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Veröffentlicht am 30.01.2021

Zwei Brüder, zwei Könige

Ihr Königreich
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Jo Nesbøs Buch „Ihr Königreich“ hat mich sehr zwiegespalten zurückgelassen. Es ist streckenweise sehr spannend, die Landschaft sehr überzeugend beschrieben – wie auch die Menschen, die ebenso karg wie ...

Jo Nesbøs Buch „Ihr Königreich“ hat mich sehr zwiegespalten zurückgelassen. Es ist streckenweise sehr spannend, die Landschaft sehr überzeugend beschrieben – wie auch die Menschen, die ebenso karg wie die Landschaft zu sein scheinen.

Dennoch: Die Geschichte um die beiden Brüder Roy und Carl Opgard hat mich nicht gefesselt. Die Beziehung der beiden Brüder hätte dies hergegeben. Carl kehrt aus Kanada zurück, verheiratet und erfolgreich. Mitten in den norwegischen Bergen will er nun ein Hotel erbauen. Sein Bruder weiß nicht, was er von der Rückkehr halten soll. Denn darüber, was er im fernen Kanada gemacht hat, gibt es wilde Spekulationen.

Doch das Verhältnis der beiden Brüder bleibt im Unklaren. Nur, wenn es auf die Probe gestellt wird, kommt Spannung in die Handlung hinein. So sind es auch die überraschenden Wendungen, von denen der Roman lebt.

Mir sind beim Lesen die meisten Figuren des Romans fremd geblieben – allen voran Roy, aus dessen Sicht die Handlung erzählt wird. Aber auch die Nebenfiguren, die immer wieder auftauchen wie etwa die Tankstellenmitarbeiter, haben für mich beim Lesen kaum Gestalt angenommen.

Worauf der Roman mit seiner Vielzahl an Morden hinaus will, ist mir nicht klargeworden. Er ist weder grotesk angelegt noch will er die Psyche eines Mörders erklären. Für bloße Unterhaltung wiederum werden die Morde deutlich zu brutal erzählt.

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Veröffentlicht am 28.11.2020

Ohne Hörspiel: nicht überzeugend

Asterix - Der Goldene Hinkelstein
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Nein, das gleich vorneweg: Ein neuer Asterix-Comic, das ist „Der goldene Hinkelstein“ nicht. Vielmehr ist es das Skript eines Hörspiels, das bereits 1967 in Frankreich veröffentlicht wurde. Und nein: es ...

Nein, das gleich vorneweg: Ein neuer Asterix-Comic, das ist „Der goldene Hinkelstein“ nicht. Vielmehr ist es das Skript eines Hörspiels, das bereits 1967 in Frankreich veröffentlicht wurde. Und nein: es ist kein Comic. Die alten Hörbuchillustrationen von Albert Uderzo sind auch in diesem Band nur Illustrationen und können einen Comic nicht ersetzen, auch wenn sie für den Band neu bearbeitet wurden.

Die Handlung ist einem Hörspiel für Kinder entsprechend eher einfach erzählt, es konzentriert sich alles auf die Haupthandlung: Troubadix‘ Auftritt beim Bardenwettstreit um den Preis des „Goldenen Hinkelsteins“. Hinzu kommt noch ein kunstliebender römischer General, der gerne seinen eigenen Barden hätte…

Ich muss zugeben: Wäre das Heft zusammen mit dem Hörspiel erschienen, hätte ich es deutlich besser bewertet. Nur als Textheft ist es eine eher fade Angelegenheit, den neuen Asterix zu lesen.

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Veröffentlicht am 18.10.2020

Ulrich und die Flucht aus seinem Leben

Die Geschichte von Ulrich, der bei IKEA einzog und das Glück fand
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Ulrich ist arbeitslos. Nach dem Tod seiner Eltern schafft er es nicht, selbständig zu werden. Als er vom Arbeitsamt aufgefordert wird, einen Computerkurs zu absolvieren, tritt er die Flucht aus seinem ...

Ulrich ist arbeitslos. Nach dem Tod seiner Eltern schafft er es nicht, selbständig zu werden. Als er vom Arbeitsamt aufgefordert wird, einen Computerkurs zu absolvieren, tritt er die Flucht aus seinem Leben an und so entsteht „Die Geschichte von Ulrich, der bei Ikea einzog und das Glück fand„.

