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Veröffentlicht am 28.11.2020

Gibt den frauen, die Bomben, Gewalt und Vertreibung erlebt haben, eine Stimme

Die verratene Generation
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Christian Hardinghaus, Historiker und Autor von Krimis und Sachbüchern, hat nach seinem letzten Buch „Die verdammte Generation“, in dem die letzten männlichen Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges zu Wort ...

Christian Hardinghaus, Historiker und Autor von Krimis und Sachbüchern, hat nach seinem letzten Buch „Die verdammte Generation“, in dem die letzten männlichen Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges zu Wort gekommen sind, nun 13 Frauen dieser Generation die vermutlich letzte Möglichkeit gegeben, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Noch 75 Jahre nach Kriegsende ist es nicht leicht, über die traumatischen Ereignisse zu sprechen. Umso mehr muss man den Frauen, alle zwischen 90 und 100 Jahre alt, danken und Respekt zollen, dass sie zu Christian Hardinghaus Vertrauen gefasst und über Flucht und Vertreibung, Bombenangriffe, schwanger sein im Dritten Reich sowie über die allgegenwärtige Angst vor Vergewaltigung und Tod, gesprochen haben.

Bevor sich der Leser mit den 13 Frauen widmen kann, gibt es einführende Kapitel. Wie es sich für einen Historiker gehört, sind diese sehr sachlich, kompetent und nicht wertend verfasst. Diese Einführung ist notwendig, um den Lesern von heute die Zu- und Umstände von damals näher zu bringen. Oft wird nämlich, mit dem Wissen von heute, der Generation unserer Großeltern und Eltern der Vorwurf gemacht, nicht bzw. Nicht genügend gegen die NS-Diktatur eingetreten zu sein. Für uns, die wir seit 1945 in Frieden leben, ist es, schwer nachzuvollziehen, wie es damals wirklich war.

In vier großen Kapiteln, von denen die ersten beiden eben die Zeitgeschichte erklären, nehmen wir Anteil an den Biografien der 13 Frauen.

Die Angst der Deutschen vor der Erinnerung
Frauen im Zweiten Weltkrieg: verführt, verbraucht, verraten und vertrieben
Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten
Bombenkrieg gegen Deutschland

Auch Kapitel 3 und 4 beginnen jeweils mit einer Einleitung, die den historischen Kontext beleuchtet.

Dann kommen die betagten Damen zu Wort, die schier Unglaubliches erlebt haben. Sei dass sie, nach 1945 aus dem ehemaligen Protektorat Böhmen und Mähren innerhalb weniger Stunden brutal vertrieben worden sind, obwohl ihre Familien seit mehreren Generationen dort ansässig waren oder sei es, dass vor der einmarschierenden Sowjetarmee flüchteten.

Nicht minder dramatisch sind die Schilderungen jener, die in Städten wie Hamburg oder Dresden die Flächenbombardements der RAF und USAAF miterleben mussten.

"Ich musste meinem Vater versprechen, dass ich immer nur in Hochbunkern Schutz suche. Die hielt mein Vater für sicher." (Lore S.244)

Eindrucksvoll erzählen die 13 Frauen, wie zeigen wie eng Tod und überleben nebeneinanderliegen - oft genügen wenige Meter oder ein paar Minuten.

Zwischen den Berichten erklärt der Autor historische Zusammenhänge und technische Details wie z.B. das physikalische Phänomen des Entstehens eines Feuersturms wie bei der „Operation Gomorrha“ (Bombardierung von Hamburg).

Obwohl die Frauen dieser Zeit Unglaubliches geleistet und erlebt haben, sind dieses Schicksale von den Historikern bislang kaum untersucht worden. Nur gelegentlich nimmt sich die Frauenforschung dieses Themas an, wie z.B. Margarete Dörr in ihrem Buch „Durchkommen und Überleben“ oder Sabine Bode mit ihren Büchern zur generationenübergreifenden Traumaforschung, aber sonst?

Diese Lücke in der Geschichtsforschung, wie Frauen im Zweiten Weltkrieg vom Regime verführt, verbraucht, verraten und von den Siegern vertrieben worden sind, versucht Christian Hardinghaus mit diesem Buch zu füllen. Leider bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, denn die bewegten Leben der Zeitzeuginnen neigen sich ihrem Ende zu. Einige haben die Fertigstellung des Buches leider nicht mehr erlebt, andere hingegen können ihre Erinnerungen an die Zeit des NS-Staates noch lesen, obwohl sie dieses gar nicht bedürfen, denn diese Jahre haben sich unauslöschlich in die Psyche eingebrannt. Manche von den Überlebenden zittern heute noch, wenn eine (Feuerwehr)Sirene ertönt.

