. Als der Bruder eines Mitpatienten, ein angehender Journalist, ihre Geschichte veröffentlichen möchte, zeigt ihr dieser den Polizeibericht, woraus hervorgeht, dass Rachel den tödlichen Schuss in ihrem zarten Alter von elf Jahren nicht abgegeben haben kann.
Rachel möchte endlich die Wahrheit erfahren, verlässt die Klinik und begibt sich zurück in ihr Elternhaus, das stattliche Jagdhaus im Wald in Upper Peninsula, wo ihre ältere Schwester Diana zusammen mit ihrer Tante Charlotte lebt, um Erinnerungen an den Todestag ihrer Eltern hervorzurufen, die sie verdrängt hat.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und ist in der Vergangenheit aus der Perspektive von Jenny, Rachels Mutter geschildert. Auf diese Weise erfährt man, was zum Umzug der Familie in das einsame Jagdhaus, dem Familienbesitz des Ehemanns Peter geführt hat, die Geburt von Rachel und Einzelheiten zum schwierigen Zusammenleben mit Diana. In der Gegenwart kehrt Rachel in ihr Zuhause zurück und hat mit trügerischen Erinnerungen und Visionen zu kämpfen.

"Rabentochter" ist ein Psychothriller, der aufgrund der grausamen Familiengeschichte erschütternd ist. Die Schilderungen von Jenny packen dabei von Anbeginn und voller Entsetzen muss man unweigerlich weiterlesen. Die Gegenwart wird dabei erst gegen Ende spannend, als sich Rachel in unmittelbare Gefahr begibt, um das Rätsel um den Tod ihrer Eltern zu lösen.
Aufgrund des Zusammenspiels von Gegenwart und Vergangenheit ist der Roman sehr schnell vorhersehbar. Der Täter ist zu erahnen, nicht aber die Tatumstände. So geht es weniger darum herauszufinden, wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, sondern warum und wie das passieren konnte.
Es ist ein Psychothriller, der zeigt, wie unheimlich grausam ein Mensch sein kann und wie hilflos Angehörige reagieren bzw. so viel Bösartigkeit nicht wahrhaben wollen. Er ist allerdings arg Schwarz-Weiß geschildert und die Entwicklung der Tragödie kam mir zumal etwas konstruiert vor. Rachels Visionen erinnerten an ein Schauermärchen, was den Eindruck einer nicht ganz so realitätsnahen Erzählung noch unterstützte. Nichtdestotrotz war ich gebannt von so viel mangelnder Empathie, Eifersucht und Hilflosigkeit in dieser dysfunktionalen Familie.

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Veröffentlicht am 18.11.2020

Dramatische und emotionale Geschichte über eine Liebe, die nicht sein darf und eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung

All das Ungesagte zwischen uns
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Morgan ist 34 Jahre alt, als ein Autounfall sie aus der Bahn wirft und ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellt. Ihr Leben ist in Scherben und das Gefühlschaos verwirrend. Einerseits ist sie traurig und ...

Morgan ist 34 Jahre alt, als ein Autounfall sie aus der Bahn wirft und ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellt. Ihr Leben ist in Scherben und das Gefühlschaos verwirrend. Einerseits ist sie traurig und voller Verzweiflung über den Schmerz, den sie erleidet, auf der anderen Seite aber auch unfassbar wütend. Das Schlimme ist, dass sie die Wut nicht an denen herauslassen kann, die dafür verantwortlich sind. Ihrer Tochter Clara kann sie die Wahrheit erzählen, weshalb diese ihr voller Unverständnis immer weiter entgleitet und als frisch verliebter Teenager gegen die Regeln ihrer Mutter rebelliert.
An Morgans Seite ist jedoch noch Jonah, ihr Freund aus der Jugend, der vor Kurzem erst wieder von Minnesota nach Texas zurückgekehrt ist. Für ihn empfand sie schon immer mehr als nur freundschaftliche Gefühle, die sie sich vor 17 Jahren schon nicht eingestehen wollte und jetzt noch viel weniger kann.

