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Veröffentlicht am 12.02.2021

Packender Regionalkrimi mit Alpenflair, unfreiwilligem Ermittlerduo und einem sehr kniffligen Mordfall

Grenzfall - Der Tod in ihren Augen
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„Ich fürchte, wir werden uns die Zähne an diesem Fall ausbeißen- und vielleicht trotz all unserer Bemühungen nicht herausfinden, wer oder was hinter dem Mord steckt. Weil es uns nicht gelingt, so verquer ...

„Ich fürchte, wir werden uns die Zähne an diesem Fall ausbeißen- und vielleicht trotz all unserer Bemühungen nicht herausfinden, wer oder was hinter dem Mord steckt. Weil es uns nicht gelingt, so verquer zu denken wie dieser Kerl. Ich bin ein alter Hund, mir macht es nichts aus was andere über mich denken, ob ich Erfolg habe oder nicht. Aber du stehst noch am Anfang deiner Laufbahn....“

Alexa Jahns erster Tag als Oberkommissarin im oberbayrischen Weilheim hat es in sich. Gerade aus Aschaffenburg hergezogen, bleibt der jungen Frau keine Zeit, sich an die oberbayrischen Gepflogenheiten zu gewöhnen, denn sofort steht die Aufklärung eines grausamen Mordfalls an. Der Oberkörper einer Frau wird am Brauneck in einer Felsspalte gefunden. Später tauchen am Achensee in Österreich weitere Teile der Leiche auf. Während der Bergung der Leiche erleidet Alexas neuer Chef auch noch einen Unfall. Alexa soll daraufhin die Leitung der Ermittlung übernehmen und muss sich mit dem österreichischen Chefinspektor Bernhard Krammer abstimmen, der für die Region Achensee zuständig ist. Krammer hat durch seine berufliche Erfahrung längst seinen Optimismus verloren und gibt sich desillusioniert. Ob die Zusammenarbeit der beiden ungleichen Ermittler funktioniert?

Autorin Anna Schneider schreibt gut verständlich, sehr angenehm und flüssig aus der Sicht der beiden Polizisten Alexa Jahn und Bernhard Krammer. Mitunter werden kurze Passagen eingeschoben, in denen der Mörder zu Wort kommt. Zunächst erzählt er noch sehr nebulös und rätselhaft, später immer klarer von seinen Beweggründen. Die abwechslungsreiche Darstellung des Geschehens aus den unterschiedlichen Perspektiven sorgt für besondere Spannung. Ich konnte mich durch die Erzählweise mühelos in die unterschiedlichen Aspekte des Falls „hineindenken“.

Alexa Jahns Situation wird sehr plausibel und glaubwürdig geschildert. Die junge Frau möchte ihre Chance für berufliches Weiterkommen nutzen, muss sich dazu an einen neuen Arbeitsplatz, ein neues Wirkungsfeld gewöhnen, sofort die Ermittlungsarbeit übernehmen und Mitarbeiter koordinieren. Mit Elan stürzt sie sich in die Aufklärung des Falles. Dabei macht sie sehr vieles aber realistischerweise nicht alles richtig. Wie jeder Mensch hat Alexa Stärken und Schwächen, sie ist tatkräftig, packt Dinge an, ist ehrgeizig, in der Regel sehr professionell, wirkt insgesamt menschlich „nahbar“. Das gefällt mir. Auch wenn ich nicht all ihr Aktionen guthieß, wurde ich recht schnell warm mit ihr.
Oberinspektor Krammer stellt einen ziemlichen Gegenpol zu Alexa dar. Ihm wurde in der Vergangenheit oft vorgeworfen, zu schwerfällig zu sein. Diese Anschuldigung möchte er nicht auf sich sitzenlassen. Er verlässt sich auf seine Erfahrung, sein Bauchgefühl, seine Intuition. Alexa Jahn hingegen geht es rationaler an. Während die junge Deutsche noch motiviert ist, Verbrechen zu verhindern, hält Krammer den Kampf bereits für verloren. Auch Krammer ist für mich nachvollziehbar charakterisiert, verhält sich authentisch und macht einen sympathischen Eindruck.
Zwischen den beiden Ermittlern entsteht durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten eine interessante Dynamik. Sie müssen zwangsläufig miteinander arbeiten, aufeinander eingehen und beeinflussen sich gegenseitig.
Mit dem undurchsichtigen Florian Huber hat Alexa einen weiteren Kollegen an der Seite, der ihr das Arbeiten nicht unbedingt leichter macht.