Hut ab und ein herzliches Danke an die 13 Frauen für ihre sehr persönlichen Erzählungen.

Fazit:

Mit diesem Buch hat Christian Hardinghaus allen jenen Frauen eine Stimme verliehen, die nicht in der Lage waren oder sind, über die alltägliche Gewalt an Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Das Buch verdient volle 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 26.11.2020

52 Impiulse für eine bessere Beziehung

Liebe, wie gehts?
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Das Therapeuten-Ehepaar versucht uns mit dieser „Gebrauchsanleitung“ den Blick für unseren Partner/Partnerin, Eltern und/oder Kinder zu schärfen. Mit den 52 Anregungen - gerade für jede Woche des Jahres ...

Das Therapeuten-Ehepaar versucht uns mit dieser „Gebrauchsanleitung“ den Blick für unseren Partner/Partnerin, Eltern und/oder Kinder zu schärfen. Mit den 52 Anregungen - gerade für jede Woche des Jahres eine - sollte es doch gelingen, nach zwölf Monaten, die wiederkehrende Ärgernisse des Alltags ein wenig lockerer zu nehmen.

Mit diesen Aktivitäten lässt sich wieder Schwung eingefahrene Beziehungen bringen. Wir erhalten Tipps und Tricks, wie wir uns weiterentwickeln können und Stehsätze wie diese, „Ich bin halt so!“ Oder „Das musst du aushalten“, hintanhalten können.

Sabine und Roland Bösel verfügen über einen langjährigen Erfahrungsschatz, den sie in sieben Kapiteln mit ihren Lesern gerne teilen.

Warum wir alle irgendwie komisch sind
Wie konnte ich mir nur in die verlieben!
Wenn Sich-Ändern nur nicht so schwer wäre!
Wir müssen reden
Wenn’s im Bett nicht so gut läuft
Streit.Konflikt und kleine Ärgernisse
Den krisenfesten Paaren gehört die Zukunft!

Fazit:

Das Buch liest sich flüssig. In dem einen oder anderen Beispiel kann man sich selbst oder den Partner erkennen, was durchaus zum Schmunzeln verleitet. Gerne gebe ich diesem Impulsgeber für gelingende Beziehungen 5 Sterne.

Veröffentlicht am 26.11.2020

Hamburg 1845 - Aufbruch

Im Schatten des Krans
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Hamburg 1845 - die Erinnerung an den schrecklichen Großen Brand von 1842 ist noch in guter Erinnerung. Große Teile der Altstadt, mehrere Speicher sowie der alte Kran am Hafen sind zerstört worden. Nun ...

Hamburg 1845 - die Erinnerung an den schrecklichen Großen Brand von 1842 ist noch in guter Erinnerung. Große Teile der Altstadt, mehrere Speicher sowie der alte Kran am Hafen sind zerstört worden. Nun soll ein neuer Kran errichtet werden. Während Kaufleute und Reeder, wegen der zu erwartenden Vertiefung des Hafens für eine moderne, eiserne Konstruktion sind, beharrt Werftbesitzer Elbrand für eine Wiedererrichtung der Hebemaschine aus Holz. Wenige Tage später wird Elbrand, der beste Kontakt zur Stadtregierung hat, ermordet aufgefunden.

Recht schnell werden alle Engländer in Hamburg, darunter auch Roger Stove, ein Mitarbeiter des Handelshaus Schröder & Westphalen, verdächtigt. Als Roger verhaftet wird, muss Moritz Forck, Lehrling im Kontor des Handelshauses, Teile von dessen Arbeit übernehmen. Dafür darf das staubige Kontor für Botengänge verlassen. Nebenbei lässt ihm die Verhaftung von Roger keine Ruhe. Welches Motiv hätte Stove?

Moritz, von seinen Eltern zu einem rechtschaffenen jungen Mann erzogen, beginnt auf eigene Faust zu recherchieren. Dabei geraten er selbst und seine Familie in höchste Gefahr. Obwohl er das Gefühl hat, verfolgt zu werden, gibt er nicht auf. Immerhin möchte er Cäcilie Schröder, der Tochter des Handelshauses beweisen, dass er ein ganzer Kerl ist.