"All das Ungesagte zwischen uns" ist eine dramatische und emotionale Geschichte über eine Liebe, die nicht sein darf, über Wahrheiten, die nicht ausgesprochen werden und über falsche Entscheidungen, deren Auswirkungen sich erst nach vielen Jahren zeigen.
Der Roman ist abwechselnd aus der Sicht von Morgan und ihrer Tochter Clara geschrieben. Während Morgan vor den Trümmern ihres Lebens steht, leidet Clara zwar auch an den Folgen des Unfalls, findet jedoch Trost in ihrer Liebe zu Miller, deren Entwicklung sehr romantisch, aber auch glaubwürdig geschildert ist. Die Abschnitte von Clara wirken eher wie ein Jugendbuch, hat sie als 16- bzw. 17-Jährige doch mit den typischen Teenagerproblemen zu tun und möchte sich von ihrer Mutter abgrenzen.
Morgans Abschnitte sind bewegend und man kann sich sehr gut in ihre schwierige Situation hineinversetzen und spürt wie zwiegespalten sie aufgrund ihres moralischen Konflikts ist. Gleichzeitig vermittelt die Geschichte aber auch das Gefühl, dass Morgan nicht ganz unschuldig an dem Schlamassel ist und hier ist der Titel "All das Ungesagte zwischen uns" sehr treffend gewählt. Hätte Morgan auf ihr Herz gehört und schon früher über ihre Gefühle gesprochen, wäre die Situation in der Gegenwart eine ganz andere. Aber auch jetzt hält sie wieder die Wahrheit zurück und spricht nicht offen mit ihrer Tochter, was die Situation weiter verschärft, auch wenn man ihre Beweggründe nachvollziehen kann.
Auch wenn sich die Probleme immer wieder im Kreis drehen und der Plot ein wenig vorhersehbar ist, langweilt der Roman nicht. Die Schreibweise ist unterhaltsam, zudem treten immer wieder neue schockierende Wahrheiten ans Licht und die Dialoge, insbesondere unter den Jugendlichen, sind erfrischend witzig.
Der Perspektivenwechsel sorgt für Abwechslung und der empathische Schreibstil dafür, dass man sich in beide Frauen hineinversetzen kann und ihre Handlungen nachvollziehbar sind. Sowohl die Dramen als auch die Liebesgeschichten gehen ans Herz - man leidet mit Morgan und Clara mit, hofft aber gleichzeitig auf ein Happy End für beide, bei dem sich auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter wieder einrenkt.

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Veröffentlicht am 16.11.2020

Etwas viele glückliche Zufälle, aber dennoch eine spannende und atmosphärisch gelungene Fortsetzung um den jüdischen Antiquar undercover

Unter Wölfen - Der verborgene Feind
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Isaak Rubinstein wollte als SS-Sturmbannführer und Kriminalkommissar Adolf Weissmann für den Widerstand nur noch einen Auftrag erfüllen, bevor er sich von Nürnberg nach Berlin absetzen wollte. Am Rande ...

Isaak Rubinstein wollte als SS-Sturmbannführer und Kriminalkommissar Adolf Weissmann für den Widerstand nur noch einen Auftrag erfüllen, bevor er sich von Nürnberg nach Berlin absetzen wollte. Am Rande eines Abendessens bei Otto von Rahn, einem einflussreichen Industriellen, mit dessen Tochter Ursula er sich taktisch bedingt auf eine Liaison eingelassen hatte, erfährt er jedoch von einer geheimen Operation "Georg", einer geheimen Mission der Deutschen gegen die Alliierten, und verlängert seinen Aufenthalt freiwillig.
Ausgerechnet am Tag des Führergeburtstags wird die Tochter des Gauamtsleiters, Gisela Hofmann, ermordet. Weissmann erhält daraufhin unmittelbar von Heinrich Himmler aus dem Reichssicherheitshauptamt den Befehl, den Mord aufzuklären. Als "bester Ermittler des Reiches" wird er Inspektor Paul Köhler vor die Nase gesetzt. Zudem muss Isaak auf der Hut vor Felix Bachmayer, einem Journalisten des "Nürnberger Beobachter", der Interesse für Ursula von Rahn hegt, sein, der ihn zu enttarnen droht.

