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Veröffentlicht am 05.03.2021

Rechtsextremisten im Marsch durch die Sicherheitsinstitutionen

Staatsfeinde in Uniform
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Es gibt "Prepper", die werden als harmlose Spinner mit Weltuntergangsfantasien belächelt. Wenn es sich allerdings um Elitesoldaten und -polizisten handelt, die nicht Wasser, Benzin und Bundeswehrproviant ...

Es gibt "Prepper", die werden als harmlose Spinner mit Weltuntergangsfantasien belächelt. Wenn es sich allerdings um Elitesoldaten und -polizisten handelt, die nicht Wasser, Benzin und Bundeswehrproviant horten, sondern Sprengstoff, Munition und Sturmgewehre, vergeht das Lachen ganz schnell. Ganz besonders dann, wenn rechtsextremistisches Gedankengut im Spiel ist, Todeslisten gegen Politiker, Journalisten und andere Missliebige vorbereitet werden. Szenarien wie diese spielen nicht nur in diversen Thrillern und Kriminalromaen eine Rolle, zuletzt etwa in "Der Solist" von Jan Seghers, es gibt ganz konkrete Beispiele aus den vergangenen Jahren - und es sind längst keine bedauertlichen Einzelfälle mehr, wie mancher Politiker immer noch glauben möchte.

In seinem Buch "Staatsfeinde in Uniform" beschäftigt sich der Journalist Dirk Laabs mit diesem Phänomen, beschreibt Vorfälle und Skandale der Vergangenheit, analysiert das Versagen von Vorgesetzten und Sicherheitsdiensten. Ähnlich wie in dem vor rund zwei Jahren herausgegebenem Buch "Extreme Sicherheit" geht es um Extremisten in Institutionen, die eigentlich Staat und Gesellschaft schützen sollen. Die "NSU 2.0"-Morddrohungen, der Fall des Bundeswehroffiziers Franco A. und natürlich die mittlerweile berüchtigten Vorfälle bei der Eliteeinheit KSK sind darunter, wobei Laabs einen Schwerpunkt auf den Vorfällen bei der Bundeswehr setzt.

Er geht ein auf rechtsextreme Traditionen, die mit einer Verklärung der Wehrmacht und einer Verharmlosung der Waffen-SS einhergehen, auf Fallschirmjäger und Kommandosoldaten, die sich nicht mit der Bundesrepublik identifizieren. Eine Minderheit, gewiss. Doch gerade, wenn es sich um Angehörige von Eliteeinheiten mit Kampferfahrung etwa in Afghanistan handelt, wenn ein früherer Personenschützer von Angela Merkel Umgang mit Rechtsextremisten pflegt und wenn sich Einzelne mit Gleichgesinnten bei Schießübungen und Kriegsspielen vernetzen, dann stellt sich die Frage, wann aus den Überlegungen und Vorbereitungen auf den ominösen Tag X, an dem durch welche Vorfälle auch immer die öffentliche Ordnung zusammenbricht, tatsächliches Handeln wird.

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (der in dem Buch fälschlich auf den 15. Juni 2019 datiert wird, tatsächlich fielen die tödlichen Schüsse am Abend des 1. Juni) ist eine Warnung, dass die Drohung längst nicht mehr abstrakt ist, ebenso die Morde von Hanau und Halle. Hier waren die Täter keine ehemaligen Kommandosoldaten oder SEK-Beamten - die Frage stellt sich allerdings, wie viel schlimmer derartige Taten ausfallen könnten, wenn sie tatsächlich von Tätern mit Scharfschützenausbildung begangen werden.

Laabs geht in seinem Buch ausführlich auf die Frage ein, wo Militärischer Abschirmdienst, Verfassungsschutz und andere Sicherheitsorgane hellhörig hätten werden müssen. So mancher Soldat oder Polizist war auffällig, manches Verhalten wurde bemerkt oder erwähnt - und dennoch geschah nichts. Ist man hinterher immer schlauer, oder galt es, den Ruf der eigenen Institution sauber zu halten und besser nichts Störendes zu bemerken? Wie konnte es so weit kommen, dass beim KSK ein "Aufstand der Anständigen" gefordert wurden, als die Missstände in großem Umfang publik wurden.