A.S. Dowidat, Theologin aus Bonn, hat sich diese Geschichte ausgedacht. Es ist eine recht nachdenklich daherkommende Geschichte – auch wenn das knallgelbe Cover vielleicht etwas andere Erwartungen weckt. Die „Geschichte von Ulrich“ ist eher ein modernes Märchen darüber, wie man mit seinem Leben zurechtkommen kann als über das Finden von Glück. Wer ein Buch erwartet wie „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ wird sicherlich das Buch enttäuscht beiseite legen. Denn als Ulrich schließlich das Möbelhaus zu seinem Wohnort erkürt und sich regelmäßig abends einschließen lässt, denkt er mitnichten über sein eigenes Glück nach.

Nein, Ulrich sucht nicht sein Glück. Vielmehr braucht es andere, die ihn schließlich aus seiner Lethargie befreien – oder aus seiner Rolle als bloßer Beobachter, wie Ulrich sich sieht. Gisela etwa, aber auch die ominöse Nachtwächterin, der er immer wieder begegnet. Dazu kommt eine Stimme, die ihn immer wieder ruft „Komm, Ulrich…“ – und die ihn immer zur Nachtwächterin führt.

Nichtsdestotrotz hat Ulrich auch andere Seiten. So versteckt er Zettel in dem Möbelhaus, die die Finder zum Nachdenken anregen sollen – er selbst allerdings tut dies mitnichten. „Glauben Sie, dass im Selbstaufbauen von Möbeln Lebensglück liegt?“ steht etwa auf einem der Zettel.

Diese Zettel gehörten zu den humorvolleren Ideen des Buches. Auf mich wirkte das Buch allerdings insgesamt sehr konstruiert. Alles muss eben gut ausgehen. Zudem kommen einzelne Szenen sehr plakativ daher. Ulrich etwa, so sagt es der Roman, sei jemand, der „noch nie“ etwas abgelehnt habe. Noch nie… – naja! Dann die Versöhnung mit den Eltern: ratzfatz im Sauseschritt wird alles vergessen, was die Beziehung zuvor belastet hat. Wer’s glaubt…

Auch der Bezug zur Religion gehört zu dem, was mich an dem Buch nicht ganz überzeugt hat. Die Begegnung mit der Religion ist auf drei größere Szenen fokussiert. Sehr mundgerecht wird danach dann präsentiert, was Ulrich daraus lernen konnte. Als Leser wird man in „Die Geschichte von Ulrich, der bei Ikea einzog und das Glück fand“ von der Autorin an eine sehr enge Leine genommen. Für mich war es eine zu enge Leine.

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Veröffentlicht am 09.05.2020

Von einem, der auszog und nichts erreichte

Stern 111
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Lutz Seilers neuer Roman „Stern 111“ hat mich nicht überzeugt. Er hat mich beim Lesen immer mehr gelangweilt, und ich befürchte, dass das sogar so beabsichtigt ist. Schließlich endet der Roman mit der ...

Lutz Seilers neuer Roman „Stern 111“ hat mich nicht überzeugt. Er hat mich beim Lesen immer mehr gelangweilt, und ich befürchte, dass das sogar so beabsichtigt ist. Schließlich endet der Roman mit der kläglichen Selbsterkenntnis des Erzählers: „er war jetzt Mitte zwanzig, und er war nichts.“

Der Roman spielt in der Wendezeit. Eine Zeit, in der alles möglich und nichts unmöglich schien. Für die Hauptfigur Carl eine Zeit der Selbstfindung. Für den Leser eine Zeit der Langeweile. Nichts passiert. Carl probiert sich aus. Will Schriftsteller werden. Vielleicht. Aber gleichzeitig lebt er dahin. In den Tag hinein. Von Gera aus, wo er das Haus seiner Eltern behüten soll, die in den Westen gegangen sind, um ihr Glück zu machen, bricht Carl nach Berlin auf, um sein Glück zu suchen. Ein Glücksritter allerdings ohne jedwede Ambitionen. Einer, der sich treiben lässt.

Er übernachtet zunächst im Auto, verdient sich etwas Geld, indem er schwarz Taxi fährt. Schließlich landet er in der Hausbesetzerszene, wo er versumpft. Was er allerdings nicht bemerkt, denn er scheint sich frei und unabhängig zu fühlen.

Als Leser tut man es recht bald den Eltern nach und verlässt den Protagonisten, lässt ihn mit seinem Schicksal allein. Hat er das Zeug zum Schriftsteller? Keine Ahnung. Hat er den Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen? Ach, wer weiß. Ist er glücklich? Hmm, vielleicht. Irgendwie. Meistens eher nicht. Sind seine Gedichte überhaupt gut? Keine Ahnung. Wird das was mit ihm und Effi, die er wiedergetroffen hat? Es interessiert mich nicht. Ja, als Leser wird man bald ganz abgekühlt gegenüber dem Schicksal von Carl.