"Unter Wölfen - Der verborgene Feind" ist die Fortsetzung der Reihe um den jüdischen Antiquar Isaak Rubinstein, der sich in seiner Heimatstadt Nürnberg für den getöteten Sonderermittler aus Berlin, Adolf Weissmann, ausgibt - als Schaf unter Wölfen. Obwohl Isaak kaum etwas über den in Polizeikreisen berüchtigten SS-Sturmbannführer weiß, spielt er seine Rolle gut. Die Angst vor Enttarnung ist jedoch allgegenwärtig, insbesondere als er noch einmal als leitender Ermittler in einem Mord agieren muss.
Durch die Gefahren, denen sich Isaak tagtäglich im April 1942 aussetzt, unterliegt dem Buch eine gewisse Grundspannung, die sich bis zum Ende durchzieht. Allerdings wird es je länger sich Isaak noch in Nürnberg aufhält, unrealistischer, dass ein solcher Coup unter hochrangigen Nazis hätte gelingen können. Nicht nur die blasierte Ursula, auch der Journalist Bachmayer und Inspektor Köhler sind misstrauisch was die Identität von Weissmann anbelangt, aber dennoch gelingt es Isaak sich durchzulavieren.
Bei der Aufklärung der Mordfälle sind es eher die Zufälle und Glück, die Köhler und Isaak auf die Spur des Serienmörders führen. Der zweite Erzählstrang um Marianne macht es dem Leser frühzeitig leicht zu ergründen, was der Hintergrund der Morde ist.

Der Roman überzeugt wie schon Band 1 durch die bildhafte Beschreibung Nürnbergs zur Zeit des Nationalsozialismus und die gerissene Idee des Widerstands. Als Leser ist man mitten im Geschehen und kann sich auch sehr gut in Isaak als eingeschleusten Mitarbeiter der Gestapo und flüchtigen Juden hineinversetzen.
Durch den häufigen Perspektivenwechsel ist der Leser allwissend und erfährt mehr als nur das Erlebte von Isaak. Dies mindert ein wenig die Spannung. Zudem waren es mir in diesem Band zu viele glückliche Zufälle, die Isaak das Leben retteten. Auch hatte ich den Eindruck, dass die Nationalsozialisten zu sehr vorgeführt wurden. Der Showdown am Ende rückt die Glaubwürdigkeit der Geschichte jedoch wieder gerade und lässt auf einen weiteren Band um Isaak Rubinstein hoffen.

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Veröffentlicht am 16.11.2020

Spannender Psychothriller über ein Wiedersehen unter Freunden, das von einem Todesfall überschattet wird. Ist ein Mörder unter ihnen?

Das Bootshaus
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Lucas Jarrett lädt anlässlich seiner Hochzeit mit Nina seine drei Freunde aus der Jugend Andrew, Nick mit Schwester Isabel und Matt samt Partnerinnen auf sein Anwesen nach Cornwall ein. Auch Lucas' jüngere ...

Lucas Jarrett lädt anlässlich seiner Hochzeit mit Nina seine drei Freunde aus der Jugend Andrew, Nick mit Schwester Isabel und Matt samt Partnerinnen auf sein Anwesen nach Cornwall ein. Auch Lucas' jüngere Schwester Alex ist zugegen, die sich aufgrund eines Traumas aus ihrer Kindheit jedoch von den Freunden fernhält.
Am Morgen der Hochzeit wird sie tot im seichten Meer aufgefunden. Aufgrund einer Abschiedsbotschaft deutet alles auf einen Selbstmord hin. Doch Lucas glaubt nicht daran. Ein Jahr später lädt er die Freunde in derselben Konstellation wieder zu sich ein. Auch wenn der Anlass der erste Hochzeitstag sein soll, hat er ein Spiel vorbereitet, mit dem er den Mörder seiner Schwester enttarnen möchte. Den Freunden ist das Spiel nicht geheuer, aber niemand ist es gewohnt, Lucas einen Wunsch abzuschlagen. Parallel dazu ermittelt die Polizei im Fall einer vermissten jungen Rumänin, die im letzten Jahr auf Stellensuche und vermutlich vor der Hochzeit vorstellig war.

