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Veröffentlicht am 23.01.2021

Zusammen ist man weniger allein

Noch alle Zeit
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Der Zufall führt die beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten des Romans 2019 auf einer Fähre von Dänemark nach Oslo zusammen. Der gut 60-jährige Edvard hat nach dem Tod seiner Mutter Hinweise gefunden, ...

Der Zufall führt die beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten des Romans 2019 auf einer Fähre von Dänemark nach Oslo zusammen. Der gut 60-jährige Edvard hat nach dem Tod seiner Mutter Hinweise gefunden, dass sein 1967 an seinem zehnten Geburtstag plötzlich verschwundene Vater Oskar Mellmann nicht tot war, wie seine Mutter Helene ihn glauben machte. Die Spur führt nach Norwegen, wo Oskar, wie er gern erzählte, im Zweiten Weltkrieg als Pilot stationiert war. Erschüttert und voller Wut über das Schweigen der Mutter macht sich Edvard, der nichts als sein Dorf hinter dem Elbdeich kennt, auf die Suche nach der Wahrheit.

Die 30-jährige Berlinerin Alva dagegen ist auf der Flucht vor sich selbst und den Erwartungen an sie. Immer „anders“ als alle anderen, wie durch eine „Scheibe“ vom Leben getrennt und nie von ihrer Mutter angenommen und kann sie ihre eigene Mutterrolle nicht ausfüllen. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, auch wenn der vordergründige Anlass der Reise Recherchen für eine Fernsehreportage über magische Orte sind:

"Mit den magischen Orten käme Ordnung in ihr Leben – Ordnung und Geld […]. Das war es doch, was ihre Mutter immer von ihr wollte: dass sie wie alle anderen sei." (S. 46)

Edvard wie Alva sehnen sich nach Halt, Angenommensein, Liebe und einem erfüllten Leben.

Vom Dunkeln ins Helle
Zunächst hatte ich Sorge, dass Edvard, dem die Mutter seit dem Verschwinden des Vaters kein eigenes Leben und kaum Luft zum Atmen ließ, der nie die Kraft zur Befreiung aus ihrer Umklammerung aufbrachte, und der seine große Liebe Elsie aus Pflichtbewusstsein seiner Mutter gegenüber verlor, bei Alva in erprobte Muster fallen und zum „Kümmerer“ würde. Doch im Gegenteil finden beide einen Weg, ihre Projekte zu verbinden und sich gegenseitig zu stützen:

"Er öffnete die Augen, sie strich ihm übers Haar und begriff, dass man den anderen auch trösten kann, wenn einem selbst genau so kalt war." (S. 214)

Bei Edvard kehren immer mehr verschüttet geglaubte Erinnerungen zurück und vor allem Alva wächst über sich hinaus:

"Es durfte keine Rolle spielen, was sie brauchte, wenn sie gebraucht wurde." (S. 249)


Es bedarf nicht immer der ganzen Wahrheit
Die Reise durch die fantastische Landschaft Norwegens von Oslo über den Wasserfall Sputrefossen nach Tromsø, mit der Fähre nach Honningsvåg, nach Kirkeporten, dem Felsen des Nordkaps und Opferstätte der Sami, und auf die vor Bergen liegende Insel Herdla, im Zweiten Weltkrieg Stützpunkt der deutschen Luftwaffe, wird für beide zum Wendepunkt, von dem aus sie verändert heimkehren:

"Das Leben verändert sich nicht an einem Tag. Doch eines Tages weiß man, dass es sich verändert hat." (S. 216)

Unbedingt lesenswert
Acht Jahre lang hat der 1960 geborene Autor Alexander Häusser an seinem vierten, von eigenen biografischen Ereignissen beeinflussten Roman "Noch alle Zeit" gearbeitet und dafür spürbar gründlich recherchiert. Historischer Hintergrund und Einzelschicksal sind hervorragend verbunden, die Handlung spannend und feinfühlig erzählt, die stimmigen Bilder, Metaphern und Motive lohnen ein gründliches Lesen und Wiederlesen. Haupt- und Nebenfiguren sind glaubhaft und mehrdimensional, so dass ich mehrfach vorschnelle Urteile revidieren musste, jedes Schicksal berührt, jedoch völlig ohne Kitsch. Besonders gut gefallen hat mir das Ende mit der perfekten Balance zwischen Auserzählen und Offenlassen.

