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Veröffentlicht am 17.12.2017

Schwieriges Erbe

Das Vermächtnis der Spione
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Schon im ersten Satz wird John le Carrés Roman seinem Titel gerecht, denn der Ich-Erzähler erklärt, seine Geschichte nach bestem Wissen und Gewissen verfasst zu haben. Das erinnert vom Ton her an eine ...

Schon im ersten Satz wird John le Carrés Roman seinem Titel gerecht, denn der Ich-Erzähler erklärt, seine Geschichte nach bestem Wissen und Gewissen verfasst zu haben. Das erinnert vom Ton her an eine Testamentseröffnung, inhaltlich an eine Zeugenaussage vor Gericht. Eigentlich nimmt die Eröffnung der Geschichte den Ausgang der Handlung schon vorweg, doch wird dadurch, dass der Ich-Erzähler für seine Geschichte weit ausholt, deutlich, dass es vorrangig um die Ereignisse geht, die zu diesem Ausgang führen.
Der Eindruck der Zeugenaussage verstärkt sich im Laufe, denn der Erzähler rechtfertigt sich sich zwischendurch immer wieder oder erklärt bestimmte Beweggründe. Dabei wird nicht direkt ersichtlich, wem diese Rechtfertigungen gelten. Dem Leser? Einem Richter? Einem unbekannten Zuhörer? Vielmehr scheint der Erzähler sich vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Wozu es auch passt, dass er nicht nur die direkten Ereignisse wiedergibt, sondern eine detaillierte Vorgeschichte dazu erzählt.

Ich-Erzähler Peter Guilliam, der ehemalige Assistent von le Carrés Held George Smiley führt den Leser dabei zurück in das Jahr 1961. Das Jahr, in dem die Berliner Mauer gebaut wurde und in dem der britische Agent Alec Leamas zusammen mit seiner Freundin dort ums Leben kam. Zunächst deutet alles daraufhin, dass Leamas zu Unrecht gestorben ist, doch wie so oft in Romanen, in denen es um den Geheimdienst geht, ist die Erkenntnislage nicht so einfach.
Und noch bevor der eigentliche Held George Smiley überhaupt auftaucht, ist der Leser gefangen von der Faszination und der Gefahr, die von der Geheimdienstarbeit ausgeht. Ein weiteres zentrales Element ist die Aufarbeitung der Vergangenheit. Hierbei steht die Frage im Raum, ob damals begangene bzw. ausgeführte Handlungen heutzutage neu bewertet werden müssen, wenn man neue Erkenntnisse dazu gewinnt. Die Diskussion dieser Frage begleitet den Leser ebenfalls durch den Roman und trägt auch dazu bei, dass man gebannt Seite für Seite weiterliest.

John le Carré versteht es meisterhaft, seine Geschichten vermeintlich harmlos zu beginnen. So auch “Das Vermächtnis der Spione”. Ähnlich wie die Protagonisten, die ebenfalls noch nicht wissen, was sie im Laufe der Handlung erwartet, tastet sich auch der Leser Stück für Stück voran und findet sich unversehens mitten im Geschehen wieder. Zu spät, um sich dem Sog der Handlung zu entziehen.

Veröffentlicht am 17.12.2017

Eine Reihe außergewöhnlicher Ereignisse

His Dark Materials 0: Über den wilden Fluss
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Malcolm Polstead lebt in Oxford und ist elf Jahre alt, als im Gasthaus seiner Eltern drei Männer einkehren, die sich irgendwie ungewöhnlich verhalten. Kurz darauf nehmen die Nonnen im benachbarten Kloster ...

Malcolm Polstead lebt in Oxford und ist elf Jahre alt, als im Gasthaus seiner Eltern drei Männer einkehren, die sich irgendwie ungewöhnlich verhalten. Kurz darauf nehmen die Nonnen im benachbarten Kloster ein sechs Monate altes Mädchen auf und Malcolm erfährt das erste Mal vom Staub. Gemeinsam mit seinem Dæmon Asta spürt Malcolm den Ereignissen nach, denn er ist fest davon überzeugt, dass zwischen den Ereignissen ein Zusammenhang besteht. Und er soll recht behalten, denn das kleine Mädchen im Kloster ist Lyra Belacqua.