"Das Bootshaus" ist Band 2 der Reihe um Detective Sergeant Stephanie King. Im Vergleich zu anderen Ermittlerreihen spielt die Aufklärung der Tat und die Perspektive der Polizei zu Beginn nur eine untergeordnete Rolle. In diesem Roman ist es zunächst die Situation auf dem Anwesen in Cornwall am Tag der Hochzeit und den Tagen davor sowie das Wiedersehen ein Jahr später, auf denen der Fokus der Handlung liegt, bevor die Polizei involviert wird.
Die Handlung wird überwiegend aus der Perspektive von Jemma, der Ehefrau von Matt, geschildert, die seine Freunde zum ersten Mal kennenlernt und nichts zu den Hintergründen von Alex' Trauma weiß, das von allen totgeschwiegen wird. Auch fällt es ihr schwer, die Freundschaft der Männer und Nicks Schwester Isabel einzuschätzen, da die Grundstimmung untereinander von Beginn an angespannt ist. Der Tod von Alex führt zu einem abrupten Abbruch des Besuchs in Cornwall bis zu der Einladung ein Jahr später, wobei Lucas sich in die Idee verrannt zu haben scheint, dass seine Schwester von einem der anwesenden Gäste getötet wurde. Mit der Eröffnung des Spiels ist die Stimmung gedrückt und das Misstrauen untereinander geschürt. Offenbar scheint jeder ein Geheimnis zu haben oder Details zur Nacht vor dem Auffinden von Alex' Leiche verschweigen zu wollen.

Auch wenn der Roman ganz harmlos mit den Feierlichkeiten zu der Hochzeit beginnt, sind die Personen und die Beziehungen untereinander so wenig durchschaubar, dass ein ungutes Gefühl entsteht. Spannung entwickelt sich im ersten Abschnitt des Romans vor allem dadurch, dass man nicht weiß, was Alex in ihrer Kindheit Schlimmes erlebt hat und was ihr zurückgezogenes Verhalten erklären könnte. Geflüster und Andeutungen zeigen, dass die Geister der Vergangenheit die alten Freundschaften überschatten.
Im zweiten Teil wird die Spannung durch das perfide Spiel von Lucas weiter gesteigert. Ein Selbstmord von Alex erscheint aufgrund einer Depression wahrscheinlich, es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass mit einem Mord endgültig der Vorfall aus ihrer Kindheit vertuscht werden sollte. So ist nicht sicher, ob Lucas aus Trauer einen krankhaften Wahn entwickelt hat oder ob er zurecht den Tod an seiner unglücklichen Schwester rächen möchte. Als die Situation außer Kontrolle zu geraten scheint, kommen die beiden Ermittler Stephanie King und ihr (Ex-)mann Angus Brodie ins Spiel.

"Das Bootshaus" ist ein spannender Psychothriller über ein Wiedersehen unter Freunden, das von Geheimnissen und Misstrauen geprägt ist und einem Todesfall überschattet wird, der auf wahnhafte und beängstigende Weise aufgeklärt werden soll. Das Buch ist ein wahrer Pageturner, wenn man von den Abschnitten um Detective Sergeant Stephanie King absieht, die blass bleibt und eigentlich völlig austauschbar ist. Die Ermittlungen wirken wenig professionell, weshalb der fesselnde Nervenkitzel am Ende etwas abflaut.