Laabs kritisiert, gerade bei der Bundeswehr und bei den Eliteeinheiten würden dem "Bürger in Uniform" und dem Prinzip der inneren Führung nicht Genüge getan. Die Soldaten punkteten vielleicht, wenn es um Härte, Ausdauer und Zielgenauigkeit gehe - doch die Identifizierung mit Verfassung und Rechtsstaat unterblieb bei der berüchtigten harten Ausbildung anscheinend.

"Staatsfeinde in Uniform" ist ein Alarmsignal, nicht allein wegen der Vorfälle, die eine militante Minderheit betreffen, aber eben doch nicht die Gesamtheit der Institutionen. Doch wie mit diesen Fällen, wie mit Anzeichen von Rechtsextremismus in den eigenen Reihen umgegangen und umgesteuert wird - das ist die eigentliche Herausforderung. Laabs´Buch macht deutlich: Hier besteht noch viel Handlungsbedarf.

Veröffentlicht am 15.02.2021

Entschleunigte Coming of Age-Story

Big Sky Country
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Von den Getreidefeldern und Milchfarmen des Mittleren Westens in die grandiose Bergwelt Montanas führt der Weg des Farmersohns August in Callan Winks Roman "Big Sky Country". Es handelt sich um eine entschleunigte, ...

Von den Getreidefeldern und Milchfarmen des Mittleren Westens in die grandiose Bergwelt Montanas führt der Weg des Farmersohns August in Callan Winks Roman "Big Sky Country". Es handelt sich um eine entschleunigte, ruhig geschilderte Coming of Age-Geschichte aus dem Herzland der USA, einer Welt, die sehr weit entfernt ist vom Tempo der Metropolen an Ost- und Westküste. Das Leben, in das August hineingeboren wurde, ist einfach und geprägt von der Stille zwischen seinen Eltern.

Der Vater, ein einfacher, ruhiger Mann, dem es schwer fällt, über Gefühle zu sprechen, der eine unsentimentale bis harte Einstellung zum Leben hat - Augusts erster Job besteht darin, die in der Scheune lebenden Katzen zu töten, mit den auf ein Brett genagelten Schwänzen als Beweismaterial für die "Gehaltsrechnung". Die Mutter, die aus einer wohlhabenderen Farmersfamilie stammt und von Bildung träumt, ihr Studium wieder aufnehmen will und im alten Wohnhaus ihrer Familie ein getrenntes Leben führt - bis sie eine Stelle als Bibliothekarin im Montana annimmt und mit August Richtung Westen zieht.

High School, Football, Schüchternheit und eine verbotene Beziehung - August wächst im Westen zu einem ruhigen jungen Mann zusammen, der wenig redet, ein wenig ein Einzelgänger ist, keinen Ärger will und den Wert harter Arbeit schätzt - da ist er seinem Vater sehr ähnlich. Der Kontakt zwischen Vater und Sohn beschränkt sich zunehmend auf Telefongespräche, so sehr der Vater auch hofft, dass sein Sohn eines Tages die Farm übernimmt.

Doch August, insofern ist "Big Sky Country" auch ein wenig ein moderner Western, ist schon der Schönheit und der Weite des Westens erlegen. Die Rinder der umöiegenden Ranches, die frei auf der Weide leben, scheinen ihm mehr Persönlichkeit zu haben als das Milchvieh seines Vaters. August wächst auf um die Jahrtausendwende, die Anschläge vom 11. September sind eine Zäsur seiner Highschoolzeit. Werber von Militär und Nationalgarde versuchen, die Jugendlichen der Schlussjahrgänge zu rekrutieren, an ihr patriotisches Gewissen zu appellieren - und einer von Augusts Mitschülern, der diesem Ruf folgt, kommt bei einer Sprengstoffexplosion ums Leben. Die Totenfeier, die außer Kontrolle gerät, ist für August auch der Anlass, seinen eigenen Weg zu finden, als Cowboy auf einer Ranch. Zu den Zugeständnissen an die Moderne gehört, dass er dort nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Quad unterwegs ist.