Dieser Fall hat es in sich. Wie ein Suchspiel, eine Schnitzeljagd hat der Mörder sein Verbrechen inszeniert. Die Ermittler tappen recht lange im Dunkeln, ehe sich alles in einem fulminanten, atemberaubend spannenden Finale auflöst. Auch wenn es anfangs und im Mittelteil viel um die persönliche Situation der Ermittler und Alexas Stand im neuen Team geht und der Fall teils in den Hintergrund rückt, wurde es mir nie langweilig.
Für mich ein gelungener Auftakt einer neuen Reihe, ein lesenswerter Regionalkrimi mit allem, was dazugehört: einem interessantem Schauplatz, der Urlaubserinnerungen weckt, Ermittlern, bei denen man gerne hinter die dienstliche Fassade blickt, einem gefährlichen Täter ohne Angst, natürlich einem spannenden Fall und einigen verblüffenden Überraschungen. Ich habe mich beim Lesen wohlgefühlt und bin sehr gespannt, wie es für das deutsch-österreichische Gespann weitergeht.

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Veröffentlicht am 09.02.2021

Origineller Waldkrimi mit gewitztem Dachs, dubiosen Kauzen, einigen unfreiwilligen Vegetariern und allerlei anderem geheimnisvollem Getier

Dachs im Dickicht – Hasenhunger
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Hase ist tot! Grausam ermordet! Von ihm sind nur noch ein paar winzig sauber abgenagte Knochen und ein paar Fellbüschel übrig. Die Bewohner des dichten Dickichts sind sich ziemlich schnell einig, dass ...

Hase ist tot! Grausam ermordet! Von ihm sind nur noch ein paar winzig sauber abgenagte Knochen und ein paar Fellbüschel übrig. Die Bewohner des dichten Dickichts sind sich ziemlich schnell einig, dass Wolf der Mörder sein muss. Zumindest deuten alle Indizien erstaunlich offensichtlich darauf hin. Aber Dachs, der Chef der Waldpolizei, ist von Wolfs Schuld noch nicht überzeugt. Gemeinsam mit seinem Assistenten Dachskatz beginnt er zu ermitteln.

Die russische Autorin Anna Starobinets schreibt witzig und originell, für Kinder anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Aber schon nach kurzer Zeit stellte der lebendige, direkte Sprachstil für meine kleinen Zuhörer (Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren) kein Problem mehr da. Sie erfassten das Geschehen vollständig und konnten sich gut in die Geschichte hineinversetzen. Wiederkehrende Formulierungen wie „Das weiß doch jeder Igel“ oder „Das sagt einem der gesunde Tierverstand“ sorgten für Schmunzler, häufig kam es - zum Vergnügen der Zuhörer- beim Lesen von Zungenbrechern wie „lichten“ und „dichtem Dickicht“ zu Versprechern.
Leser ab acht Jahren können den Fall sicher auf eigene Faust angehen und die Geschichte selbstständig lesen. Die lustigen und ausdrucksstarken schwarz-weiß Bilder von Stefanie Jeschke motivieren die Leser zusätzlich und heben definitiv die Stimmung.

Hauptfigur des Buchs „Dachs im Dickicht -Hasenhunger“ ist der Leiter der Waldpolizei, Kommissar Dachs, der nach außen viel gemütlicher wirkt als er eigentlich ist. Er verfügt über einen überaus scharfen gesunden Tierverstand und zieht auch offensichtliche vermeintliche Klarheiten lieber einmal mehr als einmal zuwenig in Zweifel. Bei seiner Arbeit wird er von Dachskatz unterstützt, dessen wahre Identität bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt. Assistent Dachskatz hat nicht so viel Erfahrung in der Ermittlungsarbeit wie sein Vorgesetzter und durchschaut manches nicht ganz so schnell, er agiert wesentlich spontaner und instinktiver und lässt sich schon mal von Vorurteilen leiten. Im dichten Dickicht wimmelt es nur so von weiteren dubiosen Bewohnern, allesamt per Gesetz Fleischverächter: ein einsamer Wolf, ein völlig überdrehter Kojote mit unberechenbaren Stimmungsschwankungen, eine überaus aktive, trauernde Häsin, ein Star, der perfekt Stimmen imitiert oder eine findige Füchsin.
Auch manche Nachbarn aus dem lichten Dickicht wie die windigen Käuze, Anwälte, die komischerweise immer dann vor Ort sind, wenn sie gebraucht werden, sorgen für ziemliche Verwirrung. Dass Maulwürfe sich zum Einbau von Fußbodenheizungen eignen und Zitterrochen Elektrofachtiere sind, ist ja eigentlich logisch und nachvollziehbar, aber trotzdem Beweis für die schräge und kreative Figurenkonstellation des Buchs.