Umso mehr will man wissen, wie es mit seinen Eltern weitergeht. In Briefen informiert die Mutter ihren Sohn über ihre ersten Schritte im Westen. Diesen Briefen fiebert man entgegen, um der Langeweile von Carls Leben zu entgehen. Die Eltern, so scheint es, nehmen ihr Leben selbst in die Hand, beginnen ein neues Leben. Ein Aufbruch, den Carl ihnen zutiefst verübelt, er dichtet seinen Eltern sogar ein zweites, paralleles Leben an, von dem er nichts gewusst habe. Sie hätten ihn, den über 20-Jährigen, verlassen, wirft er ihnen vor.

Eine Ziege ist es schließlich, die Carl sagen muss, dass die „wilden Zeiten“ vorbei sind. Ach, wären sie doch nur wild gewesen! Ach, wäre es doch nun wirklich Carls Verhängnis gewesen, Gedichte zu schreiben, wie es auf einer der letzten Seiten des Buches heißt! Stattdessen ist Carl nichts weiter als „faulendes Treibholz“, das ohne Richtung in den Straßen von Berlin vor sich hin treibt.

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Veröffentlicht am 21.02.2020

Familienbande

Wie wir gehen
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Wie prägen Eltern ihre Kinder? Was heißt es, sich von seinen Eltern zu lösen? Andreas Neeser nimmt mit seinem Buch „Wie wir gehen“ vier Generationen einer Familie in den Blick.

Vier Generationen bedeuten ...

Wie prägen Eltern ihre Kinder? Was heißt es, sich von seinen Eltern zu lösen? Andreas Neeser nimmt mit seinem Buch „Wie wir gehen“ vier Generationen einer Familie in den Blick.

Vier Generationen bedeuten auch vier Antworten auf das, was die Beziehung zwischen den Generationen ausmacht. Vier Generationen: das sind Gottlieb, Johannes, Mona und Noelle.

Der Großvater, Gottlieb, kommt gerade so über die Runden, für seinen Sohn Johannes zeigt er nur wenig Interesse. Johannes muss mühsam lernen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und es gelingt ihm. Selbst sucht er sich einen Ausbildungsplatz, er wird zu einem Kämpfer, dem das Ablösen vom Elternhaus gelingt. Das macht ihn beinahe zu einem Helden des Buches, wäre da nicht Mona, seine Tochter, die sich immer mehr von ihm entfernt. Erst Johannes‘ Krebserkrankung bringt sie dazu, sich mit ihrem Vater und seinem Leben näher zu beschäftigen, bevor es nicht mehr geht.

Dann ist da noch ihre Tochter Noelle, die das Verhalten ihrer Mutter wiederum sehr kritisch hinterfragt und ihr vorwirft, dass ihre Arbeit für Flüchtlinge nur ein Wiedergutmachungsversuch sei.

Neeser erzählt aus dem Leben dieser vier Generationen collagenhaft. Es sind Erzählfäden, die immer wieder aufgegriffen werden, die allerdings nie zu einem Ende geführt werden. Es sind vielmehr die vielen losen Enden, die die Erzähltechnik dieses Romans ausmachen. Fragen werden aufgeworfen, nicht beantwortet. Es sind die unfertigen Leben, die hier präsentiert werden.

Für mich hat das Buch zu viele solcher losen Enden, zu viel was nur aufgegriffen und nicht ausgeführt ist. Nichts ist zu Ende erzählt.

Ich will aber nicht verhehlen, dass das Buch starke Momente hat. Etwa wenn der Flüchtling Salim all die Bilder, die er in Syrien gemalt hat, in Deutschland noch einmal malt, um überhaupt in der Gegenwart anzukommen. Denn „eine Auseinandersetzung mit dem, was er heute war, schien ihm undenkbar ohne das, was ihn dahin gebracht hatte.“ Um die eigenen Wurzeln geht es nicht nur Salim, es ist das Grundthema des ganzen Buches.

Schade, dass sich der Roman dabei zu sehr verliert. „Und jetzt weiß ich auch nicht weiter“ lautet der letzte Satz des Buches. Es ist ein Satz, der mehr über den postmodernen Erzähler verrät als über Mona, die ihn sagt. Auf dieses unfertige Erzählen muss man sich bei „Wie wir gehen“ einlassen können.

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