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Veröffentlicht am 29.08.2020

Den Naturgewalten ausgeliefert

Die Unschuldigen
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Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach ...

Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach Neufundland gebracht hätte – einem Ziel, das sich seither bei mir festgesetzt hat. Ein neufundländischer Roman des von dort stammenden Autors Michael Crummey weckte deshalb sofort mein Interesse, gemäß dem Motto meines Blogs: „Mit Büchern um die Welt“.

Alleingelassen
"Die Unschuldigen" beginnt Ende des 18. Jahrhunderts mit einer dreifachen Familientragödie. Nach dem Tod der jüngsten Tochter und der Eltern bleiben der elfjährige Evered und die neunjährige Ada völlig allein in einer einsamen Bucht zurück. Sie sind noch Kinder und verrichten doch seit Jahren Erwachsenenarbeit. Genau diese Kenntnisse werden nun überlebensnotwenig.

Sieben Jahre lang begleiten wir die Geschwister bei ihrem Kampf in einer teils verschwenderisch reichen und doch unbarmherzigen Natur. Der Zyklus der Jahreszeiten bestimmt ihr Leben, beginnend mit dem Packeis und den Robben im März, mit dem Laichen des Kapelans, den Kabeljauschwärmen im Sommer, dem Holzschlag und der Arbeit im mageren Gemüsegarten bis zum Beerensammeln im Herbst. Einzig die dunklen Wintermonate gewähren eine Ruhepause.

Sehnsüchtig erwartet und gefürchtet ist die Ankunft des Versorgungsschiffes „Hope“, das zweimal jährlich lebensnotwendige Güter bringt und zu ruinösen Bedingungen den Fang der Saison aufkauft. Oft wird die Nahrung lebensbedrohlich knapp:

"Die ganze Zeit über knurrte ihnen der Magen. Den Portwein hatten sie längst ausgetrunken und gossen sich nun Rum in den abendlichen Tee, um den schlimmsten Hunger zu betäuben und die vielfältigen Leiden zu lindern, die die Arbeit ihnen zugefügte. Ihr Zahnfleisch war durch den Nahrungsmangel im Frühjahr grau und schwammig geworden, sie hatten ständig einen leichten Blutgeschmack im Mund, und ihre Zähne waren so locker, dass man sie mit der Zunge hin und her bewegen konnte, als hingen sie an Scharnieren." (S. 159)

Für Abwechslung sorgt das Meer
Einmal ist es ein Sturm, der ihnen wertvolles Strandgut beschert, dann ein im Eis feststeckendes Schiff mit grausamer Fracht. Unerwartete Besucher kommen per Schiff, helfen in höchster Not, bringen Wissen, Geschichten und willkommene Abwechslung, stellen aber gleichzeitig das gemeinsame Leben in Frage:

"Ein Leben lang waren sie einander das gewesen, an dem der andere sich als Erstes und Letztes orientierte; die einzige Sache, die sie brauchten, um sich vollständig zu fühlen, egal, was ihnen sonst genommen wurde oder im Dunkeln verloren ging. Nun aber begann jeder auf seine Weise daran zu zweifeln, dass ihre Verbindung für das, was sie vom Leben wollten, notwendig war." (S. 289)

Während die Geschwister mit Zielstrebigkeit, Fleiß und Lehren aus Fehlern ihr Überleben immer besser sichern, stellt ihre mit der Pubertät erwachende Sexualität sie vor unbeherrschbare Rätsel. Sensibel, glaubhaft und aus beider Sicht beleuchtet der Roman dieses Thema in allen Facetten, beschreibt Sehnsüchte, Vergnügen, Zweifel, Unwissen, Schuldgefühle, Scham und die Hilflosigkeit bei der Benennung unverständlicher Dinge.

