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Pantoffeltier

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.02.2021

Erwartungen übertroffen

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Hannah weiß nichts so recht mit ihrem Leben anzufangen. Sie hat sich in eine verhängnisvolle Liebschaft mit ihrem Doktorvater verstrickt und kommt mit ihrer Promotion nicht weiter. Bis ein Brief bei ihrer ...

Hannah weiß nichts so recht mit ihrem Leben anzufangen. Sie hat sich in eine verhängnisvolle Liebschaft mit ihrem Doktorvater verstrickt und kommt mit ihrer Promotion nicht weiter. Bis ein Brief bei ihrer 95-jährigen Großmutter Evelyn ihr Interesse weckt. Es handelt sich um die Mitteilung einer Anwaltskanzlei zwecks einer "Restitutionssache geraubter Kunstschätze". Sehr zum Ärger ihrer Großmutter beginnt Hannah nachzuforschen.

Der Klappentext hat mich eher abgeschreckt. Ich hatte einen typischen Roman mit dem obligatorischen dunklen Familiengeheimnis, ein bisschen Grusel über die Judenverfolgung und vielleicht etwas Kitsch erwartet. Vielleicht hat mich das Buch genau deswegen so begeistert. Denn die Autorin kennt diese Klischees und geht ganz offen und reflektiert mit ihnen um. Hannah begegnet Menschen, die sich auf recht ungesunde Weise mit dem Nationalsozialismus befassen und muss sich selbst fragen, was sie sich eigentlich von einer Restitutionssache erhofft, die Menschen betrifft, die sie selbst nicht kannte.

In einem Handlungsstrang in der Vergangenheit lernen wir Evelyns Mutter Senta kennen, deren jüdischer Schwiegervater eine Kunstgalerie besaß und erfahren die Hintergründe.

Die Geschichte wird sehr flott erzählt, es passiert viel in schneller Folge und besonders die Vergangenheit wird auf prägnante Szenen reduziert. Das hat mir gerade bei dieser Thematik sehr gefallen. Die Autorin verzichtet auf Pathos und sattsam bekannte grausame pathetische Szenen. Stattdessen zeigt sie die kalte Grausamkeit der Bürokratie und die Verzweiflung der jüdischen Familie, die ganz plötzlich auch von Freunden ausgegrenzt und gemieden wird.

Die Charakterisierungen der Personen erfolgen mit messerscharfer Beobachtungsgabe und einigem an schwarzem Humor. Manche Nebenfiguren schrappen haarscharf an der Karikatur vorbei. Trotzdem handeln sie logisch und nachvollziehbar, haben Ecken und Kanten und sind selten nur "gut" oder nur "böse".

Trotz des ernsten Themas liest sich der Roman im Nu weg und ist sehr unterhaltsam. Gerade am Ende wird fast schon zu viel hineingestopft und ich hätte mir ein paar mehr Seiten zum Durchatmen gewünscht.

Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Ein ernstes Thema, humorvoll, unterhaltsam und trotzdem nicht romantisierend verpackt. Sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 19.05.2026

Ein Plädoyer dafür miteinander zu sprechen

Pause
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Nach einem Zusammenbruch wird Hanna von ihren Eltern aus der Notaufnahme abgeholt. Das war eigentlich nur als kurzfristige Lösung gedacht, aber Hanna muss sich mit der Zeit eingestehen, dass sie eine Pause ...

Nach einem Zusammenbruch wird Hanna von ihren Eltern aus der Notaufnahme abgeholt. Das war eigentlich nur als kurzfristige Lösung gedacht, aber Hanna muss sich mit der Zeit eingestehen, dass sie eine Pause von ihrem Leben mit ihrem Freund in Berlin braucht. Und so ist Hanna mit Mitte 30 wieder in ihrem Elternhaus und wieder mit ihrem alten Ich konfrontiert.

Man erfährt nur bruchstückhaft, was Hanna wirklich passiert ist. Das fand ich persönlich gut, denn ihr Versuch, mit dem Geschehenen umzugehen, ist in vielen Punkten universell. Da muss man nicht weiter draufhalten und als Lesende*r bewerten, ob ein Zusammenbruch gerechtfertigt ist, küchenpsychologisch bewerten oder Ähnliches.
Sehr eindrücklich wird dargestellt, wie belastend das Schweigen für alle Beteiligten ist. Man weicht sich gegenseitig aus, hat Schuldgefühle, ist unsicher und hat Ängste, und immer wieder kochen die unterdrückten Emotionen über. Dabei ist Hannas Familie an sich liebevoll, nur eben nicht geschickt im Umgang mit Traumata.
Mir hat gefallen, dass es keinen Zusammenbruch gibt, dem eine langsame Besserung folgt, sondern dass es mal gute und mal schlechte Momente gibt. Es gibt bewegende Gespräche, nervige Streitereien, aber auch viel Alltag, kleine Lichtblicke und Begegnungen mit verständnisvollen Menschen, die viel mehr weiterhelfen als ein Retreat auf Ibiza. Genau so, wie das Leben eben ist.
Die Autorin liest das Hörbuch selbst, was mir sehr gut gefallen hat. Sie moduliert viel mit ihrer Stimme. Sprachlich fand ich es nicht so überzeugend. Als Buch würde es mir sicherlich nicht so gut gefallen. Aber als Hörbuch wirkt es sehr authentisch und echt.
Insofern ist es eine absolute Hörempfehlung für ein Hörbuch, das davon erzählt, wie wichtig es ist, hinzusehen, miteinander zu sprechen und sich Pausen zu gönnen.