„Über den wilden Fluss“ von Philip Pullman spielt etwa zehn Jahre vor den Ereignissen von „His Dark Materials“. Obwohl die Geschichte von Malcolm handelt, sind die Bezüge aber schon auf den ersten Seiten eindeutig. Kenner von „His Dark Materials“ erkennen Anspielungen und Namen auf Anhieb. Diejenigen, die mit der Trilogie nicht oder noch nicht vertraut sind, finden sich aber ebenfalls ohne Probleme zurecht. Bestimmte Dinge werden im Laufe der Handlung erklärt, ohne der Geschichte einen belehrenden Ton zu verleihen. Philip Pullman erzählt detailliert, langweilt den Leser aber nicht mit überflüssigen Einzelheiten und schafft so einen Textfluss, bei dem man gerne mal übersieht, wie viele Seiten man gerade tatsächlich gelesen hat.

Im englischen Original trägt das Buch den Titel „La Belle Sauvage“ und tatsächlich spielt das gleichnamige Boot Malcolms eine nicht ganz unwichtige Rolle. Der deutsche Titel „Über den wilden Fluss“ ist insofern gut gewählt, da sich viele entscheidende Ereignisse auf oder an der, durch Oxford fließenden, Themse abspielen.
Der Roman bildet den Auftakt zu der neuen Trilogie „The Book of Dust“. Nachdem „His Dark Materials“ weltweit viele Leser begeistert hat, bleibt abzuwarten, ob die nun folgende Trilogie an den Erfolg anknüpfen kann. Die Voraussetzungen dafür stehen ganz gut.

Veröffentlicht am 06.01.2021

Ein Keim von Wahrheit

Der Orden des geheimen Baumes - Die Königin
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Der namenlose Eine wird sich erheben, so viel steht fest. Königin Sabran ist jedoch eine Gefangene in ihrem eigenen Palast und ihrer Zofe Ead wird von der Priorei befohlen, in Sachen Drachen nichts weiter ...

Der namenlose Eine wird sich erheben, so viel steht fest. Königin Sabran ist jedoch eine Gefangene in ihrem eigenen Palast und ihrer Zofe Ead wird von der Priorei befohlen, in Sachen Drachen nichts weiter zu unternehmen. Die Königin steht völlig schutzlos dar. Sie und Ead beschließen zu fliehen und das Schwert Ascalon zu suchen – die einzige Waffe, die etwas gegen den namenlosen Drachen ausrichten kann. Und auch Tané, die junge Magierin aus dem Osten ist wild entschlossen dem Drachen die Stirn zu bieten.

Eigentlich ist „Der Orden des geheimen Baumes – Die Königin“ kein zweiter Band, sondern vielmehr eine Fortsetzung. Schließlich sind die beiden Bände im englischen Original als ein Buch erschienen. Dementsprechend nimmt auch die Komplexität des ersten Teils nicht ab, sondern eher noch zu. Vor allem die verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen werden detailliert und ausführlich beschrieben. Beim Lesen muss man da an der einen oder anderen Stelle schon genau hinschauen, damit man nicht durcheinanderkommt. Zumal die Kulturen und Glaubensrichtungen immer wieder großen Einfluss auf die Politik und die politischen Strukturen haben, was wiederum die Handlung maßgeblich bestimmt.

Wie auch im ersten Teil behält Samantha Shannon die wechselnden Perspektiven auch in der Fortführung bei. Dadurch geht die Handlung in die Tiefe und lässt die LeserInnen in die Strukturen der erzählten Welt eintauchen. Zwischenzeitlich bekommt die Geschichte so aber auch einige Längen, in denen eher Hintergründe als Handlung abgehandelt werden. Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin die Aufmerksamkeit der LeserInnen immer wieder auf das Geschehen zu lenken.
Ihr Erzählstil erweckt außerdem den Eindruck, dass die Geschichte noch längst nicht auserzählt ist und man die Charaktere lediglich ein Stück weit begleitet hat, wodurch das Ende relativ offen gehalten wird.

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Veröffentlicht am 06.01.2021

Zwischen der englischen Meisterschaft und den Beatles

Klopp
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Ein richtiger Fan geht mit seinem Verein durch alle Höhen und Tiefen – Anthony Quinn hat mit dem FC Liverpool schon so einiges erlebt. Als Jürgen Klopp 2015 dort Trainer wurde, befand sich der Verein gerade ...