Ein Buch, das man nicht einfach zuklappt
Ein alter Zeitungsartikel über einen Geistlichen, der in einer einsamen Bucht einen Bruder und seine schwangere Schwester entdeckte, ließ Michael Crummey jahrelang nicht los, bis er diesen inzwischen preisgekrönten Roman zu Papier brachte. Für mich hat sich das packend geschriebene Buch doppelt gelohnt: Einerseits wurde mein Wunsch einer Neufundlandreise bestärkt, andererseits beschäftigt mich das Schicksal der Geschwister auch über die Lektüre hinaus.

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Veröffentlicht am 06.08.2020

Verlierer der Geschichte

Ich bleibe hier
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Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. ...

Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. Ein zufälliges Vorbeikommen im Sommer 2014 war für den italienischen Autor Marco Balzano Anlass, die Geschichte des Bergdorfs Graun, der Region Südtirol und des Staudamms am Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz zu studieren und alte Bewohner, Ingenieure und Historiker zu befragen. Beeindruckendes Ergebnis dieser Recherchen ist der Roman "Ich bleibe hier", 2018 zweitplaziert beim angesehensten italienischen Literaturpreis Premio Strega, mit einer fiktiven Familiengeschichte vor historischem Hintergrund.

Eine Ich-Erzählerin
Die Grauner Lehrerin und Bäuerin Trina Hauser erzählt ihre Lebensgeschichte, allerdings nicht uns Leserinnen und Lesern, sondern ihrer Tochter Marica, von deren Verschwinden man bereits auf den ersten Seiten des Romans erfährt. Für Trina und ihren Mann Erich bleibt die abwesende Tochter zeitlebens eine Wunde, die zwar irgendwann nicht mehr blutet, aber immer schmerzt. Wie der Kirchturm im See haben sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verloren.

Dabei schien ihr Lebensweg, trotz der schwierigen Lage durch die italienische Annexion Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg, zunächst vielversprechend. Trina, die immer an die Macht der Wörter glaubte, war nach der Reifeprüfung 1923 Lehrerin geworden, doch Mussolinis Politik, die die Südtiroler mit immer brutaleren Methoden zwangsitalienisieren sollte, setzte ihren Ambitionen ein jähes Ende. Nun wurden Lehrkräfte aus Süditalien geholt, die deutsche Sprache verboten, geografische Bezeichnungen und sogar Grabsteininschriften von den Faschisten italienisiert. Trina gehörte zu den Mutigen, die trotz größter Gefahren Deutschunterricht an geheimen Orten erteilte.

Faschisten und Nationalsozialisten
Der anfänglich große Zusammenhalt gegen die italienischen Zuwanderer endete im Oktober 1939 mit Hitlers Angebot einer Auswanderung ins nationalsozialistische Deutsche Reich. Die „Optanten“ verloren ihre Heimat, die „Dableiber“, unter ihnen Trina und Erich, ihre Sprache:

"Weil ich hier geboren bin, Trina. Mein Vater und meine Mutter sind hier geboren, du bist hier geboren, unsere Kinder sind hier geboren. Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ (S. 62)


1939 war das Jahr, als die Tochter verlorenging. Wenig später griff die Regierung in Rom das alte Staudammprojekt wieder auf, das die Existenz Grauns und seiner Umgebung bedrohte, und das erst mit dem deutschen Einmarsch unterbrochen wurde. Wieder galt es, zu wählen: kämpfen in der Wehrmacht oder sich als Deserteur in den Bergen verstecken?

Die Erleichterung über das Kriegsende wich mit der zügigen Wiederaufnahme der Bauarbeiten schnell der Ernüchterung, Widerstand blieb erfolglos. Im Sommer 1950 wurden die Häuser gesprengt und Graun überflutet. Wieder die Wahl zwischen Gehen und Bleiben und wieder die Entscheidung für die Heimat:

"Wärst du zurückgekehrt, hätte uns nicht einmal mehr der Gedanke an das Wasser, das uns überflutet, erschreckt. Mit dir hätten wir die Kraft gefunden, woandershin zu gehen. Neu anzufangen." (S. 266)

Was nicht in italienischen Geschichtsbüchern steht
Dass die Dörfler schließlich kaum Entschädigung erhielten, die versprochenen Neubauten sich jahrelang hinzogen und der Stausee sehr wenig Energie lieferte, weil Atomstrom aus Frankreich billiger war, sind beschämende historische Tatsachen. Marco Balzano hat mit seinem Roman dieses Geschehen dem Vergessen entrissen. Seine Protagonistin Trina lässt er auf so einfache, schmucklose, melancholische und ehrliche Weise erzählen, dass garantiert niemand unberührt bleibt.