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Was frau tut, um endlich ein Kind zu bekommen

Hello Baby
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Die Geburtenrate in Südkorea gehört zu den niedrigsten der Welt und gleichzeitig boomt der Markt mit Fruchtbarkeitsbehandlungen. Die Autorin hat sich selbst mehrfach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) ...

Die Geburtenrate in Südkorea gehört zu den niedrigsten der Welt und gleichzeitig boomt der Markt mit Fruchtbarkeitsbehandlungen. Die Autorin hat sich selbst mehrfach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) unterziehen lassen und wurde dabei zu diesem Buch inspiriert.

Wir begleiten sechs verschiedene Frauen, die in einer der renommiertesten Kliniken in Seoul in Behandlung sind. Sie haben unterschiedliche Hintergründe und vernetzen sich über einen Gruppenchat. In kurzen Abschnitten erfahren wir die Hintergrundgeschichte der Frauen.

Da ich mich nie mit Fruchtbarkeitsbehandlungen befasst habe, war vieles ganz neu für mich. Die Autorin beschreibt sehr genau den beschwerlichen Weg, den die Frauen gehen müssen. Sehr spannend fand ich, wie viel Druck in der südkoreanischen Gesellschaft zu herrschen scheint. Die Frauen sind den Erwartungen ihrer (Schwieger-)Eltern ausgesetzt, erfahren meist wenig Verständnis ihrer Partner und versuchen, trotz der schmerzhaften Behandlungen und des Zeitaufwandes, auf der Arbeit volle Leistung zu erbringen. Und während das Baby das höchste Ziel ist, darf es dann, wenn es mal da ist, am besten gar nicht stören. Gerade Frauen mit mehreren Kindern wird Misstrauen entgegen gebracht. Sind das nur „Schmamarotzer“, die nicht arbeiten wollen?

Einige kritisieren, dass es in diesem Buch zu wenig emotional zugeht. Tatsächlich wird recht nüchtern erzählt und wenig auf die Tränendrüse gedrückt. Aber gerade das fand ich gut. Sonst hätte ich das Leid der Frauen, die jahrelang mit Misserfolgen und Fehlgeburten kämpfen, kaum aushalten können. Der einzige Hoffnungsschimmer zwischen gesellschaftlichem Druck, Verzweiflung über Misserfolge und erniedrigenden Behandlungen ist die Solidarität zwischen den Frauen. Sie unterstützen sich gegenseitig, geben sich Tipps, finden die Kraft sich mit Humor zu trösten.

Ich kann das Buch auf jeden Fall empfehlen, da durch Verschiebung des Kinderwunsches und allgemein sinkende Fruchtbarkeit das Thema künstliche Befruchtung nicht nur in Südkorea immer wichtiger wird. Man merkt definitiv, dass die Autorin eigene Erlebnisse verarbeitet, es wirkt alles sehr realistisch. Mich werden die aufgeworfenen Fragen auf jeden Fall noch länger beschäftigen.

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Veröffentlicht am 04.02.2025

Gut gemachte RomCom

Fake Dates and Fireworks
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Dieses Buch erfindet das Rad nicht gerade neu, aber unter den RomComs hebt es sich doch angenehm ab.

Becca und Nils sind in einer etwas ungewöhnlichen Beziehung. Sie schreiben sich ständig, treffen sich ...

Dieses Buch erfindet das Rad nicht gerade neu, aber unter den RomComs hebt es sich doch angenehm ab.