Meine Meinung:

In diesem historischen Roman kann ich meine Leidenschaften als Hamburg-Fan und für historische Kriminalroman sehr gut ausleben.

Autor Jürgen Rath schildert das alter Hamburg in schillernden Farben. Dazwischen mischt sich auch eine Portion Sozialstudie. So haben wir es auf der einen Seite mit den reichen Reedern und Handelshäusern zu tun, und auf der anderen mit den vielen Schauermännern und Tagelöhnern, die von der Hand in den Mund leben müssen zu tun.

Die Familie Forck ist auf dem besten Weg zu Aufsteigern zu werden. Vater Johann, selbst Schauermann, will gemeinsam mit seiner Frau, dass Moritz, der ein intelligenter Bursche ist, etwas lernt, und nicht wie sein Bruder Jan ebenfalls als Schauermann sein Geld verdienen muss. Obwohl Vater Forck von seinen Kumpeln scheel angesehen wird, besteht er darauf, dass Moritz die Stelle eines kaufmännischen Lehrlings im Kontor von Schröder & Westphalen antritt. Es fällt ihm manchmal nicht leicht, den Federkiel über das Papier tanzen zu lassen. Ich habe den leisen Verdacht, dass er eigentlich ein Linkshänder ist und sich daher mit dem rechtshändigen Schreiben schwertut. Moritz ist flink im Kopfrechnen und lernt leicht. So darf er auch die englische Sprache bei Kapitän Westphalen, den alle, wegen seiner ruppigen Art nur heimlich Klabautermann nennen, lernen. Westphalen hat sein eigenes Schicksalspäckchen zu tragen, sind doch vor Jahren seine Frau und sein Sohn bei einem Schiffsunglück gestorben.

Obwohl die Schauerleute eine eingeschworene Gesellschaft bilden und so gar nicht erbaut sind, dass Moritz seinen Vater bittet, für ihn Erkundigungen einzuziehen, geben sie - manchmal widerwillig - den einen oder anderen Hinweis.

Neben der Beschreibung vom Leben der Forcks und der reichen Schröders, erfahren wir, wie die ärmliche Bevölkerung in Hamburg lebt. Da ist zum einen Vater Jacobsen, der mit seiner kleinen Tochter Alvine in einem trostlosen Kellerloch haust oder das Nachbarsmädel Jette, das ihrer Mutter bei der Hausarbeit und der Erziehung der acht Kinder helfen muss.

Mit Moritz dürfen wir in die verrufenen Gänge-Viertel eindringen, immer mit ein wenig Angst und Schauder im Nacken, treibt sich doch dort allerlei lichtscheues Gesindel herum.

Gute gefällt mir die Sozialkritik bzw. die Darstellung der der Gesellschaft: Denn während die intelligente Cäcilie Schröder, die manchmal auch berechnend und skrupellos agiert, dazu erzogen wird einen reichen Mann zu heiraten und nicht ohne Anstandsdame aus dem Haus darf, wird wohlwollend darüber hinweg gesehen, dass der Sohn des Hauses Alexander, sich mit dem Hausmädchen Lisa in der Besenkammer vergnügt. Für ihn gilt, dass sich „junge Männer die Hörner abstoßen müssen“, während Lisa die Kündigung angedroht wird. Die Bigotterie ist aus heutiger Sicht manchmal schlecht auszuhalten.

Als eifrige Hamburgbesucherin habe ich mich schon mehrmals mit der Geschichte der Hansestadt auseinandergesetzt und habe mich gefreut, wieder historischen Boden zu betreten.

Fazit:

Der Mix aus historischem Roman und Krimi ist gut gelungen. Manchmal gerät der Krimi ins Hintertreffen, doch das soll nicht weiters stören. Gerne gebe ich diesem spannenden hist. Roman 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.11.2020

Hat mir gut gefallen

Die Königin des Ritz
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Dieser hist. Roman erzählt die Geschichte des Ehepaars Claude und Blanche Auzello sowie des bekannten Hotels Ritz in Paris, dessen Geschäftsführer Claude ist.

Als Blanche und ihre Freundin Pearl 1923 ...

Dieser hist. Roman erzählt die Geschichte des Ehepaars Claude und Blanche Auzello sowie des bekannten Hotels Ritz in Paris, dessen Geschäftsführer Claude ist.