"Big Sky Country" ist unspektakulär und lebt von den Schilderungen von Weite und Einsamkeit, die sowohl innerlich wie auch äußerlich ist. Der Weg Augusts ins Erwachsenenleben ist gerade in seiner Alltäglichkeit nachvollziehbar. Was hängenbleibt, sind vor allem die Schilderungen eines Landes unter weitem Hommel, mit den Bergen als dramatischer Kulisse und teils exzentrischen Bewohnern, deren Eigenschaften in der Einsamkeit des Berglandes wohl noch zusätzlich ausgeprägt wurden,

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Veröffentlicht am 05.02.2021

Ran an den Speck - aber wie?

Die geheime Kraft des Fettstoffwechsels
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Diesmal nicht (ausschließlich) Rezepte, sondern vor allem Gesundheit und Ernährungswissenschaft: Mit "Die geheime Kraft des Fettstoffwechsels" hat die Medizinerin Marion Kiechle mit ihrer Co-Autorin Julie ...

Diesmal nicht (ausschließlich) Rezepte, sondern vor allem Gesundheit und Ernährungswissenschaft: Mit "Die geheime Kraft des Fettstoffwechsels" hat die Medizinerin Marion Kiechle mit ihrer Co-Autorin Julie Gorkow ein Thema in den Mittelpunkt gerückt, mit dem sich wohl viele beschäftigen, wenn mit zunehmendem Lebensalter der Zeiger der Waage unerbittlich weiter nach oben schnellt. Es ist ja auch so unfair! Mittlerweile älter und vernünftiger geworden, hat man Junk Food schon lange eine Absage erteilt, ernährt sich bewusst und möglichst gesund - und trotzdem sind sie da, die ungeliebten Polster an Bauch oder Hüften. Der Stoffwechsel wird mit zunehmendem Alter eben langsamer, der Grundumsatz sinkt. Warum das so ist, wird auch in diesem Buch geschildert, das sich mit Gesundheitsmythen befasst, mit den Bestandteilen von Ernährung und ihrer jeweiligen Wirkung für den Köper.

Wunder können auch die Autorinnen nicht versprechen, und vor Crash-Diäten warnen sie, jedenfalls, wenn das Ziel eine andauernde körperliche Veränderung ist. Ist ja auch logisch: Man muss schon an einigen Stellschrauben drehen, um nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft den Stoffwechsel anzukurbeln. Und dass regelmäßige Bewegung nicht nur Kalorien verbrennt, sondern auch der allgemeinen Gesundheit und dem Herz-Kreislauf-System gut tut, dürfte ebenfalls klar sein. Dass der Weg zu einer besseren Ernährung nicht notwendigerweise auch der Weg zur Traumfigur oder der einstigen Kleidergröße ist, das lässt sich vor allem für diejenigen Leserinnen erahnen, die schon jenseits der Wechseljahre sind. Dass das plötzlich durch die hormonellen Veränderungen und den langsameren Stoffwechsel an den Problemzonen angewachsene Fett sehr hartnäckig ist, will schließlich keine gerne lesen. Ansonsten: der Weg ist das Ziel.

Mit teils vegetarischen, teils auch veganen Rezepten führen die Autorinnen nach dem theoretischen Teil in zwei Booster-Wochen, die den Anfang zum Stoffwechselturbo nicht nur leicht, sondern auch lecker machen sollen. Ofengemüse mit Basilikumquark etwa oder Auberginen-Lasagne mit Tomaten-Linsen. Das klingt definitiv ausprobierenswert, ebenso die Quinoa-Bowl mit Frischkäse und Lupinen - so was schmeckt nicht nur im Home-Office, sondern kann auch gut als tragbarer Lunch ins Büro mitgenommen werden, wenn das erst mal wieder möglich ist.