Veröffentlicht am 19.07.2020

Ein Schubs in die richtige Richtung

Offene See
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Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner ...

Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner Erinnerung wird er wieder jung und kann eine Begegnung heraufbeschwören, die seinem Schicksal eine neue Richtung gab.

Auf der Suche nach dem wahren Ich
Ausgerechnet ihm, dem introvertierten, die Natur über alles liebenden 16-Jährigen war die Laufbahn seiner Vorfahren in der heimischen Kohlemine im Norden Englands vorgezeichnet. Wenigstens einmal wollte er jedoch zuvor den Süden und das Meer dort sehen, wo es nicht grau vor Staub war:

"Ich wollte sehr viel mehr von dem erleben, was anderswo geschah, jenseits der Grenzen meines ländlichen Bergarbeiterdorfs, das irgendwo zwischen der Stadt und dem Meer in einer sanft gewellten Landschaft lag. Ich wollte überrascht werden. Nur wenn ich allein in der Natur war, hatte ich je eine Ahnung von meinem wahren Ich bekommen…“ (S. 17)

Eine Begegnung mit Folgen
Auf seiner Wanderung im Nachkriegsfrühling 1946 zwischen dem Abschluss der Schule und dem unvermeidlichen Zecheneintritt verdingte sich Robert als Tagelöhner, bis er in einer Bucht in Yorkshire auf ein Cottage stieß, das wie ein Traumbild anmutend inmitten einer verwilderten Wiese lag. Dulcie Piper, die unkonventionelle Besitzerin, war anders als alle Frauen, die er kannte. Groß, derb, sarkastisch, sehr direkt und weit gereist, machte sie aus ihrem Atheismus keinen Hehl, deklarierte die Lust zum Geburtsrecht, trank gern und verabscheute Spießer, Schnösel, Großmäuler und Vorurteile.

Aus der spontanen Einladung zum Tee wurden ungeplant Tage und Wochen, in denen Dulcie nicht nur die Schätze ihrer erstaunlich reichhaltigen Speisekammer, sondern auch ihre Liebe zur Literatur und ihre freien Ansichten mit ihm teilte. Robert machte sich derweilen pflichtschuldig im Garten und bei der Entrümpelung und Instandsetzung einer alten Hütte nützlich. Zufällig stieß er dabei auf Dulcies gut gehütetes Geheimnis, den Grund für ihre Melancholie und ihre Abneigung gegen das Meer…

Eine Perle mit minimalen Schönheitsfehlern
Ich habe dieses Buch mit dem auffallend schönen Cover und der wertigen Herstellung mit großer Freude gelesen. Der 1976 geborene Brite Benjamin Myers, der auch Lyrik und Sachbücher verfasst, hat mich mit dem ungleichen Duo seines Zwei-Personen-Romans, den fantastischen Naturschilderungen und seinem verschwenderischen Vorrat an fast immer passenden bildlichen Vergleichen bezaubert. So konnte ich leicht über kleinere Kritikpunkt hinwegsehen, wie die Tatsache, dass ich eigentlich einen Überdruss bei zufällig auftauchenden Tagebüchern, Manuskripten, Briefen und ähnlichem empfinde. Auch die Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten hat mich kaum beschäftigt, liest sich doch die Geschichte in Teilen märchenhaft, den Kitsch haarscharf vermeidend. Nicht immer passen Roberts Gedanken zu seinem Alter, denn die Überlegung, ob junge Mädchen einst ihren Müttern gleichen und Männer wie ihre Väter heiraten werden, entspringt wohl eher dem Denken des gealterten Erzählers. Der hintergründige Humor beim wiederholten Scheitern von Roberts ambitionierten Aufbruchsversuchen hat mich in der ersten Romanhälfte erheitert, in der zweiten hätte ich dagegen Straffungen bei Dulcies trauriger Geschichte vorgezogen. Letztlich aber ist nichts davon Grund genug, diese gelungene Mischung aus Entwicklungsroman und Nature Writing nicht wärmstens zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 28.06.2020

Ein brillanter Erzähler

Kostbare Tage
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Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary, nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders ...