Wird Dachs, der eigentlich seinen Winterschlaf herbeisehnt, kühl den Überblick behalten, den Fall lösen und den Mörder überführen?
Ganz schön kompliziert, äußerst vertrackt, ziemlich rätselhaft und wirklich überraschend wie sich das Ganze bis zum turbulenten Finale unter Tage entwickelt. Und so manches Vorurteil entpuppt sich dabei als völlig wahrheitsfremd. Für mich und meine Mitleser war dieser witzige, unterhaltsame Waldkrimi mit vielen Wortspielen ein echtes Lesevergnügen. Obwohl wir Dachs seinen verdienten Winterschlaf durchaus gönnen, freuen wir uns schon auf seinen zweiten Fall.

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Veröffentlicht am 05.02.2021

Packender Schmöker mit allem, was dazugehört

Elbleuchten
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„Frauen müssen Kinder bekommen. Wenn sie plötzlich alle damit aufhören und studieren gehen, was glaubst du was, was passiert dann? Willst du, dass es keine Kinder mehr gibt? Oder Kinder ohne Mütter? Sollen ...

„Frauen müssen Kinder bekommen. Wenn sie plötzlich alle damit aufhören und studieren gehen, was glaubst du was, was passiert dann? Willst du, dass es keine Kinder mehr gibt? Oder Kinder ohne Mütter? Sollen vielleicht die Männer auf die Kinder aufpassen?“

An einem Sommertag 1886 in Hamburg ändert sich Lily Karstens Leben. Die junge Frau stammt aus einer der angesehensten Reederfamilien der Stadt. Sie wohnt mit ihrer Familie in einer großen Villa, wird stets von Dienstboten umsorgt, ist mit dem Medizinstudenten Henry verlobt, besucht das Lehrerinnenseminar und träumt insgeheim davon, Schriftstellerin zu werden. Bei einer Schiffstaufe kommt es zu einem schlimmen Unglück: Der Arbeiter Paul verletzt sich schwer, nur weil er Lily ihren vom Wind weggewehten Hut zurückbringen will. Lily möchte dem Mann unbedingt helfen. Sie lernt Jo Bolten aus dem Hafenviertel kennen, der für seinen verletzten Freund bei den Karstens vorspricht, aber von Lilys Bruder Franz abgewiesen wird. Jo stellt für Lily Kontakt zu Pauls Familie her und zeigt ihr das Elend der Menschen in seinem Viertel. Die junge Frau nimmt sich vor, etwas gegen die Zustände zu unternehmen, auch wenn das bedeutet, dass sie ihr bisheriges Leben so nicht weiterführen kann.

Miriam Georg schreibt angenehm und unkompliziert, meist aus Lilys, aber auch mal aus Jos, Franz oder Vater Alfreds Sicht. Dank des lebendigen, ansprechenden Schreibstils hatte ich keine Mühe, in das Geschehen hineinzufinden, tauchte sofort emotional in die Geschichte ein.