Wer es lieber süß mag - Apfelquark mit Walnuss verspricht einen guten Start in den Tag, ebenso Quark-Pancakes mit Heidelbeeren, die ich jetzt so bald wie möglich ausprobieren will. Sogar süße Desserts gibt es in den Booster-Wochen. Es geht also auch ohne übermäßigen Verzicht.

Veröffentlicht am 26.01.2021

Einsamer Terrorjäge

Der Solist
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Mit seinem Kriminalroman "Der Solist" stellt Jan Seghers einen Ermittler in den Mittelpunkt, der als Polizist eher ungewöhnlich ist. Zum einen wegen seiner Herkunft: Aufgewachsen ist Neuhaus bei der Großmutter ...

Mit seinem Kriminalroman "Der Solist" stellt Jan Seghers einen Ermittler in den Mittelpunkt, der als Polizist eher ungewöhnlich ist. Zum einen wegen seiner Herkunft: Aufgewachsen ist Neuhaus bei der Großmutter im Hessischen Hinterland, mit Geschichten über seine Mutter, die angeblich in Afrika als Lehrerin arbeitete. Erst sehr viel später fand er die Wahrheit heraus: Seine Mutter bewegte sich im RAF-Umfeld, war im Gefängnis. Nicht gerade eine Biografie, die eine Entscheidung für die Laufbahn als Polizist nahelegt.

Und auch in einem anderen Punkt unterscheidet sich der BKA-Beamte von vielen seinen Kollegen: Er arbeitet alleine, eben als Solist, ist ein Einzelgänger. Der von vielen seiner Kollegen geprägte Korpsgeist ist ihm fremd. Und doch muss er sich nun einem Team anschließen, wenn auch ausdrücklich als Solist: Eine neue Einheit der Berliner Polizei befasst sich mit Terrorabwehr. Von den dortigen Kollegen schlägt Neuhaus allerdings Abwehr und Skepsis entgegen.

Doch nun kommt der Terror nicht mehr von Linksextremisten wie in Neuhaus´ Kindheit. Gleich zwei Morde überschatten seine Ankunft in Berlin: Erst wird ein jüdischer Aktivist ermordet, dann eine muslimische Anwältin. Die Tatwaffe ist in beiden Fällen die gleiche. Der Täter, diese Vermutung liegt nahe, ist in der islamistischen Szene zu suchen. Zusammen mit seiner deutsch-türkischen Kollegin Suna-Marie rollt Neuhaus noch einmal die Akten zu Anis Amri auf, dessen Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt noch lebhaft in Erinnerung ist. Auf Amri weisen auch Bekennerschreiben an den Tatorten hin. Tatsächlich stoßen Neuhaus und Suna-Marie auf einen Verdächtigen, aber auch auf manche Ungereimtheit. Soll hier ein Sündenbock präsentiert werden?

In einem Nebenhandlung bereitet sich ein Rechtsaußenpolitiker auf die anstehenden Bundestagswahlen vor. Die Anschläge der vergangenen Tage sind für seine Partei Wasser auf die Mühlen. Haben sie nicht schon immer vor muslimischen Einwanderern gewarnt?

Jan Seghers schreibt Fiktion, doch sein Plot erinnert an zahlreiche aktuelle Bezüge, nicht nur wegen des Erstarkens der AfD. Bei Lesen erinnert mach sich auch schnell an den NSU 2.0.-Komplex mit Drohungen gegen Frauen der linken Politik oder migrantischer Herkunft, an die Aufdeckung einer Chatgruppe mit rechtsextremen Inhalten bei der Frankfurter Polizei, der Fall des Bundeswehroffiziers, der sich eine falsche Identität als angeblicher Flüchtling aus Syrien zulegte und in dieser Rolle Terroranschläge geplant haben soll. Das Unbehagen angesichts der Frage, welche Gefahren drohen, wenn ausgerechnet diejenigen, die den Staat schützen sollen, die Grundlagen der Verfassung verlassen, treibt auch den Autor um. Bis zu einem dramatischen Finale bleibt es spannend.