Als Blanche und ihre Freundin Pearl 1923 von Amerika nach Paris kommen, weiß Blanche noch nicht, dass die Stadt an der Seine ihr Schicksal werden wird.

„Denn im Ritz konnte einem nichts Schlimmes passieren. Es war dazu gemacht, einem jeden launischen Wunsch zu erfüllen, wie lächerlich er auch sei. Würdest du vielleicht gerne an einem frischen Biedermeiersträußchen schnuppern, während du in einer riesigen Badewanne mit goldenen Wasserhähnen in der Form von Schwänen sitzt? Das Ritz kümmert sich darum. Möchtest du deinen Hund ausführen lassen, während du deinen Tee zwischen den Palmen im Innenhof einnimmst und seine Mahlzeit, vom selben Koch wie deine zubereitet, auf einem Satinkissen zu deinen Füßen auf ihn wartet? Das Ritz sorgt dafür. Hat dich dein Ehemann gestern betrogen und du möchtest dich heute gerne an ihm rächen, kennst jedoch keine geeigneten jungen Männer? Das Ritz besorgt sie dir. Und beschützt dich vor den Konsequenzen.“

Doch dann, ab 1940 haben die Deutschen Frankreich und vor allem Paris besetzt und im Ritz ihr Hauptquartier. Alles, was bei den Nazis Rang und Namen hat, geht im Ritz aus und ein. Die übliche prominente Kundschaft wie Filmstars oder Adelige bleiben nun aus. Einzig jene, die von den Besatzern Vorteile erwarten, wie Mademoiselle Coco Chanel, sind noch anzutreffen. Mit der liefert sich Blanche hitzige Wortgefechte, während sie ihrem Ehemann die eine oder andere kostbare Vase nachwirft.

Claude, so scheint es, ist mehr mit dem Ritz verheiratet als mit Blanche und hat nebenbei noch eine Mätresse, wie seine auswärts verbrachten Nächte suggerieren. Als sie durch ihre Freundin Lily Kontakt zur Résistance erhält, übernimmt sie zahlreiche waghalsige Aufträge. Immer argwöhnisch von ihrem Mann beäugt, der ihr die Alkoholexzesse und Launen langsam übel nimmt, denn Blanche hat ein streng gehütetes Geheimnis.

Meine Meinung:

Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven und mit einigen Zeitsprüngen erzählt. Hauptaugenmerk liegt in den Jahren der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht. Blanche, die Amerikanerin, versteht die laissez-faire Mentalität ihres Mannes nicht, der den Deutschen, die im Ritz ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben, so willfährig begegnet, ja sogar anbiedert. Blanche glaubt, dass Claude eine Mätresse hat, da er häufig die Nächte auswärts verbringt. Sie hält in für unpatriotisch. Das Paar entfernt sich zusehends voneinander. Keiner weiß von den Tätigkeiten des anderen.

Die Autorin lässt zahlreiche historische Figuren wie Ernest Hemingway oder die schon erwähnte Coco Chanel auftreten. Sie zeigt den Lesern auch interessante Ecken von Paris, die außerhalb des geschützten Bereichs des Hotels liegen, wenn sie Blanche auf ihre Missio für die Résistance schickt.

Die Charaktere haben so ihre Ecken und Kanten. Im Laufe der Jahre entwickeln sie sich weiter. Aus der jungen Amerikanerin, die, unbedingt Schauspielerin werden will, wird eine echte Französin, die während der Besatzungszeit, die Rolle ihres Lebens verkörpert.

Im Nachwort ist zu lesen, wie Fakten und Fiktion zu diesem spannenden Roman verbunden sind.

Fazit:

Ein gut gelungener historischer Roman, der im besetzten Paris spielt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.11.2020

Hat mich gut unterhalten

Taubenblut
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Gleich einmal vorab: Das Buch ist bereits 2015 unter dem Titel „Thailandeiland“ erschienen.

In einem Baggersee werden die Leichen zweier junger Frauen, die an einen Grabstein gefesselt sind, gefunden. ...

Gleich einmal vorab: Das Buch ist bereits 2015 unter dem Titel „Thailandeiland“ erschienen.