Lily Karsten wächst gut behütet auf, genießt viele Privilegien der Reichen. Sie sorgt sich um andere, wirkt unverdorben und ganz schön naiv „in ihrem Glauben an das Gute im Menschen“. Jo Bolten zeigt Lily die dunkle Seite Hamburgs, das ganze Ausmaß der Armut und des Elends. Er nimmt ihr damit einiges von ihrer „heilen Welt“. Gleichzeitig weckt ihre Freundin Emma in Lily das Bewusstsein dafür, dass Frauen kaum Entfaltungsmöglichkeiten haben. Lily möchte Missstände beseitigen, sich für Benachteiligte einsetzen, die Welt zu einer besseren machen. Aber sie ahnt nicht, welche Entwicklungen sie damit in Gang setzt. Mit Lily musste ich, trotzdem sie sich nicht immer sehr vernünftig und besonnen verhält, mitfiebern.
Jo Bolten ist kein „glatter“ Charakter, er weiß, was es bedeutet, arm zu sein, tut Dinge, die moralisch fragwürdig sind, um zu überleben und seine Familie durchzubringen. Jo kennt sich in der Hamburger Unterwelt aus wie kein zweiter.
Jo und Lily sind so verschieden wie Tag und Nacht. Trotzdem finden sie einander und verändern das Leben des anderen. Dass die Hauptfiguren aus so unterschiedlichen Milieus stammen, macht den besonderen Reiz der Geschichte aus. Überhaupt gefallen mir die Charaktere, die sich Miriam Georg ausgedacht hat: die fortschrittliche, kluge und pragmatische Emma, der unangenehme, hartherzige Franz mit seinem düsteren Geheimnis, der zwielichtige Unternehmer Oolkert, Jos rauer irischer Freund Charlie, der immer wieder in Schwierigkeiten gerät, Lilys Vater, der für seine Familie doch nur das Beste will oder Lilys kleiner, lebensfroher Bruder, der niemals mit anderen Kinder Kontakt haben darf. Viele Personen haben besondere Geheimnisse, die unter keinen Umständen publik werden sollten. Eine bunte Mischung aus Figuren aus ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten.

Dramatisch, was sich in Lilys Leben abspielt, je tiefer sie in die zwielichtigen, dunklen Ecken Hamburgs gerät. Sie stellt ihr ganzes Leben auf den Prüfstand. So begütert und angenehm ihre Familie lebt, so entsetzlich sind die Zustände in den ärmlichen Gegenden. Hautnah bekommen die Leser die zwei Gesichter einer Stadt mit.
Gegen Ende entwickelt sich alles derart rasant, dass weder Lily noch die Leser zur Ruhe kommen.

Elbleuchten hat alles, was ein richtiger Schmöker braucht: eine Liebe, die nicht sein soll, eine tragische Familiengeschichte, eine Heldin, die die Welt verbessern möchte, düstere Charaktere mit Geheimnissen und einen so vielfältigen Schauplatz. Mit „ Elbleuchten“ reisen die Leser gemeinsam mit Lily in die Vergangenheit, tauchen in die Atmosphäre Hamburgs des Jahres 1886 ein, blicken genauso in die glanzvollen Ecken wie in die düstersten Winkel, in den Abgrund. Für mich ein rundum unterhaltsamer, mitreißender Roman mit dramatischem Ende, auf dessen Fortsetzung ich mich schon jetzt freue.

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Veröffentlicht am 03.02.2021

Besonderer, aber durchaus herausfordernder Roman über Neuanfänge und die Macht von Begegnungen

Das Knistern der Sterne
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„Das Leben ist, was wir aus ihm machen. Die Reisen sind die Reisenden. Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind.“

Stella steht vor den Trümmern ihrer Existenz: Ihre Ehe ist gescheitert ...

„Das Leben ist, was wir aus ihm machen. Die Reisen sind die Reisenden. Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind.“

Stella steht vor den Trümmern ihrer Existenz: Ihre Ehe ist gescheitert und auch ihre Arbeit als Masseurin hat sie nach einem unglücklichen Zwischenfall verloren. Jetzt wohnt sie in einer Jugendherberge und hat keinen Plan. Da trifft sie auf Balthasar. Der ältere Herr bittet Stella, ihn auf einer Kreuzfahrt zu begleiten. Dort soll sie ihm jeden Abend beim Abendessen Gesellschaft leisten, darf aber keine persönlichen Fragen stellen. Stella willigt ein. Schon bald bemerkt sie, dass Balthasar ein großes Geheimnis hat, dem sie unbedingt auf den Grund gehen möchte.