Leider gerät dabei die Figus der Suna-Marie eher blass und schablonenhaft - mit lebensechten Frauenfiguren scheint Seghers Probleme zu haben. Da fehlt dann einfach die weibliche Perspektive. Von diesem Manko abgesehen ist "Der Solist" ein Thriller mit düsteren und aktuellen Elementen, der dank des musikbegeisterten Neuhaus beim Lesen gewissermaßen seinen eigenen Soundtrack hat.

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Veröffentlicht am 22.01.2021

Babydrama im Lockdown

Das Baby ist meins
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Den Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite fand ich sofort überzeugend: Makaber, witzig, unerwartet und mit ironischen Einblicken in die Gesellschaft ...

Den Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite fand ich sofort überzeugend: Makaber, witzig, unerwartet und mit ironischen Einblicken in die Gesellschaft des westafrikanischen Landes und das Leben in der Mega-Metropole Lagos. Mit ihrem Buch "Das Baby ist meins" kehrt Braithwaite ins Lagos des Corona-Lockdowns zurück, weniger blutig, mit einem ganz anderen Thema, aber auch hier geht es um Familienbeziehungen, Loyalität und Betrug.

Mit gerade mal 128 Seiten ist die Geschichte des Streits um ein süßes Baby eher eine Novella - vielleicht auch dem aktuellen Bezug geschuldet. Ich-Erzähler Bobbi hat es mit seinen 28 Jahren nicht sonderlich eilig, sich zu binden. Zwar verbringt er den Lockdown angenehm in dem Apartment seiner aktuellen Freundin, doch dummerweise findet sie ein paar einschlägige Textnachrichten und Fotos auf seinem Handy. Das Argument vieler afrikanischer Männer, dass eine einzige Frau einfach nicht ausreicht, stößt bei der selbstbewussten Frau auf wenig Gegenliebe - sie wirft den untreuen Lover hochkantig heraus.

Bobbi braucht schleunigst eine neue Bleibe. Zu dumm, dass seine Schwester samt Familie im Ausland feststeckt, weil sie es vor Lockdown und Grenzschließungen nicht zurück nach Nigeria schaffte. Doch da ist ja noch der Bungalow seines Großvaters, in dem zuletzt sein jüngst an Corona verstorbener Onkel lebte. Sicher wollte Aunty Bidemi dort nicht alleine bleiben? Das Haus müsste leer stehen - und Bobbi weiß, wo ein Ersatzschlüssel versteckt ist.

Die Überraschung ist groß, als er auf gleich zwei Frauen und ein Baby trifft, nämlich seine Tante und die Ex-Geliebte des Onkels, mit der auch Bobbi einmal etwas hatte, auch wenn er eher auf üppige Frauen steht und Esohe geradezu überschlank ist. Wie sich herausstellt, hatten die beiden Frauen nicht nur einen Mann gemeinsam, sondern streiten sich erbittert um den kleinen Remi - jede behauptet, die biologische Mutter zu sein. Ein DNA-Test sollte da eigentlich schnell Klarheit schaffen - doch alle Labors behandeln derzeit Covid-Test als Priorität. Ehe der Lockdown aufgehoben ist und die Pandemie unter Kontrolle, bleibt dem ungleichen Quartett nichts anderes übrig, als zusammen zu bleiben - und ausgerechnet der noch etwas unreife Bobbi ist gefordert mit salomonischer Gerechtigkeit.

Vielleicht am überraschendsten ist die Wandlung des leichtlebigen Bobbi zu einer Art Ersatzvater. Der junge Mann, der sich nicht binden will, fühlt sich plötzlich für das Baby verantwortlich und muss eine Art Burgfrieden zwischen den beiden streitenden Frauen erreichen. Ganz nebenbei erfährt der Leser etwas über Männer- und Frauenbilder, über Schönheitsideale und polygame Traditionen. Unterhaltsam, ironisch, und von einer deutlich heitereren Note ist "Das Baby ist meins" eine schnelle und liebenswerte Lektüre, der allerdings der Biss des ersten Romans der nigerianisch-britischen Autorin fehlt.

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