Becca und Nils sind in einer etwas ungewöhnlichen Beziehung. Sie schreiben sich ständig, treffen sich aber nur an Silvester und schlafen dann miteinander. Nach 10 Jahren will Becca endlich eine feste Beziehung, aber Nils hat da nicht so Lust drauf. Wie gut, dass zufällig der nervige Raffael im selben romantischen Hotel abgestiegen ist wie die beiden.
Und da uns der Klappentext schon auf Fake Dating und Enemies to Lovers vorbereitet ist wenig überraschend was jetzt passiert. Insgesamt fand ich es realistischer als viele ähnliche RomComs. Klar, es ist ein bisschen übertrieben, dass sich Becca 10 Jahre lang komplett auf Nils einstellt, aber mir hat gut gefallen, dass sie nicht plötzlich alles durchschaut und sofort mit dem nächsten Typen anbandelt. Es braucht einige Gespräche bis Becca klar wird, was los ist. Schön fand ich auch, dass es Nebenfiguren gibt und die Liebesgeschichte nicht im luftleeren Raum stattfindet.
Für meinen Geschmack hätten die Figuren etwas Grautöne und Ecken und Kanten vertragen können. Nils ist so selbstbezogen und nervig dass man sich fragt, wie Becca sich jemals in ihn verlieben konnte. Und Raffael ist so perfekt, dass es auch schon etwas unangenehm ist. Verständnisvoll, durchtrainiert, gutaussehend, kinderlieb, mitfühlend, mit gut gefülltem Konto ausgestattet, topp im Bett... Meine Güte, darf der arme Kerl (außer einem Kindheitstrauma) auch wenigstens einen Fehler haben?
Dafür ziehe ich einen halben Stern ab.
Alles in allem eine gute Wahl für eine bestärkende Wohlfühllektüre.

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Veröffentlicht am 27.08.2023

Schonungslos ehrlicher Bericht über eine Reise zu mehr Achtsamkeit und Selbstliebe.

Help Me!
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Marianne ist 36 Jahre alt, freiberufliche Journalistin und unzufrieden mit ihrem Leben. Sie ist single, ständig pleite und weiß nicht so genau, wo sie mit ihrem Leben hin will. Sie stellt sich die Aufgabe ...

Marianne ist 36 Jahre alt, freiberufliche Journalistin und unzufrieden mit ihrem Leben. Sie ist single, ständig pleite und weiß nicht so genau, wo sie mit ihrem Leben hin will. Sie stellt sich die Aufgabe in einem Jahr 12 Ratgeber zu lesen und nach den darin enthaltenen Ratschlägen zu leben.

Das Experiment, das sich lustig anhört, geht schnell an die Substanz. Marianne muss sich ihren Ängsten stellen, ihr Leben ständig auf unterschiedliche Arten und Weisen umkrempeln und sieht sich dem Unverständnis ihrer Umgebung ausgesetzt. Und wie sehr sie auch versucht sich zu optimieren, es scheint ihr immer nur schlechter statt besser zu gehen. Bald findet sie sich in einer tiefen Krise wieder, aus der sie nur herausfindet indem sie ihrem Blickwinkel ändert.


Ich fand es sehr interessant von Mariannes Erfahrungen zu lesen, auch wenn ich selbst kaum Ratgeber lese und eher misstrauisch werde, wenn mir jemand verspricht, ich könne mit einer einfachen Formel Glück, Reichtum und Erfolg erlangen.

Das Thema ist sicherlich nicht neu, ich habe mich beim Lesen an Büchern aus den 90ern erinnert gefühlt und war überrascht, dass das Buch so neu ist. Aber anscheinend hat sich der Druck, unter dem Menschen, hier speziell Frauen, stehen, nicht groß verändert oder gar verstärkt. Mariannes Leben und Persönlichkeit ist objektiv betrachtet nicht so schlecht, aber trotzdem macht ihre innere Stimme sie konstant fertig und sie zieht selbst sogar eine gewisse Befriedigung daraus.

Und trotzdem, obwohl diese langsame Erkenntnis davon wie wichtig Achtsamkeit, Selbstliebe und die Pflege von Freundschaften ist, nicht neu ist, hat es mich trotzdem gekriegt. Mir gefiel wie schonungslos ehrlich Marianne mit sich ist und wie sie sich fragt, ob es gut ist, sich dauerhaft derart intensiv mit sich selbst zu beschäftigen. Es wird sogar kurz angerissen, dass es eine ganz schöne Geldmacherei ist, wie sich selbsternannte Coaches und Gurus an verzweifelten und hoffnungsvollen Menschen bereichern.

Die Autorin erzählt recht locker von Lebenskrisen, die für mich als Laie nach depressiven Phasen klingen und zeitweise sogar die Einnahme von Antidepressiva erfordern. Hier hätte ich mir ein paar erklärende Sätze mehr gewünscht, auch wenn es dann sicherlich sehr persönlich würde. Absurderweise nimmt Marianne verschriebene Medikamente nicht, weil sie nicht davon abhängig sein möchte, trinkt sich aber ständig Mut an, um für Alltagssituationen gewappnet zu sein. Aber gut, welcher Mensch lebt schon ganz konsequent. Auf jeden Fall Hut ab für die Offenheit.

Insgesamt ein Buch, was kein sonderlich neues überraschendes Konzept hat, mich aber trotzdem berührt und zum Nachdenken gebracht hat. Eine Leseempfehlung vor allem für Frauen auf Sinnsuche.

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