Autorin Claire Hoffman pflegt einen sehr individuellen Sprachstil. Sie schreibt klar und verständlich, aber auch sehr „dicht“. Hinter jedem Satz steckt noch eine tiefere Bedeutung, das ist zum Lesen äußerst spannend. Es war oft ein Genuss, in die hintergründigen Sätze einzutauchen, mitunter wurde es aber auch recht anstrengend und herausfordernd. Ich musste schon sehr genau und aufmerksam lesen, um keine Anspielung, keine Entwicklung zu verpassen. Claire Hoffmann nimmt Stellas Sicht ein, erzählt von vielen besonderen Begegnungen, die die Hauptfigur erlebt. Wenn die gemeinsamen Abendessen von Stella und Balthasar auf dem Schiff thematisiert werden, gebraucht die Autorin nur wörtliche Rede. Wie in einem Ping-Pong-Spiel reagieren die beiden immer wieder spontan auf die Aussagen ihres Gegenübers. Die Szenen erinnern an ein Theaterstück oder ein Drehbuch.

Stella mit ihrer „verqueren Geschichte, ihrer Neugier, ihren gebrochenen Flügeln und ihrer unbeschädigten Lust aufs Leben“ ist ein tiefgründiger Charakter. Früher verfügte sie über ein besonderes Gespür für Menschen, das ist ihr aber abhanden gekommen. Sie vermittelt jetzt den Eindruck von Orientierungslosigkeit und Verlorenheit. Auf der Suche, ihre „Gabe“ wiederzuerlangen, begibt sie sich mitunter auf Abwege, verhält sich manchmal so unverständlich, dass ich als Leserin sie gerne auf den „richtigen Pfad“ zurückführen wollte.
Balthasar mit seiner Menschenphobie meidet jede Form von Gesellschaft. Er benimmt sich oft seltsam, ist schwer einzuschätzen, undurchschaubar. Aber für Stella sind die anstrengenden Gespräche mit ihm anregend und bereichernd: „Seine klugen Gedanken gaben ihr immer wieder das Gefühl, die Welt sei irgendwie doch zu verstehen, die Gewissheit, dass ihr eigenes Innenleben nicht einfach nur ein Chaos war, und dass es sich lohnte, sich Gedanken zu machen und den Dingen auf den Grund zu gehen.“
Komplettiert werden Stella und Balthasar von dem ungewöhnlichen Jungen Luis, den sie auf dem Schiff kennenlernen. Luis, der auf Stella wie „ein verkleideter Zwerg“ wirkt mit seiner Tapferkeit und seinem Witz.
Auf dem Schiff trifft Stella auf verschiedene Personen, die sie teilweise zu ihrem Glück zu zwingen versucht. Aber vielleicht ist es auch andersherum? Hoffmanns Figuren sind alle sehr speziell: besonders, interessant, sie fordern sich gegenseitig heraus, verändern sich durch den Kontakt mit anderen, werden manchmal gar durch andere zu besseren Menschen. Eine überaus abwechslungsreiche, faszinierende Figurenauswahl und -konstellation ist der Autorin gelungen.

„Das Knistern der Sterne“ ist kein einfacher Roman. Autorin Claire Hoffman kann schreiben, hat definitiv was zu sagen. Sie gibt dem Leser einiges zum Nachdenken, reiht einen Denkanstoß and den nächsten, da verliert man wie Stella schon mal die Orientierung, den roten Faden. Vielleicht ist das aber genauso gewollt. Das Ende stimmt versöhnlich und zuversichtlich, möglicherweise ist eine kleine Nuance zu „rosa“. Dennoch, es passt. Ich wünsche mir sehr, dass Stella mit ihrem Resümee Recht behält und in der Welt Gehör findet: „Man muss einander helfen, es gibt keine andere Möglichkeit zu leben auf dieser Erde. So einfach ist das. Und so kompliziert.“
Ein ungewöhnliches, nachdenkliches Buch über Neuanfänge, Geheimnisse und Beziehungen, voller kleiner, feiner Lebensweisheiten. Mitunter etwas verworren und herausfordernd, aber für mich auf alle Fälle eine lohnenswerte und bereichernde Lektüre. Ich bin froh, dass ich dieses Buch gelesen und genossen habe.