In einem Baggersee werden die Leichen zweier junger Frauen, die an einen Grabstein gefesselt sind, gefunden. Mit den Worten

»Hey, Fritz, jetzt keine Geschichten. Es sind zwei Morde passiert. Zwei tote Mädchen. Wahrscheinlich aus Thailand. Mit Rubinen oder so was im Ohr.« holt KHK Martha Kieninger vom LKA München ihren als „Silikon-Fritz“ bekannten „Hilfssheriff“ und Berater, den Mineraloge und Geophysiker Fritz Sperber, aus seinem beruflichen Desaster. Sperber hat vor einiger Zeit zur Lösung eines komplexen Kriminalfalls („Bayerisch Kongo“) beigetragen. Aufgrund seiner Kenntnis zu Rubinen und anderem Gestein ist er wieder eine willkommene Hilfe, auch, wenn er nach wie vor mit der Hierarchie und dem Bürokratismus des Polizeiapparates so seine liebe Not hat. Doch wer, wenn nicht er, kann diesen Fall lösen?

Die Überraschung ist groß, als sich herausstellt, dass es sich bei den beiden Leichen um Katoeys handelt, wie Transgender in Thailand genannt werden.
Die Rubine im Ohr bzw. in der Faust des Toten sind von herausragender Qualität namens „Taubenblut“ und stammen aus der Mine von Mogok, wie Sperber schnell herausfindet. Die Spur führt zu einem Wiener Edelsteinhändler.

Doch welche Rollen spielen der thailändische Guru und der bayerische Staatssekretär samt seiner Schwester, einer Nonne? Welche Geschichte verbindet diese höchst unterschiedlichen Menschen?

Meine Meinung:

Mit diesem fesselnden Krimi nimmt Lutz Kreutzer die Doppelmoral in Bayern aus Korn. Raffiniert hält er der etablierten Gesellschaft ihre Scheinheiligkeit vor Augen. Der Autor geht aber noch einen Schritt weiter und greift zum Stilmittel der größtmöglichen Konfrontation. Als Gegenpol zu den hübschen, grazilen Katoeys bringt er die „Burrneshas“, die albanischen »eingeschworene Jungfrauen«, ins Spiel. Als solche werden albanische Mädchen bezeichnet, die in ihrer Familie und in der Gesellschaft die Rolle eines Mannes übernimmt und dabei völlig auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder verzichtet. Die Frau legt vor den Ältesten der Gemeinde oder des Stammes einen Schwur ab und wird fortan als Mann behandelt. Sie trägt Männerkleidung und Waffen und kann die Position des Familienoberhaupts übernehmen.

Als Antagonist zu den grazilen, hübschen Katoeys taucht ein Killer der albanischen Mafia auf, der als Männer in Frauenkleider hasst. Erst am Ende des Krimis wird dies bravourös aufgelöst. Der Leser schwankt bei diesem zutiefst verstörten und verletzten Mann zwischen Abscheu und Mitleid. Das ist sehr selten.

Ob Nonnen oder Ladyboys, Politiker, Priester oder Scheinheilige aller Art - alle Figuren sind wunderbar gezeichnet. Der Leser kann sich den zwitschernden Katoey ebenso gut vorstellen, wie die geifernde Nonne.

Die Handlung ist spannend und führt Fritz Sperber auch nach Wien, wo er am Wiener Westbahnof ankommt, sein Kollege vom LKA Wien aber am Hauptbahnhof, der einstmals als Südbahnhof bekannt war, wartet. Herrlich diese Wortspielereien zu den Bahnhöfen, die auch in Wirklichkeit bei Bahnreisenden für Verwirrung sorgt.

Dieser Krimi schreit förmlich nach einer Verfilmung. Allein die Schilderung, wie die beiden späteren Mordopfer mit einem Taxi durch Bayern fahren und nach einem geeigneten Ort für das Etablissement ihres Gurus Nuh Poo Tubkim suchen, ist herrlich. Ohne jede Sprachkenntnis lassen sie Dr. Google die Ortstafeln wie Rosenheim übersetzen bis das Smartphone bei Tuntenhausen das Wort „Katoye“ auswirft. Die beiden, beinahe esoterischen Schönheiten zwischen den Lederhosen tragenden Männern sind schon eine rechte Augenweide.

Schmunzeln musste ich auch über die Kamele - aber das lest bitte selbst.

Fazit:

Ein fesselnder Krimi, der auch einiges an Wissen vermittelt und mich gut unterhalten hat. Dafür gibt es wieder 5 Sterne.