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Veröffentlicht am 11.11.2020

Fesselnde Geschichte über ein dunkles Kapitel Nachkriegsdeutschlands mit einer starken Charakterzeichnung

Die Schweigende
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Als Jens Remy, seit 54 Jahren glücklich verheiratet mit Karin Remy, Vater dreier Töchter und Großvater von vier Enkeln überraschend stirbt, bittet er seine mittlere Tochter Imke darum, nach Peter zu suchen. ...

Als Jens Remy, seit 54 Jahren glücklich verheiratet mit Karin Remy, Vater dreier Töchter und Großvater von vier Enkeln überraschend stirbt, bittet er seine mittlere Tochter Imke darum, nach Peter zu suchen. Imke, die nicht weiß, wer mit dem Vornamen gemeint ist, fragt ihre Mutter Karin um Rat. Doch diese ist voller Trauer um ihren geliebten Mann und behauptet zunächst keinen Peter zu kennen, bevor sie Imke später zurechtweist, sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen.
Während ein Streit um das Erbe ausbricht, da sich die jüngste Schwester Anne mit ihrem Anteil des Erbes den Traum der Selbstständigkeit erfüllen möchte, forscht Imke weiter und findet nicht nur heraus, wer Peter war, sondern auch warum ihre Mutter die Vergangenheit ruhen lassen möchte.

"Die Schweigende" ist eine Familiengeschichte, die in der Gegenwart im Jahr 2019 handelt und in der Vergangenheit die Jahre ab 1956 erzählt, als Karin 14 Jahre alt ist und ihre Jugend genießt. Doch in den 1950er-Jahren sind dem Drang nach Freiheit noch enge Grenzen gesetzt und vor allem alleinerziehende Mütter werden argwöhnisch betrachtet. Eine Provokation ist dann zu viel, die schwerwiegende Folgen hat - nicht nur für Karin sondern auch ihren Bruder Pelle.
Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive von Karin und einer ihrer drei Töchter erzählt. Die Schilderungen sind dabei so eindringlich, dass man einen tiefen Einblick in das Wesen der Schwestern und ihrer Mutter erhält. Alle vier sind geprägt von der Vergangenheit und ihrer Erziehung, der es an Mutterliebe gemangelt hat. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die drei Schwestern sich entwickelt haben und welche Art von Bindung sie zu ihrer Mutter haben. Während Geli und Anne fast schon gleichgültig wirken und auf ihr eigenes Wohlbefinden bedacht sind, ist Imke die einzige, die sich um ihre Mutter kümmert, die Interesse für ihre Vergangenheit zeigt und verstehen möchte, warum ihre Mutter so ist wie sie ist.
Die Autorin schildert ein dunkles Kapitel Nachkriegsdeutschlands - das Leben von Kindern in so genannten Erziehungsheimen - über das ich schon Romane gelesen habe, das aber auch in diesem Fall wieder ungeschönt grausam erzählt und aufgrund des realen Hintergrunds unsagbar erschütternd ist. Man leidet mit Karin und denjenigen, die das selbe Schicksal erlitten haben unweigerlich mit, wobei man sich immer wieder fragt, wie gerade gottesfürchtige Menschen Kindern so menschenverachtende Dinge antun konnte, warum so viele Menschen weggeschaut haben und wie lange Staat und Gesellschaft nicht hinter die Mauern blicken wollten.
So wird in dieser fiktiven Geschichte klar, warum es Karin so schwerfiel, eine in ihren Augen gute Ehefrau und liebende, zärtliche Mutter zu sein. Auch wird deutlich, inwiefern solche traumatischen Erlebnisse nicht nur die Biografie einer Person prägen, sondern dass die Nachwirkungen auch Generationen später noch zu spüren sind.

"Die Schweigende" ist eine fesselnde Geschichte, die mich vor allem durch die starke Charakterzeichnung überzeugen konnte, auch wenn ich so manche Aktion von Anne oder Geli etwas überzogen fand.

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