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Veröffentlicht am 30.01.2021

Von Dosenöffnern, Zeitungsknüllern und großen kleinen Geschichten - unterhaltsamer Wohlfühlroman mit viel Humor

Die Erfindung des Dosenöffners
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Timur Aslan ist 20 und arbeitet als freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung. Besonders erfüllend findet er es nicht, über Hühnerzüchter oder Kegelvereine zu berichten. Er hofft, ein Volontariat bei ...

Timur Aslan ist 20 und arbeitet als freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung. Besonders erfüllend findet er es nicht, über Hühnerzüchter oder Kegelvereine zu berichten. Er hofft, ein Volontariat bei einer größeren Zeitung zu erhalten, muss sich dafür aber erst beweisen. Deshalb ist Timur auf der Suche nach einer richtig guten „großen Story“. „Annette hat ein Geheimnis“ erzählt ihm ein Rentner auf einer Veranstaltung im Vertrauen, doch das interessiert Timur zunächst nicht. Erst als sich keine weiteren Möglichkeiten für einen richtigen „Knüller“ finden, befasst sich Timur näher mit Annette, einer älteren Frau, die im Altenheim lebt. Annette, die behauptet, dass sie den Dosenöffner erfunden hat. Ob das Timurs große Story wird, die seine Karriere als Starjournalist ins Rollen bringt?

Tarkan Bagci, gerade mal Mitte zwanzig, schreibt witzig, manchmal flapsig, klar und direkt aus der Sicht seines Protagonisten Timur Aslan. Er bringt die Dinge oft erstaunlich prägnant auf den Punkt und formuliert beeindruckend treffende Passagen wie „In einem Dorf ist Stille immer romantisch, aber in der Kleinstadt ist sie irgendwie unangenehm. Die Kleinstadt ist wie das ungewollte Kind von Dorf und Großstadt, das selbst nicht weiß, wo es hingehört. Fürs Dorf zu Groß, für die Stadt zu klein. Wie ein Teenager in der Pubertät, hässlich und unentschlossen.“

Hauptfigur Timur ist unzufrieden. Er fühlt „sich schäbig“ und „schämt sich für sein Leben“. Der junge Mann glaubt, in der Kleinstadt festzustecken, die er verachtet, während all seine Freunde etwas aus ihrem Leben „machen“. Dabei weiß er genau, was er will: schreiben, aber eben nicht auf Lokalebene, sondern auf höherer. Anfangs erscheint Timur nicht besonders sympathisch, eher oberflächlich und arrogant, ihm sind Likes wichtiger als Ehrlichkeit, er legt mehr Wert auf den Schein als aufs Sein. Doch als er Annette näher kennenlernt, ändert sich seine Einstellung. Er zeigt, dass in ihm ein echt guter Kerl steckt. Irgendwie liebenswert wirkt auch sein etwas unbeholfener Vater. Und der anfangs ruppigen, distanzierten Annette und ihrem Geheimnis wollte ich sofort auf den Grund gehen. Durchaus interessante Figuren hat Tarkan Bagci für seinen Debütroman entwickelt.

Hat Annette wirklich den Dosenöffner erfunden und wie kam es dazu? Wird Timur mit seinem Artikel über Annette den Durchbruch schaffen?
Zu keiner Zeit langweilig, hat mich „Die Erfindung des Dosenöffners“ durchgehend bestens unterhalten. Als Timur beispielsweise über Modetrends und ihre Entstehung philosophiert, konnte ich gar nicht anders als ihm innerlich ein lautes, zustimmendes „Ja genau“ entgegenzuschleudern. Viele seiner Beobachtungen sind einfach nur komisch und gleichzeitig so scharfsinnig.
Für mich ist „Die Erfindung des Dosenöffners“ eine nette, lesenswerte, einfach schöne Geschichte mit origineller Grundidee, viel Humor und wichtiger Botschaft: „Jeder Mensch hat eine spannende Geschichte, wenn man sie ernst nimmt.“ Das mag harmlos und simpel klingen, ist aber bestimmt wahr. Es lohnt sich, sich mehr mit seinen Mitmenschen zu beschäftigen, sie haben viel zu erzählen. Bagci hat ein absolutes Wohlfühlbuch verfasst, das Lesevergnügen garantiert. Ein Roman für alle, die das Große im Kleinen und das Besondere im Alltäglichen sehen können oder wollen.

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