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary, nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders intensiv wahr, sieht er sie doch mutmaßlich zum letzten Mal:

"Sie ließen Denver hinter sich, dann die Berge, fuhren zurück auf die Hochebene: Salbeisträucher, Palmlilien, Moskito- und Büffelgras auf den Weiden, Weizen und Mais auf den bestellten Feldern. Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zielen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen offenen Land." (S. 7)

Wenig später sind sie zurück in Holt, jener fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der alle sechs Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) angesiedelt sind:

"Die Main Street mit nur einer einzigen Ampel, die an der Ecke Second Street von rot auf grün sprang und wieder zurück, das drei Blocks umfassende Geschäftsviertel, die alten Backsteingebäude mit den hohen Blendfassaden, die Post mit ihrer ausgebleichten Flagge, die Häuser zu beiden Straßenseiten der Main Street, die Straßen im Westen, nach Bäumen benannt und die im Osten, nach amerikanischen Städten benannt, den Highway 34, der die Main Street kreuzte und in beiden Richtungen aufs flache Land führte, die Weizen und Maisfelder, die örtlichen Weideflächen, …, und die blauen Sandhügel in der dunstigen Ferne." (S. 77)

Kleinstadtleben
Eine eingeschworene Gemeinschaft ist dieses Holt, jeder weiß über jeden Bescheid, Veränderungen sind unerwünscht. Ein Mann wie Reverend Rob Lyle, den man wegen seiner Parteiname für einen schwulen Pastor hierher strafversetzt hat, muss sich für seine Auslegung der Bergpredigt als „Terroristenfreund“ beschimpfen und verprügeln lassen. Nur wenige wollen, wie die alte Witwe Willa Johnson, seine Visionen hören.

Starke Frauen
Überhaupt die Frauen: Sie sind hier für Gefühle, Menschlichkeit, Liberalität und Hilfsbereitschaft zuständig. Mary und ihre aus Denver herbeigeeilte Tochter Lorraine pflegen Dad hingebungsvoll während dieser letzten Wochen. Ihre Nachbarin Berta May, die ihre verwaiste achtjährige Enkelin Alice aufzieht, packt ganz selbstverständlich mit an, genauso wie Willa und ihre Tochter Alene, die darüber eine endgültige Rückkehr nach Holt in ihrem Ruhestand nachsinnt. Frauen mit schweren Schicksalsschlägen und doch voller Herzenswärme und gelegentlichen Ausbrüchen von Lebensfreude.

Zeit für eine Bilanz
Dad Lewis dagegen kann nur schwer Gefühle zeigen. War sein Leben glücklich? 

"Oh ja, ich war glücklich. Abgesehen von einer Sache." (S. 147)

Die „eine Sache“ ist der Weggang seines Sohnes Frank, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren konnte. Nun begegnet er Dad nur noch in seinen Tagträumen.

Immer wieder gern in Holt
Gefreut habe ich mich über kurze Hinweise auf Figuren aus anderen Romanen Harufs, die Brüder McPheron, Victoria oder Rose Tayler aus "Lied der Weite" und "Abendrot". Zeitlich ist "Kostbare Tage" später angesiedelt, jedoch vor dem unvergleichlichen Finale "Unsere Seelen bei Nacht".
Auch in meinem vierten Roman von Kent Haruf haben die alltäglichen Probleme der US-Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Wie immer wechseln sich Szenen der Trauer und Melancholie ab mit solchen der Hoffnung und Freude. Nach wenigen Zeilen war ich wieder mittendrin und genauso gefesselt wie jedes Mal, obwohl ich immer noch nicht ganz genau weiß, warum.    

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