Ein richtiger Fan geht mit seinem Verein durch alle Höhen und Tiefen – Anthony Quinn hat mit dem FC Liverpool schon so einiges erlebt. Als Jürgen Klopp 2015 dort Trainer wurde, befand sich der Verein gerade in einer wenig glorreichen Phase. Vielleicht ist auch deswegen die Begeisterung in England für den deutschen Trainer so groß: Schließlich brachte er den Verein wieder zurück in die Erfolgsspur.

„Klopp“ ist ein bisschen Biografie, ein bisschen Geschichte, eine Annäherung an den Trainer des FC Liverpool und vor allem ganz viel Herzblut. Seine Leidenschaft für den Verein merkt man Anthony Quinn in jedem Satz an. Bei aller Nähe und eigener Begeisterung schafft er dennoch ein wenig Distanz und schafft es auf diese Weise auch den Blick von außen in seinen Text miteinfließen zu lassen. Dabei versucht Quinn gar nicht erst eine Biographie von Jürgen Klopp zu schreiben. Die gibt es bereits. Stattdessen nähert sich der Autor über den Kontext dem Erfolgstrainer an. Ganz ohne ein paar biographische Daten geht es zwar nicht, aber genau das macht den Blick des Fans aus. Der Autor will das Wesen des Trainers verstehen und nachvollziehen, warum Klopp welche Entscheidungen für seine Mannschaft trifft.

Auch wenn es vorrangig um Jürgen Klopp geht und um das, was er mit dem Verein erreicht hat, spielen Anthony Quinn eigene Biographie, die Geschichte der Stadt und die Geschichte des Vereins ebenfalls eine Rolle. Es geht nicht nur um den Trainer, es geht um die Strahlkraft des Vereins, die Faszination Fußball und die Liverpooler Identität. Und das verpackt der Autor liebevoll und mit viel Humor in einer ganz eigenen Geschichte. Damit schafft er genau das, was er verspricht: Eine Liebeserklärung an einen Trainer und seinen Verein.

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Veröffentlicht am 06.11.2020

Die Welt im Kopf

Wonderlands
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Das Wunderland ist automatisch mit einer grinsenden Katze und einem Hutmacher verbunden. Dabei gibt es viele Wunderländer in Geschichten. Jede fantastische Geschichte ist auch immer ein Wunderland. Aber ...

Das Wunderland ist automatisch mit einer grinsenden Katze und einem Hutmacher verbunden. Dabei gibt es viele Wunderländer in Geschichten. Jede fantastische Geschichte ist auch immer ein Wunderland. Aber was steckt hinter den geschaffenen Welten? Wodurch wurden die Autor*innen zu ihnen inspiriert? Und welche Merkmale einer fantastischen Welt lassen sich in einer anderen wiederfinden? Sogar zwischen Beowulf und dem kleinen Prinzen lassen sich Parallelen finden.

100 literarische Welten hat Laura Miller in „Wondeerlands“ versammelt und erzählt damit auch drei Jahrhunderte Litarturgeschichte. Denn auch das Gilgamesch Epos, dass etwa 1750 v. Chr. Geschrieben wurde, entführt in eine fremde Welt. Dabei gibt die Autorin immer einen kurzen Überblcik über die Handlung, ordnet die Geschichte, Sage oder Legende in ihren Kontext ein und begründet das Phantastische daran. Auf ein oder zwei Doppelseiten – je nach Komplexität der vorgestellten Geschichte – lässt Laura Miller bekannte und (noch) unbekannte Welten vor dem inneren Auge der Leser entstehen. Auf diese Weise versammelt sie nicht nur verschiedene phantastische Welten, sondern macht gleichzeitig deutlich, wie stark man diese Welten verinnerlicht hat und wie sehr Lesen Reisen im Kopf ist.

Sortiert sind die Welten nach den fünf verschiedenen Kategorien „Alte Mythen & Legenden“, „Wissenschaft & Romantik“, Das goldene Zeitalter der Fantasy“, „Neue Weltordnung“ und „ Das Computerzeitalter“, die nicht nur eine thematische, sondern auch zeitliche Einordnung bieten. Ergänzt werden die, im Kopf erweckten Bilder durch zahlreiche Illustrationen, die man ebenfalls bereits aus den Geschichten kennt. Wie etwa die berühmte Abbildung der verrückten Teegesellschaft mit Märzhase, Schlafmaus und Hutmacher. So ist „Wonderlands“ nicht nur eine Sammlung phantastischer Welten, sondern auch gleichzeitig eine Art Reiseführer durch diese Wunderländer.

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